Volkswagen vor Milliarden-Carve-out

Everllence: VW prüft Verkauf der Tochter

Everllence steht vor einem möglichen Eigentümerwechsel. Volkswagen lotet seit Herbst 2025 strategische Optionen aus – inklusive eines milliardenschweren Carve-outs mit industriepolitischer Tragweite.

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Everllence, die ehemalige MAN Energy Solutions, soll wohl vom Mutterkonzern Volkswagen verkauft werden.
Everllence, die ehemalige MAN Energy Solutions, soll wohl vom Mutterkonzern Volkswagen verkauft werden.

Der Volkswagen-Konzern prüft seit Herbst 2025 strategische Optionen für seine Tochtergesellschaft Everllence SE. Hinter dem nüchternen Begriff „Portfolioüberprüfung“ verbirgt sich ein potenzieller Milliarden-Carve-out mit industriepolitischer Signalwirkung. Stand Mitte Februar 2026 befindet sich der Prozess in einer frühen Bieterphase. Eine Entscheidung ist, Stand Februart 2026, noch nicht gefallen.

Vom MAN-Traditionshaus zur Dekarbonisierungsmarke

Everllence firmierte bis zum 4. Juni 2025 unter dem Namen MAN Energy Solutions. Mit der Umbenennung hat das Unternehmen seine strategische Neupositionierung sichtbar gemacht. Der neue Markenname – abgeleitet aus „Ever“ und „Excellence“ – steht für technologische Kontinuität und Innovationsanspruch. Die Leitidee „Moving Big Things to Zero“ beschreibt die Ausrichtung auf industrielle Dekarbonisierung.

Das Unternehmen blickt auf über 250 Jahre industrielle Geschichte im Motoren- und Turbomaschinenbau zurück. Die Wurzeln reichen tief in die Augsburger Industriehistorie. Heute zählt Everllence mehr als 10.000 Beschäftigte weltweit und gehört zu den technologisch führenden Anbietern im Bereich großindustrieller Antriebssysteme und Energieanlagen.

Geschäftsmodell zwischen Schwerindustrie und Energiewende

Operativ ist Everllence breit aufgestellt. Das Kerngeschäft umfasst große Zwei- und Vier-Takt-Motoren für die Schifffahrt, stationäre Kraftwerkslösungen sowie Turbomaschinen und Verdichter für industrielle Anwendungen. Hinzu kommen Retrofit-Programme für alternative Kraftstoffe, insbesondere Methanol- und Dual-Fuel-Lösungen, die im Zuge der Dekarbonisierung an Bedeutung gewinnen.

Parallel hat das Unternehmen sein Portfolio in Richtung Zukunftstechnologien erweitert. Großwärmepumpen für industrielle Anwendungen, CO₂-Abscheidungssysteme, Serviceleistungen unter der Marke PrimeServ sowie Technologien zur Herstellung von grünem Wasserstoff ergänzen das klassische Motorengeschäft. Strategisch ordnet Everllence diese Aktivitäten mehreren Dekarbonisierungsfeldern zu, die von emissionsarmen Antrieben bis zur industriellen Prozesswärme reichen.

Die Positionierung ist klar: Das Unternehmen versteht sich als Transformationspartner energieintensiver Branchen.

Solide Kennzahlen, stabile Ertragsbasis

Finanziell steht Everllence auf einem soliden Fundament. Für das Geschäftsjahr 2024 wurden Umsätze von 4,3 Milliarden Euro und ein EBIT von 337 Millionen Euro berichtet. Damit bewegt sich die operative Marge im oberen einstelligen Prozentbereich – für das zyklische Industrieumfeld ein respektabler Wert.

In Finanzkreisen werden auf dieser Basis Bewertungen um 6 Milliarden Euro diskutiert, in einzelnen Szenarien auch bis zu 7 oder 8 Milliarden Euro. Das entspricht einem branchenüblichen EBIT-Multiple für stabile Industrie-Assets mit globalem Servicegeschäft und hohen Markteintrittsbarrieren, wobei die obere Spannbreite deutlich über der von Analysten häufig genannten Bewertung von 5 bis 6 Milliarden Euro liegt.

Für Private-Equity-Investoren ist Everllence damit ein klassischer Large-Cap-Carve-out: technologisch anspruchsvoll, margenstabil und mit planbaren Serviceerlösen.

