Digitale Souveränität in der Industrie

Europäische Alternativen zu den US-Hyperscalern

Das digitale Fundament der deutschen Wirtschaft ist fest in US-Hand. Immer mehr Unternehmen machen sich derzeit auf die Suche nach souveränen Alternativen – auch aus Kostengründen. Wir zeigen, was der Markt hergibt. Die Hürden sind oft niedriger als gedacht.

Technologische Souveränität ist für die Industrie ein wichtiger Faktor.

Summary: In Deutschland suchen vor allem Maschinen- und Anlagenbauer derzeit nach europäischen Alternativen zu US-Hyperscalern. Treiber sind Datenhoheit, Kostenkontrolle, geringerer Vendor Lock-in und mehr technologische Unabhängigkeit, etwa bei Cloud, Office, Collaboration und KI. Der Wechsel gilt in vielen Bereichen als machbar, stößt aber weiter auf Hürden bei Integration, Komfort und Akzeptanz in den Belegschaften.

Prof. Holger Hoos, KI-Professor an der RWTH Aachen.
Prof. Holger Hoos, KI-Professor an der RWTH Aachen.

„Technologische Souveränität ist wesentlich: Wir können uns leider nicht mehr darauf verlassen, dass Produkte und Services aus den USA uns weiterhin zu vernünftigen Konditionen zur Verfügung stehen“, sagt Prof. Holger Hoos, KI-Professor an der RWTH Aachen und Mitgründer von CAIRNE (Confederation of Laboratories for Artificial Intelligence Research in Europe). Je höher der Grad der Integration von Dienstleistungen, desto höher sei die Abhängigkeit. Das gilt für viele Lösungsbereiche, doch im Bereich KI ist das Spannungsfeld besonders intensiv.

Hier kommt aus Sicht von Hoos hinzu, dass die Technologien rund um Large Language Modelle nicht den europäischen Qualitätsmaßstäben und Anforderungen entsprechen. „Derzeit gibt es keine wesentlich besseren Alternativen in Europa, aber es wird ambitioniert daran gearbeitet“, konstatiert Hoos. Um diese Entwicklung zu unterstützen, sei es wichtig, dass sich Unternehmen dazu bekennen, diese auch benutzen zu wollen. Er warnt davor, aus Hype- und Effizienzgründen jetzt schnell eine Lösung tief in die eigene Unternehmensstruktur zu integrieren.

„In den Gremien ist zu sehen, dass das Interesse an und die Sorge um Daten-Souveränität bei den Maschinen- und Anlagenbauern in den letzten zwei Jahren sehr stark angestiegen ist“, konstatiert auch Maximilian Moser, Referent Industrial Security, Product Security, OT-Security und Open Source Software in der Industrie beim VDMA. Bis zu 80 Prozent der Lösungen stammen grob geschätzt von US-Anbietern. „Die Situation mit den USA führt zunehmend dazu, dass die Kunden aktiv selbst auf Lösungssuche gehen und sich nach europäischen Alternativen umschauen“, bestätigt Serge Efremov, Head of Strategy des IT-Dienstleisters Nelpx GmbH. 

Aber auch die Befürchtung vor einem Vendor Lock-in sei ein starker Treiber, sich verstärkt im Open-Source-Umfeld umzusehen. Um diesem Bedarf gerecht zu werden, setzt sich der Dienstleister mit deutschen und europäischen Alternativen mit voller digitaler und technologischer Souveränität auseinander.

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Alles auf einer Karte kann problematisch werden

„Nur wenn wir die Hoheit über unsere Daten behalten, behalten wir die Freiheit, unsere digitale Zukunft selbstbestimmt zu gestalten“, ist sich Bernd Wagner sicher, Chief Sales Officer bei Schwarz Digits. Die digitale Einheit der Schwarz Gruppe (Lidl, Kaufland) bietet die Cloud-Infrastruktur Stackit und souveräne Lösungen für Cyber Security, KI, Communication und Workspace an.

Serge Efremov, Head of Strategy des IT-Dienstleisters Nelpx.
Serge Efremov, Head of Strategy des IT-Dienstleisters Nelpx.

