Ein vierrädriger, für industrielle Inspektionen optimierter Roboter.

Ein vierrädriger, für industrielle Inspektionen optimierter Roboter von N Robotics. (Bild: N Robotics)

„Einerseits gab es große Fortschritte bei der mobilen Robotik mit futuristisch anmutender Technologie, zugleich war sie nicht in Unternehmensszenarien anzutreffen. Wir haben uns gefragt, wie das zustande kommt und warum diese Roboter nicht in die industrielle Anwendung finden“, erklärt Elisa Czerski. Die Gründerin von N Robotics bringt einen unkonventionellen Hintergrund mit. Sie studierte VWL und Jura, arbeitete für ein Beratungsunternehmen im Finanzwesen mit Spezialisierung darauf, wie Krisen entstehen. „Ich wollte verstehen, wie Wirtschaft und Wertschöpfung in der Industrie funktioniert“, so die 30-Jährige.

Dann folgte ein Philosophiestudium mit Schwerpunkt auf KI, Neurowissenschaften und Robotik. Statt sich an die Promotion zu setzen, gründete sie 2021 N Robotics. Während Czerski sich um Business, Investoren und Belegschaft kümmert, bringt Mitgründer Ludwig Färber seine industrielle und technologische Erfahrung ein.

Zuvor war der Entwickler im 3D-Druck und anderen Deep-Tech-Projekten unterwegs, wo es vor allem auf die Verbindung von Elektronik, Firmware und Hardware ankam. Die kurzen Iterationszyklen in der Entwicklung helfen dem Fullstack-Startup, mit größeren Wettbewerbern mitzuhalten.

Roboter: Was der Industrie besonders wichtig ist

Zunächst brachte N Robotics Komponenten wie Aktuatoren und Sensoren auf den Markt, um Roboter aufzurüsten oder selbst zu bauen. Die ersten Kunden waren Industrieunternehmen, die selbst versuchten, mobile Robotik-Lösungen zu entwickeln. Das Feedback zeigte jedoch, dass die Thematik für die Konzerne meist zu unzugänglich war und zu viel Spezialwissen erforderte. Aus dieser Erkenntnis heraus entwickelte das Start-up dann erste eigene Lösungen.

2022 kam zunächst ein vierbeiniger Roboter auf den Markt. „Unseren Kunden war es weniger wichtig, wie der Roboter aussieht. Ihnen kam es vor allem auf Verlässlichkeit und eine lange Akkulaufzeit an“, berichtet Elisa Czerski. Beides war mit dem komplexen vierbeinigen Roboter schwierig. Die Gründer gingen zum Einsatz von Rädern statt Beinen über und brachten einen vierrädrigen, für industrielle Inspektionen optimierten Roboter auf den Markt.

Damit kann etwa Infrastruktur wie Produktionsanlagen autonom abgefahren, Messpunkte (Points of Interest) aufgenommen, gelabelt und ausgewertet werden. Ist eine Aktion erforderlich, wird die Information weitergegeben. KI und Predictive Maintenance sind wichtige Themen, die Systeme übernehmen das Sammeln und Auswerten der Daten komplett autonom.

Wofür die modularen Systeme genutzt werden können

Das Start-up trieb seine Entwicklung schnell voran: Aufgrund der Restriktionen eines vierrädrigen Systems beim Überwinden von Hindernissen oder Treppen setzte man bei der zweiten Generation erneut auf vier Beine, jedoch kombiniert mit Rädern. Zwar lassen sich die Beine für mehr Versatilität einzeln bewegen, dennoch können die Räder weiterhin größere Distanzen bewältigen.

Die Systeme sind modular für verschiedene Aufgaben konzipiert und können mit unterschiedlicher Sensorik auch von Partnern ausgerüstet werden, darunter Wärmebild- oder Akustikkameras, Lidar, Radar oder Roboterarme.

Ein System kann beispielsweise genutzt werden, um eine Produktionsstraße zu überwachen oder im Outdoor-Bereich für die Werkssicherheit eingesetzt werden. Wichtigstes Ziel war, die Komplexität aus der Bedienung zu nehmen. „Wir wollten es so einfach machen wie einen Staubsaugerroboter für zuhause, also eine intuitive Nutzung per App ohne Fachwissen“, erklärt die Gründerin.

Skalierbarkeit von Robotik als USP

Bisher waren in der mobilen Robotik aufwendige Projekte mit vielen Beteiligten wie Herstellern, Software- und Sensoranbietern sowie Beratungsleistung üblich. „Wir haben von unseren Kunden gelernt, dass sie keine individuellen, sondern skalierbare Lösungen aus einer Hand brauchen. Automotive-Zulieferer wollen die gleiche Lösung zum Beispiel hunderte Male weltweit ausrollen“, begründet Czerski den Ansatz, alles aus einer Hand zu liefern.

