Brasilien als Partnerland auf der Hannover Messe

Brasilien etabliert sich als neuer Wachstumsmotor

Brasilien entwickelt sich zunehmend zum Wachstumsmotor für den Maschinenbau. Industriepolitische Programme, hohe Investitionen und eine breit diversifizierte Industrie rücken das Land stärker in den Fokus deutscher Unternehmen.

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Brasilien Wirtschaft
Brasilien positioniert sich als Hightech-Standort und tritt 2026 als Partnerland der Hannover Messe auf.

Deutsche Maschinenbauer, die ihr Engagement in anderen Teilen der Welt ausbauen möchten, sollten sich dieses Jahr in ihrem Terminkalender für den 20. bis 24. April Platz lassen. Denn die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas - Brasilien mit seinen 216 Millionen Einwohnern, seinen bedeutenden Rohstoff- und Energieressourcen sowie seiner breit diversifizierten Industrie - ist das Partnerland der Hannover Messe 2026.

Über 160 brasilianische Aussteller und gut 250 Delegierte, die seit Jahren eine stärkere Einbindung in globale Wertschöpfungsketten anstreben, reisen nach Hannover an, um neue Partner in Europa zu finden oder bereits bestehende Geschäftskontakte zu intensivieren.

„Auf der Messe bietet sich eine ausgezeichnete Gelegenheit, die Wettbewerbsvorteile Brasiliens sowie die bereits im Land entwickelten Technologien kennenzulernen“, betont Barbara Konner, die Hauptgeschäftsführerin der AHK São Paulo. Die AHK feiert in diesem Jahr bereits ihr 110-jähriges Jubiläum. „Unter dem Motto „Brazil – The Industry of Today“ möchte das Land zeigen, wie sehr es bereits im internationalen Markt, insbesondere in Bereichen wie erneuerbare Energien und Dekarbonisierung der Industrie konkurrieren kann“, fährt die Chefin der Deutsch-Brasilianischen Industrie- und Handelskammer fort.

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„Durch die Anfang 2024 von der brasilianischen Regierung lancierte neue Industriepolitik „Nova Indústria Brasil“ soll die lokale Industrie mit Fokus auf Nachhaltigkeit und Innovation gefördert werden. Bis 2026 sollen rund 300 Milliarden BRL (umgerechnet knapp 50 Milliarden Euro) in die sechs strategischen Bereiche Agrobusiness, Bergbau, Logistik, Wasser- und Abwassermanagement, Automobilindustrie und erneuerbare Energien fließen. Sektoren, in denen deutsche Technologie traditionell eine führende Rolle einnimmt. Und mit dem EU-Mercosur-Abkommen, das laut Europäischer Kommission möglichst bald in Kraft treten soll, verbessern sich die Geschäftsmöglichkeiten für deutsche Maschinenbauer erheblich“, stellt Barbara Konner fest.

Das große Interesse an neuen Kontakten mit deutschen Partnern unterstreicht auch die Anwesenheit des brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva, der am 19. April gemeinsam mit Bundeskanzler Friedrich Merz die Hannover Messe 2026 offiziell eröffnen wird.

Stabiles Wirtschaftswachstum – aber Gegenwind im Maschinenbau

„Brasiliens Wirtschaft entwickelt sich seit längerem deutlich dynamischer als die deutsche“, berichtet Gloria Rose, Korrespondentin von Germany Trade & Invest in Brasilien. „Das Bruttoinlandsprodukt legte 2025 real um 2,3% zu. Für 2026 wird ein Wachstum von 1,5 bis 2,0% erwartet. Wachstumsstark sind vor allem IT (Brasilien wird Data Center-Hub), Bergbau (mit großen Investitionen in kritische Mineralien), Öl & Gas (Rekordinvestitionen 2026), Pharma (+12% Umsatz 2026) sowie Medizintechnik, erneuerbare Energien und Teile der Logistik“, fährt die GTAI-Expertin fort. Auch die Agrarwirtschaft und die Nahrungsmittelindustrie bleiben stark, bekommen 2026 aber Gegenwind durch die Unsicherheit im Welthandel. Unter Druck stehen der Maschinenbau, die Chemie- und Elektroindustrie sowie vor allem die Automobilindustrie, die mit schwacher Nachfrage und anhaltenden Risiken in der Chip-Lieferkette zu kämpfen hat.

