Der Defense-Markt rückt für Maschinen- und Anlagenbauer stärker in den Fokus. Hohe Verteidigungsausgaben eröffnen Chancen, doch Compliance, Audits und Lieferketten setzen klare Grenzen. Das war das Ergebnis der Panel-Diskussion auf dem Maschinenbau-Gipfel Salon bei Stratasys in Rheinmünster.
Daniela HoffmannDanielaHoffmann
Eine spannende Diskussion rund um die Chancen des Maschinenbaus im Defence-Markt lieferten Jonas Geipel (2.v.li, Vertriebsleitung Götz Maschinenbau), Andreas Langfeld (3.v.li. CRO Stratasys), Bernd Kögel (4.v.li., Geschäftsführer DESI Germany) und Hartmut Rauen (re., stellvertretender Hauptgeschäftsführer des VDMA). Moderiert wurde der Maschinenbau-Gipfel Salon von Stefan Weinzierl (li., Chefredakteur mi-connect).UMG, mi-connect
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Summary:
Beim Maschinenbau-Gipfel-Salon diskutierten Experten bei Stratasys über den Einstieg von Maschinen- und Anlagenbauern in den Defense-Markt. Hintergrund sind stark steigende Verteidigungsausgaben ab 2026 und ein wachsender Bedarf an Komponenten, Produktionsanlagen, Robotik und Dual-Use-Technologien. Der Markteintritt gilt als chancenreich, erfordert aber organisatorische Reife, auditfähige Prozesse, Cybersicherheit, Exportkontrolle und langfristige Lieferfähigkeit.
Warum der Defense-Markt für Maschinenbauer relevant wird
Moderator und mi connect-Chefredakteur Stefan Weinzierl nannte die Beträge, die in den nächsten Jahren in Verteidigungsausgaben fließen sollen: 105,8 Milliarden Euro in 2027, im Jahr 2030 sogar rund 180 Milliarden Euro. Zusätzlich plane die Bundesregierung von 2026 bis 2030 neue Schulden in Höhe von rund 534 Milliarden Euro aufzunehmen. Das macht den Defence-Markt, zu einem Umfeld, das für den Maschinen- und Anlagenbau hochrelevant ist.
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Wie Maschinenbauer in den Defense-Markt einsteigen können
Doch wie kommen Unternehmen in diesem Markt hinein? Andreas
Langfeld, Chief Revenue Officer beim 3D-Produktanlagenbauer Stratasys, bei dem
die Veranstaltung stattfand, berichtete über den eigenen Weg. Schon von Anfang
an sei die eigene Technologie von sehr unterschiedlichen Branchen aufgegriffen
worden, wie beispielsweise Automotive oder Dental. Verteidigung habe etwa 10
Prozent des Umsatzes ausgemacht. „Wenn ich jetzt unsere Pipeline des Geschäfts
in den nächsten Jahren anschaue, dann sind 50 Prozent im Verteidigungssektor“,
so Langfeld. Denn man fokussiere natürlich besonders lukrative Märkte mit hoher
Nachfrage. Der CRO riet: Maschinenbauer sollten für sich klären, ob sie mit
ihrem Angebot ein Problem lösen. „Das muss jedes Unternehmen für sich selbst
entscheiden. Aber ich glaube, die meisten Maschinenbauer haben ein Angebot, das
auch im Verteidigungssektor Fuß fassen kann“, so Langfeld.
Warum die Rüstungsindustrie keine Branche wie jede andere ist
Verteidigungsexperte Bernd Kögel, Oberst a.D. mit über 30
Jahren Erfahrung als Generalstabsoffizier der Bundeswehr und Geschäftsführer
der DSEI Germany GmbH (Veranstalter der gleichnamigen Wehrtechnikmesse), mahnte
an, dass die Rüstungsindustrie eben nicht eine Branche wie andere sei: „Das
Geld ist deswegen darin, weil es um die Verteidigung unseres Landes, unseres
freien Europas, unserer Werte, unserer Freiheit geht. Die Dramatik, die
dahinter steht, können Sie im Grunde jeden Tag in der Zeitung lesen“. In der
neuen Militärstrategie nenne die Bundesregierung erstmals deutlich die
Bedrohung, mit der man rechne: Dass sich Russland auf einen Angriffskrieg gegen
ein NATO-Land vorbereitet.
