Das digitale Fundament der deutschen Wirtschaft ist fest in US-Hand. Immer mehr Unternehmen machen sich derzeit auf die Suche nach souveränen Alternativen – auch aus Kostengründen. Wir zeigen, was der Markt hergibt. Die Hürden sind oft niedriger als gedacht.
Daniela HoffmannDanielaHoffmann
Technologische Souveränität ist für die Industrie ein wichtiger Faktor.Oleksandr Bochkala - stock-adobe.com (KI-generiert)
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Summary: In Deutschland suchen vor allem Maschinen- und Anlagenbauer derzeit nach europäischen Alternativen zu US-Hyperscalern. Treiber sind Datenhoheit, Kostenkontrolle, geringerer Vendor Lock-in und mehr technologische Unabhängigkeit, etwa bei Cloud, Office, Collaboration und KI. Der Wechsel gilt in vielen Bereichen als machbar, stößt aber weiter auf Hürden bei Integration, Komfort und Akzeptanz in den Belegschaften.
Prof. Holger Hoos, KI-Professor an der RWTH Aachen.RWTH Aachen
„Technologische Souveränität ist wesentlich: Wir können uns
leider nicht mehr darauf verlassen, dass Produkte und Services aus den USA uns
weiterhin zu vernünftigen Konditionen zur Verfügung stehen“, sagt Prof. Holger
Hoos, KI-Professor an der RWTH Aachen und Mitgründer von CAIRNE (Confederation
of Laboratories for Artificial Intelligence Research in Europe). Je höher der
Grad der Integration von Dienstleistungen, desto höher sei die Abhängigkeit.
Das gilt für viele Lösungsbereiche, doch im Bereich KI ist das Spannungsfeld
besonders intensiv.
Hier kommt aus Sicht von Hoos hinzu, dass die Technologien
rund um Large Language Modelle nicht den europäischen Qualitätsmaßstäben und
Anforderungen entsprechen. „Derzeit gibt es keine wesentlich besseren
Alternativen in Europa, aber es wird ambitioniert daran gearbeitet“,
konstatiert Hoos. Um diese Entwicklung zu unterstützen, sei es wichtig, dass
sich Unternehmen dazu bekennen, diese auch benutzen zu wollen. Er warnt davor,
aus Hype- und Effizienzgründen jetzt schnell eine Lösung tief in die eigene
Unternehmensstruktur zu integrieren.
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„In den Gremien ist zu sehen, dass das Interesse an und die
Sorge um Daten-Souveränität bei den Maschinen- und Anlagenbauern in den letzten
zwei Jahren sehr stark angestiegen ist“, konstatiert auch Maximilian Moser, Referent
Industrial Security, Product Security, OT-Security und Open Source Software in
der Industrie beim VDMA. Bis zu 80 Prozent der Lösungen stammen grob geschätzt
von US-Anbietern. „Die Situation mit den USA führt zunehmend dazu, dass die
Kunden aktiv selbst auf Lösungssuche gehen und sich nach europäischen
Alternativen umschauen“, bestätigt Serge Efremov, Head of Strategy des
IT-Dienstleisters Nelpx GmbH.
Aber auch die Befürchtung vor einem Vendor Lock-in
sei ein starker Treiber, sich verstärkt im Open-Source-Umfeld umzusehen. Um
diesem Bedarf gerecht zu werden, setzt sich der Dienstleister mit deutschen und
europäischen Alternativen mit voller digitaler und technologischer Souveränität
auseinander.
„Nur wenn wir die Hoheit über unsere Daten behalten,
behalten wir die Freiheit, unsere digitale Zukunft selbstbestimmt zu gestalten“,
ist sich Bernd Wagner sicher, Chief Sales Officer bei Schwarz Digits. Die
digitale Einheit der Schwarz Gruppe (Lidl, Kaufland) bietet die Cloud-Infrastruktur
Stackit und souveräne Lösungen für Cyber Security, KI, Communication und
Workspace an.
Serge Efremov, Head of Strategy des IT-Dienstleisters Nelpx.Nelpx
„Wir sehen, dass
Unternehmen beispielsweise alles auf AWS setzen. Wäre AWS einmal offline, dann
wäre dieses Unternehmen praktisch ebenfalls offline. Oft sind große Lösungen
wie Salesforce oder VMware tief in der Infrastruktur verwurzelt und können gar
nicht ohne weiteres ersetzt werden“, sagt Efremov, der zuvor rund zehn Jahre
beim Beratungshaus Bechtle tätig war. Hier müsse genau geschaut werden, wie
sich einzelne Bereiche etwa mit Open-Source-Lösungen austauschen lassen.