Barbara Konner, die Hauptgeschäftsführerin der AHK São Paulo

Unter dem Motto 'Brazil – The Industry of Today' möchte das Land zeigen, wie sehr es bereits im internationalen Markt, insbesondere in Bereichen wie erneuerbare Energien und Dekarbonisierung der Industrie konkurrieren kann.

Barbara Konner, Hauptgeschäftsführerin AHK São Paulo

Nach Schätzungen des VDMA nahm Brasilien im Jahr 2024 mit 51 Milliarden Euro Umsatz im Weltmaschinenumsatz immerhin Rang 11 ein. „Der brasilianische Maschinenbausektor macht im Einklang mit globalen Anforderungen rasche Fortschritte in den Bereichen Digitalisierung, Automatisierung und Nachhaltigkeit und festigt Brasiliens Rolle als unverzichtbarer Partner für die deutsche und europäische Industrie“, konstatiert Fabiane Wahlbrink, die Leiterin des VDMA-Büros in Brasilien.

Die Stärken des brasilianischen Maschinen- und Anlagenbaus liegen - so die VDMA-Expertin weiter - in seiner breiten industriellen Diversifizierung, der ausgeprägten Fähigkeit zur Anpassung an lokale Rahmenbedingungen sowie in einem fundierten technologischen Know-how in Bereichen mit enger Anbindung an den Agrarsektor und die Grundstoffindustrie. International weist Brasilien insbesondere in den Segmenten Landtechnik, Bergbau- und Baumaschinen, Werkzeugmaschinen sowie Maschinen für die Lebensmittelverarbeitung eine hohe Wettbewerbsfähigkeit auf.

Maschinenbau: Hier ist Brasilien besonders stark

„Besonders hervorzuheben sind brasilianische Landmaschinen, die auf internationalen Märkten große Anerkennung genießen. Die weltweit führende Expertise Brasiliens in der tropischen Landwirtschaft ermöglicht die Entwicklung leistungsfähiger, robuster und an unterschiedliche Produktionsbedingungen angepasster Maschinen. Diese Kombination aus technischer Kompetenz und praxisnaher Anwendung macht brasilianische Lösungen insbesondere für aufstrebende Agrarmärkte attraktiv“, fährt Fabiane Wahlbrink fort.

„Zu nennen sind hier vor allen die vor Ort ansässigen multinationalen Hersteller John Deere, CNH Industrial, AGCO (Valtra/Massey Ferguson) und Mahindra“, ergänzt Gloria Rose von der GTAI. „Der Sektor ist stärker binnenmarktorientiert, weil der brasilianische Agrarsektor selbst riesig ist. Daher liegt der Exportanteil der Sparte unter dem der Bergbau- und Energietechnik, der exportintensivsten Maschinenbausegmente Brasiliens.“

Als einen der größten Maschinenbauer Brasiliens und weltweit führenden Hersteller von Elektromotoren, Generatoren, Transformatoren und Automatisierungstechnik nennt die GTAI das Unternehmen Weg S.A. mit Exportaktivitäten in über 100 Ländern. Erwähnt werden ferner Jacto, ein innovativer Agrarmaschinenproduzent mit globaler Reichweite, Stara (ebenfalls Agrarmaschinen) sowie Schulz (Kompressoren), Kepler Weber (Silos und Lagertechnik für Getreide) und Romi (Werkzeug- und Kunststoffmaschinen).

Fabiane Wahlbrink, Chief Representative des VDMA Brazil

Die weltweit führende Expertise Brasiliens in der tropischen Landwirtschaft ermöglicht die Entwicklung leistungsfähiger, robuster und an unterschiedliche Produktionsbedingungen angepasster Maschinen.

