Die Kosten für eine digitalisierte Industrie sind exzellent angelegtes Geld, sagt Lenze-Chef Christian Wendler.

Die Kosten für eine digitalisierte Industrie sind exzellent angelegtes Geld, sagt Lenze-Chef Christian Wendler. (Bild: Lenze)

Wie sehr ist der deutsche Maschinen- und Anlagenbau auf digitale und digitalisierte Tools, Prozesse und Anwendungen angewiesen, will er sich nachhaltig für die Zukunft aufstellen?

Christian Wendler: Ich bin davon überzeugt, dass die Digitalisierung ein enormes Potential für Industrieunternehmen bietet und dass digitale Lösungen ein wesentlicher Baustein bei der ökologischen Transformation des deutschen Maschinen- und Anlagenbaus sind. Klar ist, dass wir ohne Automatisierung, Elektrotechnik und IT nicht auskommen werden, wenn wir 2045 klimaneutral werden wollen.

Als Automatisierungsspezialist haben wir bei Lenze den Anspruch, unsere Maschinenbau-Kunden bei der digitalen Transformation zu begleiten. Konkret bedeutet dies beispielsweise, dass wir durch Datenanalyse und Domänenwissen gewonnene Einsichten über Energieeinsparpotenziale nutzen. Wir sprechen von Smart Data.

Die deutsche Industrie könnte bereits heute mithilfe von diesen relevanten Daten und einem Digitalen Zwilling bis zu 50 Prozent ihres Energieverbrauchs reduzieren. Das zeigt, dass Nachhaltigkeit und Digitalisierung zusammengehören. Ohne digitale Lösungen werden wir nicht gleichzeitig die klimaschädlichen CO2-Emissionen vermindern und unseren Wohlstand halten können.

Gleichzeitig glaube ich daran, dass die aktuellen Herausforderungen nur gemeinsam und kooperativ zu meistern sind – hochwertige Lösungen beruhen immer auf partnerschaftlicher Zusammenarbeit und Offenheit. Deshalb setzen wir neben unserem praktischen Anwendungswissen auch auf eine globale Kooperation mit Forschungseinrichtungen. Wir sind davon überzeugt, dass die notwendige Digitalisierung der Industrie nur funktionieren wird, wenn es eine enge Verzahnung von Industrieunternehmen und akademischer Forschung gibt.

Aus diesem Grund haben wir im Sommer 2022 unseren Digital Hub Industry (DHI) in Bremen eröffnet. Der DHI ist ein Ideen- und Experimentierraum mit industriellem Fokus, der im Schulterschluss zwischen dem Bremer Senat, der Universität Bremen, Lenze und unserem Tochterunternehmen Encoway, ins Leben gerufen wurde.

Der DHI ist ein Ort für den kreativen Austausch zwischen Unternehmen, Forschungsbereichen der Hochschule und Start-Ups. Er soll vor allem mittelständische Unternehmen bei der Digitalisierung unterstützen und durch die Verbindung von Theorie und Praxis ungeahnte Innovationen, neue digitale Produkte, Dienste oder Geschäftsmodelle ermöglichen.

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(Bild: mi-connect)

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Der Maschinenbau-Gipfel ist richtungsweisend und impulsgebend für die gesamte Branche. Damit Sie nicht ein ganzes Jahr auf spannende Diskussionen verzichten müssen, laden wir Sie zu unserem Networking-Format "Maschinenbau-Gipfel Salon" mit anschließendem Catering ein – live vor Ort oder digital.

 

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Wendler: Leider ist es momentan so, dass Deutschland bei der Digitalisierung noch nicht das Niveau der skandinavischen Staaten, von Südkorea, den USA oder Kanada erreicht hat. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir auch in Zusammenarbeit mit diesen Ländern hier in den kommenden Jahren enorme Fortschritte machen werden.

Wo sehen Sie die größten Chancen innerhalb dieses Change-Prozesses der digitalen Transformation, wo die größten Risiken? Das Motto ‚The Courage of Change‘ dürfte Ihnen ja bestens bekannt sein!

