Große Koalition: Industrie zieht enttäuschtes Fazit
Viel versprochen, wenig geliefert: Die große Koalition hat bei der Industrie Hoffnungen geweckt – und Enttäuschung geerntet. Acht Monate im Amt, doch Investitionsstaus, Reformstillstand und wachsende Kritik prägen das Zwischenfazit.
Die Stimmen aus dem Maschinenbau und der Elektroindustrie sind deutlich: Die Große Koalition muss noch liefern.MQ-Illustrations - stock.adobe.com)
Anzeige
Nach acht Monaten Großer Koalition wird klar: In den Chefetagen der Industrie dominiert die Ernüchterung. Im zweiten Teil unserer Industrietrends 2026 wollten wir wissen, was das Fazit nach den
ersten acht Monaten Große Koalition ist. Das sind die Antworten vom VDMA, VDW, ZVEI sowie Horn, Lapp und Grob:
Unsere Kunden in Deutschland sind nach wie vor kaum bereit zu investieren
Markus Heering, Geschäftsführer VDW
Dr. Markus Heering, Geschäftsführer des VDW, sagt dazu: „Mit der Großen Koalition waren große
Hoffnungen verbunden, dass mehr wirtschaftlicher Sachverstand in der Regierung
für Schwung bei den notwendigen Reformen sorgen würden.“ In den ersten Monaten
wurden diese Erwartungen enttäuscht. Entsprechend sei die Stimmung wieder
umgeschlagen. „Unsere Kunden in Deutschland sind nach wie vor kaum bereit zu
investieren“, berichtet er.
Anzeige
VDMA-Hauptgeschäftsführer Thilo Brodtmann erklärt, die
Regierungskoalition habe zwar einen ordentlichen Start hingelegt, bleibe
seither jedoch hinter den Erwartungen der Branche deutlich zurück. „Leider
erweist sich die SPD immer mehr als Bremsklotz in einer gesamtwirtschaftlichen
Lage, in der mutige Reformen zwingend angesagt sind“, so Brodtmann.
Das zeige sich zum Beispiel am Tariftreuegesetz, „das alle
Unternehmen in Sippenhaft nehmen soll, die nicht tarifgebunden sind - obwohl
sie gerade im Maschinenbau ihre Mitarbeitenden häufig über Tarif bezahlen.“
Anzeige
Der VDMA-Hauptgeschäftsführer erklärt weiter: „So gut und
wichtig es ist, dass Bundeskanzler Merz Deutschland auf internationaler und
europäischer Bühne wieder gestärkt hat - seine wirtschaftspolitischen
Ambitionen sind bisher noch nicht umgesetzt. Deshalb hoffen und erwarten wir,
dass 2026 zum Jahr der Wirtschaftsreformen wird.“ Merz müsse sich durchsetzen
und seinem Koalitionspartner klar machen, dass viele Industriearbeitsplätze auf
dem Spiel stehen, wenn sich die SPD nicht zu echten, vielleicht auch schmerzhaften
Reformen durchringen könne.
„Die Große Koalition hatte angekündigt, den Ampelstreit
hinter sich zu lassen und zügig strukturelle Weichenstellungen, sprich
Reformen, anzuschieben. Bei beidem ist sicherlich noch Luft nach oben“, sagt
ZVEI-Chefvolkswirt Andreas Gontermann.
Große Koalition ist "massive Enttäuschung"
Matthias Lapp, CEO von Lapp, erklärt, die Große Koalition habe Stabilität
gebracht, aber die Geschwindigkeit bei Reformen sei weiterhin zu langsam. Es gebe
erste Ansätze in Digitalisierung und Energiepolitik, aber es fehle eine klare
Vision für die Wirtschaft. „Wir brauchen weniger Klein-Klein und mehr Mut, um
den Standort Deutschland zukunftsfähig zu machen. Wir können es uns nicht
länger leisten, die großen, unbequemen Fragen unbeantwortet zu lassen“, so der
CEO von Lapp.
Anzeige
Auch Markus Horn, Geschäftsführer der Paul Horn GmbH, wird deutlich: „Leider empfinde ich diese
acht Monate als ‚Rohrkrepierer‘. Für mich ist diese Regierung bis heute eine
massive Enttäuschung und hat gleich mehrere Wahlversprechen nicht eingehalten.“
Sie sei mit allem viel zu zögerlich, setze zum Teil aus seiner Wahrnehmung
heraus auf falsche Inhalte und habe zu wenig Fokus auf die Wirtschaft. „Ich
habe mir eine Politik der gesellschaftlichen Mitte gewünscht, so wie sie auch
gewählt wurde. Bekommen habe ich, haben wir, linke Politik, trotz CDU/CSU“, so
Horn.
„Es gibt erste positive Ansätze, etwa beim Abbau von
Bürokratie oder industriepolitischen Signalen“, sagt Christian Müller, Chief Sales Officer bei Grob.
Insgesamt fehle aber noch Tempo und Klarheit in vielen Bereichen. „Für
Unternehmen ist Planungssicherheit entscheidend – wir hoffen daher auf
schnellere, mutigere Entscheidungen, die Investitionen und Innovationen nicht
bremsen.“
Anzeige
Die Grob Werke wünschen sich Müller zufolge von der Großen
Koalition ein klares und starkes staatliches Signal, zukunftsweisende und für
die Wirtschaft zentrale Technologien – wie etwa die Zellherstellung – gezielt
und nachhaltig zu fördern. Die Industrie sei auf solche Impulse angewiesen, um
Investitionen anzustoßen und im internationalen Wettbewerb auch künftig
konkurrenzfähig zu bleiben.
Der dritte Teil der Industrietrends erscheint am Freitag. Dann geht es um KI in der Industrie und die Konjunktur 2026.
FAQ zur Großen Koalition und der Industrie
1. Warum fällt das Zwischenfazit der Industrie zur Großen Koalition negativ aus?
Die Industrie hatte hohe Erwartungen an wirtschaftlichen Sachverstand und Reformdynamik. Nach acht Monaten zeigt sich jedoch Enttäuschung: Die Investitionsbereitschaft bleibt gering, Reformen kommen nur schleppend voran und zentrale Probleme wie Bürokratieabbau oder Standortstärkung werden nur unzureichend angegangen.
2. Welche Kritikpunkte äußern Branchenvertreter an der aktuellen Regierung?
Kritisiert werden unter anderem das Tariftreuegesetz, das als ungerecht empfunden wird, sowie das Fehlen mutiger Reformen. Die SPD wird von mehreren Industrievertretern als „Bremse“ gesehen, während die wirtschaftspolitischen Ambitionen von Bundeskanzler Merz bislang ohne konkrete Umsetzung geblieben sind.
3. Was fordert die Industrie konkret von der Politik?
Gefordert werden tiefgreifende Reformen in Bereichen wie Arbeitsrecht, Bürokratieabbau, steuerliche Innovationsanreize und eine verlässliche Energiepolitik. Es braucht klare Signale für Zukunftstechnologien und eine wirtschaftspolitische Vision, die Planungssicherheit und Investitionsanreize schafft.
4. Gibt es positive Ansätze aus Sicht der Industrie?
Ja, einige Unternehmen erkennen erste Fortschritte, etwa im Bürokratieabbau und bei industriepolitischen Signalen. Dennoch fehlt es an Tempo, Klarheit und einer stringenten Umsetzung. Besonders im Bereich der Schlüsseltechnologien wie der Batteriezellproduktion werden gezielte Fördermaßnahmen vermisst.