 „Wir sehen, dass Unternehmen beispielsweise alles auf AWS setzen. Wäre AWS einmal offline, dann wäre dieses Unternehmen praktisch ebenfalls offline. Oft sind große Lösungen wie Salesforce oder VMware tief in der Infrastruktur verwurzelt und können gar nicht ohne weiteres ersetzt werden“, sagt Efremov, der zuvor rund zehn Jahre beim Beratungshaus Bechtle tätig war. Hier müsse genau geschaut werden, wie sich einzelne Bereiche etwa mit Open-Source-Lösungen austauschen lassen.

Der IT-Experte ist überzeugt, dass es nicht ausreicht, sich auf die europäischen Clouds der US-Anbieter zu verlassen. „Positiv ist, dass die großen europäischen Hyperscaler wie Ionos, Stackit, Hetzner oder OVHcloud wirklich gute Technologie- und Integrationspartnerschaften zu großen Herstellern und US-Hyperscalern bieten können“, konstatiert Efremov. Das habe es früher nicht gegeben, weshalb etwa die Migration aus der AWS Cloud anstrengend oder teils kaum machbar gewesen sei. Viele Unternehmen hätten den Umzug bereits gewagt und es gebe trotz Hürden überwiegend positive Erfahrungen. „Wenn das Unternehmen einen sehr großen Vendor Lock-in hat und auf einen Hersteller setzt, um viele Fachbereiche innerhalb des Unternehmens abzudecken, funktioniert die Migration teilweise noch nicht so gut“, schränkt der IT-Experte ein. „Erfahrungsgemäß ist der Umzug dank offener Standards und moderner Schnittstellen unkompliziert. Sofern keine Modifikationen an den offenen Standards vorgenommen wurden, lassen sich Anwendungen und Daten problemlos zwischen Cloud-Anbietern verschieben“, berichtet Wagner aus der Praxis.

Auswahl an europäischen Alternativen

Nach Alternativen suchen:

www.european-alternatives.eu

  • Betriebssysteme: Die ganze Linux-Bandbreite, Suse, Debian
  • Office: LibreOffice, OpenOffice
  • Mail: Proton, Open-Xchange OX App Suite, VNClagoon
  • WhatsApp-Alternativen für Unternehmen: Threema (Schweiz), Wire (Deutschland, eingeschränkt wegen US-Holding im Hintergrund)
  • Collaboration: NextCloud (selbst gehostet ohne externe Cloud-Nutzung) mit Funktionen für Teams, inklusive Chat, Videocalls und gemeinsamer Dokumentenbearbeitung
  • Suchmaschinen: Qwant (Frankreich) verzichtet auf Tracking-Profile, europäische Infrastruktur. SwissCows (Schweiz), Ecosia aus Berlin (Datenschutz besser als bei Google, nutzt jedoch den Bing-Suchindex)
  • Übersetzung: DeepL ist die starke Alternative eines Kölner AI-Startups
  • KI: Aleph Alpha, Mistral AI und Bloom (Frankreich), Apertus (Open Source, ETH Zürich), EuroLLM
  • ITSM, HR, Kundenservice: Die Plattform ServiceNow kommt aus den USA, wird aber getrennt vom Anbieter von Rechenzentrumsdienstleistern wie noris networks gehostet.
  • Projektmanagement: OpenProject (Open Source-Alternative zu Jira und MS Project, Deutschland)
  • Software-Entwicklung: GitLab hat sich als Alternative zu GitHub etabliert. Zwar stammt GitLab auch von einem US-Unternehmen, ist aber in großen Teilen Open Source und lässt sich einfacher on-premise komplett abkoppeln.
  • Deutsche Cloud-Anbieter statt US-Hyperscaler: Ionos, StackIT, OVHcloud, Hetzner. Vergleichbare Preise, oft keine Kosten für Daten-Ingress/Egress.

E-Mail, Office und Collaboration à la Teams

Als bewährte Alternativen im Bereich E-Mail Messaging sieht Efremov etwa die Open Source E-Mail-Plattform OX App Suite oder VNClagoon aus der Schweiz. Ebenfalls aus der Schweiz komme Proton Mail, das bald eine Teams-Alternative vorstellen wolle. Aus Sicht von Moser haben sich LibreOffice und OpenOffice als Alternativen in der Office-Welt bewährt. Für den Bereich Collaboration, Conferencing und Nachrichtenaustausch biete Nextcloud eine ausgereifte Plattform, die sich über Self-Hosting realisieren lasse. Auch er sieht Proton Mail als bewährtes, Datenschutz-orientiertes E-Mail-Tool, das weniger Tracking und effektive End-to-End-Verschlüsselung mitbringt. Für den Einsatz von Office-Alternativen und Collaboration-Tools wie NextCloud gebe es mittlerweile viele Beispiele im Maschinen- und Anlagenbau. Die Nachfrage an Webinaren, Weiterbildungen und Use Cases beim VDMA habe stark zugenommen.

