Straße von Hormus: Was jetzt auf den Maschinenbau zukommt
Der Iran-Krieg wird zum Belastungstest für den deutschen Maschinenbau. Energiepreise, Lieferketten und verschobene Investitionen treffen eine Branche, die bereits unter Druck steht. Zwei Experten über die aktuelle Lage.
Warum belastet der Iran-Krieg den Maschinenbau? Energiepreise, Lieferketten und Investitionsstopps setzen die Branche unter Druck.Symbolbild - KI-generiert
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Summary:
Coface-Experten Markus Kuger und Kurt Lennartz beschreiben, wie der Iran-Krieg über Energiepreise, Logistik und Investitionszurückhaltung auf den Maschinenbau wirkt. Die Straße von Hormus, Tankerengpässe und teurere Rohstoffe erhöhen den Druck auf Lieferketten und Produktion. Für 2026 erwarten die Experten weitere Belastungen, steigende Zahlungsverzögerungen und mögliche Insolvenzen.
Was im Persischen Golf eskaliert, kann in deutschen
Werkhallen durchaus spürbar werden. Denn der Iran-Krieg und die geschlossene
Straße von Hormus belasten den deutschen Maschinenbau nicht nur über direkte
Geschäfte mit dem Iran, sondern vor allem über gestiegene Energiepreise, gestörte
Lieferketten und geopolitische Unsicherheit.
„Es war zu erwarten, dass durch den Krieg die Stabilität der
Lieferketten wieder deutlich bedroht ist“, erklärt Markus Kuger, Chefvolkswirt
bei Coface (Kredit- und Risikomanagement). „In der Metallbranche ist es
vielleicht nicht ganz so gravierend wie in der Chemiebranche, weil aus der
Golfregion viele chemische Vorprodukte kommen.“
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Drei Szenarien für die Weltwirtschaft
In seinem Vortrag auf dem Coface-Kongress stellte Kuger Szenarien
für die Weltwirtschaft dar, wobei das Basisszenario und
die Alternative jeweils mit 40% Wahrscheinlichkeit angesetzt sind,
das Advers-Szenario mit 20%.
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Im Basisszenario öffnen sich die Straße von Hormus bis Mitte Mai wieder, Schäden an Öl- und Gasinfrastruktur bleiben begrenzt. Staatliche Ausgaben sowie Lagerbestände dämpfen den Schock. Die Inflation steigt nur vorübergehend moderat, die Leitzinsen bleiben stabil.
Im Alternativszenario bleiben Öl- und Gaspreise 50% über dem Vorkriegsniveau, Energieknappheit führt besonders in Entwicklungsländern zu Lieferkettenstörungen, und die Inflation zieht deutlich an. Weltweit steigen die Leitzinsen.
Im Advers-Szenario verdoppeln sich Öl- und Gaspreise gegenüber dem Vorkriegswert, es kommt zu Produktionsrückgängen in vielen Sektoren und Ländern, und die Finanzmärkte reagieren mit Verwerfungen. Dazu kommen signifikante Spillover-Risiken.
Aluminium, Energie und Tanker: Wo der Druck entsteht
Die Auswirkungen des Krieges sind aber jetzt schon spürbar –
besonders bei energieintensiven Rohstoffen und in der Logistik. Bei den
Metallen leidet Aluminium am stärksten. Der Grund: Die Herstellung ist sehr
energieintensiv und findet häufig am Golf statt.
„Die asiatischen Unternehmen sind dabei in einer noch
schwierigeren Position als wir Europäer, weil deren Lieferanten oft direkt am
Golf sitzen“, so Kuger. Die Energie für Europa komme auch aus Norwegen,
Algerien oder den USA. „Aber durch die enge Verflechtung der Weltwirtschaft –
etwa, wenn Waren über Marokko nach Deutschland kommen – gilt: Je länger der
Krieg dauert, desto schlimmer wird es.“
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„Man kann das auf Webseiten verfolgen, die Tankerbewegungen
tracken“, ergänzt Kuger. Demnach werden Schiffe, die eigentlich von Brasilien
nach Frankreich unterwegs waren, kurz vor dem Ziel umgeleitet und stattdessen
nach Taiwan oder Südkorea geschickt, weil dort das Flüssiggas knapp wird.
„Diese Länder zahlen dann jeden Preis.“ Das habe zur Folge, dass sich die
Verfügbarkeit in Europa verknappt und die Preise weltweit steigen, berichtet
der Chefvolkswirt weiter.