Dass der Ansatz auch die Maschinenbau-Community überzeugt, zeigte sich bei der Start-up-Challenge beim Kongress 'Digitale Fabrik' in diesem Jahr. N Robotics ging hier mit Abstand als Sieger aus dem Rennen hervor. „Es war für uns sehr positiv, uns einem Fachpublikum vorzustellen. Wir konnten viele potenzielle Kunden kennenlernen – und auch schon einige davon beliefern“, so Czerski.

Kongress Digitale Fabrik

Digitale Fabrik
(Bild: Gorodenkoff - stock.adobe.com)

Auf dem Kongress "Digitale Fabrik" treffen sich jährlich Expertinnen und Experten der digitalen Produktions- und Fertigungsplanung zum intensiven und vor allem persönlichen Austausch.

 

Der nächste Kongress findet 2025 statt.

 

Weitere Informationen zum Kongress gibt es hier: Alles zur Digitalen Fabrik!

Im Maschinen- und Anlagenbau würden die Systeme meist dort genutzt, wo Produkte zusammengebaut werden, oder um verschiedene Prozesse, Maschinen, Schaltschränke oder Arbeitssicherheit zu überwachen. „Wir sind auch in Gesprächen mit Kunden, die überlegen, zusammen mit dem Produkt einen Roboter für die vorausschauende Wartung mitzuliefern“, sagt Czerski. Auch die Smart Factory sei ein Thema. Für Digitale Zwillinge einer Fabrik könnte ein Roboter herumfahren und eine Punktewolke aus den gesammelten Daten erzeugen und diese in unterschiedliche Dateiformate übersetzen – etwa für das Metaverse, Konstruktions- oder Planungssoftware.

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Ein weiteres Ziel: Frauen in die Robotik bringen

Rund 20 Mitarbeitende sind für das Jungunternehmen tätig. Die Frauenquote ist mit 30 bis 40 Prozent überdurchschnittlich hoch. Die meisten im Team kommen aus dem Maschinenbau und haben sich dann in Richtung Elektronik oder Software entwickelt. Mehr Frauen für die Branche zu begeistern, ist ein Herzensthema für die Gründerin, die sich in der Initiative „Women in Robotics“ auch an Schulen engagiert.

Zudem gehörten ganz praktische Aspekte wie die Möglichkeit, von Zuhause zu arbeiten und Elternzeit neben einer werteorientierten, inklusiven Kommunikation dazu. In diesem Jahr ist geplant, auf 30 bis 40 Mitarbeitende anzuwachsen, dafür wird derzeit nach weiteren Expert*innen gesucht.

Bisher hat man sich selbst finanziert. „So hatten wir die Möglichkeiten, früh mit Kunden zu arbeiten und unser Produkt adaptiv anhand des Feedbacks zu entwickeln, anstatt Geldgeber glücklich zu machen“, sagt Elisa Czerski. Doch jetzt will man das Produktangebot skalieren und steckt gerade mitten in der ersten Finanzierungsrunde.

Auch hier hat das Team sehr konkrete Vorstellungen, mit welchen Partnern man zusammenarbeiten will. „Unser Ziel ist, mit den Robotern die Arbeit für Menschen zu erleichtern, aber nicht, die Menschen zu ersetzen“, so die Gründerin, die zuvor schon im Start-up Rethink Ethics & Tech aktiv war.

Gründerin Lena Weirauch über ihr KI-Start-up, Predictive Maintenance und ihr Psychologie-Studium

Das hat sich das Start-up vorgenommen

In Europa würden aufgrund von Datenschutzthematik und zahlreichen Sicherheitsvorgaben hauptsächlich Roboter von westlichen Anbietern genutzt. „Das Thema zweibeinige Roboter wird wichtiger, in den USA werden derzeit humanoide Roboter gefördert. Wir haben schon einige im Büro und es ist schön zu sehen, dass wir dieselbe Innovationskraft haben“, sagt Czerski und schmunzelt.

Allerdings gehe es nicht um Haushaltsroboter, sondern um Einsatzszenarien in der Industrie, zum Beispiel in engen Reinräumen oder Laboren, wo die Zweibeiner entsprechend weniger Platz für Inspektionsaufgaben benötigen. Zugleich sei deren Technologie komplexer. Derzeit läuft die Prototypenphase, in ein, zwei Jahren will man hier mit ersten Kunden zusammenarbeiten.

Das Ziel für die nächsten drei Jahre besteht darin, ein Ökosystem für mobile Roboter zu schaffen, mit vielen Komponenten und unterschiedlichen Sensoroptionen. Dazu gehören beispielsweise Akustik - und Thermalkameras oder Zoom-Kameras, um auch weit entferntere Objekte zu erkennen.

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