Ein Hafen mit Kränen, die ein Schiff entladen sowie ein Reach Stacker, der einen LKW belädt - alles gepaart mit einem intelligenten Netzwerk.

Sämtliche Logistikprozesse sollten in einer digitalen Plattform abgebildet werden – nach Möglichkeit in einer vom Logistikweltmeister. - Bild: Adobe Stock - Pugun & Photo Studio

| von Dietmar Poll

Die Logistik – drittgröß­ter Wirtschaftsbereich Deutschlands – kann sich der zunehmenden Digitalisierung und dem damit einhergehenden Siegeszug der Plattform-Ökonomie nicht entziehen. Vielmehr kann – nein, muss – die Logistik selber als Schlüsselbranche der Platt­form­ökonomie dienen. Doch um dort hinzukommen, bedarf es noch einiger Anstrengungen, denn „durch die Digitalisierung von allem und die Künstliche Intelligenz in allem wird sich alles für alle ändern“, sagt Michael ten Hompel, geschäftsführender Institutsleiter des Fraunhofer IML.

Kunde und Anbieter auf einer digitalen Plattform

So werde die Digitalisierung und Künstliche Intelligenz bisherige Geschäftsmodelle völlig auf den Kopf stellen. Aus dem Zusammenspiel von Plattformen, Künstlicher Intelligenz und interagierenden Systemen entstehe eine Welt, in der Daten über alle Grenzen hinweg kommuniziert werden müssten. „Damit deutsche Unternehmen in dieser entstehenden Plattformökonomie konkurrenzfähig sind, müssen die Weichen jetzt gestellt werden – und die Logistik wird dabei zur Schlüsselbranche“, betont ten Hompel. Die Potenziale für den Einsatz Künstlicher Intelligenz darin seien enorm, und die Logistik werde die erste Branche sein, in der sich KI-Verfahren massenhaft durchsetzten. „Denn wer die Logistikketten der Welt steuert, der steuert die Wirtschaft der Welt“, sagt ten Hompel.

Unternehmen müssen Geschäftsmodell erkennen

Oder um es mit den Worten von Andreas Scheuer, Bundesminister für Verkehr und Digitales, auszudrücken: „Wenn wir mit dem Sachverstand der deutschen Logistikwirtschaft nicht die Lösungen anbieten, dann werden andere Lösungen anbieten, die vielleicht nicht so intensiv mit diesem Wirtschaftsumfeld vertraut sind.“

Amazon, Alibaba, Google & Co.

Im Privatkundenbereich – also B2C – sei diese Chance laut ten Hompel vertan, denn Plattformen wie Amazon, Uber oder Alibaba hätten als Monopolisten längst gesamtwirtschaftliche Geschäfts- und Logistikprozesse übernommen. „Doch im Bereich der B2B-Plattformen wird die logistische Marktführerschaft gerade erst entschieden. Gewinnen werden digitale Plattformen und KI-Algorithmen, die die gesamte Logistik und damit wesentliche Teile der Wirtschaft durchdringen. Es entsteht ein Silicon Valley des B2B-Wettbewerbs, die Silicon Economy“, erklärt er. Wie diese Silicon Economy konkret aussehen könne und welche Schritte jetzt nötig seien, um sie umzusetzen, zeigt ten Hompel nachfolgend auf.

Mehrheit wünscht sich digitale Plattform aus Deutschland

Ob bei der Suche nach einer neuen Wohnung, beim Online-Shopping, der Jobsuche oder beim Austausch mit Freunden in Sozialen Netzwerken – digitale Plattformen sind inzwischen in allen Lebensbereichen verbreitet. Und längst nutzen auch Industrieunternehmen solche Plattformen für Geschäftskunden, um dort Produkte, Dienstleistungen und Herstellungsprozesse zusammenzubringen. Eine große Mehrheit der Bundesbürger wünscht sich, dass dieser Markt nicht den großen Playern aus den USA oder China überlassen wird. Drei Viertel sagen, dass deutsche Unternehmen selbst zu Plattformanbietern werden sollten. Und sogar 90 Prozent sind der Meinung, dass die Politik den Aufbau deutscher und europäischer digitaler Plattformen stärker fördern sollte. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Befragung von 1 003 Bundesbürgern im Auftrag des Digitalverbands Bitkom.

