KI hat sich in vielen Industriebereichen etabliert. Auch die Mitglieder im Verband der Deutschen Drehteile-Industrie setzen sich zunehmend mit der Frage auseinander, wie datenbasierte Verfahren Fertigungsprozesse unterstützen können.
Redaktion ProduktionRedaktionProduktion
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Drehteilehersteller müssen sorgfältig planen und abwägen, wie sie künstliche Intelligenz in ihren Unternehmen für Fertigung und Bearbeitung einsetzen.Julius Klinke
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Bei
der Drehteileherstellung trifft künstliche Intelligenz (KI) auf gewachsene
Strukturen, enge Toleranzen und einen hohen Erfahrungsanteil. Ihr Potenzial liegt
darin, Prozesse stabiler, transparenter und effizienter zu gestalten, indem sie
Daten auswertet und Muster erkennt. Damit lassen sich in der Zerspanung
Bearbeitungsabläufe, Qualitätsmerkmale oder Zusammenhänge zwischen Parametern
abbilden. Auch im Verband der Deutschen Drehteile-Industrie diskutieren Drehteilehersteller,
Maschinenbauer und Softwareanbieter über konkrete Einsatzmöglichkeiten,
Voraussetzungen und Grenzen. „Wir kommen bei all diesen Gesprächen immer wieder
zum gleichen Ergebnis“, betont Verbandsgeschäftsführer Werner Liebmann: „Damit
künstliche Intelligenz ihren Nutzen entfalten kann, müssen die Verantwortlichen
zuerst klare Ziele definieren, ihre Prozesse sauber beschreiben und vor allem auf
belastbare Daten zugreifen können.“
Messbarer
Nutzen von KI steht im Fokus
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Einige Verbandsmitglieder
setzen künstliche Intelligenz bereits produktiv ein, andere nähern sich dem
Thema bewusst schrittweise. Einigkeit besteht darin, dass KI kein Selbstzweck
ist. Sie soll nicht bestehende Prozesse um ihrer selbst willen digitalisieren,
sondern dort unterstützen, wo sie messbaren Nutzen bringt. Dazu zählen vor
allem Bereiche, in denen große Datenmengen vorliegen, wiederkehrende
Entscheidungen getroffen werden oder Erfahrungswissen schwer verfügbar ist. Zugleich
wird deutlich, dass der Weg zur KI anspruchsvoll bleibt. Der Aufwand für
Datenstrukturierung, Systemanpassung und Schulung ist hoch. Standardlösungen
sind selten, viele Anwendungen erfordern individuelle Modifikationen. Hinzu
kommen begrenzte personelle Ressourcen und die Notwendigkeit, Datensicherheit
und unternehmensinterne Regeln klar zu definieren.
Der Drehteilehersteller EZU-Metallwaren hat zwei von 22 Drehmaschinen auf einen 24-Stunden-Betrieb mit künstlicher Intelligenz umgerüstet.Thomas Moeller
Viele
Drehteilehersteller sehen in der Nutzung von KI nicht den Austausch von
Personal durch Maschine, sondern eine Verschiebung von Aufgaben.
Routinetätigkeiten lassen sich automatisiert unterstützen, während sich Mitarbeitende
stärker bei komplexen Tätigkeiten einbringen. Wichtig ist, dass Entscheidungen
nachvollziehbar bleiben und Verantwortung beim Menschen liegt. Akzeptanz
entsteht dort, wo die Verantwortlichen die Belegschaft früh einbinden und den
Nutzen für den Arbeitsalltag vermitteln.
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Auch aus Sicht
der Softwareanbieter ist KI weniger ein radikaler Bruch als eine
Weiterentwicklung bestehender digitaler Systeme. Strukturierte Produktions-,
Qualitäts- und Prozessdaten bilden die Grundlage. KI beschleunigt deren
Auswertung und hilft, Zusammenhänge sichtbar zu machen. Der eigentliche
Lernprozess findet jedoch im Betrieb statt: Die Unternehmen müssen ihre vorhandenen
Lösungen an reale Abläufe anpassen und diese mit der Anwendung weiterentwickeln.
Fest steht: Mit
zunehmendem KI-Einsatz steigt die technische Komplexität. Abhängigkeiten von
stabilen Systemen nehmen zu, Eingriffsmöglichkeiten verändern sich. Fachwissen,
Erfahrung und menschliches Urteilsvermögen behalten trotzdem ihren Stellenwert.
Künstliche Intelligenz ergänzt diese Kompetenzen, ersetzt sie aber nicht.
In der
praktischen Umsetzung konzentrieren sich viele Drehteilehersteller zunächst auf
klar abgegrenzte Anwendungsfelder. Häufig stehen dabei nicht die direkten
Zerspanungsprozesse im Fokus, sondern ergänzende Tätigkeiten mit hohem
Datenanteil und wiederkehrenden Abläufen. Bei der Julius Klinke GmbH & Co.