Fabiane Wahlbrink, Chief Representative VDMA Brazil

Chinesische Konkurrenz weiter auf dem Vormarsch

Sorgen bereitet lokalen und europäischen Maschinenbauern die starke Ausweitung der chinesischen Exporte nach Brasilien, die 2024 um 12% gewachsen sind, nachdem sie im Jahr zuvor bereits um 29% zugelegt hatten. „Heute stammt bereits jedes dritte vom brasilianischen Markt importierte Ausrüstungs- und Maschinenprodukt aus China“, konstatiert die Chefin des VDMA Brazil. 

„Während die brasilianischen Maschinenexporte langsamer wachsen als die Importe, verliert die heimische Industrie zunehmend Marktanteile im eigenen Land“, so Wahlbrink weiter. „Innerhalb von acht Jahren ist ihr Anteil von 70% auf 55% gesunken.“ Dies sei ein deutliches Warnsignal für die Wettbewerbsfähigkeit, die Industriepolitik und die dringende Notwendigkeit, strukturelle Faktoren anzugehen, die das Produzieren in Brasilien verteuern.

„So verwundert es wenig, dass der brasilianische Maschinenbau von 2022 bis 2024 drei Jahre in Folge sinkende Umsätze verzeichnete“, ergänzt Gloria Rose von der GTAI. „2025 erlebte die Branche zwar eine Erholung, bleibt jedoch durch hohe Zinsen und die US-Zölle von 40% zusätzlich zu dem „reziproken“ Zoll von 10% stark belastet“, fährt sie fort. 

Brasiliens Branchenverband Abimaq rechnet 2025 mit einem Umsatzwachstum von 7,3%, getragen vor allem vom Inlandsmarkt; für 2026 erwartet Abimaq nur noch ein Plus von rund 4%. Den Einbruch der Exporte in die USA konnten andere Märkte wie Singapur und Argentinien 2025 kompensieren. Ob dies auch 2026 gelingt, bleibe fraglich, so der Verband weiter.

Nach Angaben der AHK São Paulo und der GTAI beschäftigt der brasilianische Maschinenbau heute über 400.000 Arbeitskräfte, steht für etwa 3% der industriellen Wertschöpfung und investiert jährlich etwa 1,5 Mrd. BRL in Forschung und Entwicklung. Die Branche verlor jedoch im vergangenen Jahrzehnt stark an Bedeutung, sie trägt heute weniger als 0,5% zum BIP bei, vor 15 Jahren waren es noch nahezu 1%.

Deutsche Ausfuhren nach Brasilien haben Luft nach oben

In dem derzeit eher trüben Gesamtszenario für deutsche Exporteure bildet auch Brasilien keine Ausnahme, denn die deutschen Gesamtausfuhren nach Brasilien sanken nach vorläufigen Daten des Statistischen Bundesamtes im Gesamtjahr 2025 im Vorjahresvergleich um 2,2% auf 12,9 Mrd. Euro, nachdem 2024 noch ein leichtes Plus von 0,8% auf 13,2 Mrd. Euro verzeichnet worden war.

„Etwas besser sieht es derzeit für deutsche Maschinenbauer aus“, betont Yvonne Heidler, Referentin Westeuropa/EU, Süd- und Zentralamerika im VDMA. „Zwar lag Brasilien im Exportranking der deutschen Maschinenausfuhr bei Maschinenlieferungen von 2,7 Mrd. Euro im Jahr 2024 erst auf Platz 19, aber in den ersten neun Monaten 2025 gab es immerhin ein Plus von 3,7% auf knapp 2,1 Mrd. Euro. Besonders gefragt in Brasilien sind deutsche Maschinen der Branchen Antriebstechnik, Fördertechnik, Baumaschinen und Baustoffanlagen, Nahrungsmittel- und Verpackungsmaschinen, Fluidtechnik sowie Druck- und Papiertechnik,“ betont die VDMA-Expertin Heidler weiter.

