Additive Fertigung rückt im Verteidigungsumfeld stärker in den Fokus, weil sie Innovation beschleunigt, Lieferketten stabilisiert und Produktion flexibler macht. Das sagt Stratasys-CRO Andreas Langfeld im Interview.
Stefan WeinzierlStefanWeinzierlStefan WeinzierlChefredakteur
Andreas Langfeld, CRO von Stratasys: "Manche Unternehmen werden bewusst im zivilen Sektor bleiben wollen. Für diejenigen jedoch, die neue Märkte erschließen möchten, bietet sich die Chance, in sicherheitskritische Anwendungen einzusteigen, ohne das eigene Geschäftsmodell zu verwässern – und genau das tun viele Anbieter."Andreas Stephany
Anzeige
Summary: Die vorliegenden Antworten beschreiben additive Fertigung als Hebel für schnellere Innovation, dezentrale Produktion und mehr Resilienz in der Verteidigungsindustrie. Im Fokus stehen Deutschland und Europa vor dem Hintergrund gestiegener Verteidigungsanforderungen. Entscheidend sind Qualifizierung, Rückverfolgbarkeit, Compliance und langfristig tragfähige Strukturen für sicherheitskritische Anwendungen.
Produktion: Die deutsche Maschinenbauindustrie gilt als
Innovationsmotor – dennoch hat sie im Verteidigungssektor nach wie vor zu
kämpfen. Was sind Ihrer Ansicht nach die wichtigsten Hebel, um mithilfe der
additiven Fertigung schneller in sicherheitskritische Wertschöpfungsketten
vorzudringen?
Der Verteidigungssektor in ganz Europa litt seit dem Ende des Kalten
Krieges unter historisch niedrigen Finanzierungsniveaus, die sich bei rund 1,5
% des BIP eingependelt hatten. Die jüngste geopolitische Lage – geprägt vom
Krieg in der Ukraine – hat jedoch die Dringlichkeit deutlich erhöht, die
Verteidigungsfähigkeiten in Ländern wie Deutschland durch höhere Ausgaben für
neue Ausrüstung gezielt auszubauen.
Anzeige
In diesem Zusammenhang kann die additive Fertigung eine entscheidende
Rolle dabei spielen, den Zugang zu sicherheitskritischen Wertschöpfungsketten
zu beschleunigen, da sie einzigartige Vorteile in Bezug auf Geschwindigkeit und
Resilienz bietet. Die additive Fertigung ermöglicht es Ingenieurunternehmen,
Innovationen schneller umzusetzen, Vorlaufzeiten zu verkürzen und Risiken in
der Lieferkette zu verringern. Durch die Ermöglichung einer dezentralen und
bedarfsorientierten Produktion erhöht die additive Fertigung die
Reaktionsfähigkeit und die Einsatzbereitschaft.
Drohnen veranschaulichen das Marktpotenzial. Aktuelle Untersuchungen
zeigen, dass für den Markt für kleine Drohnen ein Wachstum erwartet wird, das
vor allem durch die steigende Nachfrage im Verteidigungsbereich und
Fortschritte bei autonomen Fähigkeiten angetrieben wird. Die additive Fertigung
ist prädestiniert, von diesem Wachstum zu profitieren, da sie die Herstellung
leichter, hochleistungsfähiger Bauteile durch schnelle Innovationszyklen und
ein hohes Maß an Individualisierung ermöglicht.
Anzeige
Wichtig
ist, dass die additive Fertigung für die Verteidigungsindustrie und andere
staatliche Organisationen über Pilotprojekte hinaus in den praktischen,
alltäglichen Einsatz übergegangen ist. Da die additive Fertigung in diesen
anspruchsvollen Umgebungen bereits messbaren Mehrwert liefert, können
Führungskräfte in Regierung und Verteidigung darauf vertrauen, dass diese
Technologie die Einsatzbereitschaft zuverlässig stärkt und für Effizienz und
Innovation sorgt.
