Digitale Sicherheitstechnik in der Industrie

Wenn Cyber auf Physis trifft: Die neue Verwundbarkeit der Fabrik

Warum muss die digitale Transformation des Mittelstands an der Fabriktür beginnen? Antworten auf moderne Logistik- und Sicherheitsfragen liefert ein Unternehmen mit 100-jähriger Berliner Industriegeschichte.

Spatenstich in Berlin bei IKON, teil der ASSA ABLOY-Firmengruppe
Spatenstich für das neue Logistikgebäude im Herbst 2026: ASSA ABLOY investiert in die Zukunft des Berliner Standorts.

In den Werkshallen moderner Fertigungsbetriebe dominiert heute der Takt hochautomatisierter Prozesse. Roboterarme greifen millimetergenau, Logistiksysteme steuern Materialflüsse in Echtzeit, und Algorithmen optimieren die Auslastung. Doch während die digitale Vernetzung in den Hallen voranschreitet, stehen Werkleiter und Sicherheitsverantwortliche im Mittelstand vor einer physikalischen Grundfrage: Wie lässt sich ein Areal zutrittstechnisch organisieren, auf dem täglich hunderte Mitarbeiter, temporäre Dienstleister, externe Handwerker und Logistikpartner aufeinandertreffen?

Das Erbe der Präzision: Wenn Tradition Zukunft öffnet

Klassisches Türschloss ohne Zutrittskontrolle
Der repräsentative Innenbereich der Universität Tübingen verbindet akademische Tradition mit lebendiger Nutzung im heutigen Hochschulalltag.

Die Suche nach der Antwort führt überraschenderweise nach Berlin – an einen Ort, an dem seit über einem Jahrhundert deutsche Industriehistorie geschrieben wird. Die Ursprünge des Standorts reichen bis ins Jahr 1886 zurück, als Carl Paul Goerz mit der C. P. Goerz AG die Grundlagen für feinmechanische Optik von Weltrang legte. Im September 1926 entstand durch den Zusammenschluss traditionsreicher Unternehmen die Zeiss Ikon AG – der Ursprung der Marke IKON, die heute zur ASSA ABLOY Gruppe gehört.

Bereits 1924 zum Patent angemeldet und 1928 geschützt, setzte der klassische Profilzylinder einst den weltweiten Standard für mechanische Türsicherheit. Heute, exakt ein Jahrhundert nach der Markengründung, zeigt sich: Die Kernkompetenz von einst – Präzision, enge Toleranzen und verlässliche Fertigungsprozesse – ist das Fundament für die digitale Schließtechnik von morgen.

Die Bedrohungslage für produzierende Unternehmen hat sich grundlegend gewandelt. Wer heute über Anlagensicherheit nachdenkt, darf IT-Infrastruktur und Gebäudehülle nicht mehr getrennt betrachten. Auf der Jubiläumsveranstaltung am Berliner Produktionsstandort brachte es der IT-Sicherheitsexperte Immanuel Bär auf den Punkt: „Cyber wird physischer“.

Hackerangriffe und Werkspionage finden längst nicht mehr nur über manipulierte E-Mails statt. Physischer Zugang zu Serverräumen, Schaltschränken, Entwicklungsarchiven oder zentralen Steuerungseinheiten bildet oft die Eintrittskarte für kriminelle Übernahmen digitaler Systeme. Der Schutz vor unbefugtem Betreten ist damit direkt mit der Business Continuity und der IT-Resilienz des Unternehmens verknüpft.

Für den mittelständischen Maschinen- und Anlagenbau entsteht daraus ein Zielkonflikt: Einerseits verlangen moderne Arbeitswelten und agile Fertigungskonzepte flexible Zutritte ohne bürokratische Hürden. Andererseits verlangen Normen, Versicherungen und Risikomanager eine lückenlose Nachvollziehbarkeit darüber, wer zu welchem Zeitpunkt welche Hallen oder Schaltschränke betreten hat.

Das Prinzip Kabellosigkeit: Flexibilität ohne Sanierungsaufwand

Zugangskontrolle in einem Aufzug
Neben klassischen Türsituationen umfasst die CLIQ®-Technologie auch Schlüsselschalter-Lösungen wie Aufzüge.

Genau an dieser Schnittstelle stoßen rein mechanische Schließanlagen an ihre Grenzen. Geht in einer herkömmlichen Großschließanlage ein zentraler Generalschlüssel verloren, drohen Sicherheitslücken – oder fünfstellige Kosten für den kompletten Austausch der Zylinder.

Hier setzt die mechatronische Lösung der CLIQ®-Technologie von IKON an, die bewährte Mechanik mit digitaler Zutrittsverwaltung kombiniert. Für den Industriealltag entscheidend ist das Konstruktionsprinzip: Die Energieversorgung der Schließzylinder erfolgt nicht über eine aufwendige Verkabelung in der Tür oder der Wand, sondern direkt über die Batterie im Schlüssel.

Das bringt mittelständischen Betreibern handfeste wirtschaftliche Vorteile:

  • Nachrüstbarkeit ohne Betriebsunterbrechung: Bestehende Türen, Schränke, Vorhängeschlösser oder Aufzüge können ohne Stemmarbeiten, Leitungsverlegung oder Bauausfall umgerüstet werden.

