Ex-Verdi Chef Bsirske

Nach 18 Jahren an der Verdi-Spitze gibt Frank Psirske sein Amt ab. - (Bild: Verdi)

Zum Abschied hat Frank Bsirske noch einmal stundenlang die große Bühne. Vor 1000 Delegierten des Verdi-Bundeskongresses in Leipzig fächert der Kopf der Gewerkschaft an diesem Montag aktuelle Entwicklungen des Gewerkschaftstankers auf - bis er bei der Wahl am Tag darauf seinem designierten Nachfolger die Spitze überlässt, dem
15 Jahre jüngeren Frank Werneke.

Schwer zu glauben ist, dass man von dem 67-Jährigen künftig nichts mehr hören soll. Und spannend wird es zu sehen, wie Werneke in Bsirskes Fußstapfen tritt.

Öffentlich ist Bsirske in den 18 Jahren an der Verdi-Spitze vor allem als Streikführer im öffentlichen Dienst bekannt geworden - unter ihm legte Verdi den Flugverkehr lahm, Kitas, die Müllabfuhr oder Verkehrsbetriebe.

Für sich und seine Gewerkschaft nimmt er aber auch in Anspruch, Einfluss auf die Politik genommen und etwa die Einführung des Mindestlohns mit erstritten zu haben.Er ist in Talkshows um Argumente nicht verlegen, kann gepflegt mit Politikern und Wirtschaftsführern umgehen, wirkt aber auch in der Pose des Arbeiterführers inmitten streikender Beschäftigter authentisch.

Bundespräsident Steinmeier lobt

"Zu behaupten, der Abschied würde mir leichtfallen, wäre gelogen", sagt Bsirske. Es sei aber die richtige Entscheidung - wie bereits vor vier Jahren angekündigt. Als Chef der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) trug er zur Fusion von fünf Einzelgewerkschaften zu Verdi 2001 maßgeblich bei.

"Nicht wenige waren skeptisch, ob diese Fusion überhaupt gelingt", sagt er. Doch geschaffen worden sei "die starke Dienstleistungsgewerkschaft".

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigte am Sonntagabend zur Eröffnung des Verdi-Bundeskongress in Leipzig Bsirskes Leistung. Die Schlagkraft von Verdi werde heute oftmals als selbstverständlich betrachtet, aber das sei harte Arbeit - eben auch des Langzeitchefs - gewesen.

"Frank Bsirske war Verdi und Verdi war Bsirske", sagte Steinmeier. Beide kennen sich seit rund 25 Jahren. "Wir hatten eine persönlich freundschaftliche, politisch - will ich sagen - mitunter intensive Beziehung", sagte der Bundespräsident.

Klassenkämpferische Vokabeln in freundlichem Tonfall sind ein Markenzeichen Bsirskes, früher Personaldezernent von Hannover. Er ist links - aber auch mit Konservativen kam er gut klar, etwa mit CSU-Innenminister Horst Seehofer bei den Tarifverhandlungen für den öffentlichen Dienst im vergangenen Jahr.

Wohin verschwinden die Mitglieder?

Dass Verdi unter Bsirske oft auf konfliktreichem Kurs steuert, liegt auch an den vielfältigen und oft schwierigen Branchen, in denen seine Großorganisation operiert. Eigentlich streikt die 'Gewerkschaft der
1000 Berufe' von der Bankangestellten bis zum Sozialarbeiter immer irgendwo.

Geprägt ist der Dienstleistungssektor von oft vergleichsweise geringen Löhnen. Wie seit Jahren bei Amazon wird oft mit dem Ziel gestreikt, dass Mitarbeiter überhaupt in den Genuss eines Tarifvertrags kommen oder nicht herausfallen.

Hunderttausende Mitglieder hat Verdi seit der Gründung verloren - auch weil die Gründungsgewerkschaften viele nichtzahlende Mitglieder hatten, die Verdi dann großteils verließen. Weiteren Mitgliederschwund zu bremsen, wird Wernekes wohl größte Aufgabe.

