Geopolitik, neue Regulierungen und KI erhöhen den Druck auf Unternehmen. Christian Kellner von Dun & Bradstreet zeigt zentrale Entwicklungen, die 2026 entscheidend werden – von Sanktionen bis Cyberrisiken und menschlicher Expertise.
Das Compliance-Umfeld steht vor einem weiteren Umbruch: Geopolitische Spannungen, wachsende Regularien, digitale Transformation und der zunehmende Einsatz von Künstlicher Intelligenz verschärfen den Handlungsdruck für Unternehmen.Ben Kuang - stock.adobe.com
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Sanktionsregime gewinnen weiter an Umfang und Komplexität. Mit klarer definierten geopolitischen Blöcken und steigenden Transparenzanforderungen müssen Unternehmen heute Güter, Daten und Eigentumsverhältnisse entlang der gesamten Lieferkette nachvollziehen – weit über direkte Geschäftsbeziehungen hinaus. Die persönliche Haftung von Führungskräften, wie jüngste Durchsetzungsmaßnahmen zeigen, erhöht zusätzlich den Druck.
Globale Eigentumsstrukturen transparent abbilden und aktualisieren
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Neue Regelwerke wie BIS 50 verlangen eine detaillierte Prüfung verbundener Unternehmen und Anteilseigner. Damit wächst der Bedarf an Lösungen, die globale Eigentumsstrukturen transparent abbilden und laufend aktualisieren können. Verlässliche, aktuelle Daten und leistungsfähige Analytik werden zur Grundlage, um sanktionierte Unternehmen zu identifizieren, wirtschaftlich Berechtigte offenzulegen und Waren- sowie Dienstleistungsströme nachvollziehbar zu dokumentieren.
Unternehmen müssen Informationen zu Partnern und Lieferketten eigenständig erheben, validieren und fortlaufend überprüfen. Fehlende Daten oder mangelnde Transparenz gelten selbst als Risiko. Die EU-Omnibus-Initiative wird Schwellenwerte für CSRD und CSDD weiterentwickeln. Während KMU möglicherweise entlastet werden, bleiben die Anforderungen für größere Unternehmen hoch. Gleichzeitig wird freiwillige ESG-Berichterstattung zunehmend zur Norm. Das neue AML-Paket verschärft die Anforderungen an Eigentümertransparenz und kontinuierliche Datenvalidierung. Statische Compliance-Prozesse verlieren damit ihre Grundlage. Gefragt sind integrierte, dynamische Systeme, die regulatorische Veränderungen in Echtzeit berücksichtigen.
Agilität als entscheidender Erfolgsfaktor
Unvorhersehbare Ereignisse – von neuen Sanktionen bis hin zu globalen Störungen – werden Compliance-Teams auch 2026 unter permanenten Anpassungsdruck setzen. Agilität wird zum zentralen Leistungsindikator. Unternehmen benötigen flexible Technologien, cloudbasierte Lösungen und kontinuierlich aktualisierte Datenquellen. Notfallpläne, schnelle Re-Screenings von Geschäftspartnern, anpassbare Risikoschwellen und eine lückenlose Dokumentation von Entscheidungen werden zur Grundausstattung moderner Compliance-Organisationen. Die Qualität eines Compliance-Systems misst sich künftig daran, wie schnell und nachvollziehbar es auf das Unerwartete reagieren kann.
KI in der Compliance: Potenzial mit Verantwortung
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Künstliche Intelligenz wird 2026 ein integraler Bestandteil vieler Compliance-Prozesse sein. Gleichzeitig treten zentrale Anforderungen des EU-KI-Gesetzes in Kraft, die Transparenz, Dokumentation und Risikoprüfung verbindlich regeln. Unternehmen müssen offenlegen können, wie KI-Systeme zu ihren Entscheidungen gelangen, welche Daten verwendet werden und wie Risiken regelmäßig überprüft werden. Ohne saubere, valide Datenbasis drohen Fehlentscheidungen – mit entsprechenden regulatorischen Konsequenzen. KI kann Risiken schneller erkennen und Fehlalarme reduzieren, ersetzt jedoch nicht das menschliche Urteilsvermögen. Erfolgreiche Teams kombinieren Automatisierung mit klarer Governance und fachlicher Erfahrung.
