Erfolgreicher Test: Europäische Hyperschallrakete erreicht Mach 6
Das Münchner Start-up Hypersonica hat erstmals eine europäische Hyperschallrakete getestet. Der Prototyp erreichte Mach 6 und markiert einen technologischen Meilenstein für Europas Verteidigungsindustrie.
Das deutsch-britisches Start-up Hypersonic hat eine europäische Hyperschallrakete entwickelt und erstmals getestet.Artsiom P - stock.adobe.com - Symbolbild)
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Eine Hyperschallrakete ist eine Rakete, die mit mindestens dem Fünffachen der Schallgeschwindigkeit (ab Mach 5) fliegt und dabei ihre Flugbahn noch aktiv verändern kann. Diese Kombination aus extrem hoher Geschwindigkeit, Reichweite und Manövrierfähigkeit macht sie militärisch wichtig, weil sie bestehende Luft‑ und Raketenabwehrsysteme nur schwer rechtzeitig entdecken und abfangen können und damit auch weit entfernte, gut geschützte oder besonders zeitkritische Ziele in sehr kurzer Zeit bedrohen.
Bei Hyperschallraketen gelten heute vor allem Russland und China als führend, da beide Staaten bereits einsatzfähige Systeme wie „Kinschal“, „Zirkon“ oder die DF‑17 in ihren Arsenalen haben. Die USA, sonst oft technologische Vorreiter, holen mit Programmen wie dem Long‑Range Hypersonic Weapon (LRHW) zwar auf, befinden sich aber überwiegend noch in der Erprobungs‑ und Einführungsphase.
Als zweite Reihe gelten Länder wie Indien, Frankreich, Japan, Nordkorea und der Iran, die eigene Hyperschallprogramme verfolgen, jedoch meist noch im Stadium von Entwicklung, Tests oder begrenzter Einsatzfähigkeit sind.
Erste europäische Hyperschallrakete im Flugtest
In aller Verschwiegenheit hat das deutsch-britische Start-up Hypersonica eine europäische Hyperschallrakete entwickelt und erfolgreich erprobt. Der unbewaffnete Prototyp HS1 startete am 3. Februar vom norwegischen Weltraumbahnhof Andøya und erreichte eine Geschwindigkeit von Mach 6, wie das Unternehmen jetzt mitteilte. Das entspricht mehr als 7.400 Kilometern pro Stunde. Die Reichweite lag demnach bei über 300 Kilometern.
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Nach Angaben von Hypersonica verliefen Aufstieg und Wiedereintritt in die Atmosphäre planmäßig, sämtliche Systeme arbeiteten nominal. Die Leistungsfähigkeit sei bis auf Subkomponentenebene bei Hyperschallgeschwindigkeit validiert worden. Bis 2029 soll der Flugkörper zur Serienreife gebracht werden.
Mit dem Testflug stößt Hypersonica in einen exklusiven Kreis vor. Bislang verfügen nur wenige Staaten wie China, Russland und die USA über Hyperschallraketen oder entsprechende Entwicklungsprogramme. Die Rakete aus europäischer Entwicklung ist mehrere Meter lang und wiegt über eine Tonne. Weitere technische Details machte das Unternehmen nicht öffentlich. Der Hauptsitz von Hypersonica befindet sich in München, eine Tochtergesellschaft ist in London angesiedelt.
Russland hat nach eigenen Angaben im Ukraine-Krieg bereits Hyperschallraketen eingesetzt. Aufgrund ihrer extrem hohen Geschwindigkeit gelten diese Systeme als besonders schwer abzufangen. Seit Jahren diskutieren Militärs und Rüstungsexperten, ob Hyperschallwaffen die bestehenden militärischen Kräfteverhältnisse zwischen den USA und Europa auf der einen sowie China und Russland auf der anderen Seite nachhaltig verändern könnten.