Warum der Defense-Markt für Maschinenbauer wächst
Der Defense-Markt gewinnt für Maschinen- und Anlagenbauer an strategischer Bedeutung, weil Verteidigungsausgaben in Deutschland und Europa deutlich steigen. Für Deutschland werden 2027 ein Verteidigungsetat von 105,8 Milliarden EUR und bis 2030 Militärausgaben von 180 Milliarden EUR genannt. Parallel erhöht die NATO den Druck auf ihre Mitgliedstaaten: 2025 sollen alle 32 NATO-Staaten das bisherige 2-%-Ziel erreichen. Damit wächst der Bedarf an industrieller Lieferfähigkeit, skalierbarer Produktion, Komponenten, Automatisierungstechnik und Dual-Use-Lösungen. Genau hier können Maschinenbauer ansetzen – nicht zwingend als direkter Rüstungslieferant, sondern als Technologie- und Produktionspartner entlang der Wertschöpfungskette.
Hohe Eintrittshürden im Defense-Geschäft
Zwar besteht ein großer Bedarf, doch die Eintrittshürden
sind je nach Szenario hoch. In der Regel werde der Mittelstand nicht direkt an
das Bundesministerium der Verteidigung liefern, sondern die
Verteidigungsindustrie selbst mit Produktionsfaktoren unterstützen, sagte
Kögel. Dazu gehörten etwa Bauteile, Produktionsanlagen oder Roboter. Das jetzt
nötige Scale-up könne nicht durch die etablierte Verteidigungsindustrie geleistet
werden.
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Welche Rolle der VDMA im Defense-Markt spielt
Als Verband habe man sich nach umfassender Abwägung
entschieden, das Thema Verteidigung anzugehen, erklärte Hartmut Rauen,
stellvertretender Hauptgeschäftsführer beim VDMA. Dafür wurde das Forum Defense
aufgebaut, in dessen Gremien mittlerweile über 400 Mitglieder aktiv seien. Dabei
gehe es nur für 29 Prozent der Firmen im Defense-Geschäft um
Produktionstechnologien. 39 Prozent beschäftigen sich mit dem Komponentenbereich.
„Das heißt, der Dual-Use-Anteil beim Wälzlager, dem Hydraulikzylinder, dem
Bildverarbeitungssystem oder dem Sensor, die von unseren Maschinenbauern
angeboten werden, findet auch seinen Weg in die Defense-Applikation“,
konstatierte Rauen.
Markteintritt in den Defense-Sektor ist kein Sonntagsspaziergang
Die Frage, wie man als Maschinenbauer in den Defense-Markt konkret
hineinkommt, hatte sich auch die Götz Group gestellt. Das Familienunternehmen
mit den Schwerpunkten Maschinenbau, Edelstahlhandel und 3D Solutions ist
Systemlieferant im Bereich CNC-Fräsen, -Drehen und 3D-Druck. Man ging den Weg
über Eigenengagement durch den Besuch verschiedener Veranstaltungen und den
Aufbau von Netzwerken. „Wir haben das so wahrgenommen, dass der Defense-Sektor
nicht verschlossen war und die Resonanz bekommen: Ja, wir suchen neue
Lieferanten“, erinnerte sich Jonas Geipel, Senior Key-Account-Manager bei Götz
Maschinenbau. Man habe sich auf der Suche nach guten Partnerschaften den
Herausforderungen gestellt. „Ein Maschinenbauer hat aus meiner Sicht prinzipiell
das Know-how, die technische Sicht abzubilden. Der Defense-Sektor verlangt
jedoch auch eine gewisse organisatorische Reife, das sehe ich als sehr große
Eintrittshürde an“, so Geipel.
Compliance und Lieferketten als Hürde im Defense-Markt
Die anspruchsvollen, qualitativen, dokumentationsaufwändigen
Compliance-Richtlinien zu erfüllen, sei oft schwierig, denn der Defense-Bereich
bringe einige Sondervoraussetzungen auch auf rechtlicher Basis mit. „Man muss
die Prozessketten, vor allem die Lieferketten hinterfragen und gegebenenfalls
ändern – wegen diversen Landesgrenzen“, so Geipel. Er sieht den Trend in der
Verteidigungsindustrie, weg von Kleinserien hin zu größeren Serien, zu
reproduzierbaren Baugruppen zu gehen.
Das sollten
Unternehmen für Defense mitbringen
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Auch Unternehmen, die über die Zulieferkette gehen und Rüstungshersteller
beliefern, müssten damit rechnen, dass die strengen Vorgaben in der Kette
durchgereicht werden, sagte Andreas Langfeld. Doch hier gebe es deutliche
Unterschiede im Aufwand, je nachdem, ob beispielsweise ein Metallgussteil
geheimhaltungsrelevant sei oder nicht. Letzeres bedeute, dass ein Teil als kritisch eingestuft werde und das
damit befasste Personal eine entsprechende Clearance haben muss. „Diese
Clearance kann es nicht bekommen, indem Sie zu einem TÜV gehen, sondern das
macht der Staat für Sie. Und die Warteliste ist im Moment relativ lang, weil
natürlich jetzt ganz viele daraufströmen“, so Langfeld. Es lohne sich also zu
verstehen, auf welchem Pfad welche Hürden zu erwarten sind. Bei typischem
Dual-Use seien die Eintrittshürden in der Regel kleiner, während bei
Bildschirm-, Computersystemen oder in Richtung KI-Auswertung die Kritikalität
sehr hoch liege.