Bernd Wagner, Chief Sales Officer bei Schwarz Digits.
Bernd Wagner, Chief Sales Officer bei Schwarz Digits.

Bei Schwarz Digits bietet man eine Arbeitsplatzumgebung jenseits von Microsoft an. Auch die Schwarz Gruppe mit ihren knapp 600.000 Mitarbeitenden wechselt zu „Workspace by Stackit“, das auf Google Workspace basiert. Zugriffe durch Google seien durch das Konzept ausgeschlossen, erklärt Wagner. Die Daten würden ausschließlich in Europa gehostet und durch clientseitige Verschlüsselung abgesichert. Statt WhatsApp, das in Unternehmen ohnehin nichts zu suchen hat, setzt man auf die Datenschutz-orientierte Kommunikationsplattform Wire. Die Verschlüsselung erfolgt auf dem Endgerät und der Cloud-Anbieter hält die Schlüssel exklusiv in Deutschland. Als alternative Lösung im Falle eines Ausfalls steht OpenDesk auf Stackit zur Verfügung, eine browserbasierte Open-Source-Arbeitsplatzlösung, die mit Wire kompatibel ist.

Neuland Large Language Models und Agentic AI

Bei Agentischer AI geht es darum, dass Prozesse auf Basis großer Sprachmodelle automatisiert werden. LLMs lernen tiefe Zusammenhänge zum Beispiel aus Produktentstehungs- und Produktionsprozessen, die sensibles Wissen und intellektuelles Eigentum enthalten – das Verwenden dieser Daten durch KI birgt also besondere Risiken. „Wenn große US-Sprachmodelle trainiert oder Anfragen daran formuliert werden, ist es in der Regel immer so, dass die Modelle diese Daten memorisieren und unter Bedingungen, die bislang nicht wirklich gut verstanden sind, auch wieder ‚ausspucken‘ können“, warnt Holger Hoos. Das sei problematisch und hundertprozentige Sicherheit, dass die Daten nicht weiterverwendet würden, gebe es nicht. Wenn es künftig ein vertrauenswürdiges Open-Source-Modell gäbe, etwa in einem europäischen Forschungsverbund, sei das ein Game Changer.

„Letztlich geht es darum, Unternehmensgeheimnisse zu bewachen, wenn beispielsweise CAD- und Prozessdaten im Spiel sind. Auch wenn das Hosting eines amerikanischen Unternehmens in Deutschland geschieht, werden dennoch die Metadaten oftmals mit den Servern in den USA synchronisiert“, erklärt auch Efremov. Trotz der Datenschutzzusagen der US-Anbieter befürchten viele Kunden einen Kontrollverlust, wenn Daten durch Tools wie MS Copilot analysiert und geteilt werden. Die Datenhoheit solle daher idealerweise on-premise oder bei einem europäischen Hyperscaler liegen.

Große Sprachmodelle sicher integrieren

Die Lösung Aleph Alpha on Stackit soll dazu beitragen, dass Unternehmen ihr Wissen sicher nach europäischen Standards für ihre Wertschöpfung nutzen können. „Daten und Abfragen werden weder gespeichert noch zum Training von Modellen verwendet. Nutzer wählen das für sie passende LLM“, sagt Wagner. Über ein API sei eine nahtlose Integration in Anwendungen möglich.

Auch bei scheinbaren Alternativen ist Augenmerk geboten. So hat sich Mistral AI aus Frankreich einen Namen als OpenAI-Alternative gemacht. Allerdings kommen die Gründer von Google und Meta, der Großteil des Venture-Kapitals stammt aus den USA. Microsoft ist am Startup beteiligt und die Modelle laufen auf der Azure-Infrastruktur. Der Ansatz unterscheidet sich jedoch und zielt auf hohe Transparenz ab. Unternehmen sollen die Modelle auch inhouse betreiben können, anders als bei den propriertären US-Modellen, bei denen leicht ein Lock-in entsteht.

Open Source als Alternative – vor allem bei Betriebssystemen

Maximilian Moser, Referent Industrial Security, Product Security, OT-Security und Open Source Software in der Industrie beim VDMA.
Maximilian Moser, Referent Industrial Security, Product Security, OT-Security und Open Source Software in der Industrie beim VDMA.