Andreas Langfeld: Viele Maschinenbauunternehmen haben ihre
Wurzeln im zivilen Sektor. Welche Kompetenzen und Strukturen sind erforderlich,
um den Sprung in sicherheitskritische Anwendungen zu schaffen, ohne das eigene
Geschäftsmodell zu verwässern?
Etablierte Maschinenbauunternehmen verfügen über ein starkes technologisches
Fundament, das eine solide Basis für die Expansion in sicherheitskritische
Anwendungen bildet. Die wichtigste Voraussetzung ist die erfolgreiche Anpassung
an ein anderes Betriebsumfeld. Im Verteidigungsbereich geht es beispielsweise
oft um Vertrauen, Zuverlässigkeit und langfristiges Engagement bei Plattformen,
die eine Lebensdauer von 40 Jahren haben können.
Anzeige
Etablierte Maschinenbauunternehmen verfügen über ein starkes
technologisches Fundament, das eine solide Grundlage für die Expansion in
sicherheitskritische Anwendungsbereiche bildet. Die wichtigste Voraussetzung
ist die erfolgreiche Anpassung an ein anderes Betriebsumfeld. Im
Verteidigungsbereich geht es beispielsweise oft um Vertrauen, Zuverlässigkeit
und langfristiges Engagement bei Plattformen, deren Lebensdauer bis zu 40 Jahre
betragen kann.
Zertifizierung und Qualifizierung sind dabei von zentraler Bedeutung.
Sicherheitskritische Anwendungen stellen häufig höhere Anforderungen an
Rückverfolgbarkeit, Zuverlässigkeit und Dokumentation. Maschinenbauunternehmen
müssen daher die entsprechenden Strukturen schaffen, um bei Kunden und
Regulierungsbehörden Glaubwürdigkeit aufzubauen. Hinzu kommen Herausforderungen
in den Bereichen Sicherheit, Compliance, Datenintegrität und Governance.
Diese Anforderungen erfordern zwar Investitionen in Personal und
Prozesse, bieten aber auch Chancen für Maschinenbauunternehmen, die in neue
Märkte expandieren möchten. Die additive Fertigung ermöglicht beschleunigte
Innovationszyklen und unterstützt gleichzeitig die Einführung dezentraler
Produktionsmodelle, die dazu beitragen, Herausforderungen wie Obsoleszenz und
Unterbrechungen in der Lieferkette zu bewältigen. Zudem ist sie eine bewährte
Technologie im Verteidigungsbereich, mit vielen Beispielen für 3D-gedruckte
Teile, die weltweit erfolgreich in große Luft- und Raumfahrt- sowie
Verteidigungsplattformen integriert wurden. So produziert beispielsweise Airbus
jährlich mehr als25.000 flugtaugliche 3D-gedruckte Teile und verändert damit die Art und
Weise, wie Flugzeuge seiner globalen Flotte gebaut und gewartet werden. Das
Unternehmen hat derzeit mehr als 200.000 zertifizierte Stratasys-Polymerteile
im aktiven Einsatz. Dies zeigt, dass die additive Fertigung eine bewährte,
skalierbare Technologie für Anwendungen in der Luft- und Raumfahrt sowie im Verteidigungsbereich
ist.
Manche Unternehmen werden bewusst im zivilen Sektor bleiben wollen. Für
diejenigen jedoch, die neue Märkte erschließen möchten, bietet sich die Chance,
in sicherheitskritische Anwendungen einzusteigen, ohne das eigene
Geschäftsmodell zu verwässern – und genau das tun viele Anbieter.
Anzeige
Resilienz, Geschwindigkeit und technologische
Souveränität sind zentrale Ziele der Verteidigungsindustrie. Wie kann die
additive Fertigung hier als verbindendes Element fungieren und Deutschland
strategisch als Wirtschaftsstandort stärken?
Resilienz, Geschwindigkeit und technologische Souveränität innerhalb der
Verteidigungsindustrie sind eng miteinander verknüpft, und die additive Fertigung
befindet sich genau an der Schnittstelle dieser drei Faktoren.
