Bürkert-CEO Georg Stawowy: „Regenerative Wirtschaft“ soll zum strategischen Leitbild werden
Bürkert will Nachhaltigkeit weiterdenken. Im Interview beschreibt CEO Georg Stawowy, warum er auf das Leitbild der „regenerativen Wirtschaft“ setzt und weshalb klassische Effizienzprogramme dafür nicht ausreichen.
Claus WilkClausWilkClaus WilkChefredakteur
Bürkert CEO Georg Stawowy im Gespräch mit Claus Wilk, Chefredakteur mi-connect. Ort des Geschehens: Das Büro des Firmengründers Christian Bürkert im Stil der 50er Jahr. Heute ist das äußerst funktionale Büro Teil des Bürkert-Firmenmuseums.Jürgen van Santen
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Summary:
Bürkert will Nachhaltigkeit weiterdenken und setzt dabei auf das Leitbild der
regenerativen Wirtschaft. CEO Georg Stawowy sieht den größten Hebel dafür in
neuen Geschäftsmodellen, Partnerschaften und langfristigen Investitionen.
Nachhaltigkeit reicht Bürkert nicht mehr
Bürkert will das Thema Nachhaltigkeit strategisch neu
aufladen. Für CEO Georg Stawowy greift der klassische Ansatz zu kurz:
Ressourcenschonung, Effizienzsteigerung und Emissionsminderung seien wichtig,
lösten aber das Grundproblem nicht. Der Anspruch der „regenerativen Wirtschaft“
gehe deshalb weiter. Unternehmen müssten sich daran messen lassen, ob sie
langfristig mehr zurückgeben, als sie an ökologischen, ökonomischen und
sozialen Ressourcen in Anspruch nehmen.
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Stawowy beschreibt dieses Ziel als bewusst ambitioniert.
Gerade für ein Industrieunternehmen, das mit Materialien, Energie und globalen
Lieferketten arbeitet, sei ein solcher Anspruch nicht einfach stofflich
aufzulösen. Dennoch sieht Bürkert in diesem Gedanken einen strategischen
Orientierungspunkt – einen „Nordstern“, an dem sich Investitionen,
Marktprioritäten und Organisationsentwicklung ausrichten sollen.
Bürkert CEO Georg Stawowy und Chefredakteur Claus Wilk diskutieren über regenerative Wirtschaft.
Stiftungsmodell schafft Spielraum für langfristige
Entscheidungen
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Ein wesentlicher Baustein dieser Haltung liegt für Bürkert
in der Eigentümerstruktur. Das Unternehmen ist stiftungsgetragen und
familiengeführt. Nach Darstellung von Stawowy hat das direkte Konsequenzen für
den Umgang mit erwirtschafteten Mitteln: Gewinne bleiben im Unternehmen oder
fließen in gemeinnützige Zwecke. Kurzfristige Ausschüttungslogiken wie bei
börsennotierten Gesellschaften spielen damit keine Rolle.
Für Bürkert ist das mehr als ein Governance-Thema. Aus Sicht
des CEO entsteht daraus ein anderer strategischer Handlungsspielraum.
Investitionen müssen sich nicht ausschließlich an kurzfristigen Renditezielen
messen lassen, sondern können stärker darauf ausgerichtet werden, Resilienz,
Zukunftsfähigkeit und gesellschaftliche Wirkung zu stärken.
Regenerative Wirtschaft umfasst auch das soziale System
Bemerkenswert ist, dass Bürkert regenerative Wirtschaft
nicht allein ökologisch interpretiert. Stawowy betont ausdrücklich die soziale
Dimension. Unternehmen müssten auch das System stärken, in dem ihre
Beschäftigten arbeiten und leben. Konkret bedeutet das für Bürkert:
Verlässlichkeit, psychologische Sicherheit und eine langfristige Perspektive
für die Mitarbeitenden.
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Wie ernst das Unternehmen diesen Ansatz nimmt, machte der
CEO mit Verweis auf das Jahr 2024 deutlich. Trotz spürbarer Umsatzrückgänge
habe Bürkert bewusst auf Kurzarbeit verzichtet. Dahinter steht die Überzeugung,
dass wirtschaftliche Transformation nur dann Akzeptanz findet, wenn
Beschäftigte nicht das Gefühl haben, sämtliche Risiken allein tragen zu müssen.
Pharma, Biotech und alternative Proteine als strategische
Felder
Auch bei der Marktausrichtung will Bürkert Akzente setzen.
Stawowy nennt Pharma und Biotech als Zielindustrien, in denen das Unternehmen
gezielt wachsen will. Dahinter steht die Überlegung, technologische Kompetenzen
dort einzusetzen, wo sie aus Bürkert-Sicht einen besonders hohen
gesellschaftlichen Nutzen stiften können.
Genannt werden etwa Anwendungen für personalisierte Medizin
oder Produktionsprozesse im Umfeld alternativer Proteinquellen. Der Anspruch
ist klar: Wenn Bürkert Wahlmöglichkeiten hat, soll das Unternehmen sich
bevorzugt in Feldern engagieren, die nicht nur wirtschaftlich attraktiv sind,
sondern auch einen Beitrag zu einer resilienteren und zukunftsfähigeren
Industrie leisten.
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„Local for local“ wird Teil der Strategie
Ein weiterer Baustein ist für Bürkert das Prinzip „local for
local“. Dahinter steckt nicht nur das derzeit häufig diskutierte Derisking von
Lieferketten. Stawowy verbindet damit auch die Idee, Entwicklung, Produktion
und Markt näher zusammenzuführen. Produkte sollen stärker in regionalen
Ökosystemen für regionale Märkte entstehen.