Der
IT-Experte ist überzeugt, dass es nicht ausreicht, sich auf die europäischen
Clouds der US-Anbieter zu verlassen. „Positiv ist, dass die großen europäischen
Hyperscaler wie Ionos, Stackit, Hetzner oder OVHcloud wirklich gute
Technologie- und Integrationspartnerschaften zu großen Herstellern und
US-Hyperscalern bieten können“, konstatiert Efremov. Das habe es früher nicht
gegeben, weshalb etwa die Migration aus der AWS Cloud anstrengend oder teils
kaum machbar gewesen sei. Viele Unternehmen hätten den Umzug bereits gewagt und
es gebe trotz Hürden überwiegend positive Erfahrungen. „Wenn das Unternehmen
einen sehr großen Vendor Lock-in hat und auf einen Hersteller setzt, um viele
Fachbereiche innerhalb des Unternehmens abzudecken, funktioniert die Migration
teilweise noch nicht so gut“, schränkt der IT-Experte ein. „Erfahrungsgemäß ist
der Umzug dank offener Standards und moderner Schnittstellen unkompliziert.
Sofern keine Modifikationen an den offenen Standards vorgenommen wurden, lassen
sich Anwendungen und Daten problemlos zwischen Cloud-Anbietern verschieben“,
berichtet Wagner aus der Praxis.
WhatsApp-Alternativen für Unternehmen: Threema (Schweiz),
Wire (Deutschland, eingeschränkt wegen US-Holding im Hintergrund)
Collaboration: NextCloud (selbst gehostet ohne externe
Cloud-Nutzung) mit Funktionen für Teams, inklusive Chat,
Videocalls und gemeinsamer Dokumentenbearbeitung
Suchmaschinen: Qwant (Frankreich) verzichtet auf
Tracking-Profile, europäische Infrastruktur. SwissCows (Schweiz), Ecosia aus
Berlin (Datenschutz besser als bei Google, nutzt jedoch den Bing-Suchindex)
Übersetzung: DeepL ist die starke Alternative eines Kölner
AI-Startups
KI: Aleph Alpha, Mistral AI und Bloom (Frankreich), Apertus
(Open Source, ETH Zürich), EuroLLM
ITSM, HR, Kundenservice: Die Plattform ServiceNow kommt aus
den USA, wird aber getrennt vom Anbieter von Rechenzentrumsdienstleistern wie
noris networks gehostet.
Projektmanagement: OpenProject (Open Source-Alternative zu
Jira und MS Project, Deutschland)
Software-Entwicklung: GitLab hat sich als Alternative zu
GitHub etabliert. Zwar stammt GitLab auch von einem US-Unternehmen, ist aber in
großen Teilen Open Source und lässt sich einfacher on-premise komplett
abkoppeln.
Deutsche Cloud-Anbieter statt US-Hyperscaler: Ionos,
StackIT, OVHcloud, Hetzner. Vergleichbare Preise, oft keine Kosten für
Daten-Ingress/Egress.
E-Mail, Office und Collaboration à la Teams
Als bewährte Alternativen im Bereich E-Mail Messaging sieht
Efremov etwa die Open Source E-Mail-Plattform OX App Suite oder VNClagoon aus
der Schweiz. Ebenfalls aus der Schweiz komme Proton Mail, das bald eine
Teams-Alternative vorstellen wolle. Aus Sicht von Moser haben sich LibreOffice
und OpenOffice als Alternativen in der Office-Welt bewährt. Für den Bereich
Collaboration, Conferencing und Nachrichtenaustausch biete Nextcloud eine
ausgereifte Plattform, die sich über Self-Hosting realisieren lasse. Auch er
sieht Proton Mail als bewährtes, Datenschutz-orientiertes E-Mail-Tool, das
weniger Tracking und effektive End-to-End-Verschlüsselung mitbringt. Für den
Einsatz von Office-Alternativen und Collaboration-Tools wie NextCloud gebe es
mittlerweile viele Beispiele im Maschinen- und Anlagenbau. Die
Nachfrage an Webinaren, Weiterbildungen und Use Cases beim VDMA habe stark
zugenommen.
