Maschinenbau: Welche Stellschrauben nun wichtig sind
Global wächst der Maschinenbau, doch deutsche Hersteller geraten strukturell unter Druck. Kosten, Wettbewerb und neue Anforderungen zwingen die Branche zum Umdenken. Welche Stellschrauben über die Zukunftsfähigkeit bestimmen.
Sandra StollSandraStollSandra StollPartnerin „Operational Excellence“ bei H&Z
Veröffentlicht
Wachstum allein täuscht: Internationale Nachfrage wächst, deutsche Maschinenbauer hingegen kämpfen mit strukturellen Lasten, Kostenexplosion und globalem Druck — nur wer jetzt strategisch umsteuert, wird 2026 und darüber hinaus bestehen.Alexander Limbach - stock.adobe.com)
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Der weltweite Markt für Maschinen- und Anlagenbau
wächst mit beachtlicher Dynamik. Für das kommende Jahr wird ein Plus von rund
fünf Prozent erwartet, getragen vor allem von der starken Nachfrage aus Asien.
Auf den ersten Blick scheint die Branche damit auf einem soliden Wachstumspfad.
Doch dieser Eindruck trügt, zumindest aus deutscher Perspektive.
Diese Diskrepanz markiert mehr als nur eine
konjunkturelle Delle. Steigende Kosten, geopolitische Unsicherheiten, wachsende
Nachhaltigkeitsanforderungen und der technologische Druck aus Asien verändern
die Spielregeln im Maschinenbau grundlegend. Wer erfolgreich sein will, muss
sein Geschäftsmodell gezielt schärfen. Im Folgenden geht es deshalb um die
zentralen Stellschrauben, mit denen Maschinenbauer ihre Wettbewerbsfähigkeit 2026
und darüber hinaus gezielt sichern können.
Maschinenbau hat strukturelle Defizite im eigenen System
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Die Markt- und Wettbewerbslage zeigt vor allem
eines: Die aktuellen Herausforderungen des deutschen Maschinenbaus sind weniger
durch eine mangelnde Nachfrage als durch strukturelle Defizite im eigenen
System geprägt. In Asien treiben umfangreiche Infrastrukturprojekte und der
Ausbau automatisierter Produktionskapazitäten die Nachfrage. Dort werden schnelle
Entwicklungszyklen mit einer hohen Kostenagilität kombiniert, was Innovationen im
Markt rasch skalieren lässt.
Im deutschen Markt hingegen sind über Jahre hinweg Produktportfolios
immer komplexer geworden. Variantenvielfalt wurde als Ausdruck von Kundennähe
und technologischer Stärke verstanden. Heute führt diese Entwicklung jedoch zu
steigenden Entwicklungsaufwänden, längeren Durchlaufzeiten und einer sinkenden
Skalierbarkeit. So werden wertvolle Ressourcen gebunden, ohne dass daraus
automatisch zusätzliche Differenzierung entsteht.
In der Produktion verstärkt zudem eine historisch
hohe Fertigungstiefe diesen Effekt. Sie bindet Kapital, erhöht die Fixkosten
und reduziert die Flexibilität. Gleichzeitig steigen Energie-, Lohn- und
Regulierungskosten schneller als in vielen Wettbewerbsregionen. Vor allem im
After-Sales bleibt das vorhandene Potenzial häufig ungenutzt, weil Service
primär operativ und reaktiv organisiert ist, statt als strategischer Hebel für
Ertragssicherung und Kundenbindung.
Über die Autorin
Sandra Stoll verfügt über langjährige Erfahrung in
der Unternehmensberatung und ist seit 2020 Partnerin „Operational Excellence“
bei der H&Z Unternehmensberatung in München.
Dort verantwortet sie den
Aufbau des Produktbereichs Operational Excellence und S&OP sowie der
Industry Group Sondermaschinenbau und initiierte strategische Formate wie das
fe&male network.
