Rockwell Automation rückt KI, digitalen Zwilling und Software Defined Automation in den Mittelpunkt. Michael Maurer skizziert im Interview, wie diese Themen das Engineering beschleunigen und Prozesse optimieren.
Welche Strategie verfolgt Rockwell Automation bei KI? Intelligente Technologien verkürzen Engineeringzeiten und stärken Software Defined Automation.greenbutterfly - stock.adobe.com
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Herr Maurer, eines Ihrer Fokusthemen sind intelligente Technologien.
Welche Fortschritte gibt es in diesem Bereich?
Michael Maurer: Der zentrale Fokus liegt darauf, die Engineeringzeit
deutlich zu reduzieren. Der Fachkräftemangel ist allgegenwärtig, nicht nur in
der Industrie. Deshalb setzen wir auf Lösungen, die den
Einarbeitungsaufwand für Fachkräfte signifikant senken und nicht im
Schaltschrank verortet sind. Unsere KI-Lösungen wurden
gezielt für das OT-Personal entwickelt und lassen sich einfach im
Operationsbereich implementieren, ganz ohne tiefgreifendes IT-Spezialwissen. Dadurch
verkürzen sich die Durchlaufzeiten, bis eine Maschine einsatzbereit ist.
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Ein besonderes Highlight sind unsere KI-basierten
Lösungen. Wir unterscheiden dabei drei Bereiche:
Michael Maurer ist Team Leader Domain Experts & Solution Consultants bei Rockwell Automation.Rockwell Automation
VisionAI:
Dieser Bereich zielt auf die Qualitätskontrolle. Diese gibt es zwar schon
lange, meist jedoch nur in Form einer Gut-/Schlecht-Bewertung. Wir verstehen
uns dabei nicht als Kamerahersteller, sondern liefern den KI-Anteil. Anstatt
nur „Gut” oder „Schlecht” zu erkennen, können wir detailliert auswerten,
welcher Defekt vorliegt. Das ermöglicht es, Prozesse gezielt anzupassen. Zudem
können wir beispielsweise aufgedruckte Schrift auf Produkten zuverlässig
auslesen.
LogixAI:
Hier geht es um Prozessoptimierung. Ein klassisches Beispiel ist die
Flaschenabfüllung, etwa bei Shampoo. In der Regel wird etwas mehr abgefüllt als
angegeben, um Unterfüllung zu vermeiden. LogixAI erkennt die Abhängigkeiten
zwischen den einzelnen Prozessvariablen und berechnet kontinuierlich den
optimalen Zustand. Wenn der Druck beispielsweise leicht erhöht ist, weiß das
System, dass eine kürzere Abfüllzeit ausreicht. Diese Abhängigkeiten werden
intelligent berücksichtigt.
GuardianAI unterstützt
den Bereich Predictive Maintenance. Das System erkennt frühzeitig Anzeichen für
mögliche Defekte – nach dem Motto: „Ich bin der Motor und könnte demnächst
ausfallen.“ Auf diese KI-Themen legen wir derzeit einen besonders großen Fokus.
Generative KI im Engineering: Mit dem in unser
FactoryTalk Design Studio integrierten Copilot setzen wir auch im Design- und
Engineeringprozess auf generative KI. Der Copilot unterstützt Programmierer
aktiv beim Erstellen von Steuerungscode, erleichtert die Übersetzung älterer
Programmierstandards in moderne Sprachen und beschleunigt so den gesamten
Entwicklungsprozess.
Werden diese Lösungen bereits breit in der Industrie
eingesetzt oder befinden wir uns noch am Anfang der Implementierung?
Maurer: LogicxAI und GuardianAI sind bereits im Einsatz. VisionAI ist hingegen noch relativ neu auf dem Markt, findet aber bereits
Anwendung. Dennoch
führen wir bereits sehr gute Gespräche mit Kunden.
In vielen
Produktionen sieht der Maschinenbediener bislang lediglich eine
Gut-/Schlecht-Anzeige. Wenn jedoch zusätzlich ersichtlich wird, warum ein Teil
als schlecht bewertet wurde, können Prozesse gezielt angepasst oder Bauteile
gezielt nachgeprüft werden.
Zwar reicht eine reine Gut-/Schlecht-Entscheidung aus, um
Ausschuss zu vermeiden, doch um Ursachen zu identifizieren und nachhaltig zu
verbessern, sind detailliertere Informationen notwendig.
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In Ihrem FactoryTalk Design Studio, dem Tool zur
Programmierung der Steuerungen, ist ein Copilot integriert. Copilot-Systeme werden
auch zunehmend zum Lernen im Werk genutzt – zum Beispiel, wenn Instandhalter
gezielt nachfragen, um sich Wissen wieder ins Gedächtnis zu rufen. Beobachten
Sie das auch?
Maurer: Das beobachten wir ebenfalls. Unser Copilot ist direkt in
das FactoryTalk Design Studio integriert und nutzt generative KI, um das Wissen
und die Expertise der Anwender gezielt zu erweitern. Mithilfe natürlicher
Sprache lässt sich SPS-Code erstellen, das steigert die Produktivität erheblich
und verändert grundlegend, wie Ingenieure arbeiten und neue Lösungen entwickeln.