Markus Kuger, Chefvolkswirt bei Coface.Coface
Zusätzlich kommen Kriegszuschläge bei
Containern sowie deutlich gestiegene Charterpreise für Tanker hinzu. „Etwa acht
bis neun Prozent der Transportkapazität liegen im Golf fest und kommen nicht
heraus“, sagt Kurt
Lennartz, Head of Risk Underwriting Mid Market / Credit Line bei Coface. Das habe konkrete Folgen für die globalen Lieferketten: „Selbst wenn
man Öl von Kanada nach Japan transportieren will, fehlt möglicherweise der
Tanker, der seit zwei Monaten im Golf festliegt.“
Investitionen werden verschoben oder gestrichen
In der aktuellen Situation leiden die Maschinenbauer dabei
doppelt, sagt Lennartz weiter. „Sie haben bereits unter den US-Zöllen gelitten und spüren nun
zusätzlich die Kaufzurückhaltung in China und Europa.“ In den USA werde es
teurer, neue Anlagen anzuschaffen, also werde auch dort anders investiert.
Viele Unternehmen setzen Lennartz zufolge Projekte „on hold“ und überlegen, ob
sie eine Maschine wirklich ersetzen oder die alte noch länger laufen lassen.
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Eine Entwicklung, die auch Grob mitbekommen hat. Demnach
haben Kunden Projekte im Wert von 950 Mio EUR um durchschnittlich zwölf Monate
verschoben. Aufträge im Wert von rund 550 Mio EUR wurden gar gestrichen. „Das
Schieben machen die Kunden in der Elektromobilität im Moment relativ gerne und
relativ oft“, erklärte Vertriebsgeschäftsführer Christian Müller auf der
Jahrespressekonferenz des Unternehmens.
Und auch andere Zahlen sprechen eine klare Sprache: „Der
Maschinenbau ist nun das vierte Quartal in Folge in jeder Hinsicht rückläufig. Nicht
nur beim Umsatz, sondern auch bei den Mitarbeiterzahlen“, bilanziert Lennartz. Die
Experten von Coface merken das auch an der Höhe der gestellten Limitanträge: „Wenn
es besser laufen würde, müssten nach schlechten Quartalen eigentlich höhere
Limite angefragt werden, um wieder mehr Geschäft zu machen. Diese Anfragen
bleiben im Maschinenbau aber derzeit aus“, so Lennartz.
Das sei ein Indiz dafür, dass die Firmen mit den bestehenden
Limiten auskommen, weil kein Neugeschäft nachkomme. „Außerdem sehen wir
insgesamt mehr Schäden.“ In der ganzen Branche werde derzeit nur auf Sicht gefahren.
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Warum positive Signale täuschen können
Dennoch ist der Auftragseingang Ende vergangenen Jahres
gestiegen. So vermeldete das Statistische Bundesamt, dass der Auftragseingang
im Verarbeitenden Gewerbe im Dezember 2025 gegenüber dem Vormonat saison- und
kalenderbereinigt um 7,8 % gestiegen sei. Der Grund waren Kuger zufolge aber
häufig Großaufträge oder Rüstungsprojekte, was das Bild verzerre.
„Man sieht jetzt, dass traditionelle Maschinenbauer
plötzlich versuchen, Drohnen zu bauen, weil dort Geld zu verdienen ist. Das
scheint der einzige Sektor mit staatlichen Aufträgen zu sein“, berichtet Kuger.
Das sei aber kein nachhaltiges Wirtschaftsmodell.
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Kurt Lennartz, Head of Risk Underwriting Mid Market / Credit Line bei Coface.Coface
Die aktuelle Lage schlägt sich auch in der Stimmung nieder: Der
Ifo Geschäftsklimaindex sank im April auf 84,4 Punkte, nach 86,3 im März. Dies
ist der niedrigste Wert seit Mai 2020. „Während die momentane Lage noch als
stabil bewertet wird – wenn auch auf niedrigem Niveau –, sind die Erwartungen
für die nächsten sechs Monate nach unten gegangen. Energie ist teurer geworden,
und die Verfügbarkeit von Vorprodukten ist unsicher“, erklärt Kuger.