Dual Use als Türöffner in den Defense-Markt
Dual-Use-Produkte können für viele Maschinenbauer der naheliegendste Einstieg in den Defense-Markt sein. Das Bundeswirtschaftsministerium nennt als Beispiele für Dual-Use-Güter unter anderem Werkzeugmaschinen, Prüf- und Messvorrichtungen, Ventile und Elektronik. Damit fallen zahlreiche Kompetenzen des klassischen Maschinen- und Anlagenbaus in ein Feld, das sowohl zivil als auch militärisch relevant sein kann. Entscheidend ist jedoch die Exportkontrolle: Für Dual-Use-Güter gelten in der EU gemeinsame Genehmigungspflichten und Verfahren, die Unternehmen frühzeitig in ihre Prozesse integrieren müssen. Wer hier auditfähig, dokumentationssicher und compliancefest aufgestellt ist, verbessert die Chancen auf belastbare Partnerschaften im Defense-Umfeld.
ISO 9001, Auditfähigkeit und Cybersicherheit im Defense-Markt
Als Mindeststandard seien ISO 9001, Digitalisierung und
Auditfähigkeit wichtig, ebenso wie weitere Zertifizierungen und Nato-Standards.
„Das Unternehmen sollte strukturell lieferfähig, auditfähig und die Prozesse
stabil sein“, meinte auch Jonas Geipel. Der VDMA habe mit Hilfe der Akteure 17
Leitfäden aufbereitet zu Market Entry, Scaling, Security Fragen, damit sich
Maschinenbauer oder andere Akteure etwa aus der Elektrotechnik dort gut
einbringen können, ergänzte Hartmut Rauen. Exportkontrolle, Cybersicherheit und
Informationsschutz haben hier nochmal einen deutlich höheren Stellenwert. „Cybersecurity
ist ein ganz großes Thema. Wenn da etwas verrutscht, hat man sich extrem
verbrannt und das Vertrauen ist für lange Zeit weg“, konstatierte Andreas
Langfeld. Auch aus dem Publikum kam ein Erfahrungsbericht: Grauzonen gebe es im
Defense-Bereich nicht, Audits wären deutlich strenger als in anderen Branchen
üblich. Unternehmen, die eher flexibel agieren, könnten sich hier leicht
verrennen.
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Der nächste Maschinenbau-Gipfel Salon
Am 17. Juni 2026 findet der MBG Salon im Siemens Gerätewerk Erlangen statt. Im Mittelpunkt steht das Thema „Next Level Maschinenbau – wenn das Industrial Metaverse im Betrieb ankommt“. Das Programm umfasst Führungen durch das Digital Experience Center und das Produktionswerk, eine Panel-Diskussion mit Livestream sowie Networking.
Welche Chancen der Defense-Markt für Maschinenbauer bietet
Der initiale Aufwand, in den Verteidigungsmarkt
hineinzukommen, lohnt sich aus Sicht der Diskutanten jedoch klar: Unternehmen
müssten keine Angst haben, dass es sich um eine Eintagsfliege handelt. „Diese
Unternehmen wollen langfristige Vertragsbeziehungen über Jahrzehnte haben“, so
Langfeld. Der „Kitt“ für solche langfristigen Partnerschaften sind aus Sicht
von Geipel Qualität, Ehrlichkeit und die Performance, unter Druck trotzdem
stabil lieferfähig zu bleiben. Fähigkeiten, die viele Maschinenbauer von Haus
aus mitbringen, war sich die Runde einig.
Kögel rechnete vor, dass es bis 2029 mindestens eine
Verdreifachung der Verteidigungsausgaben gebe und Mittel überproportional in Investitionen
laufen. Hier könne es sogar in Richtung Verzehnfachung der investiven Mittel in
die Bundeswehr gehen. „Diesen Markt muss jemand aufgreifen, dieser Ramp-Up muss
stattfinden. Es wird viele Unternehmen geben, die da trotz allen Hürden
reinkommen werden“, so Kögel. Zudem würden auch andere europäische Länder
stärker in Verteidigung investieren.
Internationale Chancen im Defense-Markt
„Wir werden hier – anders als es jetzt im Business normal
ist – die Chinesen nicht so stark als Wettbewerber haben und weltweit einen
hohen Marktanteil in den nächsten Jahrzehnten erreichen können“, war sich
Hartmut Rauen sicher. Dem stimmte auch Kögel zu. Geopolitisch würden einige
Staaten wie China, Russland, Nordkorea und andere vom Markt ausgeschlossen.