Zudem leitet sie Marketing- und Personalinitiativen, ist
Mentorin und moderiert Unternehmensveranstaltungen.
Die entscheidenden Ansatzpunkte für strukturelle
Stärke liegen daher in einer verbesserten Modularisierung und Plattformlogik in
der Entwicklung, in einer kritisch überprüften Make-or-Buy-Strategie in der
Produktion sowie in der konsequenten Professionalisierung des Servicegeschäfts.
Wettbewerbsfähigkeit entsteht zunehmend nicht durch technologische Exzellenz
allein, sondern durch die Fähigkeit, Komplexität wirtschaftlich zu beherrschen.
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Service, Software und Daten: Vom
Zusatzgeschäft zum neuen Fokus
Vor diesem Hintergrund gewinnen auch Service,
Software und datenbasierte Lösungen eine zunehmend zentrale strategische
Bedeutung. In einem Umfeld, in dem der Neumaschinenverkauf volatiler wird und
Margen unter Druck stehen, verlagert sich der wirtschaftliche Fokus vom
einmaligen Projektgeschäft hin zu wiederkehrenden Erlösen über den gesamten
Lebenszyklus der installierten Basis.
Wartungsverträge mit klar definierten
Leistungsversprechen, Retrofit-Programme zur Modernisierung bestehender Anlagen
sowie strukturierte Zweitmarktmodelle schaffen nicht nur stabile Cashflows,
sondern vertiefen zugleich die Kundenbindung. Besonders wirkungsvoll sind dabei
strukturierte Serviceverträge mit klar definierten Leistungsversprechen, etwa
in Form von Verfügbarkeits- oder Uptime-Garantien. Sie schaffen Planbarkeit auf
beiden Seiten und machen den Maschinenbauer zum strategischen Partner, anstatt
reiner Lieferant zu bleiben.
Software bildet dabei die technologische Grundlage,
weil sie für Transparenz über Zustand, Nutzung und Performance der Maschinen sorgt.
Erst durch diese Datenbasis werden Geschäftsmodelle wie zustandsorientierte
Wartung, Predictive Maintenance oder performancebasierte Abrechnung
wirtschaftlich tragfähig. Diese Basis entwickelt sich damit vom Serviceobjekt
zum strategischen Vermögenswert, aus dem kontinuierlich neue Wertschöpfung
generiert wird.
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KI als Produktivitätshebel
In diesem Kontext ist Künstliche Intelligenz weniger
als revolutionärer Umbruch zu sehen, sondern vielmehr als gezielter
Produktivitätshebel. Ihr wirtschaftlicher Nutzen entsteht dort, wo sie direkt
in bestehende Prozesse eingreift und messbare Effekte auf Kosten, Qualität oder
Verfügbarkeit erzielt.
Besonders sichtbar sind diese Effekte in
produktionsnahen Prozessen. In der Qualitätsprüfung ermöglicht KI eine deutlich
höhere Erkennungsrate von Fehlern bei gleichzeitig geringeren Durchlaufzeiten.
In der Produktionsplanung lassen sich unter anderem Materialflüsse,
Kapazitätsauslastung und Rüstzeiten präziser steuern. Im Service bietet KI ebenfalls
messbare Vorteile, etwa durch automatisierte Fehlerdiagnosen, die Auswertung
großer Datenmengen aus der installierten Basis oder die Priorisierung von
Wartungseinsätzen nach wirtschaftlicher Relevanz.
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Auch im Ersatzteilmanagement lassen sich mit KI
schnell klare Effizienzgewinne erzielen. Prognosemodelle verbessern beispielsweise
die Bedarfsplanung, senken Lagerbestände und erhöhen gleichzeitig die Verfügbarkeit
für den Kunden. Generative KI kann zusätzlich bei Dokumentation und
Wissensmanagement unterstützen.
