Mit Isar Aerospace, Rocket Factory Augsburg (RFA) und Hyimpulse verfügt Deutschland über drei ernst zu nehmende Microlauncher-Anbieter. Der Schritt zum kommerziellen Regelbetrieb steht aber noch aus.
Manfred GodekManfredGodek
Eine Spectrum-Rakete des deutschen Unternehmens Isar Aerospace auf ihrem Launchpad in Andoya - sind hiesige Microlaunch-Unternehmen wirklich schon eine ernst zu nehmende Größe in der Space-Branche?Isar Aerospace
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Summary: Isar Aerospace, Rocket Factory Augsburg und HyImpulse entwickeln in Deutschland eigene Microlauncher für kleine und mittlere Satelliten. Die Unternehmen bereiten weitere Starts in Europa und darüber hinaus vor, müssen aber noch einen zuverlässigen und wirtschaftlich tragfähigen Regelbetrieb nachweisen. Entscheidend werden Starttakt, Kosten, institutionelle Nachfrage und die Fähigkeit, Kundenmissionen planbar zu bedienen.
Die deutschen Microlauncher-Anbieter im Überblick
Isar Aerospace:
Sitz: Raum München
Rakete: Spectrum
Technologie: Flüssigsauerstoff und Propan
Nutzlast: bis zu 1.000 Kilogramm in niedrige Erdorbits
Stand: Erster Testflug im März 2025, zweiter Flug in Vorbereitung
Besonderheit: Mehr als 400 Mitarbeiter und geplante Kapazität von bis zu 40 Raketen pro Jahr
Am 30. März 2025 hebt auf
dem norwegischen Andøya Spaceport „Spectrum“ ab. Die Rakete von Isar Aerospace soll zeigen, dass
ein deutsches Start-up eine orbitalfähige Trägerrakete entwickeln, bauen und
starten kann. Nach rund 30 Sekunden ist der Flug vorbei. Spectrum fällt kontrolliert
ins Meer. Für Raumfahrtunternehmen ist auch ein früh endender Testflug
wertvoll, wenn die Daten den nächsten Versuch beschleunigen.
Isar spricht von einem
unbeabsichtigten Öffnen eines Entlüftungsventils und Verlust der
Fluglagensteuerung zu Beginn einer Drehung um die Längsachse. Das
Flugabbruchsystem habe wie vorgesehen funktioniert. „Die notwendigen
Korrekturmaßnahmen haben wir bereits umgesetzt; nun wollen wir bald wieder
zurück an die Startrampe. Wir starten, lernen und machen weiter“, sagte
Alexandre Dalloneau, Vice President Mission and Launch Operations bei Isar
Aerospace. Der zweite Spectrum-Flug soll fünf CubeSats und eine weitere
Versuchsnutzlast transportieren. CubeSats sind kleine, standardisierte
Satelliten; ihre Grundeinheit misst 10 mal 10 mal 10 Zentimeter, größere
Varianten bestehen aus mehreren solcher Einheiten. Er wurde 2026 mehrfach
verschoben oder abgebrochen - unter anderem wegen eines Problems mit einem
Druckventil, eines unbefugten Wasserfahrzeugs im dem für den Start gesperrten
Seegebiets sowie wegen auffälliger Messwerte in den Flüssigkeits- und
Drucksystemen.
Isar berichtet zugleich
von Kundenmissionen bis 2028 und vom Ausbau der Startinfrastruktur, unter
anderem am Spaceport Nova Scotia in Kanada. Das unterstreicht den
Expansionsanspruch, bleibt aber Zielbild. Erst der wiederholte Betrieb zeigt,
ob Kundenmissionen planbar bedient werden können.
„Kunden werden die
Startdienste nur nachfragen, wenn Zuverlässigkeit und Sicherheit gewährleistet
sind. Wenn das erfüllt ist, kommen auch die kommerziellen Abwägungen – insb.
die Launchkosten pro kg und die Verfügbarkeit von Launchkapazitäten zum Tragen“,
so Manfred Hader, Senior Partner bei Roland Berger und dort Leiter des globalen
Teams Luft- und Raumfahrt & Verteidigung. Roland Berger hatte bereits 2022
in der Studie „Lift-off – How Europe can develop and secure a small-satellite
launcher solution“ beschrieben, wie Europa eigene Startkapazitäten für
Kleinsatelliten aufbauen und sichern kann. Wie unter anderem der Fall Isar
zeigt: Microlauncher haben Fabriken, Prüfstände, Startplätze, Triebwerke,
Kapital und Kundenankündigungen. Was fehlt, ist verlässliche Startpraxis.
