Interview mit Markus Glaser-Gallion, CEO der Leadec-Gruppe
Leadec: Warum Industrieservice zum Rückgrat der Fabrik wird
Der Industrieservice entscheidet zunehmend über Effizienz, Flexibilität und Verfügbarkeit in der Produktion. Leadec-CEO Markus Glaser-Gallion erklärt, warum Daten und KI den Service strategisch aufwerten.
Anja RingelAnjaRingelManaging editor and podcast host for 'Produktion'
Industrieservice gehört zu den Voraussetzungen für eine stabile Produktion. Dennoch bleibt seine Bedeutung häufig im Hintergrund. Der Grund liegt nach Einschätzung von Markus Glaser-Gallion, CEO der Leadec-Gruppe, gerade in der zuverlässigen Leistungserbringung.Leadec
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Summary: Leadec-CEO Markus Glaser-Gallion beschreibt den Industrieservice als datengetriebenen Partner der industriellen Transformation. Leadec ist in mehr als 900 Fabriken in 16 Ländern tätig und setzt unter anderem KI, digitale Prozesssteuerung und Sensorik ein. Unternehmen sollen Nebenprozesse stärker an spezialisierte Dienstleister übertragen, um Effizienz, Geschwindigkeit und Flexibilität zu steigern.
Der Industrieservice
ist auch ein Rückgrat der Produktion. Warum wird diese Rolle dennoch aus Ihrer
Sicht oft unterschätzt?
Markus Glaser-Gallion, CEO der Leadec-Gruppe.Leadec
Markus Glaser-Gallion: Der Industrieservice
wird unterschätzt, weil er dann am besten funktioniert, wenn man ihn nicht
wahrnimmt. Ohne uns würde die Produktion jedoch schnell stillstehen. Tatsächlich
sind wir heute weit mehr als ein operativer Dienstleister: Wir sind ein
datengetriebener Partner für die industrielle Transformation. Wir sind täglich
in mehr als 900 Fabriken in 16 Ländern tätig, unsere Services werden digital
geplant, gesteuert und dokumentiert. Auf Basis dieser Daten können wir
Benchmarks ableiten, Best Practices übertragen und Standards definieren, von
denen auch andere Kunden profitieren.
Viele Unternehmen
beschäftigen sich mit der digitalen Transformation. Kommt der Industrieservice
in dieser Transformationsdebatte bisher zu kurz? Und wenn ja, wo kommt er zu
kurz?
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Glaser-Gallion: Digitale Transformation
wird häufig als reines Technologieprojekt verstanden. In der Industrie findet
sie jedoch im laufenden Betrieb statt – direkt auf dem Shopfloor, wo Theorie
auf Praxis und Menschen trifft. Genau dort entscheidet sich der Erfolg. Oft
wird nicht gesehen, dass Innovationen von uns als Dienstleister angestoßen
werden. Ein Beispiel ist unser Digital Waste Tracking, bei dem wir in einem
Pilotprojekt eine digitale Lösung entwickelt haben, um Abfälle und Stoffströme
in der Produktion besser nachzuverfolgen und die Recyclingquote zu erhöhen.
Mittlerweile ist sie an mehreren Standorten im Einsatz und die
Digital-Waste-Kriterien wurden von unserem Kunden in die Qualitätsmatrix
aufgenommen. Insgesamt können wir durch unsere große Datenbasis Transparenz
über Leistungen und Prozesse in Echtzeit bieten und daraus
Verbesserungspotenziale ableiten oder Erfahrungen konsequent skalieren.
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Was wäre Ihr Appell an
CEOs und Werksleiter, die Industrieservice heute noch zu operativ und zu wenig
strategisch betrachten?
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Glaser-Gallion: Mein Appell ist: Konzentrieren
Sie sich auf Ihre Kernkompetenzen und übergeben Sie nicht nur einzelne
Leistungen, sondern ganze Nebenprozesse an Servicespezialisten, die diese
flexibler und skalierbarer betreiben. Das funktioniert z. B. hervorragend in
der Logistik, Montage oder Instandhaltung. Wir können den Einsatz unserer
Mitarbeitenden intelligent steuern, verfügen über die notwendigen Tools und Erfahrung
zur Optimierung und bieten letztlich eine höhere Effizienz.
Welche Rolle spielen
Themen wie KI im Industrieservice? Können Sie ein, zwei Beispiele geben?
Glaser-Gallion: Wir setzen KI gezielt
ein, um unsere operativen Services zu optimieren. Grundlage dafür sind die
umfassenden Daten aus den Fabriken auf der ganzen Welt, die wir durch unsere
Arbeit als Servicespezialist bereits haben. Ein Beispiel: wenn eine der Anlagen
in einem Motorenwerk steht, hat unser Team genau zwei Minuten Zeit, um mit der Instandsetzung
zu beginnen.
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Sobald die Störung bekannt ist, schlägt eine KI-Anwendung die drei
erfolgversprechendsten Lösungsansätze vor – basierend auf Gebrauchsanleitungen,
Handbüchern und einer Störhistorie der letzten sieben Jahre an diesem Standort.
Im Bereich Vibrationsmonitoring statten wir rotierende Anlagen mit Sensoren aus
und überwachen diese kontinuierlich. Dazu wird das ‚normale‘ Verhaltensmuster
jeder einzelnen Maschine KI-basiert erfasst und der Algorithmus definiert
entsprechende Grenzwerte für Abweichungen.
