Mann wird von einer Schattenhand bedroht

Wie Unternehmen verhindern können, selbst zu Zombiefirmen zu werden, erklären zwei Experten. - Bild: ra2 studio - stock.adobe.com

| von Anja Ringel

Sie sind eigentlich insolvent, werden aber mit Krediten künstlich am Leben gehalten: Zombieunternehmen sind eine Gefahr für die Wirtschaft. Für das erste Halbjahr 2021 hat das Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) befürchtet, dass die Zahl dieser Firmen steigen wird, wie wir hier bereits berichtet haben.

Doch wie sieht es derzeit wirklich aus? Die Gefahr besteht tatsächlich weiter, wie aus „TRR 266 Accounting for Transparency“ hervorgeht. Die Datenbank unter der Leitung der Universität Paderborn und der Humboldt-Universität zu Berlin enthält tagesaktuelle Daten zu Unternehmensinsolvenzverfahren, die auf den Bekanntmachungen der Insolvenzgerichte basieren. 

Für die Professoren Joachim Gassen (Humboldt-Universität Berlin) und Urška Kosi von der Universität Paderborn deuten die Zahlen weiter auf Zombies in der deutschen Wirtschaft hin: „Es ist gut möglich, dass im vergangenen Jahr viele an sich zahlungsunfähige und überschuldete Unternehmen auf die Anzeige einer Insolvenz verzichtet haben“, erklären sie. Auf diese Weise seien Zombiefirmen entstanden, die nur noch auf dem Papier „lebendig“ sind. 

Das sieht auch Jens Junak, Country Manager Deutschland bei der Wirtschaftsauskunftei Creditsafe, so. Sein Unternehmen geht davon aus, dass die meisten Insolvenzen erst verspätet angemeldet und bekanntgegeben werden, „weshalb wir auch bei der Situation der ‚Zombies‘ keine Entwarnung geben können, sagt er auf Nachfrage.

Sascha Haghani
Sascha Haghani ist Geschäftsführer DACH der Unternehmensberatung Roland Berger. - Bild: Roland Berger

„Die Politik hat seit Beginn der Pandemie umfangreiche Hilfspakete geschnürt – das war und ist auch nach wie vor richtig“, erklärt Sascha Haghani, Leiter des globalen Bereichs Restructuring, Performance, Transformation & Transaction und Geschäftsführer DACH der Unternehmensberatung Roland Berger gegenüber PRODUKTION. Es werde aber auf Dauer nicht funktionieren, wenn in einem marktwirtschaftlichen System so viele Unternehmen von Unterstützungsprogrammen abhängen. „Es sind die jetzt verteilten Liquiditätshilfen, die die Gefahr von Zombie-Unternehmen wachsen lassen“, sagt er. „Je länger diese Situation anhält, desto mehr Firmen geraten trotz der Hilfen ins Schlingern.“

Tipps: So werden Unternehmen nicht zum Zombie

Wie können Firmen in der derzeitigen Lage also sichergehen, dass sie nicht selbst zu einem Zombie werden? „Das wichtigste Mittel ist hierbei: genaue Beobachtung und Analyse“, sagt Junak. Dazu gehört, die Trends zu verfolgen. „Die größte Gefahr lauert immer in den Entwicklungen im wirtschaftlichen Umfeld, also zum Beispiel im Wettbewerbsdruck, dem Verhalten der Mitbewerber oder in Schwankungen von Preisen auf dem Markt“, erklärt der Creditsafe-Experte. Auch Umweltfaktoren wie Gesetzgebung, Versorgungssicherheit und Aufrechterhaltung der Lieferkette, Natureinflüsse oder die Bonität von Geschäftspartnern sollten Unternehmen intensiv beobachtet, um ökonomische Trends frühzeitig zu erkennen.

Weitere Risiken sieht Junak in den Faktoren innerhalb der eigenen Firma. „Viele Zombie-Unternehmen entstehen durch einen unprofitablen Geschäftsbetrieb und sind somit gezwungen, immer wieder neue Kredite aufzunehmen, um damit alte Verbindlichkeiten zu tilgen“, erklärt er.

 „Die Unternehmen sollten zunächst kritisch hinterfragen, welche Aktivitäten tatsächlich den Kern ihres Geschäfts bilden und sich konsequent danach ausrichten“, sagt auch Haghani. Konsequenzen könnten sein, dass bestimmte Sparten umgebaut oder abgespalten werden. „In anderen Fällen wird es die beste Option sein, die bisherige Finanzierung möglichst günstig zu verlängern und abzuwarten, bis sich der Markt normalisiert hat“, sagt der Experte weiter.