Lageraufbau aus Angst statt aus Wachstum
Das zeigt auch der Einkaufsmanagerindex. „Dieser ist
überraschenderweise gestiegen, was eigentlich auf Wachstum hindeutet“, sagt
Kuger. Doch bei genauerem Hinschauen stellt man fest: „Die Unternehmen kaufen
mehr Vorprodukte ein, weil sie Angst haben, dass diese im nächsten Monat noch
teurer oder gar nicht mehr verfügbar sind.“
Es handelt sich Kuger zufolge also um einen angstgetriebenen
Lageraufbau und nicht um ein Zeichen für eine brummende Wirtschaft. „Die Leute
warten länger auf Güter, weil es im System kriselt.“
Noch seien ausreichend Lagerbestände vorhanden, meint
Lennartz. Aber: „Die Frage ist, welches Unternehmen rechtzeitig reagiert hat.
Die Rohstoffe sind nicht verschwunden, sie nehmen nur längere Wege.“ Das müsse
man einkalkulieren. Firmen müssen demnach früher bestellen, um Stillstände zu
vermeiden. Dazu kommt: „Asien hängt noch stärker am Energietropf und viele
Vorprodukte für den Maschinenbau kommen von dort“, so Lennartz.
Der Blick richtet sich bereits auf 2027
Auch mit Blick auf 2026 dämpft Kuger die Erwartungen: Der
wirtschaftliche Aufschwung werde nicht kommen. Sollen die Unternehmen also schon
auf 2027 schauen?
„Der Ausblick steht
und fällt mit dem Iran“, sagt Kuger. „Wenn dieser Krieg anhält, wird auch 2027
kein gutes Jahr. Die Energiepreise sind zwar hoch, aber nicht auf dem Niveau
von 2022.“
Das Sondervermögen werde „sukzessive ausgegeben“. Bisher
zeige sich das allerdings vor allem im Bereich der Rüstung. „Aber irgendwann
müssen auch Autobahnen, Schienen und Schulen saniert werden. Das braucht Zeit.“
Selbst bei einem schnellen Ende des Krieges seien die Folgen
noch lange spürbar. „Selbst wenn der Krieg morgen enden würde, dauerte es bis
Ende 2026, um den Stau bei Rohstoffen und Energie aufzulösen.“ Entsprechend
müsse der Fokus bereits heute auf das Jahr 2027 gelegt werden.
Ein weiteres Problem sei die schwer beschädigte
Infrastruktur. Pipelines und Raffinerien seien getroffen worden. Qatar Energy
habe angegeben, dass die Reparatur des gesamten Produktionspotenzials „drei bis
fünf Jahre dauern könnte“.
Zahlungsverzögerungen kündigen mehr Insolvenzen an
Was sich schon 2026 zeigen kann, sind mehr Insolvenzen im
Maschinenbau. „In der Kreditversicherung haben wir durch Nichtzahlungsmeldungen
einen Frühindikator, der uns etwa ein halbes bis ein Jahr Vorlauf gibt. Wir
sehen momentan einen Anstieg bei diesen Meldungen über Zahlungsverzögerungen“,
berichtet Lennartz.
Das bedeutet, dass man vermutlich mit zeitlicher Verzögerung
einen ähnlichen Sprung bei den Insolvenzen oder Schadensfällen sehen wird. „Die
Kurve geht weiter nach oben. Das wird uns 2026 das ganze Jahr begleiten“, sagt
der Experte.
FAQ: Iran-Krieg und Maschinenbau
• Wie belastet der Iran-Krieg den Maschinenbau? – Der Iran-Krieg belastet den Maschinenbau über höhere Energiepreise, gestörte Lieferketten, teurere Logistik und verschobene Investitionen.
• Warum ist der Iran-Krieg für Lieferketten im Maschinenbau relevant? – Die geschlossene Straße von Hormus, festliegende Tanker und knappe Rohstoffe verlängern Transportwege und erhöhen die Unsicherheit in globalen Lieferketten.
• Welche Rolle spielen Energiepreise im Iran-Krieg für den Maschinenbau? – Steigende Öl- und Gaspreise verteuern energieintensive Rohstoffe wie Aluminium und erhöhen den Kostendruck in der Produktion.
• Warum verschieben Unternehmen wegen des Iran-Kriegs Investitionen im Maschinenbau? – Unternehmen prüfen angesichts höherer Kosten, schwächerer Nachfrage und unsicherer Lieferketten, ob neue Maschinen angeschafft oder bestehende Anlagen länger genutzt werden.
• Was bedeutet der Iran-Krieg für Insolvenzen im Maschinenbau? – Coface sieht steigende Zahlungsverzögerungen als Frühindikator für mehr Insolvenzen oder Schadensfälle im Jahr 2026.