Lieferantenqualifizierung
Zertifizierte Fertigungskapazität planbar beschaffen
In Luftfahrt, Verteidigung und Medizintechnik dürfen nur zertifizierte Betriebe fertigen. Die Lieferantenqualifizierung ist aufwändig. Digitale Beschaffungsplattformen bieten einen strukturierten Zugang zu bereits qualifizierten Fertigern.
Die Lieferantenqualifizierung in regulierten Branchen umfasst weit mehr als die Fertigung selbst.
FACTUREE
Luftfahrt, Verteidigung und Medizintechnik verzeichnen eine anhaltend hohe Nachfrage nach Präzisionsteilen. Die Luftfahrt arbeitet umfangreiche Auftragsbestände ab. Die Verteidigungsindustrie erweitert ihre Produktionskapazitäten. Und in der Medizintechnik steigen die regulatorischen Anforderungen. Alle drei Branchen beziehen ihre Teile von einem relativ kleinen Kreis zertifizierter Zulieferer. Neben freier Maschinenkapazität ist dabei das Qualitätsmanagement entscheidend. Je nach Branche ist eine Zertifizierung nach EN 9100, AQAP 2110 oder ISO 13485 nötig. Dazu gehört auch eine lückenlose Dokumentation jedes Fertigungsschritts.
Für den Einkauf bedeutet das, dass zusätzlicher Bedarf nicht einfach an neue Lieferanten vergeben werden kann. Er wird entweder bei bestehenden, oft ausgelasteten Partnern platziert oder erfordert eine neue Lieferantenqualifizierung.
Aufwand der Lieferantenqualifizierung
Die Lieferantenqualifizierung für regulierte Bauteile umfasst mehrere Stufen. Sie beginnt in der Regel mit einer Selbstauskunft und der Prüfung der Zertifikate. Je nach Risiko folgt ein Audit vor Ort.
Anschließend werden Erstmuster gefertigt und bewertet. In Luftfahrt und Verteidigung geschieht das über einen Erstmusterprüfbericht nach EN 9102. Hinzu kommen Werkstoffzeugnisse nach EN 10204. Abhängig vom Bauteil sind zudem Freigaben für Sonderprozesse wie Wärmebehandlung oder Oberflächentechnik nach NADCAP erforderlich. Mit einer Qualitätssicherungsvereinbarung und der Aufnahme in die Liste freigegebener Lieferanten ist die Freigabe abgeschlossen. Bis zur ersten Serienlieferung können mehrere Monate vergehen. Branchenspezifisch kommen weitere Anforderungen hinzu. In der Rüstungsindustrie müssen die Regeln der Exportkontrolle beachtet werden. Viele Bauteile gelten als Rüstungsgüter oder Dual-Use-Güter. Bei Aufträgen mit Verschlusssachen benötigen auch Unterauftragnehmer einen Sicherheitsbescheid. In der Medizintechnik können benannte Stellen auch bei Zulieferern unangekündigte Audits durchführen.
Die Lieferantenqualifizierung endet nicht mit der Freigabe. Lieferanten werden laufend bewertet und in regelmäßigen Abständen erneut qualifiziert. Dieser Aufwand entsteht bei jedem neuen Lieferanten, unabhängig von der Stückzahl. Bei kurzfristigem Mehrbedarf steht er häufig in einem ungünstigen Verhältnis zum Auftragsvolumen.
Zugang zu qualifizierten Lieferanten über digitale Plattformen
Digitale Beschaffungsplattformen bündeln bereits qualifizierte Fertigungsbetriebe und stellen deren Kapazitäten über eine gemeinsame Schnittstelle bereit. Ein Beispiel ist der Berliner Online-Fertiger FACTUREE. Er vereint über 2.000 Fertigungspartner in Europa und weltweit. Dazu zählen Betriebe mit Zertifizierungen für Luftfahrt, Verteidigung und Medizintechnik.
Der Einkauf muss dadurch nicht für jeden Fertiger eine eigene Lieferantenqualifizierung durchführen. Die Plattform gleicht die Anforderungen des Bauteils mit den Qualifikationen der Partner ab. Dann vergibt sie den Auftrag an einen Betrieb mit passender Zertifizierung. Grundlage sind Fertigungsdaten aus über 600.000 Datenpunkten zu Preisen, Lieferzeiten und Fertigungskompetenzen pro Partner. Erstmusterprüfberichte, Werkstoffzeugnisse und Prüfprotokolle stellt der Online-Fertiger zentral bereit. Das gilt auch, wenn mehrere Betriebe an einem Bauteil beteiligt sind. Vertragspartner für Qualität, Termin und Dokumentation bleibt FACTUREE. Bei Kapazitätsengpässen eines Partners kann der Auftrag an einen gleichwertig qualifizierten Betrieb übergeben werden. Die Dokumentation muss dabei nicht neu aufgebaut werden.
Anwendungsbeispiel: Becker Avionics
Wie es in der Luftfahrt aussieht, zeigt die Becker Avionics GmbH. Das Unternehmen entwickelt und produziert Kommunikations-, Navigations- und Surveillance-Systeme für Luftfahrt- und Bodenanwendungen. Über FACTUREE bezieht es Zeichnungsteile für Serien- und Projektbedarfe, typischerweise in Stückzahlen zwischen 10 und 300.
Die Anforderungen gehen dabei über die reine Fertigung hinaus: Blechteile mit chrom(VI)-freier Passivierung, Materialprüfzeugnisse nach EN 10204-3.1 sowie internationale Liefer- und Verzollungsprozesse. Früher musste der Einkauf für jede dieser Anforderungen eigene Lieferanten finden und qualifizieren. Heute laufen Fertigung, Dokumentation, Logistik und Verzollung über FACTUREE als zentralen Vertragspartner. So ist keine neue Lieferantenqualifizierung für jede technische Anforderung nötig. „Für uns hat sich FACTUREE als One-Stop-Shop für anspruchsvolle Zeichnungsteile etabliert. Wir sparen wertvolle Zeit und Kosten“, sagt Tobias Ollech, Senior Einkäufer bei der Becker Avionics GmbH.
Fazit
Die Verfügbarkeit zertifizierter Fertigungskapazität ist für Unternehmen in Luftfahrt, Verteidigung und Medizintechnik ein zentraler Faktor in der Lieferkette. Jede zusätzliche Lieferantenqualifizierung bindet Ressourcen in Einkauf und Qualitätssicherung und verlängert die Zeit bis zur Lieferung.
Digitale Beschaffungsplattformen ergänzen das bestehende Lieferantenmanagement um einen strukturierten Zugang zu bereits qualifizierten Fertigern, eine zentrale Qualitätsdokumentation und zusätzliche Kapazität bei Engpässen. Damit lassen sich auch kurzfristige Bedarfe in regulierten Branchen planbar abdecken.