Anzeige
Die Resilienz wurde in den vergangenen Jahren durch die Anfälligkeit
globaler Lieferketten erheblich auf die Probe gestellt. Besonders deutlich
wurde das in Branchen wie der Automobilindustrie, in der Engpässe bei der
Halbleiterversorgung zu massiven Störungen führten. Die additive Fertigung
stärkt die Resilienz, indem sie eine dezentrale Produktion an verlässlichen
Standorten ermöglicht, die bedarfsgerechte Herstellung von Teilen und
Ersatzteilen unterstützt und zugleich mehr Kontrolle über das Thema Obsoleszenz
schafft.
Geschwindigkeit steht für eine schnellere Entwicklung und Bereitstellung
– ein entscheidender Faktor in einer Zeit steigender Verteidigungsausgaben und
wachsender Fähigkeitsanforderungen. Hier ermöglicht die additive Fertigung
Organisationen, deutlich schneller vom Entwurf in die Produktion zu gelangen,
die Vorlaufzeiten für kritische Komponenten zu verkürzen und somit rascher auf
operative Anforderungen zu reagieren.
Bei der technologischen Souveränität geht es darum, die Kontrolle über
kritische Fähigkeiten zu behalten. Wollen wir, dass unsere
Verteidigungsindustrie von globalen Zulieferern abhängig ist, mit den damit
verbundenen Risiken für geistiges Eigentum und geopolitischer Unsicherheit? Die
additive Fertigung trägt dazu bei, Produktion und Know-how im eigenen Land zu
halten und stärkt so die nationale industrielle Leistungsfähigkeit.
Anzeige
Die Verteidigungsindustrie ist zudem oft eine Vorreiterin bei
Fertigungstechnologien, was ein Signal an den breiteren kommerziellen Markt
sendet. Von präzisen robotergestützten Fertigungszellen bis hin zu
fortschrittlichen Verbundwerkstoffen hat sich die Verteidigungsindustrie als
bereit erwiesen, neue Methoden zu erproben, zu validieren und in den Einsatz zu
bringen, und damit gezeigt, dass diese Technologien tragfähig, zuverlässig und
skalierungswürdig sind. Die additive Fertigung fügt sich in dieses Muster ein
und stärkt Deutschlands technologische Souveränität.
Letztlich
bietet die additive Fertigung eine ganzheitliche, integrierte Lösung, die den
gesamten Prozess von Konstruktion und Daten bis hin zur Produktion umfasst. Sie
kann Deutschland dabei helfen, seine Stärke im Engineering und in der
fortschrittlichen Fertigung durch eine industrielle Skalierung zu sichern – in
einer Zeit, in der diese Fähigkeiten gefragter sind denn je.
Additive Fertigung in sicherheitskritischen Anwendungen
• Warum ist additive Fertigung für die Verteidigungsindustrie relevant? – Additive Fertigung verkürzt Vorlaufzeiten, stärkt die Resilienz von Lieferketten und ermöglicht eine dezentrale, bedarfsorientierte Produktion.
• Welche Rolle spielt additive Fertigung bei sicherheitskritischen Anwendungen? – Sie unterstützt schnellere Innovation, höhere Individualisierung sowie Anforderungen an Zuverlässigkeit, Rückverfolgbarkeit und Dokumentation.
• Was braucht es, damit additive Fertigung in sicherheitskritischen Märkten skaliert? – Erforderlich sind Zertifizierung, Qualifizierung, Compliance, Datenintegrität, Governance sowie belastbare Strukturen in Personal und Prozessen.
• Wie stärkt additive Fertigung die technologische Souveränität? – Die Technologie hilft, Produktion und Know-how im eigenen Land zu halten und Abhängigkeiten von globalen Zulieferern zu verringern.
• Kann additive Fertigung das Geschäftsmodell von Maschinenbauunternehmen ergänzen? – Ja, laut den vorliegenden Antworten können Unternehmen damit neue Märkte erschließen, ohne das eigene Geschäftsmodell zwangsläufig zu verwässern.