Fiat Modell 500L

Fiat hat sein Werk in Serbien vorübergehend geschlossen. Dort wird das Modell 500L hergestellt. - Bild: Fiat

| von Anja Ringel

Der Coronavirus zieht weiter Kreise und hat inzwischen nicht mehr nur Auswirkungen auf die chinesischen Werke, sondern auch auf europäische: Fiat Chrysler Automobiles hat diese Woche seine Produktion in Serbien gestoppt, weil Fahrzeugteile aus China nicht rechtzeitig geliefert werden können. Im Werk in Kragujevac wird das Modell Fiat 500L hergestellt. Es könnte nicht die einzige europäische Produktionsstätte sein, die aufgrund des Virus geschlossen werden muss.

Jacob Tarn, Partner bei der Münchner Industrie-Taskforce Excelliance Management und dort verantwortlich für die Region Asia Pacific sagt, dass die Auswirkungen der Epidemie auf die globale Lieferkette tiefgreifend sein können. Denn: 30 Prozent der Komponenten, die für die Automobilindustrie benötigt werden, und 50 Prozent der weltweiten Elektronikteile werden in China hergestellt. Tarn rechnet damit, dass in wenigen Wochen weitere Automobilwerke in Europa und den USA schließen müssen, da Materialien aus China fehlen.

So viele Zulieferer haben Standorte in Hubei

Und auch die Autoherstellung in China ist betroffen: Die Beratungsgesellschaft BCG schreibt in einer neuen Studie, dass allein in der besonders betroffenen Provinz Hubei fast zwei Millionen Autos pro Jahr gefertigt werden. Das sind rund acht Prozent der Fahrzeugproduktion in China. Das Land ist zudem der größte Absatzmarkt für Neuwagen, erklären die Experten von BCG. Mehr als 700 ausländische und chinesische Zulieferer sind in Hubei und der abgeriegelten Hauptstadt Wuhan ansässig.

Im Januar haben die Autohersteller mit 1,6 Millionen Fahrzeugen rund ein Fünftel weniger Fahrzeuge ausgeliefert als noch im Vorjahr, berichtet der Herstellerverband China Association of Automobile Manufacturers der Deutschen Presseagentur. Das war der stärkste Einbruch seit Jahresanfang 2012. Der Verband schätzt, dass der Coronavirus die Autoproduktion in China dieses Jahr um eine Million Fahrzeuge mindern könnte.

Auch kleine Unternehmen in China sind vom Coronavirus betroffen

Mindestens 17 chinesische Großstädte wurden inzwischen unter Quarantäne gestellt, sagt Jacob Tarn. Das seien rund 50 Millionen Menschen. Das hat auch Auswirkungen auf die komplette Wirtschaft der Volksrepublik. „Der Ausbruch des Coronavirus könnte Chinas Wirtschaftswachstumsrate für das Gesamtjahr 2020 um bis zu einem Prozentpunkt oder mehr senken“, erklärt der Experte. Die Zielwachstumsrate seien 6,1 Prozent gewesen.

Die meisten mittelständischen und kleinen Unternehmen in China werden starken Druck haben, sagt Tarn. Aufgrund der aggressiven Finanzpraxis werden die meisten mittelständischen bis kleinen Unternehmen mit einer Verschlechterung ihres Eigenkapitalrisikos rechnen müssen. „Einige könnten Konkurs gehen“, meint Tarn.

Coronavirus: So ist die Automobilindustrie in den USA betroffen

Auch die US-Automobilbranche leidet zunehmend, berichtet James Johnson, ebenfalls Partner bei Excelliance Management und verantwortlich für die Region North America. Sollte sich der Virus weiter ausbreiten, rechnet der Experte damit, dass das in den kommenden Wochen negative Auswirkungen für die US-Autohersteller haben wird. „Selbst wenn die chinesische Regierung die Wiedereröffnung von Werken zulässt, stellen wir fest, dass viele Mitarbeiter nicht zur Arbeit erscheinen“, sagt Johnson.

Coronavirus Mundschutz
Der Coronavirus hat bereits große wirtschaftliche Auswirkungen. - Bild: Pixabay

Diese Entwicklung hat auch das Mercator Institute for China Studies (Merics) gemacht. In seinem China Update schreibt das Institut, dass nur etwa zehn Prozent der Mitarbeiter des weltweit größten Auftragherstellers Foxconn zur Arbeit zurückgekehrt sind. Ein Grund dafür sind zum Beispiel Quarantänevorkehrungen. Es könnte noch bis Anfang März dauern, bis die Unternehmen wieder den normalen Betrieb aufnehmen können, berichten chinesische Medien laut Merics.

Die Folgen des Coronavirus in der IT-Branche

Neben der Automobilbranche sind auch IT-Unternehmen vom Coronavirus betroffen. So hat Apple mitgeteilt, dass der Konzern die erst wenige Wochen alte Umsatzprognose für das laufende Quartal verfehlen wird. Daneben gibt es bei iPhones Lieferengpässe. Der Grund: Die Produktion in China kann nur langsamer hochgefahren werden als geplant. Apple hat 290 seiner 800 Lieferanten in China, sagt Experte Tarn.

Auch die deutsche IT- und Telekommunikationsbranche befürchtet Einbußen. So erwartet jedes vierte Unternehmen negative Auswirkungen auf das Geschäftsergebnis 2020 und jedes zweite sieht erhebliche Konjunkturrisiken für die deutsche Wirtschaft. Das sind die Ergebnisse einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom unter 80 Firmen. 35 Prozent davon haben Geschäftsbeziehungen zu Lieferanten und Partnern in China. 13 Prozent haben eine Niederlassung in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt.

Wann die Epidemie ihren Höhepunkt erreichen soll

Fiat ist momentan dabei, die zukünftige Versorgung der betroffenen Teile zu sichern, teilt ein Sprecher gegenüber Produktion auf Nachfrage mit. Die Produktion in Kragujevac solle im Laufe des Monats wieder aufgenommen werden. Der Autobauer geht momentan nicht davon aus, dass sich die vorläufige Werksschließung auf die für den Monat prognostizierte Gesamtproduktion auswirken wird.

Ein Ende der weltweiten Krise durch den Coronavirus ist aber weiter nicht in Sicht: Jacob Tarn erklärt, dass Ende Februar bis Mitte März der Höchststand der Erkrankungen erreicht werden soll. „Und hoffentlich endet die Ausbreitung um den Juni herum, wenn das Wetter wärmer wird“, sagt er.