Bieterprozess läuft – internationale Finanzinvestoren im Fokus

Volkswagen hat Goldman Sachs und JPMorgan mit der Strukturierung und Prüfung eines möglichen Verkaufs mandatiert. Nach Berichten aus internationalen Finanzmedien interessieren sich mehrere große Private-Equity-Häuser für eine Mehrheitsbeteiligung. Genannt werden unter anderem EQT – teilweise in Verbindung mit dem Staatsfonds GIC –, CVC, Advent, Bain Capital, KPS Capital Partners, Clayton Dubilier & Rice sowie Mitsui & Co.

Porsche SE wird in einzelnen Berichten als möglicher Interessent genannt; eine Beteiligung könnte Everllence im erweiterten Konzernverbund halten. Eine offizielle Bestätigung gibt es jedoch nicht.

Erste unverbindliche Angebote wurden laut Branchenkreisen bis Mitte Februar 2026 erwartet. Stand 12. Februar befindet sich der Prozess weiterhin in der ersten Bieterphase. Ob es zu einem Verkauf, einem Teilverkauf oder zu einer späteren Kapitalmarktoption kommt, ist offen.

Finanzierung im Milliardenbereich

Sollte es zu einem klassischen Leveraged-Buy-out kommen, ist mit einer umfangreichen Fremdfinanzierung zu rechnen. Banken strukturieren entsprechende Finanzierungen im Milliardenbereich, darunter Senior-Leveraged-Loans und High-Yield-Instrumente. Zusätzlich wären umfangreiche Bürgschaften und revolvierende Kreditlinien erforderlich, um das projektbasierte Geschäft abzusichern. Die genaue Struktur ist nicht öffentlich dokumentiert, bewegt sich jedoch im Rahmen vergleichbarer Industrie-Transaktionen.

Gewerkschaftliche und politische Sensibilität

Der Verkaufsprozess ist nicht nur eine finanzielle, sondern auch eine arbeits- und industriepolitische Frage. Im Zuge von Tarifverhandlungen 2020 hatten IG Metall, Volkswagen und die damalige MAN Energy Solutions vereinbart, die Standorte und Beschäftigung mindestens bis Ende 2024 zu sichern. Diese Frist ist inzwischen ausgelaufen.

Am Hauptsitz in Augsburg arbeiten mehrere Tausend Beschäftigte. Entsprechend aufmerksam verfolgen Arbeitnehmervertreter und Landespolitik die Entwicklung.

Hinzu kommt ein außenwirtschaftsrechtlicher Aspekt. Ein früher geplanter Verkauf der Gasturbinensparte kam 2023 auch aufgrund sicherheitspolitischer Bedenken der Bundesregierung nicht zustande. Bei einem Eigentümerwechsel – insbesondere bei nicht-europäischen Investoren – wären erneut Prüfmechanismen denkbar.

Warum VW sich von Everllence trennen könnte

Die Überlegungen sind vor dem Hintergrund der Konzernstrategie zu sehen. Volkswagen investiert massiv in Elektromobilität, Software und digitale Plattformen. Gleichzeitig stehen die Margen unter Druck. Belastungen durch Handelskonflikte und Zölle wirken sich in Milliardenhöhe aus. Analysten rechnen mit einem deutlichen Rückgang der operativen Marge gegenüber den rund sieben Prozent der Vorjahre.

Vor diesem Hintergrund prüft der Konzern die Trennung von nicht zum Kerngeschäft zählenden Geschäftseinheiten, um Liquidität zu generieren und Kapital zu fokussieren. Everllence ist zwar profitabel, gehört jedoch nicht zum automobilen Kernportfolio.

Offene Szenarien

Derzeit sind mehrere Entwicklungen denkbar. Ein vollständiger Mehrheitsverkauf an Private Equity gilt als wahrscheinlichstes Szenario. Möglich wäre auch ein Teilverkauf mit Minderheitsbeteiligung von Volkswagen oder – perspektivisch – ein Börsengang. Ebenso ist eine Vertagung des Verkaufs nicht ausgeschlossen, falls die Bewertungserwartungen nicht erfüllt werden.

Zwischenbilanz

Der geplante Verkauf von Everllence ist mehr als ein gewöhnlicher Portfolio-Bereinigungsschritt. Er berührt Fragen der industriellen Souveränität, der Transformation energieintensiver Branchen und der strategischen Ausrichtung eines der größten Automobilkonzerne der Welt.