Souveräne europäische Hyperschallrakete als Ziel
Vor dem Hintergrund wachsender Zweifel an der langfristigen Verlässlichkeit der USA unter Präsident Donald Trump formulieren die Gründer von Hypersonica einen klaren Anspruch: Europa soll bis 2029 über „die erste souveräne Hyperschall-Fähigkeit“ verfügen. Der jetzt absolvierte Testflug gilt als erster Schritt auf diesem Weg.
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Die technologische Basis der Hyperschalltechnik ist nicht neu, ihre Ursprünge reichen bis in die 1930er-Jahre zurück. Moderne Hyperschallraketen sollen jedoch steuerbar und hochpräzise sein. „Der Motor ist nicht so sehr das Problem, die technische Herausforderung besteht darin, mit Hyperschallgeschwindigkeit zu fliegen und gleichzeitig mit hoher Präzision zu manövrieren“, sagte Geschäftsführer und Mitgründer Philipp Kerth gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. „Bei der hohen Geschwindigkeit entsteht sehr große Hitze.“
Datensammlung als Schlüssel für die Weiterentwicklung
Ziel des Testflugs sei es gewesen, möglichst viele Daten zu gewinnen. „Wir sind die erste Firma in Europa, die einen privat finanzierten Hyperschall-Testflug durchgeführt hat“, so Kerth. Der Physiker gründete Hypersonica gemeinsam mit dem Luftfahrt-Ingenieur Marc Ewenz. Beide haben in Oxford im Bereich Hyperschalltechnologie promoviert.
In einer Mitteilung erklärten Kerth und Ewenz: „Hypersonica hat einen wichtigen Meilenstein auf dem Weg zur Entwicklung von Europas erster souveräner Hyperschall-Schlagfähigkeit bis 2029 erreicht. Unser Testflug lieferte wertvolle Datensätze, die in die Entwicklung künftiger Hochgeschwindigkeitssysteme einfließen werden.“ Weiter heißt es: „Als privat finanziertes Start-up sollte unsere Geschwindigkeit vom Entwurf bis zur Startrampe in nur neun Monaten die Erwartungen an Kosten und Entwicklungszeiten neu kalibrieren.“
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Entwicklung nach dem Vorbild von Space X
Hyperschall sei in Europa über Jahrzehnte hinweg vernachlässigt worden, sagte Kerth. „Europa hat keine 20 Jahre Zeit, und wir haben keine 20 Milliarden.“ Als Vorbild nennt er das Raumfahrtunternehmen Space X von Elon Musk. Dieses habe gezeigt, dass sich Entwicklungszeiten für Raketen drastisch verkürzen lassen. „Die haben Entwicklungszeit und -aufwand um 80 bis 90 Prozent reduziert“, sagte Kerth. „Das übertragen wir jetzt auf den Hyperschallbereich.“
Nach Unternehmensangaben benötigte Hypersonica nur neun Monate von der Konzeptphase über Design, Beschaffung, Integration und Bodentests bis hin zum Start. Eine modulare Architektur soll schnelle Weiterentwicklungen ermöglichen und die Kosten im Vergleich zu konventionellen Ansätzen um mehr als 80 Prozent senken. Damit, so das Unternehmen, lasse sich eine europäische Hyperschallrakete im Zeitrahmen der NATO- und britischen Hyperschallprogramme bis 2030 realisieren.
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Mit Material der dpa und von Hypersonic
FAQ zur Hyperschallrakete
Was ist das Besondere an der getesteten Hyperschallrakete? - Die Hyperschallrakete erreichte im Testflug Geschwindigkeiten von über Mach 6 und wurde vollständig privat finanziert.
Wer entwickelt die europäische Hyperschallrakete? - Verantwortlich ist das deutsch-britische Start-up Hypersonica mit Hauptsitz in München.
Warum gelten Hyperschallraketen als militärisch relevant? - Aufgrund ihrer extrem hohen Geschwindigkeit sind Hyperschallraketen besonders schwer abzuwehren.
Wann soll die Hyperschallrakete einsatzreif sein? - Hypersonica strebt die Serienreife und volle Einsatzfähigkeit bis zum Jahr 2029 an.