Wendler: Das Motto ‚The Courage of Change‘ ist nicht nur mir persönlich, sondern auch uns bei Lenze ein großes Anliegen. Wir sind davon überzeugt, dass wir ohne den Mut zur Veränderung die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts nicht werden bewältigen können. Dies erfordert aber natürlich die Bereitschaft, vielleicht auch mal falsch abzubiegen und einen Fehler zu machen. Ich denke, dass eine neue Fehlerkultur in diesem Bereich nicht nur der deutschen Industrie, sondern auch der Gesellschaft insgesamt gut zu Gesicht stehen würde. Noch zu häufig werden Fehler als persönliches Versagen gedeutet, dabei sind sie letztendlich notwendige Treiber des Fortschritts.

Welche Risikofaktoren gibt es, wie kann man Sie eliminieren?

Wendler: Um die digitale Transformation erfolgreich zu gestalten, gilt es die zentralen Risikofaktoren zu beachten. Wir müssen uns in jedem Fall darauf einstellen, dass die Wende hin zu einer digitalisierten Industrie erhebliche Kosten verursachen wird. Es ist exzellent angelegtes Geld, das früher oder später hohe Gewinnmargen abwerfen wird. Dennoch müssen wir für den Moment bereit sein, in vielleicht noch wenig erprobte Innovationen zu investieren.

Außerdem gilt es zu berücksichtigen, dass alle relevanten Stakeholder identifiziert und auf den Weg mitgenommen werden müssen. Man sollte frühzeitig und transparent darlegen, wie der eigene Plan aussieht, welche Herausforderungen zu erwarten und wie diese zu lösen sind. Nur so gewinnt man das notwendige Vertrauen für einen so umfangreichen Transformationsprozess. Wenn uns dies gelingt, können wir durch die Optimierung und Automatisierung unserer Prozesse deutlich energieeffizienter arbeiten und nachhaltiger wirtschaften. Die Vorteile für uns als deutsche Industrie aber auch als Gesamtgesellschaft wären immens.

Schlüsselfaktoren wie Strategie für das Change Management und Digital Transformation Officer und Technologien wie KI, Smart Data, ChatGPT und Digital Twin – um nur einige zu nennen - sind für eine erfolgreiche digitale Transformation von größter Bedeutung! Wie schätzen Sie diese Punkte im Kontext der praktischen Umsetzung in den Fertigungsunternehmen ein?

Wendler: Erst einmal zeigt Ihre Frage die Komplexität, in der wir uns heute bewegen. Alle dieser aufgeführten Punkte sind relevant, dennoch unterschiedlich zu bewerten. Die positive Nachricht vorab: in all diesen Bereichen haben wir in den vergangenen Jahren Fortschritte erlebt. Schauen wir auf den Punkt Software und Technologie: hier können wir heute mit deutlich verfeinerten Digitalen Zwillingen wirklich durchgängig arbeiten. Das sah vor wenigen Jahren noch ganz anders aus. Zudem entwickeln sich auch KI-Tools in einem enormen Tempo weiter. Hier werden wir schon bald weitere Innovationen erleben.

Podcast: KI-Start-up-Gründerin über Predictive Maintenance

Wie wichtig ist der Schlüsselfaktor Fachkräftemangel in diesem Kontext?

Wendler: Das Thema Fachkräftemangel zeigt sich bereits seit längerem in beinahe sämtlichen Branchen. Auch bei Lenze haben wir verschiedenste Maßnahmen ergriffen, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Ein wichtiger Aspekt hierbei sind Kooperationen mit Hochschulen, beispielsweise der Universität Bremen. Wir positionieren uns bei den jungen Talenten als attraktiver Arbeitgeber und bieten ihnen die Möglichkeit, bei uns ihre berufliche Karriere zu starten. Zudem versuchen wir mehr Menschen für technische Berufe zu begeistern, vor allem Frauen – ein riesiges Potenzial. Vor allem halten wir global Ausschau nach den klügsten Köpfen und finden sie.