Stand Mitte Februar 2026 ist das Ergebnis offen. Sicher ist lediglich, dass die Entscheidung – unabhängig vom Ausgang – Signalwirkung für weitere Industrie-Carve-outs in Deutschland haben dürfte.

FAQ: Verkauf von Everllence durch Volkswagen

Was ist Everllence? - Everllence (bis Juni 2025 MAN Energy Solutions) ist eine VW-Tochter, die Großmotoren für Schiffe und Kraftwerke, Turbomaschinen, Retrofit-Lösungen für klimaneutrale Kraftstoffe, Großwärmepumpen, Carbon-Capture-Systeme und Serviceleistungen anbietet.

Warum prüft Volkswagen den Verkauf von Everllence? - Volkswagen steht unter hohem Investitionsdruck durch Elektromobilität, Software und digitale Plattformen, während Margen und Nachfrage unter Druck stehen. Mit einem Verkauf könnte der Konzern Kapital für das Kerngeschäft freisetzen und sein Portfolio straffen.

Wie groß ist Everllence wirtschaftlich? - Everllence erwirtschaftete 2024 rund 4,3 Milliarden Euro Umsatz und 337 Millionen Euro EBIT und gilt damit als profitabler, cashflow-starker Industriebaustein mit globalem Servicegeschäft.

Auf welchen Wert wird Everllence geschätzt? - In Finanz- und Branchenkreisen werden aktuell Bewertungen zwischen etwa 5 und 6 Milliarden Euro diskutiert, in einzelnen Szenarien auch leicht darüber.

Wer sind die potenziellen Käufer? - Mehrere internationale Private-Equity-Gesellschaften prüfen Gebote, darunter EQT (teilweise mit GIC), CVC, Advent, Bain Capital, KPS Capital Partners und Clayton Dubilier & Rice; auch das japanische Handelshaus Mitsui & Co. wird genannt.

Ist Porsche SE ebenfalls interessiert? - Porsche SE wird in einigen Medienberichten als möglicher Interessent erwähnt, eine offizielle Bestätigung oder Details zu einer möglichen Struktur liegen jedoch bislang nicht vor.

In welcher Phase befindet sich der Verkaufsprozess? - Stand Mitte Februar 2026 läuft eine erste Bieter- bzw. Angebotsrunde; VW spricht offiziell von der Prüfung „strategischer Optionen“ und hat sich weder auf einen Verkauf noch auf Alternativen festgelegt.

Wie könnte eine Übernahme finanziert werden? - Für einen möglichen Mehrheitsverkauf wird eine klassische Private-Equity-Struktur mit umfangreicher Fremdfinanzierung diskutiert, darunter syndizierte Kredite und Anleihen im Milliardenvolumen.

Welche Folgen hätte ein Verkauf für die Beschäftigten? - Für die Standorte, insbesondere in Augsburg, ist mit intensiven Verhandlungen zu Beschäftigung, Investitionen und Standortzusagen zu rechnen; frühere Vereinbarungen mit IG Metall sahen Schutz bis Ende 2024 vor. Konkrete Zusagen aus einem möglichen Deal liegen derzeit nicht vor.

Spielt die Politik bei der Entscheidung eine Rolle? - Ja, der Bereich gilt als industrie- und sicherheitspolitisch sensibel, und ein geplanter Verkauf der Gasturbinensparte an einen chinesischen Käufer scheiterte 2023 auch an sicherheitspolitischen Bedenken. Bei einem Einstieg nicht-europäischer Investoren wären außenwirtschaftsrechtliche Prüfungen erneut wahrscheinlich.

Welche strategischen Chancen hätte Everllence unter einem neuen Eigentümer? - Unter einem Finanz- oder strategischen Investor könnte Everllence stärker fokussiert in Dekarbonisierungstechnologien, neue Märkte und eigenständige Investitionsprogramme investieren, ohne direkt im Wettbewerb um VW-Konzernbudgets zu stehen.

Ist auch ein Börsengang von Everllence denkbar? - Neben einem direkten Verkauf werden in Analysen und Medienberichten auch ein späterer IPO oder ein Teilverkauf mit Minderheitsbeteiligung von VW als mögliche Szenarien genannt; entschieden ist bislang nichts.