Die meisten Maschinenbauer beschäftigen sich schon länger mit Open Source Software. „Da bei Open Source der Code öffentlich zugänglich ist, kann die Software im Gegensatz zu proprietären Lösungen auditiert werden. Software wird sicherer, weil transparent ist, wohin etwa Telemetriedaten fließen“, nennt Moser einige Vorteile von Open-Source-Lösungen. Die Software könne unabhängig vom ursprünglichen Anbieter weiterentwickelt werden und Open Source ermögliche eine bessere Kostenkontrolle, sowohl hinsichtlich der Lizenzkosten, als auch der Absicherung gegenüber starker Kostensprünge.

Im Bereich Betriebssysteme sieht Moser die Linux-Welt rund um Debian und den Klassiker Ubuntu als bereits stark genutzte Variante. „In den letzten Jahren ist die Open-Source-Welt mit Blick auf gesenkten Integrationsaufwand und Kompatibilität mit anderen Ökosystemen immer besser geworden. Ein Switch ist eigentlich so gut wie immer möglich, egal für welche Anwendung“, resümiert Maximilian Moser. So komme beispielsweise Linux verstärkt in Produktionsumgebungen zum Einsatz, indem Maschinen-Architekturen und Industrie-PCs auf Open-Source-Komponenten umgezogen werden.

„Im aktuellen Stadium ist Open Source noch kein Allheilmittel. Proprietäre All-in-one-Lösungen können sehr viel Bequemlichkeit mit sich bringen – auch das erschwert oft einen Wechsel auf Alternativen“, meint Moser. Tatsächlich sei der Widerstand der Mitarbeitenden, sich auf neue Systeme einzulassen, eine der größten Hürden auf dem Weg zu mehr Datensouveränität.

Schön effiziente Verzahnung versus Unabhängigkeit

Die zweite große Hürde besteht darin, sich von Integration „auf dem Silbertablett“ zu verabschieden. Die Nutzenargumentation von großen Anbietern liegt vor allem in der Verzahnung vieler Software-Komponenten auf einer Plattform und dem damit verbundenen Effizienzgewinn. Derzeit sei es nicht möglich, eine so weitgehende Integration wie sie etwa MS Copilot bietet, ersetzen zu können, meint Serge Efremov. Dennoch gebe es LLM-Modelle, die jeweils in Teilbereichen eingesetzt werden können.

Aus Sicht von Holger Hoos sollte kritisch hinterfragt werden, ob ein Anbieter vom Betriebssystem über Office-Software bis zum KI-System die besten Lösungen bieten kann. So liefen etwa Großrechenanlagen weltweit bevorzugt nicht unter kommerziellen Betriebssystemen, sondern aufgrund der höheren Zuverlässigkeit und technischen Robustheit unter verschiedenen Varianten von Linux. „Sind wir nicht viel besser beraten, wenn wir uns selbst Systeme aus Komponenten zusammenstellen, die jeweils besser sind als das, was man im tief integrierten Gesamtpaket bekommen kann – und souverän?“, resümiert der Experte.

FAQ digitale Souveränität

Warum gewinnt digitale Souveränität in der Industrie an Bedeutung? – Digitale Souveränität rückt wegen wachsender Abhängigkeit von US-Anbietern, Datenhoheit, Kostenfragen und Vendor Lock-in stärker in den Fokus.

Welche Rolle spielen europäische Hyperscaler für digitale Souveränität? – Europäische Hyperscaler wie Ionos, Stackit, Hetzner oder OVHcloud gelten als wichtige Alternativen bei Cloud-Infrastruktur und Datenhaltung.

Wie unterstützt Open Source die digitale Souveränität? – Open Source ermöglicht auditierbaren Code, mehr Transparenz, bessere Kostenkontrolle und eine geringere Bindung an einzelne Anbieter.

Warum ist digitale Souveränität bei LLMs und KI besonders relevant? – Bei LLMs geht es um sensible Unternehmensdaten aus Produktentstehung und Produktion, deren Nutzung und möglicher Abfluss als besonders kritisch gelten.

Welche Hürden bremsen digitale Souveränität beim Umstieg? – Hemmnisse sind tiefe Integration bestehender Plattformen, Komfort proprietärer All-in-one-Lösungen und Vorbehalte von Mitarbeitenden gegenüber neuen Systemen.