„Der brasilianische Markt bietet vielfältige Geschäftschancen, doch eine sorgfältige Vorbereitung ist entscheidend. Eine Anpassung an die lokalen Gegebenheiten ist dabei besonders wichtig,“ ergänzt Barbara Konner von der AHK São Paulo. „Für den operativen Erfolg ist außerdem ein fundiertes Verständnis der oftmals komplexen regulatorischen und steuerlichen Rahmenbedingungen notwendig. Um deutschen Unternehmen den Markteintritt zu erleichtern, haben wir ein umfangreiches Dienstleistungsportfolio entwickelt – von digitalen Markteintrittslösungen bis hin zur Geschäftspartnervermittlung“, so Konner weiter.

Lange Tradition deutscher Unternehmen vor Ort

„Fast 50% unserer 800 überwiegend kleinen und mittleren Mitgliedsunternehmen stammen aus dem Maschinen- und Anlagenbau und sind seit Jahrzehnten auf dem brasilianischen Markt aktiv“, fährt die Chefin der AHK São Paulo fort. „Sie sind tief in nationale Wertschöpfungsketten eingebunden, leisten einen wichtigen Beitrag zur Etablierung von Standards, sind beliebte Arbeitgeber und tragen zur Entwicklung der brasilianischen Wirtschaft und zur Stärkung der Beziehungen zwischen beiden Ländern bei. Zu den erfolgreichen Beispielen zählen etwa die Unternehmen Grob, Bosch, Schmersal, Trumpf, Liebherr, Sarstedt, Weishaupt, Pilz und Wika.“

„Brasilien ist für den deutschen Maschinen- und Anlagenbau der wichtigste Absatzmarkt in Südamerika. Dies zeigt sich im starken Netzwerk von rund 400 in Brasilien ansässigen VDMA-Mitgliedsunternehmen“, ergänzt Wahlbrink. „Der überwiegende Teil dieser Unternehmen ist mit Sales- und Servicegesellschaften vertreten, rund 100 von ihnen mit einer lokalen Produktion. Insgesamt beschäftigen sie rund 40.000 Mitarbeitende in Brasilien“. Seit 2013 ist der VDMA offiziell in Brasilien präsent und unterstützt seine Mitglieder vor Ort. Um die Betreuung der Mitglieder weiter zu verbessern, ist das VDMA-Büro Brasilien seit Januar 2024 in die Deutsch-Brasilianische Industrie- und Handelskammer integriert.

Seit über 200 Jahren trägt die deutsche Einwanderung maßgeblich zur technologischen und industriellen Entwicklung Brasiliens bei. Zum Beispiel war Siemens bereits seit 1867 in Brasilien aktiv, im Jahr 1905 wurde eine eigene Landesgesellschaft in Rio de Janeiro gegründet. Die Grob-Werke aus München eröffneten 1956 ihr erstes Werk in São Paulo, Dürr Brasil – Industrial Equipment S.A. kam mit der ersten Auslandsgesellschaft des Unternehmens 1964 ein paar Jahre später.

„Weitere Unternehmen blicken auf eine jahrzehntelange Erfolgsgeschichte im Land zurück“, ergänzt Wahlbrink. „Beispiele hierfür sind Liebherr in Guaratinguetá, Haver & Boecker in Monte Mor sowie Eirich in Jundiaí – allesamt Unternehmen, die seit über 50 Jahren in Brasilien präsent sind und die enge sowie nachhaltige Zusammenarbeit zwischen deutscher und brasilianischer Industrie eindrucksvoll widerspiegeln“.

Insgesamt sind derzeit sind mehr als 1.500 deutsche Unternehmen in Brasilien tätig, darunter Großunternehmen wie BASF, Bayer, Bosch, SAP, Siemens, Volkswagen und ZF Friedrichshafen. Aber auch etliche mittelständische Unternehmen sind - oft schon seit Jahrzehnten - vor Ort mit eigenen Produktionswerken, Vertriebs- oder Serviceniederlassungen präsent. Im Großraum São Paulo bilden gut 1.300 Firmen die größte Konzentration deutscher Industrieunternehmen weltweit. Besonders stark vertreten sind dabei die Branchen Automobil- und Zulieferindustrie, Textil- und Fertigungstechnik, Holz- und Papiermaschinenbau sowie allgemeine Industrie- und Prozessanlagen.