  • Keine Wartung von Zylinderbatterien: Da der Zylinder stromlos bleibt, entfällt der zeit- und kostenintensive Batteriewechsel an hunderten von Türen im Areal.

  • Digitales Schlüsselmanagement bei Verlust: Geht ein Schlüssel verloren, wird er im CLIQ® Web Manager einfach ausprogrammiert und entwertet – der teure Austausch mechanischer Zylinder entfällt komplett.

Der Härtetest im Dauerbetrieb: Von Messe-Logistik bis KI-Spitzenforschung

Updater zur Aktualisierung von Schlüsseln
Updater ermöglichen das schnelle und sichere Aktualisieren von Schlüsseldaten ganz ohne Netzwerkkabel und einfach nachrüstbar.

Dass sich diese Architektur auch unter extremen Bedingungen bewährt, belegen zwei prominente Referenzprojekte:

Die Messe Berlin: Ein Messegelände gleicht einer Logistikfabrik in permanenter Bewegung: Während in einer Halle Ausstellungen laufen, finden nebenan Abbauarbeiten, Catering und technische Wartungen statt. Tausende Wechselnutzer verlangen kurzfristige Zugangsberechtigungen innerhalb klar definierter Zeitfenster.

Seit 2003 setzt die Messe Berlin auf eine mechatronische VERSO® CLIQ-Anlage, die heute rund 11.500 Schließzylinder, 3.700 Schlüssel und 29 dezentrale Wandprogrammiergeräte umfasst. Über das Gelände verteilte Updater und Wandprogrammierer erlauben es Mitarbeitenden und Dienstleistern, ihre Zutrittsrechte direkt vor Ort zu aktualisieren, ohne zentrale Ausgabestellen ansteuern zu müssen. Das entlastet die Administration und sichert den laufenden Betrieb.

Zutrittskontrolle in einem Firmengebäude
CLIQ® verbindet mechanische Sicherheit mit elektronischer Flexibilität und ermöglicht eine präzise Zutrittssteuerung in unterschiedlich genutzten Forschungsbereichen. ASSA

Ähnlich dynamisch präsentiert sich die Sicherheitsaufgabe an der Exzellenzuniversität Tübingen (gegründet 1477). Im 6.400 Quadratmeter großen Forschungsneubau Cyber Valley I arbeiten Wissenschaftler des Tübingen AI Center und des Max-Planck-Instituts für Intelligente Systeme an Künstlicher Intelligenz und Robotik.

Hier treffen offene Arbeitslandschaften auf hochsensible Forschungslabore. Die seit 2008 genutzte und heute rund 11.000 Zylinder umfassende CLIQ®-Anlage sichert moderne Glas- und Schiebetüren im Cyber Valley I ebenso nahtlos wie das historische Hauptportal der Neuen Aula von 1846 – ohne den Charakter der Denkmalarchitektur zu beeinträchtigen.

Standorttreue und Investitionsschutz: Zukunft mit Berliner Wurzeln

Mitarbeiterfoto von Assa Abloy im Rahmen des Partnership Days 2026
Unter dem Jubiläumsmotto „100 Jahre IKON – Vertrauen öffnet Zukunft“ lernten rund 250 Gäste beim PARTNERSHIP-Treffen am 10. September die Fertigung, Prozesse und aktuelle Entwicklungen aus nächster Nähe kennen.

Für den deutschen Mittelstand ist die Anschaffung einer Schließanlage kein Konsumgut, sondern ein Investitionsgut mit Jahrzehnten Haltedauer. Produktzyklen von wenigen Jahren, wie sie in der IT üblich sind, bringen Industrieunternehmen in Bedrängnis.

Umso bedeutender ist das Versprechen der Langlebigkeit: Selbst für IKON-Schließanlagen, die seit Jahrzehnten im Einsatz sind, können bis heute Schlüssel und Zylinder nachbestellt werden. Diese Abwärtskompatibilität schützt getätigte Investitionen nachhaltig.

Dass diese Kontinuität auch künftig gesichert bleibt, zeigt die aktuelle Großinvestition am Standort Berlin. Mit dem Spatenstich im Herbst 2026 leitet ASSA ABLOY den Bau eines neuen, rund 2.700 Quadratmeter großen Logistikzentrums auf dem Produktionsgelände ein. Bis 2028 entsteht dort eine hochautomatisierte Produktionslogistik für verkürzte Transportwege, schnellere Materialflüsse und gesteigerte Lieferfähigkeit: ein starkes Signal für die Stärke industrieller Wertschöpfung und verlässlicher Liefersicherheiten in Deutschland.

Fazit: Sicherheit als Enabler der Transformation

Die Modernisierung der Sicherheitstechnik ist für Fertigungsbetriebe längst kein lästiger Kostenfaktor mehr, sondern ein strategischer Befähiger geschäftlicher Flexibilität. Wer physische und digitale Zugänge kabellos, skalierbar und zukunftssicher organisiert, schafft die notwendige Freiheit für veränderliche Produktionsabläufe – und schützt gleichzeitig das wertvollste Gut des Mittelstands: Know-how, Daten und betriebliche Kontinuität.


 

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