Schwärme in der Lagerlogistik

„Ein Schwarm ist dabei die vorderste Kante der KI-Entwicklung. Da geht es um autonome, biointelligente Drohnen, die sich wie ein Vogelschwarm organisieren. Mit solchen Algorithmen können wir die Logistik effizienter gestalten.“ Doch warum ist ausgerechnet die Logistik das Feld, das durch KI und Digitalisierung besonders adressiert wird? Dazu ten Hompel: „Ein Grund ist, dass die Logistik ähnlich wie die Geometrie relativ gut algorithmierbar ist und im Detail auch schon relativ gut standardisiert ist – aber auch extrem komplex ist.“ In diesem Zusammenhang verweist ten Hompel auf die Top Ten Themen der IT  – laut Untersuchung des Bitkom.

Digitale Intralogistik

Da stünden Themen wie IT Security, Cloud Computing, Industrie 4.0, Internet der Dinge, Blockchain, Distribu­ted Ledgers und Smart Contracting im Blickpunkt. „Jeder dieser Punkte hat etwas mit Logistik zu tun. In Verbindung mit der Plattformökonomie und der Vernetzung von allem und jedem. Das geht es nicht nur um etwas, es geht wirklich um alles. Wir beschäftigen uns gerade jetzt damit, weil diese Technologien jetzt verfügbar sind.“

5G für die digitale Revolution

Als erstes Beispiel nennt er die intelligente Palette, so ergäben sich neue Geschäftsmodelle. „Die Palette erkennt, wenn sie bewegt wird und meldet sich über Narrow band IT, ultra low power-Netzwerk, 5G-kompatibel. Das ist der erste Schritt in Richtung 5G“, betont ten Hompel. Die Batterie halte zehn Jahre und damit länger als die Palette selbst. Die Palette könne sich lokalisieren, in welchem Warehouse sie stehe, ob sie im Warehouse oder auf der Straße bewegt werde, ob sie im richtigen Temperaturbereich sei – bei einer Flatrate von einem Euro pro Jahr bei einem Anschaffungspreis von etwas mehr als zehn Euro. Zum Thema Blockchain-Technologie im Distributed Ledger verweist ten Hompel auf ein Projekt mit der Firma Rhenus. „Der intelligente Müllcontainer merkt, wenn er voll ist. Er schließt einen Vertrag mit dem Transportunternehmen, indem er selber einen Müllwagen ordert. Das wird automatisch gebucht und passiert in einer Blockchain.“

Grenzen fallen in der Supply Chain

Auch die Schnittstelle zum Menschen spricht ten Hompel an und spricht einen Einsatz bei BMW an: „Im einfachsten Fall gibt es einen Taster mit einem Display, und damit ordert der Mensch zum Beispiel einen Transport. Damit vernetzt man via 5G-Technologie die innerbetrieblichen Transporte und die außerbetrieblichen Transporte mit den innerbetrieblichen und außerbetrieblichen Plattformen. Demnach fallen die Grenzen zwischen innerbetrieblicher und außerbetrieblicher Logistik.“

Immer neue Geschäftsmodelle entstehen

Auch die Produktionslogistik beziehungsweise -versorgung werde sich dramatisch verändern. Es gebe autonome Fahrzeuge in Verbindung mit intelligenten Behältern, die sich selber organisierten. Die Logistik greife immer tiefer in die Prozesse der Produktion und des Handels ein. Es entstünden immer neue Geschäftsmodelle – wie beispielsweise die voll selbstorganisierende Produktionsversorgung von morgen.

Die IoT-Lösung für Container steckt im Deckel

Die schlaue Tonne für industrielle Anwendungen: Sämtliche Daten können erfasst und an eine Cloud übermittelt werden. - Bild: Schäfer Werke

Sensoren sollen die Daten von Industrie-Containern aufzeichnen und an die Cloud weiterleiten. Die Daten lassen sich für Wartung, Qualitätskontrolle und Logistik nutzen.
Die Schäfer Werke aus Neunkirchen im Siegerland produzieren unter anderem Mehrweg-Container (IBC) für industrielle Anwendungen. Im neu gegründeten Geschäftsbereich Vizuu GmbH will das Unternehmen diese IBC künftig mit Sensoren ausstatten, die Daten über Standort, Temperatur, Druck, Füllstände, Lichteinfall, Viskosität und Erschütterungen erfassen und weitergeben. Die gesammelten Daten werden an eine SAP Cloud Plattform (SCP) übermittelt. Sie ermöglicht die Einbindung der Daten in alle gängigen ERP-Systeme, auch jene von SAP. Zudem bietet Vizuu ein unabhängiges Web-Interface.