Zahlreiche weitere Expansionspläne

Gloria Rose, GTAI-Korrespondentin für Brasilien

Wie die Deutsche Messe im Vorfeld der Hannover-Messe berichtet, kündigten deutsche Unternehmen laut der von Moody´s betriebenen Datenbank Orbis Crossborder Investment zwischen Januar und September 2025 insgesamt 41 neue Investitionsprojekte im Wert von 3,5 Mrd. US-Dollar in Brasilien an. Über 90% dieser Summe sollen im verarbeitenden Gewerbe und im Elektrizitätssektor investiert werden. 

Beispielsweise beläuft sich die Erweiterung des Volkswagen-Werks in São Bernardo do Campo auf 1,26 Mrd. US-Dollar, und Siemens Energy investiert 1,5 US-Dollar in eine Partnerschaft mit BP und SPIC zur Eröffnung eines erdgasbetriebenen Wärmekraftwerks in São João da Barra.

„Aber auch mittelständische Unternehmen setzen ihren Expansionskurs in Lateinamerika fort“, ergänzt Gloria Rose von der GTAI. “Im März 2026 wird zum Beispiel die Alexander Wiegand SE & Co. KG (Wika) aus Klingenberg, ein weltweit führender Hersteller in der Druck- und Temperaturmess- sowie der Kalibriertechnik, eine neue Fabrik in Boituva (Bundesstaat São Paulo) einweihen, die den gesamten lateinamerikanischen Markt beliefern soll.

 Auch Liebherr stärkte 2025 seine Präsenz in Brasilien mit einem neuen Forschungs- und High-Tech-Fertigungszentrum in Guaratinguetá (São Paulo), wo künftig komplexe Komponenten für die globale Luftfahrtindustrie entwickelt und produziert werden. In der Agrartechnik investieren Stihl, Horsch, Fendt, Amazone, One Smart Spray (Joint Venture von Bosch/BASF)“, fährt die GTAI-Expertin fort.

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Industriepolitik „Nova Indústria Brasil“beflügelt den Maschinenbau

„Die oben bereits erwähnte Industriepolitik „Nova Indústria Brasil“ hat ambitionierte Zielmarken gesetzt, die direkt und/oder indirekt den brasilianischen Maschinenbau beeinflussen“, berichtet die Barbara Konner. „Im Agrarbereich soll die Mechanisierung der Familienbetriebe bis 2030 auf 70% steigen (heute liegt sie bei lediglich 18%) und 95% der benötigten Maschinen sollen künftig in Brasilien produziert werden.“

In der Gesundheitsindustrie wird - so die Deutsch-Brasilianische Industrie- und Handelskammer weiter- angestrebt, den Anteil der nationalen Produktion an Medikamenten, Impfstoffen und Medizintechnik von 42% auf 70% zu erhöhen, um das öffentliche Gesundheitssystem zu stärken und die Versorgungssicherheit zu verbessern. Für die städtische Lebensqualität setzt die Politik auf nachhaltige Infrastruktur, mit dem Ziel, die durchschnittliche Pendelzeit der Bevölkerung um 20% zu reduzieren und den nationalen Anteil an der Wertschöpfungskette des nachhaltigen öffentlichen Verkehrs um 25 Prozentpunkte zu erhöhen – insbesondere in den Bereichen Elektromobilität, Batterietechnologie und Metro- bzw. Schienenverkehr.