Leadec kommt
traditionell stark aus der Automobilindustrie. Welche Prozesse oder Denkweisen
aus diesem Umfeld lassen sich besonders gut auf andere Branchen übertragen?
Glaser-Gallion: Die Automobilindustrie
ist seit Jahrzehnten ein Innovationslabor für industrielle Prozesse. Aus ihr bringen
wir vor allem ein ausgeprägtes Prozessdenken, hohe Standardisierung und den
konsequenten Fokus auf Effizienz und Qualität mit. Diese Prinzipien lassen sich
sehr gut auf andere Branchen übertragen – insbesondere die Fähigkeit, komplexe
Abläufe transparent zu machen, kontinuierlich zu verbessern und datenbasiert zu
steuern.
Wo liegen die Grenzen
dieser Übertragbarkeit? Was muss man zum Beispiel in Food & Beverage anders
denken als in der Automobilproduktion?
Glaser-Gallion: Es wäre vermessen zu
sagen: wir können Automobil, also können wir auch alles andere. Jede Branche
ist anders und hat ihre eigenen Anforderungen. In der Lebensmittelbranche sind
dies zum Beispiel sehr strenge Hygiene- und Qualitätsanforderungen sowie
Zertifizierungen. Wenn wir in einer solchen Produktionshalle eine Anlage
installieren oder instand halten, arbeiten wir strikt nach den Vorgaben des
Kunden.
Ein Beispiel ist die Planung und Konstruktion von Automatisierungssystemen
in der Lebensmittelverarbeitung. Dabei kommen unsere Standards, Prozesse und
Tools zum Einsatz, ergänzt um individuelle Anforderungen. In einigen Branchen
wird noch sehr viel inhouse gemacht, das Outsourcing von Services nimmt erst
langsam zu.
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Wie verändert sich die
Erwartung Ihrer Kunden: Welche Rolle spielen neben Kosten und Verfügbarkeit
heute Faktoren wie Geschwindigkeit und Flexibilität?
Glaser-Gallion: Eine Produktion kann
sich heutzutage schnell verändern und muss „atmen“, was den Personaleinsatz
angeht. Genau diese Flexibilität ermöglichen wir unseren Kunden. Von unseren
Standorten aus betreuen wir in der Regel mehrere Kunden in der Region, unsere
Mitarbeitenden sind direkt bei ihnen im Einsatz. So können wir auf veränderte
Anforderungen gut reagieren. Geschwindigkeit ist vor allem bei der Adaption
neuer Technologien oder Prozesse gefragt, dazu haben wir uns selbst digital gut
aufgestellt und investieren in die Fortbildung unserer Mitarbeitenden.
Wie hat sich das
Anforderungsprofil an Auszubildende aufgrund der Digitalisierung und
Transformation in den vergangenen Jahren verändert?
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Glaser-Gallion: Zum einen haben sich
die Berufsbilder in den letzten Jahren verändert, zum anderen gehört der Umgang
mit Technologie einfach zum Arbeitsplatz dazu. Am wichtigsten ist jedoch die
Bereitschaft, kontinuierlich weiter zu lernen. Wir bilden in 20 Berufen aus und
bieten duale Studienplätze an.
Wenn es eine Ausbildung so nicht gibt, werden
wir selbst kreativ. Wir haben ein berufsbegleitendes Programm mit Schwerpunkt
Mess-, Steuer- und Regelungstechnik (MSR) ins Leben gerufen, an dem sich
mehrere Standorte beteiligen.
Der Industrieservice
steht oft weniger im Rampenlicht als klassische Produktion oder Entwicklung.
Wie erklären Sie jungen Talenten, warum dieser Bereich mindestens genauso
spannend ist?
Glaser-Gallion: Die Fabrik ist ein
spannender Arbeitsplatz, denn hier tut sich sehr viel: von der Transformation
zur Batterietechnologie über die zunehmende Digitalisierung bis zur komplett
vernetzten Smart Factory. Unsere Mitarbeitenden sind direkt am Puls dieser
Entwicklungen. Und sie können selbst viel bewegen. Wer industrielle
Transformation nicht nur beobachten, sondern aktiv gestalten möchte, findet im
Industrieservice einen der spannendsten Arbeitsplätze überhaupt.
FAQ: Industrieservice in der industriellen Transformation
• Warum ist Industrieservice für die Produktion wichtig? – Industrieservice sichert operative Abläufe, unterstützt die Instandhaltung und trägt dazu bei, Produktionsstillstände zu vermeiden.
• Wie unterstützt KI den Industrieservice? – KI wertet Daten, Handbücher und Störhistorien aus, schlägt Lösungsansätze vor und erkennt Abweichungen im Maschinenverhalten.
• Welche Rolle spielt Industrieservice bei der digitalen Transformation? – Industrieservice setzt digitale Lösungen direkt auf dem Shopfloor um und schafft Transparenz über Leistungen und Prozesse.
• Welche Prozesse können durch Industrieservice übernommen werden? – Leadec nennt unter anderem Logistik, Montage und Instandhaltung als geeignete Nebenprozesse.
• Welche Qualifikationen erfordert moderner Industrieservice? – Neben technischen Kenntnissen sind der Umgang mit digitalen Technologien und die Bereitschaft zur kontinuierlichen Weiterbildung entscheidend.