Ein weiterer wesentlicher Punkt ist die Notwendigkeit einer Strategie für das Change Management. Um einen Wandel erfolgreich durchzuführen, ist es meiner Erfahrung nach unabdingbar, eine klare Strategie zu definieren. Alle operativen Maßnahmen müssen einem bereits im Vorfeld definierten Plan folgen, wenn sie den gewünschten Erfolg bringen sollen. Zu häufig führt dies aber dazu, dass man einzelne Variablen nicht ausreichend berücksichtigt und dann die gesamte Strategie am Ende nicht aufgeht.

Die Digitalisierung bietet viel Potenzial für die deutsche Industrie, meint Lenze.
Die Digitalisierung bietet viel Potenzial für die deutsche Industrie, meint Lenze. (Bild: Lenze)

Die Covid-19-Pandemie war für viele Unternehmen ein Katalysator für ihre digitale Transformation und veranlasste sie, Technologieinitiativen zu beschleunigen und grundsätzliche Änderungen an Prozessen und Abläufen vorzunehmen. Wie schätzen Sie diese Aussage ein, die in einem Analystenbericht der Harvard Business Review auftaucht?

Wendler: Es ist richtig, dass die Corona-Pandemie die Arbeitswelt spürbar verändert und vor allem flexibilisiert hat. Für viele gehört das Home Office heute wie fast selbstverständlich zum Berufsleben dazu und für immer mehr Bewerberinnen und Bewerber ist die Möglichkeit von zuhause arbeiten zu können, ein zentrales Entscheidungskriterium bei der Arbeitgeberwahl. Für uns als Unternehmen bedeutet dies, dass wir unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern flexiblere und auch individualisierte Angebote machen müssen, die den jeweiligen Bedürfnissen gerecht werden. Dabei spielen auch digitale Tools eine große Rolle. Der physische Austausch wird in zunehmendem Maße durch digitale Kanäle ersetzt. Das hilft beispielweise den Austausch in international besetzten Teams zu verbessern.

Zugleich können diese Methoden aber die Elemente zwischenmenschlichen Miteinanders nicht ersetzen. Für mich ist klar, dass ein gut funktionierendes Team immer auch einen direkten Kontakt der Teammitglieder benötigt. Wenn alle an anderen Standorten vor ihren Bildschirmen sitzen und sich nur digital begegnen, ist dies aus meiner Erfahrung nicht in gleichem Maße möglich. Deshalb sollten wir das klassische Modell in keinem Fall komplett aufgeben, uns allerdings auch nicht vor sinnvollen Ergänzungen verschließen.

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Es gibt Experten, die unterscheiden zwischen ‚grundsätzlich digitalisierbar‘ und ‚wirtschaftlich digitalisierbar‘ und sagen, nicht alles, was technisch möglich ist, ist auch wirtschaftlich sinnvoll. Wie sehen Sie das und wo liegen die Grenzen der Digitalisierung?

Wendler: Dem stimme ich uneingeschränkt zu. Die wirtschaftliche Machbarkeit ist immer – auch bei der digitalen Transformation – der zentrale Erfolgsfaktor. Unsere Innovationen werden nur dann am Markt erfolgreich sein, wenn sie sich auch ökonomisch rechnen und dem Kunden absehbar finanzielle Vorteile verschaffen. Dabei sollte man allerdings nicht den Fehler machen, ausschließlich das kurzfristige Gewinnpotenzial im Blick zu haben. Häufig ist es so, dass sich Investitionen erst rechnen, wenn man sie auf eine längere Zeitspanne betrachtet.

Klar ist auch, dass nicht jede digitale Innovation für jeden Kunden sinnvoll ist. Schließlich muss sich das Tool immer auch in eine vorhandene Infrastruktur integrieren lassen. Ich würde an dieser Stelle aber nicht generell von den Grenzen der Digitalisierung sprechen. Nur weil sich bestimmte Anwendungen heute vielleicht noch nicht rechnen, kann dies bereits kurze Zeit später anders aussehen. In solchen Fällen brauchen wir eben den vielbeschworenen Tüftler- und Erfindergeist, der uns Ingenieurinnen und Ingenieuren so gerne nachgesagt wird.

(Bearbeitet von Anja Ringel.)

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