Bernd Wagner, Chief Sales Officer bei Schwarz Digits.Schwarz Digits
Bei Schwarz Digits bietet man eine Arbeitsplatzumgebung
jenseits von Microsoft an. Auch die Schwarz Gruppe mit ihren knapp 600.000
Mitarbeitenden wechselt zu „Workspace by Stackit“, das auf Google Workspace
basiert. Zugriffe durch Google seien durch das Konzept ausgeschlossen, erklärt
Wagner. Die Daten würden ausschließlich
in Europa gehostet und durch clientseitige Verschlüsselung abgesichert. Statt
WhatsApp, das in Unternehmen ohnehin nichts zu suchen hat, setzt man auf die
Datenschutz-orientierte Kommunikationsplattform Wire. Die Verschlüsselung
erfolgt auf dem Endgerät und der Cloud-Anbieter hält die Schlüssel exklusiv in
Deutschland. Als alternative Lösung im Falle eines Ausfalls steht OpenDesk auf
Stackit zur Verfügung, eine browserbasierte Open-Source-Arbeitsplatzlösung, die
mit Wire kompatibel ist.
Bei Agentischer AI geht es darum, dass Prozesse auf Basis
großer Sprachmodelle automatisiert werden. LLMs lernen tiefe Zusammenhänge zum
Beispiel aus Produktentstehungs- und Produktionsprozessen, die sensibles Wissen
und intellektuelles Eigentum enthalten – das Verwenden dieser Daten durch KI
birgt also besondere Risiken. „Wenn große US-Sprachmodelle trainiert oder
Anfragen daran formuliert werden, ist es in der Regel immer so, dass die
Modelle diese Daten memorisieren und
unter Bedingungen, die bislang nicht wirklich gut verstanden sind, auch wieder
‚ausspucken‘ können“, warnt Holger Hoos. Das sei problematisch und
hundertprozentige Sicherheit, dass die Daten nicht weiterverwendet würden, gebe
es nicht. Wenn es künftig ein vertrauenswürdiges Open-Source-Modell gäbe, etwa
in einem europäischen Forschungsverbund, sei das ein Game Changer.
„Letztlich geht es darum, Unternehmensgeheimnisse zu
bewachen, wenn beispielsweise CAD- und Prozessdaten im Spiel sind. Auch wenn
das Hosting eines amerikanischen Unternehmens in Deutschland geschieht, werden
dennoch die Metadaten oftmals mit den Servern in den USA synchronisiert“,
erklärt auch Efremov. Trotz der Datenschutzzusagen der US-Anbieter befürchten
viele Kunden einen Kontrollverlust, wenn Daten durch Tools wie MS Copilot
analysiert und geteilt werden. Die Datenhoheit solle daher idealerweise on-premise
oder bei einem europäischen Hyperscaler liegen.
Große Sprachmodelle
sicher integrieren
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Die Lösung Aleph Alpha on Stackit soll dazu beitragen, dass
Unternehmen ihr Wissen sicher nach europäischen Standards für ihre Wertschöpfung
nutzen können. „Daten und Abfragen werden weder gespeichert noch zum Training
von Modellen verwendet. Nutzer wählen das für sie passende LLM“, sagt Wagner.
Über ein API sei eine nahtlose Integration in Anwendungen möglich.
Auch bei scheinbaren Alternativen ist Augenmerk geboten. So
hat sich Mistral AI aus Frankreich einen Namen als OpenAI-Alternative gemacht.
Allerdings kommen die Gründer von Google und Meta, der Großteil des
Venture-Kapitals stammt aus den USA. Microsoft ist am Startup beteiligt und die
Modelle laufen auf der Azure-Infrastruktur. Der Ansatz unterscheidet sich
jedoch und zielt auf hohe Transparenz ab. Unternehmen sollen die Modelle auch
inhouse betreiben können, anders als bei den propriertären US-Modellen, bei
denen leicht ein Lock-in entsteht.
Open Source als
Alternative – vor allem bei Betriebssystemen
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Maximilian Moser, Referent Industrial Security, Product Security, OT-Security und Open Source Software in der Industrie beim VDMA.VDMA
Die meisten Maschinenbauer beschäftigen sich schon länger
mit Open Source Software. „Da bei Open Source der Code öffentlich zugänglich
ist, kann die Software im Gegensatz zu proprietären Lösungen auditiert werden.