Doch noch etwas ändert sich gerade, konstatierte der Militärexperte: Bisher sei
der überwiegende Teil des vom damaligen Bundeskanzler Scholz geschaffene
Sondervermögen für bereits fertig entwickelte Technologien in die USA gegangen.
Von dem Sondervermögen, das jetzt noch einige Jahre jährlich aufgelegt wird, würden
die Gelder mittlerweile sehr vorsichtig in die USA geschoben – was mit der Stabilität,
der Zuverlässigkeit und Berechenbarkeit der Trump-Regierung zu tun habe. Im
Business Case des deutschen Maschinen- und Anlagenbaus müssten deshalb auch
andere Länder wie beispielsweise Kanada oder Dänemark einbezogen werden, die
sich stärker in Richtung europäischer Anbieter orientieren.
Cybersecurity wird zur Eintrittskarte
Im Defense-Geschäft reicht technische Exzellenz allein nicht aus. Cybersicherheit, Informationsschutz und stabile Prozesse werden zu zentralen Voraussetzungen für Lieferanten. Der VDMA beschreibt Cybersecurity und Industrial Security als Grundlage, um cyberresiliente Maschinen und Anlagen sowie vertrauenswürdige Dienste dauerhaft betreiben zu können. Das stützt die Einschätzung aus dem Maschinenbau-Gipfel-Salon: Wer in sicherheitskritische Lieferketten einsteigen will, muss nicht nur liefern können, sondern auch Daten, Systeme und Prozesse zuverlässig schützen. Für Maschinenbauer bedeutet das: ISO 9001, Auditfähigkeit und Digitalisierung sind wichtige Grundlagen – belastbare Security-Strukturen werden im Defense-Markt zum Vertrauensfaktor.
FAQ zum Defense-Markt für Maschinenbauer
• Warum ist der Defense-Markt für Maschinenbauer relevant? – Der Defense-Markt wird durch steigende Verteidigungsausgaben für viele Maschinen- und Anlagenbauer wirtschaftlich relevanter. Gefragt sind unter anderem Bauteile, Produktionsanlagen, Roboter, Komponenten und Dual-Use-Technologien.
• Wie können Maschinenbauer in den Defense-Markt einsteigen? – Der Einstieg erfolgt häufig nicht direkt über das Bundesministerium der Verteidigung, sondern über die Zulieferung an etablierte Rüstungsunternehmen. Netzwerke, Veranstaltungen und Partnerschaften spielen dabei eine wichtige Rolle.
• Welche Eintrittshürden gibt es im Defense-Markt? – Zu den wichtigsten Eintrittshürden zählen Compliance-Vorgaben, aufwendige Dokumentation, strenge Audits, rechtliche Anforderungen, Exportkontrolle, Cybersicherheit und Informationsschutz.
• Welche Rolle spielt Dual Use im Defense-Markt? – Dual-Use-Produkte wie Wälzlager, Hydraulikzylinder, Sensoren oder Bildverarbeitungssysteme können sowohl in zivilen Anwendungen als auch in Defense-Applikationen eingesetzt werden.
• Welche Anforderungen stellt der Defense-Markt an Lieferanten? – Lieferanten müssen stabile Prozesse, strukturelle Lieferfähigkeit, Auditfähigkeit, Qualitätssicherung und eine hohe organisatorische Reife nachweisen können.
• Welche Standards sind im Defense-Markt wichtig? – Als wichtige Grundlagen wurden ISO 9001, Digitalisierung, Auditfähigkeit, weitere Zertifizierungen sowie NATO-Standards genannt.
• Warum ist Cybersicherheit im Defense-Markt besonders wichtig? – Cybersicherheit hat im Defense-Markt einen hohen Stellenwert, weil Fehler beim Schutz von Daten, Systemen und Informationen das Vertrauen langfristig beschädigen können.
• Welche Bedeutung haben Lieferketten im Defense-Markt? – Lieferketten müssen im Defense-Geschäft besonders sorgfältig geprüft werden. Je nach Landesgrenzen, rechtlichen Vorgaben und Sicherheitsanforderungen können Anpassungen notwendig sein.
• Welche Chancen bietet der Defense-Markt dem Maschinenbau? – Der Defense-Markt bietet Chancen auf langfristige Vertragsbeziehungen, steigende Investitionen und neue Absatzmöglichkeiten für Maschinenbauer mit stabilen Prozessen und verlässlicher Lieferfähigkeit.
• Warum verändert sich der Defense-Markt für europäische Anbieter? – Nach Einschätzung der Experten orientieren sich einige Länder stärker in Richtung europäischer Anbieter. Gleichzeitig werden bestimmte geopolitische Wettbewerber vom Markt ausgeschlossen.