EU-Maritimstrategie für Häfen und Werften

EU-Maritimstrategie: Warum die Branche genau hinschaut

Mit der neuen EU-Maritimstrategie skizziert die EU-Kommission ihre Pläne für Häfen, Werften und Reedereien. Die Initiative soll Wettbewerbsfähigkeit, Sicherheit und Nachhaltigkeit der europäischen Schifffahrt stärken.

Die EU-Kommission hat einen neuen Plan enthüllt, der Europas maritime Branche, also Reedereien, Häfen (im Bild Hamburg) und Werften voranbringen soll.
Die EU-Kommission hat einen neuen Plan enthüllt, der Europas maritime Branche, also Reedereien, Häfen (im Bild Hamburg) und Werften voranbringen soll.

Summary: Die EU-Kommission hat eine EU-Maritimstrategie für Häfen, Werften und Reedereien vorgestellt. Die rund 56 Seiten umfassenden Strategiepapiere beschreiben Ziele für Wettbewerbsfähigkeit, Dekarbonisierung und Sicherheit der maritimen Infrastruktur. Branchenvertreter reagieren überwiegend positiv, sehen jedoch weiterhin Herausforderungen etwa bei Nachhaltigkeit und Schiffrecycling.

Welche Ziele verfolgt die EU-Maritimstrategie?

Die EU-Kommission hat zwei Strategiepapiere veröffentlicht, in denen sie ihre Vorstellungen zur Weiterentwicklung der europäischen maritimen Wirtschaft darlegt. Auf insgesamt 56 Seiten beschreibt die Behörde den aktuellen Zustand von Häfen, Werften und Reedereien in den EU-Staaten und formuliert zentrale Zielsetzungen für die kommenden Jahre.

Der Ansatz erinnert an eine nationale Hafenstrategie, die die Bundesregierung bereits 2024 beschlossen hatte. Im Mittelpunkt stehen Themen wie Wettbewerbsfähigkeit der Häfen, die Rolle der maritimen Infrastruktur in der Energiewende sowie die Stabilität internationaler Logistikketten.

„Die EU-Hafenstrategie deckt alle wichtigen Themen und Herausforderungen der sehr heterogenen europäischen Hafenlandschaft ab“, sagt Burkhard Lemper, Geschäftsführer des Instituts für Seeverkehrswirtschaft und Logistik.

Wie bewertet die EU-Kommission den Zustand der Branche?

Die Einschätzung der Kommission fällt insgesamt positiv aus. In den Strategiepapieren werden europäische Häfen, Werften und Reedereien als global führende Akteure beschrieben. Zur Begründung verweist die Behörde unter anderem auf die Bedeutung Europas im Spezialschiffbau.

Nahezu alle Kreuzfahrtschiffe und zahlreiche Eisbrecher werden demnach in Europa gebaut. Gleichzeitig gehört rund ein Drittel der weltweiten Handelsflotte – etwa 34 Prozent – Eignern aus der Europäischen Union.

Auch im Containertransport dominieren europäische Unternehmen. Vier der fünf größten Containerreedereien stammen aus Europa, darunter Maersk aus Dänemark, CMA CGM aus Frankreich sowie Hapag-Lloyd aus Deutschland. Branchenführer MSC hat seinen Sitz in der Schweiz.

Welche Rolle spielen Europas Werften im globalen Wettbewerb?

Im globalen Schiffbau dominieren zwar Länder wie China, Südkorea und Japan, die den Großteil der weltweiten Neubauten produzieren. Dennoch gilt Europa weiterhin als technologisch führend, insbesondere bei komplexen Schiffstypen.

„Im Schiffbau geht Europa von einer Position wirklicher Stärke aus. Werften wie Meyer Werft, Fincantieri und Damen sind Weltmarktführer“, sagt der Wissenschaftler Michele Acciaro von der Copenhagen Business School.

Die Strategie weist jedoch auch auf Herausforderungen hin. Kleine und mittelgroße Werften müssten modernisiert werden. Gleichzeitig wächst der Wettbewerb aus China, das zunehmend auch bei spezialisierten Schiffstypen wie Fähren oder Errichterschiffen für Offshore-Windparks aktiv wird.

Wo liegen Herausforderungen für Häfen und maritime Infrastruktur?

Bei den europäischen Häfen fällt die Ausgangslage differenzierter aus. Große Standorte wie Rotterdam, Antwerpen-Brügge oder Hamburg gehören zu den wichtigsten Umschlagplätzen Europas. Im internationalen Vergleich liegen asiatische Häfen jedoch häufig deutlich vor ihnen – sowohl beim Umschlagsvolumen als auch bei der Produktivität.

Die EU-Kommission lenkt zudem Aufmerksamkeit auf Fragen der Sicherheit und geopolitischen Einflussnahme. So kündigt sie an, ausländische Investitionen in europäischen Häfen künftig systematisch erfassen und überwachen zu wollen.

Die Debatte um Beteiligungen ausländischer Unternehmen an Hafeninfrastruktur ist bereits bekannt. In Deutschland hatte der Einstieg der chinesischen Reederei Cosco an einem Hamburger Containerterminal für politische Diskussionen gesorgt. Auch die Beteiligung des Unternehmens am Hafen von Piräus in Griechenland steht international immer wieder im Fokus.