Für den Maschinen- und Anlagenbau ist das ein interessanter
Punkt: Regeneration bedeutet in dieser Logik nicht nur Kreislauffähigkeit oder
geringere Emissionen, sondern auch robustere und regional besser eingebettete
Wertschöpfungsstrukturen.
Der größte Hebel liegt im Geschäftsmodell, nicht im
Produkt
Besonders klar positioniert sich der Bürkert-Chef bei der
Frage nach dem wirksamsten Hebel. Für ihn liegt dieser nicht primär in der
Produktinnovation. Disruptive Technologiesprünge seien im Komponentengeschäft
eher selten und allein nicht ausreichend, um eine regenerative Wirtschaftsweise
zu etablieren.
Den entscheidenden Ansatz sieht Stawowy vielmehr in neuen
Geschäftsmodellen. Als Beispiel nennt er Kooperationen im Umfeld von
Pay-per-use-Modellen. Solche Ansätze könnten helfen, ressourcenschonendere
Technologien schneller in den Markt zu bringen, weil Investitionsbarrieren
sinken und Skalierung erleichtert wird. Für Bürkert ist das ein zentraler
Gedanke: Nicht nur das Produkt selbst entscheidet, sondern die Art, wie
Technologie in industrielle Anwendungen gebracht wird.
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Partnerschaften werden zum Erfolgsfaktor
Damit rücken Partnerschaften automatisch stärker in den
Fokus. Stawowy macht deutlich, dass regenerative Ansätze ohne Kooperation kaum
denkbar sind. Das gilt für Kreislaufwirtschaft ebenso wie für neue
Nutzungsmodelle von Maschinen und Anlagen.
Er verweist dabei auf ein einfaches industrielles Prinzip:
Wenn Unternehmen Kapazitäten, Infrastruktur oder Materialströme intelligenter
gemeinsam nutzen, ließen sich Ressourcen einsparen, ohne Wertschöpfung zu
verlieren. Gerade im Maschinenbau, der traditionell stark auf Eigenoptimierung
ausgerichtet ist, könnte darin ein Umdenken liegen. Regenerative Wirtschaft
würde dann nicht nur über technische Verbesserungen definiert, sondern über
neue Formen industrieller Zusammenarbeit.
Die größte Herausforderung bleibt die Organisation
Rückhalt bei Gesellschaftern und Management sieht Stawowy
grundsätzlich gegeben. Schwieriger sei es, die Belegschaft mitzunehmen. Das
liegt aus seiner Sicht auch daran, dass das Thema Nachhaltigkeit in Wirtschaft
und Politik zunehmend polarisiert diskutiert wird. Wer nun noch einen Schritt
weitergehe und von regenerativer Wirtschaft spreche, stoße schnell auf Skepsis.
Genau deshalb wird die Umsetzung zur Führungsaufgabe. Es
geht nicht nur um Investitionen und Strategiepapier, sondern auch um
Kommunikation, innere Überzeugung und Glaubwürdigkeit im Alltag. Für Bürkert
ist regenerative Wirtschaft damit keine Einzelmaßnahme, sondern ein
langfristiger Transformationsprozess.
Maschinenbau steht bei dem Thema noch am Anfang
Stawowy sieht Bürkert mit diesem Ansatz durchaus früh
unterwegs, aber nicht allein. Er verweist auf Industrieunternehmen, für die
Nachhaltigkeit bereits heute eine zentrale Rolle spielt. Ob sich daraus im
Maschinenbau flächendeckend ein wirklich regeneratives Leitbild entwickelt,
bleibt aus seiner Sicht offen. Klar ist für ihn jedoch: Der Impuls muss aus der
Industrie selbst kommen – vor allem von den großen Maschinenbauern und OEMs.
Für Bürkert ist die Richtung jedenfalls gesetzt. Das
Unternehmen versteht regenerative Wirtschaft nicht als PR-Begriff, sondern als
strategischen Rahmen für Investitionen, Marktentwicklung und Zusammenarbeit. Im
Maschinenbau könnte genau daraus in den kommenden Jahren ein neues
Wettbewerbsthema werden.
1. Was versteht Bürkert unter regenerativer Wirtschaft?
Bürkert versteht darunter ein Wirtschaftsmodell, das über klassische
Nachhaltigkeit hinausgeht. Unternehmen sollen nicht nur Schäden reduzieren,
sondern aktiv dazu beitragen, ökologische, soziale und wirtschaftliche Systeme
zu stärken.
2. Warum setzt Bürkert auf dieses Leitbild?
Das Unternehmen will Nachhaltigkeit strategisch weiterentwickeln. Regenerative
Wirtschaft dient dabei als langfristiger Orientierungsrahmen für Investitionen,
Marktentscheidungen und die Weiterentwicklung des Geschäftsmodells.
3. Welche Rolle spielt die Eigentümerstruktur von
Bürkert?
Als stiftungsgetragenes Familienunternehmen kann Bürkert langfristiger planen
als viele kapitalmarktorientierte Unternehmen. Gewinne müssen nicht kurzfristig
maximiert werden, sondern können im Unternehmen oder für gemeinnützige Zwecke
eingesetzt werden.
4. In welchen Bereichen sieht Bürkert besonders großes
Potenzial?
Der Fokus liegt unter anderem auf Pharma, Biotech, personalisierter Medizin und
alternativen Proteinquellen. Dort sieht das Unternehmen Chancen, technologische
Kompetenz mit gesellschaftlichem Nutzen zu verbinden.
5. Wo liegt laut CEO Georg Stawowy der wichtigste Hebel
für Veränderung?
Nicht in erster Linie im Produkt selbst, sondern im Geschäftsmodell. Neue
Kooperationsformen, Pay-per-use-Ansätze und regionale Wertschöpfungsstrukturen
könnten entscheidend sein, um regenerative Ansätze industriell wirksam zu
machen.