Trotz aller Nutzen ersetzt Künstliche Intelligenz
jedoch nicht ingenieurtechnische Systemkompetenz. Denn die Vorstellung, dass KI
kurzfristig komplette Entwicklungsprozesse automatisiert oder autonome
Produktionssysteme ohne menschliche Steuerung ermöglicht, ist in den meisten
Fällen (noch) nicht realistisch. Entscheidend ist daher eine klare Fokussierung
auf Anwendungsfälle mit belastbarem Business Case.
Nachhaltigkeit wird zum
Wettbewerbsfaktor
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Maschinenbauer müssen Kosten,
Nachhaltigkeitsanforderungen und den wachsenden Wettbewerbsdruck aus Asien als
zusammenhängende Herausforderung begreifen. Energieeffizienz, CO₂-Reduktion und
Kreislaufwirtschaft beeinflussen zunehmend die Investitionsentscheidungen der
Kunden. Somit entwickelt sich Nachhaltigkeit immer mehr von einer
regulatorischen Pflicht zu einem strategischen Wettbewerbsfaktor.
Maschinenbauer können hier gezielt ansetzen: Retrofit-Konzepte, langlebige
Produktarchitekturen und transparente Daten zur Umweltperformance verbinden
ökologische mit ökonomischen Vorteilen.
Gleichzeitig verschärft sich der Wettbewerb durch
asiatische Anbieter, die mit hoher Geschwindigkeit, Skalierbarkeit und
niedrigeren Kostenstrukturen agieren – und sich im Zweifel an weniger
regulatorische Vorgaben halten müssen. Ein reiner Preiswettbewerb ist für
deutsche Maschinenbauer langfristig damit kaum zu gewinnen. Erfolg entsteht
vielmehr dort, wo technologische Leistungsfähigkeit, Servicequalität und
Nachhaltigkeit zu einem konsistenten Leistungsversprechen zusammengeführt
werden. Nicht günstiger zu sein, sondern für den Kunden über den gesamten
Lebenszyklus hinweg den höheren Nutzen zu bieten, wird zur zentralen
Differenzierungsstrategie.
Organisatorisch erfordert dieser Balanceakt ein
engeres Zusammenspiel zwischen Entwicklung, Einkauf, Produktion und Service. Dabei
dürfen Kosten, Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit nicht als separate
Zielgrößen gesteuert werden, sondern müssen in gemeinsamen Entscheidungslogiken
zusammengeführt werden. Investitionen in neue Technologien, den
Produktions-Footprint oder in Lieferkettenstrukturen sollten konsequent danach
bewertet werden, welchen Beitrag sie gleichzeitig zu Effizienz, Umweltzielen
und Marktposition leisten.
Die Organisation als entscheidender
Hebel
Diese strategische Neuausrichtung kann jedoch nur
dann wirksam werden, wenn sich auch Organisation und Entscheidungslogiken
verändern. In vielen Unternehmen sind Verantwortung, Budgets und Erfolgsmessung
weiterhin stark auf den Neumaschinenverkauf ausgerichtet. Service, Software und
datenbasierte Leistungen werden zwar als wichtig erkannt, bleiben
organisatorisch jedoch oft nachgeordnet.
Um neue Geschäftsmodelle nachhaltig zu verankern,
braucht es daher eine klare strukturelle Aufwertung dieser Bereiche. Das
beginnt bei eindeutigen Verantwortlichkeiten mit Ergebnisverantwortung und
reicht bis zu eigenständigen Investitionsbudgets. Service und digitale Lösungen
müssen als vollwertige Geschäftseinheiten mit eigener Strategie, eigener
Steuerungslogik und klaren Wachstumszielen geführt werden – nicht als Anhängsel
der Maschinenentwicklung oder des Vertriebs.