Welche Maßnahmen plant die EU zusätzlich?

Neben Wettbewerbs- und Sicherheitsfragen enthält die Strategie auch industriepolitische und ökologische Ansätze. Ein Schwerpunkt ist das Schiffsrecycling, das künftig stärker ausgebaut werden soll. Dazu plant die EU eine engere Zusammenarbeit mit Indien.

Darüber hinaus erwägt die Kommission, den Bau von Fähren zu fördern, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können. Diese sogenannten Dual-Use-Schiffe könnten künftig finanziell unterstützt werden.

Zudem untersucht die EU, ob nuklear angetriebene Handelsschiffe perspektivisch zugelassen werden könnten.

Die maritime Macht der EU: Zahlen & Fakten

  • Top-Player: Mit Maersk (DK), CMA CGM (FR) und Hapag-Lloyd (DE) kommen drei der weltweit größten Containerreedereien aus der EU.
  • Spezialschiffbau: Europa hält eine globale Führungsposition bei Kreuzfahrtschiffen, Eisbrechern und Offshore-Wind-Errichterschiffen (führende Werften: Meyer Werft, Fincantieri, Damen).
  • Marktanteil: Rund 34 % der Welthandelsflotte befindet sich im Eigentum von EU-Reedereien.
  • Umschlag: Die Häfen Rotterdam, Antwerpen-Brügge und Hamburg bilden das "Nordrange"-Rückgrat der europäischen Logistik.

Wie soll die Finanzierung erfolgen?

Bis zum Jahr 2027 sollen zunächst bestehende EU-Förderinstrumente genutzt werden. Wie aus einer Handreichung der Kommission hervorgeht, sollen vorhandene Förderprogramme stärker ausgeschöpft werden.

Nach Einschätzung von Institutsleiter Lemper enthält die Strategie durchaus Ansätze, um Hafenprojekte künftig besser zu finanzieren.

Welche Rolle spielt die Dekarbonisierung der Schifffahrt?

Ein weiterer zentraler Bestandteil der EU-Maritimstrategie ist die Reduzierung von Emissionen im Schiffsverkehr. Die EU will sich dazu innerhalb der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation der Vereinten Nationen für strengere Klimaschutzregeln einsetzen.

Verhandlungen über internationale Maßnahmen waren im vergangenen Jahr gescheitert, nachdem die USA Druck ausgeübt hatten.

Der Wissenschaftler Acciaro sieht in der Strategie jedoch noch Verbesserungsbedarf. Seiner Ansicht nach sollte die EU einheitliche Umweltpreise etwa bei Hafenentgelten festlegen.

4 Säulen der EU-Maritimstrategie

  1. Wettbewerbsfähigkeit: Modernisierung von KMU-Werften und Schutz vor staatlich subventionierter Konkurrenz aus Asien (China, Südkorea).
  2. Sicherheit & Geopolitik: Strengeres Monitoring ausländischer Direktinvestitionen (FDI) in kritische Hafeninfrastruktur (Stichwort: Cosco/Hamburg/Piräus).
  3. Nachhaltigkeit: Vorantreiben der Dekarbonisierung über die IMO und Förderung von Landstromanschlüssen in Häfen.
  4. Innovation: Prüfung neuer Antriebe (z. B. nuklear betriebene Handelsschiffe) und Förderung von Dual-Use-Schiffen (zivil-militärische Nutzung).

Ohne einheitliche Standards „entsteht ein Wettlauf nach unten zwischen Häfen, der die gesamte Nachhaltigkeitsagenda untergräbt“, sagt Acciaro.

Wie reagiert die Branche auf die EU-Maritimstrategie?

Die Reaktionen aus der maritimen Wirtschaft fallen überwiegend positiv aus. Branchenverbände in Deutschland und Europa begrüßen die strategische Ausrichtung der EU-Kommission.

Kritik kommt jedoch von der Nichtregierungsorganisation Shipbreaking Platform. Sie bemängelt, dass die Strategie nicht weit genug gehe, um mehr Schiffe innerhalb Europas zu recyceln. Derzeit werden viele Schiffe aus Kostengründen in Südasien abgewrackt.

Mit Material der dpa

FAQ zur EU-Maritimstrategie

• Was ist die EU-Maritimstrategie? – Die EU-Maritimstrategie ist ein Strategiepaket der EU-Kommission zur Stärkung von Häfen, Werften und Reedereien in Europa.

• Welche Ziele verfolgt die EU-Maritimstrategie? – Die Strategie fokussiert Wettbewerbsfähigkeit, sichere Lieferketten, Dekarbonisierung der Schifffahrt sowie den Ausbau maritimer Infrastruktur.

• Welche Rolle spielen Werften in der EU-Maritimstrategie? – Europäische Werften gelten als technologisch führend und sollen modernisiert sowie im globalen Wettbewerb gestärkt werden.

• Welche Nachhaltigkeitsaspekte enthält die EU-Maritimstrategie? – Die Strategie adressiert unter anderem die Dekarbonisierung der Schifffahrt und strengere internationale Klimaregeln.

• Wie reagiert die Branche auf die EU-Maritimstrategie? – Maritime Wirtschaftsverbände bewerten die Initiative überwiegend positiv, während NGOs insbesondere beim Schiffrecycling Nachbesserungsbedarf sehen