Europas Rückstand
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Die Frage ist
wirtschaftlich, technologisch und geopolitisch zugleich. Satelliten liefern
Kommunikation, Erdbeobachtung, Navigation und militärische Aufklärung. Wer sie
nicht in die Umlaufbahn bringen kann, bleibt abhängig. Laut einer Studie des
European Centre for International Political Economy (ECIPE) gab es 2025 in den
USA 181 Orbitalstarts, in China 92, in der EU aber nur 8; 2023 und 2024 waren
es dort jeweils nur 3. Bei Satelliten-Deployments ist der Abstand größer: 2025
entfielen auf EU-Akteure 135 Satelliten, auf China 371 und auf US-Akteure mehr
als 3.700. „Europa steht an einem kritischen Punkt in der Entwicklung der
globalen Raumfahrtwirtschaft“, heißt es.
In den Startlöchern:
Isar Aerospace
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Isar Aerospace ist der
sichtbarste und am stärksten finanzierte deutsche Kandidat. Das 2018 gegründete
Unternehmen sitzt im Raum München und entwickelt die mit Spectrum eine
zweistufige Trägerrakete für kleine und mittlere Satelliten. Diese nutzt
Flüssigsauerstoff und Propan und soll nach Unternehmensangaben bis zu 1.000
Kilogramm in niedrige Erdorbits bringen. Isar beschäftigt nach eigenen Angaben
mehr als 400 Mitarbeiter; im Juni 2026 sammelte das Unternehmen 270 Millionen
Euro ein. In Parsdorf bezieht es zurzeit eine neue Produktionsstätte, die
perspektivisch den Bau von bis zu 40 Spectrum-Raketen pro Jahr ermöglichen
soll. „Der Weltraum ist längst kein Neuland mehr – er ist das Fundament
staatlicher Handlungsfähigkeit“, sagte Isar-Mitgründer und CEO Daniel Metzler
in der Mitteilung zur Series-D-Finanzierung.
Spectrum-Rakete von Isar-Aerospace beim Roll-Out.Isar Aerospace / WINGMEN Media GmbH Tim Koenig
Rocket Factory Augsburg (RFA)
RFA verfolgt einen
anderen industriellen Ansatz. Das Unternehmen entstand 2018 als Corporate
Spin-off der OHB-Tochter MT Aerospace, einem Augsburger Raumfahrtzulieferer. Kernprodukt
ist RFA ONE, eine dreistufige Trägerrakete mit gestufter Verbrennung für kleine
und mittlere Satelliten. RFA ONE Block 1 soll zunächst 500 Kilogramm, RFA ONE
Block 2 bis zu 1.500 Kilogramm in den Orbit bringen. Die zusätzliche Oberstufe Redshift
soll Nutzlasten präzise aussetzen können. RFA setzt auf industrielle
Komponenten und Standardisierung. „Wir bauen Raketen wie Autos“, lautet der
Unternehmensclaim auf der RFA-Website.
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Rocket Factory Augsburg.were - stock.adobe.com
Auch RFA musste einen
Rückschlag verkraften. Im August 2024 hat bei einem Qualifikationstest auf dem
schottischen SaxaVord Spaceport der erste Prototyp versagt. Verletzt wurde
niemand.
Im Januar 2025 meldete RFA die britische Startlizenz für RFA ONE; im
März 2026 lieferte das Unternehmen die erste und zweite Raketenstufe nach
SaxaVord. „Nach dem Vorfall 2024 haben wir alles gründlich überprüft,
analysiert und getestet. Anschließend haben wir die Systeme verbessert, um eine
noch höhere Zuverlässigkeit zu erreichen“, sagte Dr. Stefan Brieschenk, Chief
Development Officer bei RFA. Laut aktueller Planung soll die erste Orbitalflug noch
im 2026 stattfinden.
Hyimpulse
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Das Team der SR75 von Hyimpulse vor seiner Rakete.Hyimpulse
Das Unternehmen aus
Neuenstadt am Kocher (Baden-Württemberg, 100 Mitarbeiter) setzt auf einen
dritten technischen Weg. Während Isar und RFA mit Flüssigtriebwerken arbeiten,
nutzt HyImpulse einen Hybridantrieb aus Paraffin und Flüssigsauerstoff. Die
kleinere SR75 demonstrierte diesen Ansatz suborbital: Am 3. Mai 2024 startete
sie vom Koonibba Test Range in Südaustralien – es war der „Übergang von
langjähriger Forschung und Entwicklung hin zu nachgewiesener Flugtauglichkeit -
von einem Startup mit einer Vision zu einem Unternehmen, das operative
Leistungen erbringt“, so Dr. Christian Schmierer, Mitgründer und Co-CEO von
HyImpulse. Für 2027 ist der Start der SL1-Rakete angestrebt, die Nutzlasten von
bis zu 600 Kilogramm in die erdnahe Umlaufbahn befördern soll. HyImpulse
verweist zudem auf eine 45-Millionen-Euro-Finanzierung, noch in diesem Jahr
angestrebte Starts von SaxaVord in Schottland und eine Absichtserklärung für
mögliche Startaktivitäten im Oman.