Ein weiteres Kernziel ist der AHK São Paulo zufolge die digitale Transformation der Industrie: 90% der Unternehmen sollen digitalisiert sein (heute 23,5%), und die nationale Produktion in Hightech-Segmenten wie Industrie 4.0, digitalen Produkten und Halbleitern soll verdreifacht werden. Im Bereich der Bioökonomie und Energiewende sieht die Politik vor, den Anteil von Biokraftstoffen im Transportsektor um 50% zu steigern, die industriellen CO₂-Emissionen um 30% zu senken und die Nutzung der Biodiversität in industriellen Anwendungen auszuweiten. Schließlich verfolgt die Politik das Ziel, in der Verteidigungsindustrie 50% der kritischen Technologien im eigenen Land zu entwickeln, mit Priorität für Nuklearenergie, Kommunikations- und Sensorsysteme sowie autonome und ferngesteuerte Fahrzeuge.

„Ergänzend zur „Nova Indústria Brasil“ stellt die brasilianische Entwicklungsbank BNDES umfangreiche Kreditlinien für den Erwerb von Maschinen und Anlagen, die industrielle Modernisierung, Innovationsprojekte und den Export von Investitionsgütern bereit“, ergänzt Wahlbrink vom VDMA Brazil. „Weitere wichtige Impulse kommen aus dem staatlichen Infrastrukturprogramm PAC, das großvolumige Investitionen in Energie, Logistik, Mobilität und Grundversorgung umfasst und damit direkte Nachfrage nach Maschinen für Bau, Bergbau und Grundstoffindustrie schafft“, fährt die Expertin fort.

Darüber hinaus treiben Investitionen in die Energiewende – etwa in erneuerbare Energien, Wasserstoff, Biokraftstoffe und Energieeffizienz – sowie die kontinuierlich hohe Investitionstätigkeit im Agrar- und Agrarindustriesektor die Nachfrage nach Maschinen und Anlagen nachhaltig an.

Deutsche Wirtschaft hofft auf EU-Mercosur Freihandelsabkommen

Große Hoffnung setzt die deutsche Wirtschaft auch auf das nach über 25 Jahren Verhandlungen in der paraguayischen Hauptstadt Asunción von Vertretern der Europäischen Union und von vier südamerikanischen Ländern am 17. Januar 2026 unterzeichnete EU-Mercosur-Freihandelsabkommen, das mit mehr als 700 Mio. Einwohnern und einer gemeinsamen Wirtschaftsleistung von rund 22 Billionen US-Dollar eine der größten Freihandelszonen der Welt bilden soll.

In einer gemeinsamen Stellungnahme der AHKs in Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay begrüßen die Deutschen Auslandshandelskammern das EU-Mercosur-Abkommen als strategischen Meilenstein für die Zukunft beider Regionen. Durch den Abbau von Zöllen und Handelshemmnissen können europäische Unternehmen jährlich über 4 Mrd. Euro einsparen. Dies sei ein entscheidender Impuls für Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum.

Wie es im Statement der vier AHKs weiter heißt, ergeben sich für die Schlüsselbranchen Automobilindustrie und Kfz-Teile, Chemie und Pharma, Energie, kritische Rohstoffe sowie grüne und digitale Transformation, Finanzdienstleistungen,Telekommunikation und Technologie, Infrastruktur, Logistik und Transport sowie Maschinen und Industrieausrüstungen durch das Abkommen neue Perspektiven und Chancen für die weitere gemeinsame Entwicklung strategischer Märkte, die für Innovation, Beschäftigung, nachhaltige Entwicklung und die Diversifizierung globaler Wertschöpfungsketten entscheidend sind.

Die überraschende Entscheidung des EU-Parlaments, das Mercosur-Abkommen zur Überprüfung an den EU-Gerichtshof zu verweisen, hält der VDMA-Hauptgeschäftsführer Thilo Brodtmann für vollkommen unverständlich. Das Mercosur-Abkommen werde dadurch erheblich verzögert. „So benötigte das Gericht etwa zwei Jahre, um ein Gutachten zum Freihandelsabkommen zwischen der EU und Singapur abzugeben. Ein zügiges Inkrafttreten des EU-Mercosur-Freihandelsabkommens ist essenziell für die internationale Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie und des Maschinenbaus,“ so der VDMA-Hauptgeschäftsführer weiter.