Gleichzeitig müssen Entscheidungsprozesse deutlich
beschleunigt werden. In vielen Organisationen verhindern lange
Abstimmungsschleifen, fragmentierte Zuständigkeiten und hohe Risikoaversion die
konsequente Umsetzung neuer Ansätze. Gerade bei Software- und datenbasierten
Geschäftsmodellen sind jedoch schnelle Iterationen, Pilotprojekte und eine
höhere Toleranz für Lernkurven notwendig. Klassische Investitionslogiken, die
auf langfristige Planungssicherheit und hohe Anfangsrenditen ausgelegt sind,
greifen hier oft zu kurz.
Wettbewerbsfähigkeit beginnt im eigenen
System
Für den Maschinebau geht es im Jahr 2026 primär um
eine strukturelle Transformation. Wachstum entsteht dort, wo strategische
Klarheit, operative Exzellenz und wirtschaftliche Disziplin zusammenkommen.
Entscheidend ist,
strukturelle Komplexität konsequent zu reduzieren, Service und datenbasierte
Geschäftsmodelle als zentrale Ertragssäulen zu etablieren, KI als
Produktivitätshebel einzusetzen und Nachhaltigkeit gezielt zur Differenzierung
zu nutzen.
Nicht einzelne Maßnahmen werden den Unterschied machen, sondern ihre
stringente Verzahnung. Der globale Markt bietet weiterhin Potenzial, jetzt
kommt es auf die Fähigkeit der Unternehmen an, dieses operativ und
organisatorisch für sich zu nutzen.
FAQ: Maschinenbau zwischen Wettbewerb und Strukturkrise
1. Warum wächst der globale Maschinenbaumarkt, während Deutschland schwächelt?
Der Weltmarkt profitiert vor allem von hoher Nachfrage aus Asien, getrieben durch Infrastrukturprojekte und Automatisierung. In Deutschland liegt die Schwäche weniger an fehlender Nachfrage als an strukturellen Defiziten wie hohen Kosten, geringer Skalierbarkeit und komplexen Produktportfolios.
2. Welche strukturellen Schwächen belasten den deutschen Maschinenbau besonders?
Zu den zentralen Schwächen zählen eine über Jahre gewachsene Variantenvielfalt, hohe Fertigungstiefe, steigende Energie- und Lohnkosten sowie eine geringe Flexibilität in Entwicklung und Produktion. Diese Faktoren binden Kapital und verlängern Durchlaufzeiten.
3. Welche Rolle spielen Modularisierung und Plattformstrategien?
Modularisierung und Plattformlogik gelten als zentrale Stellschrauben, um Komplexität zu reduzieren. Sie senken Entwicklungsaufwände, erhöhen die Skalierbarkeit und ermöglichen es, Kundenanforderungen wirtschaftlicher zu erfüllen.
4. Warum gewinnen Service, Software und Daten an Bedeutung?
Da der Neumaschinenverkauf volatiler wird und Margen sinken, rücken wiederkehrende Erlöse in den Fokus. Wartungsverträge, Retrofit-Programme und datenbasierte Services schaffen stabile Cashflows und stärken die Kundenbindung über den gesamten Lebenszyklus der Maschinen.
5. Wie wird Künstliche Intelligenz im Maschinenbau konkret eingesetzt?
KI wird als Produktivitätshebel genutzt, etwa in der Qualitätsprüfung, Produktionsplanung, Fehlerdiagnose im Service oder im Ersatzteilmanagement. Entscheidend ist der Einsatz in klar abgegrenzten Anwendungsfällen mit messbarem wirtschaftlichem Nutzen.
6. Weshalb wird Nachhaltigkeit zum Wettbewerbsfaktor?
Nachhaltigkeit beeinflusst zunehmend Investitionsentscheidungen der Kunden. Energieeffizienz, CO₂-Reduktion und langlebige Produktkonzepte verbinden ökologische Anforderungen mit wirtschaftlichen Vorteilen und werden damit zu einem wichtigen Differenzierungsmerkmal gegenüber internationalen Wettbewerbern.