Immer mehr Unternehmen steigen in digitale Wirtschaft ein

Mit Blick auf die Plattformen bezieht sich ten Hompel nochmals auf die intelligente Palette der Firma Epal. „500 Mio Paletten sind in Europa unterwegs. Ein Teil der Paletten soll intelligent werden, indem sie ein Tagebuch ihrer ganzen Bewegungen führen, was über die Plattform abrufbar ist. So wird aus einem Unternehmen, das Holz zu Paletten zusammen nagelt, ein Digitalunternehmen – in nur einem Schritt“, beschreibt ten Hompel den Wandel der Zeit. Zum Thema Smart Contracting beschreibt er noch mal die intelligente Mülltonne mit dem digitalen Hub der Telekom. Dabei betreffe es auch das Bezahlen, Logistiker arbeiteten mittlerweile mit Banken zusammen. Und zwar nicht nur zur Bezahlung, sondern auch zum Anstoßen von Prozessen, zur Buchung und zum automatisierten Verhandeln.

Jede beliebige Rechnerleistung für die Kommissionierung

Beim Thema Vernetzung gehe es heute noch um die Vernetzung von Menschen zum Beispiel via Smart Phone und Social Networking, morgen vernetzten sich die Dinge selber. „Die Grenzen werden fallen, denn wir werden mit 5G an jedem Ort der Welt praktisch jede beliebige Rechnerleistung abrufen können. Denn hier spielt die Echtzeitfähigkeit eine entscheidende Rolle. So vernetzen sich unsere kleinen IoT Devices wie die intelligente Palette über 5G und können dann eben über die Plattformen auf beliebige Rechnerleistung zugreifen und diese für Steuerungsfunktionalität einsetzen – da die Antwort in Millisekunden kommt. Die Welt wird demnach grenzenlos – und es gibt kein unten und oben mehr. Denn: Mal steuert die Palette, mal der Truck oder die Plattform oder das AGV. Damit entsteht ein riesiger Datenraum“, beschreibt ten Hompel.

Auch der Kunde will Souveränität der Daten

Doch mit dem Datenraum komme zwangsläufig das Thema Datensicherheit auf, wie er darstellt: „Der Erhalt der Datensouveränität ist damit ganz wichtig. Auch da gibt es eine Entwicklung aus Deutschland, die wir einbringen wollen. Das ist der sogenannte ‚international data space‘. In diesem – und das ist entscheidend – werden die Daten mit ihrer Nutzung verbunden. Somit bleibt die Souveränität über die Daten erhalten.“

Innovationscenter im Unternehmen

Mit einem Blick in die Zukunft erwähnt ten Hompel einen nächsten Trend: Die Logistik 2030 – Digitale Infrastruktur für Künstliche Intelligenz. „Der LoadRunner, bei dem es sich um  einen autonomen Fahrzeugschwarm handelt. Der hat sozusagen von den Drohnen gelernt und das Wissen auf den Hallenboden runtergebracht.“
Auch wenn die neuen Technologien ungeahnte Möglichkeiten bieten, so sind ungeachtet dessen auch andere Themen von höchster Dringlichkeit, wie Rainer Wend, Executive Vice President, Politik und Regulierungsmanagement, Deutsche Post DHL Group, darstellt: „Ein einfaches quantitatives Wachstum wie bisher, nur weiter und noch größer, wird es nicht geben.“ Dazu bezieht er sich auf ein unternehmenseigenes Innovationscenter, in dem sich drei Visionen von Logistik im Jahr 2050 herauskristallisiert haben. Dazu Wend: „Im Jahr 2050 wird im bisherigen Verfahren gar nicht mehr transportiert, sondern über 3D-Drucker werden die Operationen weltweit stattfinden. Oder wir schießen unter der Erde die Waren durch Kanäle in Tunneln, sodass die Logistik auf den Straßen in diesem Sinne nicht mehr stattfindet.“

Re-Regionalisierung in Arbeit

Es gibt aber auch eine völlig andere Variante, wie Wend zu verstehen gibt, wobei er auf hierzulande erhältliches in Flaschen abgefülltes Trinkwasser aus Spanien anspielt: „Das andere Extrem ist die Re-Regionalisierung. Ist es wirklich auf Dauer noch nachhaltig, dass wir weltweit Logistik machen oder müssen wir nicht ein Stück weit zurückkommen auf die regionale Logistik?“
Schließlich gingen 14 % aller Treibhausgasemissionen auf der Welt vom Transportsektor aus, wobei die Post DHL eine größere Flugzeugflotte als die Lufthansa habe. Dazu Wend: „Wir haben uns zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2050 null Emissionen herauszubringen. Das ist ein sehr ehrgeiziges Ziel, aber wir sind davon überzeugt, wenn wir das nicht hinbekommen, dann wird die Logistiksparte irgendwann keine Zukunft mehr haben.“

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