Das EU-Mercosur-Abkommen sieht einen Zollabbau für rund 95 % aller Maschinenbauprodukte vor.

VDMA-Expertin Yvonne Heidler

„Die derzeitigen Mercosur-Zölle von durchschnittlich 11% verteuern unsere Exporte erheblich und stellen damit eine klare Belastung für viele Unternehmen dar. Europa behindert sich selbst durch politische Blockaden. Der exportorientierte industrielle Mittelstand braucht dringend EU-Freihandelsabkommen, die auch in Kraft treten“, fordert VDMA-Chef Brodtmann abschließend.

Yvonne Heidler, Referentin Westeuropa, EU, Süd- und Zentralamerika beim VDMA

„Das EU-Mercosur-Abkommen sieht einen Zollabbau für rund 95 % aller Maschinenbauprodukte vor“, ergänzt die VDMA-Expertin Yvonne Heidler. „Die positiven Effekte werden sich jedoch überwiegend mittel- bis langfristig zeigen, da die meisten Zölle schrittweise über 10 bis 15 Jahre sinken sollen. Nur in einigen Ausnahmefällen, etwa bei Textilmaschinen, werden die Produkte direkt nach Inkrafttreten zollfrei gestellt“, so Heidler weiter.

Bevor das Freihandelsabkommen in Kraft treten kann, muss es noch vom Europäischen Parlament gebilligt werden. Es gebe bislang keine Pläne, den Vertrag bereits zuvor vorläufig zur Anwendung kommen zu lassen, sagte ein Sprecher der EU-Kommission. Es gehe nun darum, im EU-Parlament um Unterstützung für den Deal zu werben. Das politische Partnerschaftsabkommen wiederum tritt erst in Kraft, wenn es von den EU-Mitgliedsstaaten und den beteiligten Mercosur-Ländern ratifiziert wurde.

„Mit dem Beginn der parlamentarischen Arbeit im brasilianischen Nationalkongress in der ersten Februarwoche positioniert sich Brasilien als treibende Kraft im Mercosur, um die Ratifizierung des Assoziierungsabkommens mit der EU zu beschleunigen,“ berichtet die VDMA-Expertin Yvonne Heidler. „Ziel der brasilianischen Regierung ist, das Abkommen noch im 1. Halbjahr 2026 zu verabschieden und damit den politischen Druck auf die EU zu erhöhen.“

Auch andere Mercosur-Mitglieder treiben ihre Verfahren zügig voran, so der VDMA weiter: Uruguay übergab das Abkommen bereits zur Prüfung an das Parlament, Argentinien bringt den Vertrag seit dem 2. Februar in Sondersitzungen ein, und Paraguays Präsident leitete den Prozess am 29. Januar mit der Übermittlung an die Ständige Kommission des Kongresses ein. Das koordinierte Vorgehen der Mercosur-Staaten betont den politischen Willen zur schnellen Ratifizierung und setzt ein klares Signal für Planungssicherheit und zügige Umsetzung des Abkommens.

FAQ: Brasilien Wachstumsmotor Maschinenbau

Warum gilt Brasilien als Wachstumsmotor für den Maschinenbau?

Wegen stabilen Wirtschaftswachstums, hoher Industrieinvestitionen und gezielter industriepolitischer Programme.

Welche Rolle spielt „Nova Indústria Brasil“ für den Maschinenbau?

Das Programm fördert Nachhaltigkeit, Digitalisierung und lokale Produktion in zentralen Industriesektoren.

In welchen Segmenten ist der brasilianische Maschinenbau besonders stark?

Vor allem in der Landtechnik, bei Bergbau- und Baumaschinen, Werkzeugmaschinen und Lebensmittelverarbeitung.

Wie positionieren sich deutsche Maschinenbauer in Brasilien?

Mit langjähriger Präsenz, lokalen Produktions- und Serviceeinheiten sowie steigenden Exportzahlen in ausgewählten Segmenten.