Staatliche Hilfe, offener Markt
Drei Anbieter, drei
Profile – aber eine offene Frage: die wirtschaftliche Belastbarkeit. Isar
verweist auf Kapital und Kundenmissionen; RFA auf Kosten, Standardisierung und
industrielle Fertigungslogik; HyImpulse auf Finanzierung und flexible
Startdienste. Hinzu kommen Startplätze und institutionelle Nachfrage. Doch
belastbare Marktpreise und wiederkehrende Umsätze gibt es bislang nicht.
Entscheidend ist, wer aus Starts einen planbaren, bezahlbaren und
wiederholbaren Dienst macht.
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Ohne staatlichen
Rückenwind wären die drei Anbieter kaum so weit gekommen. In der Vorphase
erhielten HyImpulse, Isar und RFA jeweils 500.000 Euro. Organisiert wurde der
Wettbewerb von der Deutschen Raumfahrtagentur im DLR; die Mittel kamen aus dem
ESA-Programm „Boost!“.[ii]
In den Hauptrunden gewannen Isar und RFA jeweils 11 Millionen Euro für die
weitere Qualifikation ihrer Trägersysteme. Im Gegenzug sollten sie auf frühen
Demonstrationsflügen DLR-Nutzlasten mitnehmen. Ende 2024 kamen laut European
Spaceflight weitere 95 Millionen Euro vonseiten der Bundesregierung für Isar,
RFA und HyImpulse hinzu.[iii]
Das Geld sollte die finale Entwicklungsphase stützen und sie für die European
Launcher Challenge positionieren. Die ESA verlangt von ausgewählten Anbietern
einen erfolgreichen Orbitalstart spätestens 2027.
Staat und Markt waren in
der Raumfahrt nie sauber getrennt. SpaceX ist nicht ohne NASA- und
Pentagon-Aufträge groß geworden. Die Frage lautet: Schafft öffentliche
Nachfrage einen wettbewerbsfähigen Markt – oder finanziert sie parallele
Anbieter, von denen am Ende nur einer überlebt? Erik Kulus NewSpace Index zählt 216
Small-Launcher-Projekte weltweit. Davon gelten 17 als operativ, 67 befinden
sich in aktiver Entwicklung; rund die Hälfte entwickelt keine Hardware mehr
aktiv.
Erdbeobachtung,
Kommunikation, Verteidigung und Forschung erzeugen wachsenden Datenbedarf. Aber
nicht jede Nutzlast braucht einen eigenen Kleinraketenstart; viele können
günstiger auf größeren Trägern mitfliegen. Den Preis- und Taktmaßstab setzt
SpaceX - mit einem Einstiegspreis von 350.000 Dollar für 50 Kilogramm. Das entspricht 7.000 Dollar je Kilogramm; zusätzliche Masse wird ebenfalls mit
7.000 Dollar je Kilogramm berechnet. Umgerechnet sind dies derzeit rund 6.100
Euro je Kilogramm. RFA hat 2021 einen Startpreis von 3 Millionen Euro
angekündigt. Bei 1.300 Kilogramm Nutzlast wären das rund 2.300 Euro je
Kilogramm. Ein belastbarer Regelbetriebspreis ist das sicherlich nicht. Mit
neuen Zahlen sind die Anbieter umso vorsichtiger; sie veröffentlichen keine. „Am
Markt sind seit 2021 deutliche Verschiebungen in Bezug auf Angebot und
Nachfrage zu sehen. Ein Regelbasispreis ist zum heutigen Stand noch nicht fest
kommunizierbar“, heißt es aus Augsburg.
Die zentrale Frage
lautet, wofür Kunden am Ende mehr bezahlen: für schnellere Verfügbarkeit,
genauere Zielorbits oder größere Unabhängigkeit. Für militärische,
sicherheitskritische oder zeitkritische Nutzlasten kann das entscheidend sein. Staatliche
und militärische Kunden zahlen für Verfügbarkeit, Souveränität und Redundanz. Preissensible
kommerzielle Kunden möglicherweise nicht.