KG beispielsweise kommen erste KI-Ansätze unter anderem in der technischen
Kalkulation, der Maschinenbelegungsplanung und bei administrativen Aufgaben zum
Einsatz. Ziel von Geschäftsführer Julius Klinke ist es, schneller zu
belastbaren Ergebnissen zu kommen und Entscheidungsprozesse vorzubereiten. Er
betont dabei die unterstützende Rolle der Technologie: „Die letzte Entscheidung
muss beim Menschen bleiben. KI soll uns eine fundierte Orientierung liefern,
keine Vorgaben.“
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Einen Schritt
weiter ist die EZU-Metallwaren GmbH & Co. KG – dort ist künstliche
Intelligenz bereits in der Produktion im Einsatz. Der Schwerpunkt liegt auf
maschinellem Lernen und virtueller Qualitätskontrolle. KI-gestützte Systeme
überwachen die Prozesse, stabilisieren die Serienfertigung und reduzieren
Ausschuss. Geschäftsführer Andreas Zumkeller beschreibt den Nutzen klar
messbar: „Wir haben weniger Fehlteile bei höheren Maschinenlaufzeiten und geringere
Kosten für Werkzeug und Personal.“ Gleichzeitig verweist er darauf, dass der
Weg dorthin von Lernphasen geprägt war und klare Zieldefinitionen über den
Erfolg entscheiden.
Bei der Wilhelm
Schauerte GmbH & Co. KG liegt der Fokus bislang weniger auf der direkten
Fertigung. Stefan Schauerte schildert konkrete Effekte: „In der Nachkalkulation
beispielsweise läuft der Prozess heute vollautomatisiert“. Auch bei der
Prüfplanung, beim Abgleichen von Werksprüfzeugnissen und bei der Kontrolle von
Eingangsrechnungen unterstützt KI seine Mitarbeitenden. Ziel des
Geschäftsführers ist es im ersten Schritt, Routinetätigkeiten zu reduzieren und
so Kapazitäten für anspruchsvollere Aufgaben freizusetzen.
Von
Wissensmanagement bis Qualitätssicherung
„Künstliche Intelligenz kann nur dann erfolgreich sein, wenn die Unternehmen auf belastbare Daten zugreifen können“, weiß Geschäftsführer Werner Liebmann vom Verband der Deutschen Drehteile-Industrie aus vielen Gesprächen mit den Mitgliedern.FMI
Bislang nur
punktuell setzt die Maier GmbH & Co. KG künstliche Intelligenz ein. Erste
Anwendungen betreffen das Rüsten von Anlagen sowie die systematische
Fehlerbehebung. Geschäftsführer Thomas Braun verbindet damit vor allem
Erwartungen an das Wissensmanagement. „Ich hoffe, dass wir die richtigen
Informationen besser archivieren und schneller wiederfinden können, wenn
Probleme in Abläufen auftreten“, sagt er. Gleichzeitig verweist Braun auf die
Grenzen aktueller Lösungen. Viele Anwendungen müssten individuell angepasst
werden, was Zeit und Ressourcen binde. Langfristig gibt es für Braun jedoch
keine Alternative: „Automation und KI sind zentrale Voraussetzungen, um die industrielle
Fertigung in Deutschland aufrechtzuerhalten.“
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Auch die Gewatec
GmbH & Co. KG sieht durch KI Anwendungsfelder
entlang der gesamten Wertschöpfung. Der Softwareanbieter arbeitet an
KI-gestützten Auswertungen in Bereichen wie Produktionsplanung,
Betriebsdatenerfassung und Qualitätssicherung. Vertriebsleiter Peter Bauer
sieht den Mehrwert vor allem darin, bestehende Daten zu verknüpfen: „KI
eröffnet neue Möglichkeiten, um Kennzahlen schneller auszuwerten und bereits
Handlungsempfehlungen abzuleiten.“ Der entscheidende Lernprozess finde jedoch
im Betrieb statt. Systeme müssten an reale Abläufe angepasst werden und
entwickelten sich mit jeder Anwendung weiter.
Wichtiger Baustein
für Wettbewerbsfähigkeit
Künstliche
Intelligenz wird nicht nur die Fertigung verändern, sondern auch die
Rahmenbedingungen industrieller Wertschöpfung. Digitale Modelle von Werkstücken
und Produktionsprozessen gewinnen an Bedeutung und lassen sich entlang der
Lieferkette nutzen. Für die Drehteile-Industrie stellt sich damit weniger die
Frage nach dem Ob als nach dem Zeitpunkt und der sinnvollen Ausgestaltung. Gleichzeitig
zeigt die Praxis, dass KI kein kurzfristiges Effizienzwerkzeug ist. Der Aufwand
für Datenstrukturierung, Anpassung und Schulung bleibt hoch, insbesondere für kleine
und mittelständische Betriebe. Fehlende Standards und knappe Ressourcen bremsen
den Einsatz, erhöhen aber zugleich den Handlungsdruck.
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Werner Liebmann,
Geschäftsführer des Verbands der Deutschen Drehteile-Industrie fasst zusammen: „Künstliche
Intelligenz ist kein Selbstzweck. Sie kann aber ein wichtiger Baustein sein, um
industrielle Fertigung in Deutschland wirtschaftlich zu betreiben.
Voraussetzung sind realistische Ziele, qualifizierte Mitarbeitende und
innovationsfreundliche Rahmenbedingungen.“