Software wird sicherer, weil transparent ist, wohin etwa Telemetriedaten
fließen“, nennt Moser einige Vorteile von Open-Source-Lösungen. Die Software
könne unabhängig vom ursprünglichen Anbieter weiterentwickelt werden und Open
Source ermögliche eine bessere Kostenkontrolle, sowohl hinsichtlich der
Lizenzkosten, als auch der Absicherung gegenüber starker Kostensprünge.
Im
Bereich Betriebssysteme sieht Moser die Linux-Welt rund um Debian und den
Klassiker Ubuntu als bereits stark genutzte Variante. „In den letzten Jahren
ist die Open-Source-Welt mit Blick auf gesenkten Integrationsaufwand und
Kompatibilität mit anderen Ökosystemen immer besser geworden. Ein Switch ist
eigentlich so gut wie immer möglich, egal für welche Anwendung“, resümiert
Maximilian Moser. So komme beispielsweise Linux verstärkt in
Produktionsumgebungen zum Einsatz, indem Maschinen-Architekturen und
Industrie-PCs auf Open-Source-Komponenten umgezogen werden.
„Im aktuellen Stadium ist Open Source noch kein
Allheilmittel. Proprietäre All-in-one-Lösungen können sehr viel Bequemlichkeit
mit sich bringen – auch das erschwert oft einen Wechsel auf Alternativen“,
meint Moser. Tatsächlich sei der Widerstand der Mitarbeitenden, sich auf neue
Systeme einzulassen, eine der größten Hürden auf dem Weg zu mehr
Datensouveränität.
Schön effiziente
Verzahnung versus Unabhängigkeit
Die zweite große Hürde besteht darin, sich von Integration
„auf dem Silbertablett“ zu verabschieden. Die Nutzenargumentation von großen
Anbietern liegt vor allem in der Verzahnung vieler Software-Komponenten auf
einer Plattform und dem damit verbundenen Effizienzgewinn. Derzeit sei es nicht
möglich, eine so weitgehende Integration wie sie etwa MS Copilot bietet,
ersetzen zu können, meint Serge Efremov. Dennoch gebe es LLM-Modelle, die
jeweils in Teilbereichen eingesetzt werden können.
Aus Sicht von Holger Hoos sollte kritisch hinterfragt
werden, ob ein Anbieter vom Betriebssystem über Office-Software bis zum
KI-System die besten Lösungen bieten kann. So liefen etwa Großrechenanlagen
weltweit bevorzugt nicht unter kommerziellen Betriebssystemen, sondern aufgrund
der höheren Zuverlässigkeit und technischen Robustheit unter verschiedenen
Varianten von Linux. „Sind wir nicht viel besser beraten, wenn wir uns selbst
Systeme aus Komponenten zusammenstellen, die jeweils besser sind als das, was
man im tief integrierten Gesamtpaket bekommen kann – und souverän?“, resümiert
der Experte.
FAQ digitale Souveränität
Warum gewinnt digitale Souveränität in der Industrie an
Bedeutung? – Digitale Souveränität rückt wegen wachsender Abhängigkeit von
US-Anbietern, Datenhoheit, Kostenfragen und Vendor Lock-in stärker in den
Fokus.
Welche Rolle spielen europäische Hyperscaler für digitale
Souveränität? – Europäische Hyperscaler wie Ionos, Stackit, Hetzner oder
OVHcloud gelten als wichtige Alternativen bei Cloud-Infrastruktur und
Datenhaltung.
Wie unterstützt Open Source die digitale Souveränität? –
Open Source ermöglicht auditierbaren Code, mehr Transparenz, bessere
Kostenkontrolle und eine geringere Bindung an einzelne Anbieter.
Warum ist digitale Souveränität bei LLMs und KI besonders
relevant? – Bei LLMs geht es um sensible Unternehmensdaten aus
Produktentstehung und Produktion, deren Nutzung und möglicher Abfluss als
besonders kritisch gelten.
Welche Hürden bremsen digitale Souveränität beim Umstieg? –
Hemmnisse sind tiefe Integration bestehender Plattformen, Komfort proprietärer
All-in-one-Lösungen und Vorbehalte von Mitarbeitenden gegenüber neuen Systemen.