„Wenn Zeit nicht das
ausschlagende Kriterium ist, lassen sich die Starts mehrerer Satelliten auch in
größeren Trägerraketen bündeln, was in der Regel kostengünstiger ist. In der
aktuellen Situation mit begrenztem Startangebot in Europa könnten neue
Microlauncher das Angebot und damit die souveränen Kapazitäten vergrößern“, so
Manfred Hader von Roland Berger. Darüber hinaus ließen sich in den Unternehmen
Fähigkeiten aufbauen, die auch in Richtung Entwicklung und Fertigung großer
Trägerraketen weiterentwickelt werden könnten, was das souveräne Angebot and
Startkapazitäten in Deutschland bzw. Europa weiter.
Inzwischen wird Nachfrage
stärker sicherheitspolitisch begründet. Isar spricht davon, dass sich die
Nachfrage binnen zwölf Monaten von fast ausschließlich zivil auf 60 Prozent
Verteidigungsnachfrage verschoben habe.
Militär als
Ankerkunden
Der Brüsseler Thinktank
European Centre for International Political Economy (ECIPE) zeigt auf, wie hoch
die Hürde im internationalen Wettbewerb ist. Sie sieht Europas Rückstand als
Ausdruck struktureller Probleme: Kapitalmarktlücke, fragmentierte öffentliche
Investitionen und Old-Space-Industriepolitik. Zwar habe die EU eine mit den USA
vergleichbare Zahl führender Raumfahrt-Start-ups. Diese seien aber deutlich
geringer finanziert: 42 Prozent der führenden EU-Space-Start-ups hätten weniger
als 10 Millionen US-Dollar eingeworben, in den USA seien es 8 Prozent. Im
Durchschnitt liege die Finanzierung je Space-Start-up in der EU bei gut 48
Millionen US-Dollar, in den USA bei fast 317 Millionen.
„Europas
Raumfahrtwirtschaft braucht ein grundlegendes Umdenken: im Zusammenspiel von
öffentlicher Politik, privatem Kapital und industrieller Organisation“, heißt
es weiter. Manfred Hader wird konkreter: „Deutschland bzw. Europa müssen mit
Ihrer institutionellen und militärischen Nachfrage als Ankerkunden auftreten
und den Unternehmen mit langfristig planbaren Aufträgen ermöglichen, Ihre
Entwicklungs- und Fixkosten zu amortisieren. Nur so werden die Unternehmen auch
in der Lage sein, mit wettbewerbsfähige Angeboten im kommerziellen Markt zu
bestehen.“
Für den
Technologiestandort Deutschland geht es nicht nur darum, welche Rakete zuerst
die Umlaufbahn erreicht. Microlauncher bündeln Fähigkeiten mit hohem
Dual-Use-Potenzial: Triebwerksentwicklung, Turbomaschinen, Kryotechnik, Tanks,
Werkstoffe, Avionik, Software, Sensorik, additive Fertigung, Prüfstandstechnik,
Qualitätssicherung und Systemintegration. Was für zivile Satellitenstarts
entwickelt wird, kann auch für sicherheits- und verteidigungsrelevante
Anwendungen Bedeutung gewinnen.
FAQ zu Raketenfirmen und Microlaunchern aus Deutschland
• Welche deutschen Microlauncher-Anbieter gibt es? – Isar Aerospace, Rocket Factory Augsburg und HyImpulse entwickeln eigene Trägerraketen für kleine und mittlere Satelliten.
• Welche Nutzlasten können die Microlauncher transportieren? – Spectrum soll bis zu 1.000 Kilogramm, RFA ONE je nach Version bis zu 1.500 Kilogramm und die HyImpulse SL1 bis zu 600 Kilogramm befördern.
• Wann starten die deutschen Microlauncher in den Orbit? – Isar Aerospace bereitet den zweiten Spectrum-Flug vor, RFA plant den ersten Orbitalflug für 2026 und HyImpulse strebt den Start der SL1 für 2027 an.
• Warum sind Microlauncher für Europa wichtig? – Sie können unabhängige Startkapazitäten schaffen und die Verfügbarkeit für zivile, institutionelle und militärische Nutzlasten erhöhen.
• Was fehlt den deutschen Microlaunchern zum Regelbetrieb? – Erforderlich sind verlässliche Starts, wiederholbare Abläufe, planbare Startkapazitäten, belastbare Preise und wiederkehrende Umsätze.