Bsirske verweist auf massive Umwälzungen in den Branchen: "Der Arbeitsplatzabbau im öffentlichen Dienst, bei Telekom und Post, im Energiesektor und bei den Krankenkassen hat mehrere Hunderttausend Arbeitsplätze gekostet, und das hält bis heute an." Beschäftigung sei auch aufgebaut worden - "aber sehr stark in Bereichen mit sehr viel prekärer Beschäftigung und hohen Fluktuationsraten".

Im Gründungsjahr hatte Verdi noch 2,81 Millionen Mitglieder, vergangenes Jahr waren es noch 1,97. Droht die Auszehrung? Bsirske betont: "Wir haben in den vergangenen Jahren kontinuierlich unsere Eintrittszahlen verbessert, auf 122 000 Eintritte im Jahr 2018."

Dies könne Verdi dieses Jahr wieder erreichen. Doch er räumt ein: "Zugleich könnten wir es auch in den kommenden Jahren mit hohen Austrittszahlen zu tun haben." Viele, die in den 1970er Jahren eingetreten sind, seien heute in einem Alter, in dem viele der Gewerkschaft den Rücken kehren. Doch Verdi steuere dagegen an.

Wie sich Verdi verändern wird

Werneke wird eine schlankeren Großgewerkschaft führen. Seit einigen Jahren modernisiert sich Verdi, bündelt Fachbereiche, setzt auf Arbeitsteilung zwischen Mitarbeitern für Beratung in Zentren und jenen für Tarif- und Betriebsarbeit in den Unternehmen.

Ein Traineeprogramm für mehr Professionalisierung und Diversität wurde aufgelegt. Bsirske: "Wir wollen mehr Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund als Gewerkschaftssekretäre gewinnen."

'Mr. Verdi' steht persönlich auch für Kampf auf allen Ebenen. "Die große Mehrheit der Menschen in diesem Land will nicht, dass Arbeit arm macht und Arbeit entwürdigt", sagt er. Wenn er die Politik zu Schritten gegen Altersarmut oder die Erosion des Tarifsystems aufruft, tut Bsirske das mit Verve.

Werneke hat bisher wenig Gelegenheit gehabt, öffentlich entsprechende Inbrunst zu demonstrieren. Er gilt als sachlich - auch wenn er entsprechende Zuschreibungen übertrieben findet. Seit acht Jahren ist er im Vorstand zuständig für die Finanzen, das erfordert kühlen Kopf.

Wie geht es mit Bsirske weiter?

Bsirske meint mit Blick auf seine Zukunft, ihm werde es kaum langweilig. "Es gibt so viel Interessantes zu lesen", meint er. Davon gab sich auch der Bundespräsident überzeugt, der in Leipzig von der "beeindruckenden Bibliothek" des Gewerkschaftschefs berichtete.

"Wie ich gehört habe, haben im zweiwöchigen Urlaub zehn Krimis nicht ausgereicht", sagte Steinmeier. Und nachdem er das jetzt öffentlich gemacht habe, würden sicher sehr viele neue Krimis als Geschenke dazukommen. "Uns allen ist klar: Du wirst Dich weiter einmischen", sagte der Bundespräsident zu Bsirske.

Bei RWE und der Deutschen Bank bleibt er im Aufsichtsrat. Seine Sprachkenntnisse wolle er verbessern, sich körperlich fit halten. Und die Politik? "Ich habe den ersten Schulstreik in Niedersachsen mitorganisiert für eine bessere Ausstattung mit Lehrkräften und mit 14 Jahren zum ersten Mal demonstriert, gegen den Vietnamkrieg damals", erzählt das Grünen-Mitglied. "Ich lege das nicht ab, sondern werde politisch aktiv bleiben."

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dpa