Konvergenz von Betrug und Cyberrisiken
Betrug und Cyberbedrohungen wachsen zunehmend zusammen. KI-gestützte Betrugssysteme, Ransomware-Angriffe und Datenlecks gefährden Lieferketten, Identitätsmanagement und Finanzprozesse gleichermaßen. Die Herausforderung besteht nicht nur in der Abwehr, sondern auch im Nachweis funktionierender Kontrollmechanismen gegenüber Aufsichtsbehörden. Hochwertige Daten, Echtzeitmonitoring und robuste Identitätsprüfungen werden zu zentralen Verteidigungsinstrumenten. Unternehmen, die Betrugsprävention und Cybersicherheit strategisch verzahnen, stärken ihre Resilienz und erfüllen gleichzeitig steigende regulatorische Anforderungen.
Internationale Unternehmen müssen weiterhin mit regional stark unterschiedlichen Datenzugriffs- und Eigentumsregeln umgehen. ESG-Anforderungen und regulatorische Standards divergieren – selbst innerhalb Europas. Zugleich ist zu erwarten, dass auch Nicht-EU-Länder verstärkt freiwillige ESG-Daten bereitstellen, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Wer regulatorische Unterschiede frühzeitig erkennt und flexibel adressiert, verschafft sich strategische Vorteile. Effizientes Komplexitätsmanagement wird damit zu einer Kernkompetenz im globalen Compliance-Umfeld.
Der menschliche Faktor bleibt entscheidend
Trotz technologischer Fortschritte bleibt menschliche Expertise unverzichtbar. Während KI Routineaufgaben automatisiert, sind Fachkräfte gefragt, komplexe Sachverhalte zu bewerten, ethische Abwägungen vorzunehmen und regulatorische Graubereiche einzuordnen. Die Fähigkeit, Datenkompetenz, technisches Verständnis und praktische Compliance-Erfahrung zu verbinden, wird 2026 besonders wertvoll sein. Kontinuierliche Weiterbildung und kritisches Denken werden zu Schlüsselfaktoren im Wettbewerb um Talente.
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Compliance als strategischen Wettbewerbsvorteil positionieren
Um regulatorischen Veränderungen voraus zu bleiben, müssen Unternehmen frühzeitig in robuste Datenstrategien, flexible Technologien und agile Compliance-Prozesse investieren. 2026 wird nicht nur höhere Anforderungen bringen – sondern auch die Chance, Compliance als strategischen Wettbewerbsvorteil zu positionieren.
Quelle: Dun & Bradstreet
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FAQs zu Compliance-Trends 2026
1. Warum wird Compliance 2026 deutlich anspruchsvoller?
Geopolitische Spannungen, neue EU-Regulierungen (u. a. zu ESG, AML und KI) sowie verschärfte Sanktionsregime erhöhen die Erwartungen an Unternehmen. Behörden verlangen proaktive Transparenz, kontinuierliche Datenvalidierung und nachvollziehbare Entscheidungsprozesse.
2. Was bedeutet die steigende Sanktionskomplexität konkret für Unternehmen?
Unternehmen müssen Eigentumsstrukturen und Lieferketten deutlich tiefer prüfen – über direkte Geschäftspartner hinaus. Die Identifikation wirtschaftlich Berechtigter und verbundener Unternehmen wird zentral, um Haftungsrisiken zu vermeiden.
3. Reicht es aus, bestehende Compliance-Prozesse beizubehalten?
Nein. Statische Systeme verlieren an Wirksamkeit. Gefragt sind dynamische, datengetriebene Prozesse, die regulatorische Änderungen laufend integrieren und schnelle Anpassungen ermöglichen.
4. Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz in der Compliance?
KI kann Risiken schneller erkennen, Prüfprozesse automatisieren und Fehlalarme reduzieren. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Transparenz, Dokumentation und Governance – insbesondere durch das EU-KI-Gesetz. Ohne valide Datenbasis ist KI kein Vorteil.
5. Warum wachsen Betrugs- und Cyberrisiken zusammen?
Moderne Betrugsmodelle nutzen digitale Schwachstellen und sind häufig mit Cyberangriffen verknüpft. Unternehmen müssen Betrugsprävention und Cybersicherheit strategisch verbinden, um Risiken effektiv zu erkennen und regulatorisch belastbar zu dokumentieren.
6. Wie wirken sich globale Unterschiede bei ESG- und Datenstandards aus?
Internationale Unternehmen müssen regionale Vorgaben genau kennen und flexibel umsetzen. Unterschiedliche Transparenz- und Berichtspflichten erhöhen die Komplexität, bieten aber auch Wettbewerbsvorteile für gut vorbereitete Organisationen.
7. Wird Technologie den Menschen in der Compliance ersetzen?
Nein. Automatisierung übernimmt Routineaufgaben, doch menschliches Urteilsvermögen bleibt entscheidend – etwa bei ethischen Bewertungen, komplexen Einzelfällen und strategischen Entscheidungen. Die Zukunft liegt in der Kombination aus Technologie und Expertise.