Jens Junak
Jens Junak ist Country Manager Deutschland bei Creditsafe. - Bild: Creditsafe

Seiner Ansicht nach werden jedoch viele Firmen nicht darum herumkommen, ihre Bilanzstruktur zu verbessern, indem die Gläubiger auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten. Für manche werde die Insolvenz der beste Ausweg sein.

Weitere Möglichkeiten seien die Instrumente des Unternehmensstabilisierungs- und restrukturierungsgesetzes (StaRUG), das seit Anfang des Jahres in Kraft ist. Alles Wichtige zum Gesetz lesen Sie hier.

Langfristig sollte dann laut Junak eine Risikokultur in den Unternehmen etabliert werden. Risikomanagement sei ein wichtiger Teil aller Prozesse in der Firma. Daher sollten Silos aufgebrochen und Abteilungen miteinander verknüpft werden. „Viele Risikomanagement-Strategien existieren leider nur auf dem Papier, dabei werden sie erst wirkungsvoll, wenn sich alle Mitarbeiter inklusive der Geschäftsleitung für die Umsetzung engagieren“, so der Experte. Es gehe somit darum, das gesamte Team abzuholen, damit alle gemeinsam daran arbeiten, nicht selbst zu einem „Zombie“ zu werden.

Auch Haghani rät zu einem funktionierenden Krisenfrühwarnsystem, das verschiedene Szenarien beinhaltet und im Ernstfall klare Handlungsoptionen bietet.

Das sollte die Politik jetzt tun

Doch nicht nur die Unternehmen sind gefragt, auch die Politik handelt. „Die umfangreichen staatlichen Programme waren alternativlos. Mit den Liquiditätshilfen hat man den Unternehmen schnell unter die Arme gegriffen“, betont Haghani.  Die Frage, ob Geschäftsmodelle durch Covid in Schwierigkeiten geraten seien oder ob sie zuvor schon unprofitabel waren, sei in dieser Notsituation nicht gestellt worden. Das lasse sich in vielen Fällen auch nicht trennscharf analysieren – es gebe einen riesigen Graubereich. „Daher kann man auch kaum verhindern, dass Gelder in Geschäftsmodelle fließen, die in der Zukunft nicht tragfähig sein werden“, erklärt er.

Was auf kurzer Sicht zwar dazu beitragen mag, die wirtschaftliche Lage im Land zu stabilisieren, könne sich in den nächsten Jahren als Problem erweisen, ergänzt Junak. Denn Unternehmen, die schon vor der Pandemie kurz vor der Insolvenz standen und mit den Hilfsprogrammen durch die Krise getragen wurden, seien nach der Pandemie nicht plötzlich geheilt.

Zombieunternehmen verschlingen finanzielle und personelle Ressourcen, die bei Firmen mit positiven Zukunftsperspektiven oder jungen Innovationen besser aufgehoben wären. „Aus diesem Grund gilt es, in der Politik nicht nur auf kurzfristige Effekte zu bauen, sondern stattdessen die Rahmenbedingungen dafür zu setzen, dass sich der Markt langfristig gesund entwickeln kann“, so Junak.

Im verarbeitenden Gewerbe sind die Insolvenzen laut Junak im vergangenen Jahr um rund ein Fünftel im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen – und das trotz eines Umsatzminus im zweistelligen Prozentbereich. Die derzeitigen Probleme der Industrie – zum Beispiel der Chip-Mangel und Logistik-Schwierigkeiten – könnten sich kurz- und mittelfristig auf die Profitabilität niederschlagen und zu einer stärkeren „Zombifizierung“ führen. Eine Entspannung der Lage sei deshalb vorerst nicht in Sicht, so Junak.

Haghani schätzt die Lage in der Industrie etwas besser ein: Das Virus habe in einigen Fällen auch gesunden Firmen über Nacht die Geschäftsgrundlage entzogen. In vielen Fällen wirke Corona aber wie ein Brandbeschleuniger: Die Unternehmen seien schon vor der Krise einem hohen Transformationsdruck ausgesetzt gewesen, der sich durch die Pandemie nochmal verschärft habe – das gelte auch für die Industrie.

Aber: Das verarbeitende Gewerbe habe in den vergangenen Monaten nicht so gelitten wie andere Bereiche. In Branchen wie Automobil oder im Maschinenbau habe die anhaltend hohe Nachfrage aus China die Lage zudem entspannt.

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