Ein weiterer Aspekt ist der Generationswechsel: Ältere
Programmierstandards und neue Programmiersprachen lassen sich damit leichter
übersetzen. Das vereinfacht die Übergabe erheblich. Vor zwei Jahren war dieses
Thema auf der Hannover Messe noch sehr theoretisch, heute sehen wir hingegen
zahlreiche praxisnahe Anwendungen.
Das spart vor allem Zeit.
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Maurer: Genau. Zeit ist Geld – und genau dort setzen diese
Technologien an.
Sie haben kürzlich Emulate 3D vorgestellt. Was
steckt da dahinter?
Maurer: Passend zu den intelligenten Technologien kommen wir nun zum
digitalen Zwilling. Kürzlich wurde die Integration mit Eplan veröffentlicht.
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Bisher konnten wir die mechanische Konstruktion mit Emulate
3D und der SPS koppeln und so eine virtuelle Inbetriebnahme durchführen. Was
bislang gefehlt hat, war der elektrische Teil. Durch die Eplan-Integration wird
nun auch die elektrische Konstruktion, beispielsweise Schaltschränke, Taster
oder Schalter, mit einbezogen.
So lässt sich prüfen, ob die elektrische Planung tatsächlich
funktionsfähig ist oder ob sich Fehler eingeschlichen haben. Dadurch wird der
digitale Zwilling deutlich umfassender.
Ein weiteres spannendes Thema ist die Integration von Nvidia
Omniverse. Dabei wird Emulate 3D direkt in die Omniverse-Plattform eingebunden.
Dort können mehrere Simulationen zusammengeführt werden und es lassen sich
hochwertige Renderings und Videos erzeugen. Teilweise sind die Darstellungen
kaum noch von realen Maschinen zu unterscheiden.
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Auf der SPS hat Rockwell Automation Emulate 3D vorgestellt.Rockwell Automation
Das eröffnet neue Einsatzmöglichkeiten. Emulate 3D dient
nicht nur der virtuellen Inbetriebnahme, sondern kann auch als Sales-Tool
genutzt werden. Noch bevor eine Maschine physisch existiert, lassen sich für
den Vertriebsprozess realistische Visualisierungen erzeugen.
Welche Trends sehen Sie für 2026 in der
Automatisierungsbranche?
Maurer: Ein zentrales Thema ist die Software Defined Automation
(SDA). Bisher arbeiten wir mit klassischen Controllern, also separaten
Prozessoren. Der Trend geht jedoch zu PC-basierten Controllern. Der
Steuerungscode läuft dabei direkt auf dem PC, was eine deutlich höhere
Performance und enorme Flexibilität ermöglicht.
Parallel lassen sich weitere Applikationen wie Emulate 3D
betreiben, um Prozesse vorab zu testen. Diese Flexibilität ist ein großer
Vorteil.
Man muss also nicht mehr physisch an der Maschine sein.
Maurer: Genau. Zwar gibt es Remote-Zugriffe schon länger, aber SDA
nutzt die Möglichkeiten moderner PCs konsequent aus. Während Steuerung und IO
früher fest gekoppelt waren, lassen sich heute deutlich mehr Tools und
Schnittstellen integrieren. Das ist definitiv ein zentrales Zukunftsthema.
Neben KI und digitalem Zwilling gibt es aktuell viele
weitere Schlagworte.
Maurer: Ja, zum Beispiel der digitale Produktpass, regulatorische
Anforderungen und vor allem Cybersicherheit. In diesem Zusammenhang haben wir
kürzlich die Marke SecureOT eingeführt. Sie befasst sich ausschließlich mit dem
Thema Cybersicherheit in der industriellen Automatisierung. Hier spielen
Regularien wie NIS2, der Cyber Resilience Act und die neue Maschinenrichtlinie
eine große Rolle.
Das hilft Unternehmen also dabei, den Cyber Resilience
Act umzusetzen?
Maurer: Genau. Es gibt jedoch keinen universellen Lösungsansatz. Man
kann nicht einfach eine Software kaufen und ist damit automatisch konform.
Vielmehr geht es um Beratung, Risikoanalysen und die Identifizierung von
Sicherheitslücken.
Auf dieser Grundlage sprechen wir Empfehlungen aus und
unterstützen mit eigenen Lösungen bei der Umsetzung der regulatorischen
Anforderungen.
Sind die Unternehmen darauf bereits ausreichend
vorbereitet?
Auch wir haben noch einige Aufgaben vor uns, beispielsweise
die Zertifizierung unserer Produkte. Insgesamt gibt es also auf allen Seiten
noch einiges zu tun.
FAQ zu Rockwell Automation und KI in der Automatisierung
Welche KI-Lösungen bietet Rockwell Automation?
Mit VisionAI, LogixAI und GuardianAI deckt das Unternehmen Qualitätskontrolle, Prozessoptimierung und Predictive Maintenance ab.
Wie unterstützt der Copilot von Rockwell Automation das Engineering?
Der im FactoryTalk Design Studio integrierte Copilot erstellt per natürlicher Sprache SPS-Code und erleichtert die Übersetzung älterer Programmierstandards.
Welche Rolle spielt Emulate 3D bei Rockwell Automation?
Emulate 3D ermöglicht virtuelle Inbetriebnahmen, bindet über Eplan auch die Elektrokonstruktion ein und integriert sich in Nvidia Omniverse.
Was bedeutet Software Defined Automation für Rockwell Automation?
SDA verlagert Steuerungsfunktionen auf PC-basierte Controller und schafft mehr Performance sowie Flexibilität.