Der Bedarf an Mikroelektronik in Europa steigt massiv. Eine neue ZVEI-Studie sieht bis 2040 eine Verdopplung des Halbleitereinsatzes und fordert entschlossenes Handeln.
Die Botschaft der ZVEI-Studie ist eindeutig: Die Halbleiter-Nachfrage in Europa ist erheblich. Sie erstreckt sich über alle wichtigen Technologiebereiche und soll mittel- sowie langfristig stark bleiben. Europa steht damit vor der Aufgabe, diese Nachfrage in industrielle Stärke, Innovationsführerschaft und wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit zu übersetzen.Pete - stock.adobe.com
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Summary: Der ZVEI stellt am 21. Mai 2026 beim eSummit eine neue Mikroelektronikstudie vor. Sie zeigt für Europa bis 2040 eine Verdopplung des Halbleitereinsatzes und einen um den Faktor 2,4 steigenden Bedarf der hier produzierenden Industrie. Wachstumstreiber sind Automotive, Energie, Robotik, industrielle KI, autonome Systeme und intelligente Industrieanwendungen.
Warum die Mikroelektronik für Europa strategisch wichtiger wird
Der Anteil der in Europa zum Einsatz kommenden Halbleiter wird sich bis 2040 verdoppeln. Das gilt unabhängig davon, ob die Trägerprodukte in Europa oder außerhalb Europas hergestellt werden. Der Halbleiterbedarf der in Europa produzierenden Industrie wächst laut der neuen Mikroelektronikstudie sogar um den Faktor 2,4.
Diese Zahlen gehören zu den Kernergebnissen der Studie „Europe's Semiconductor Business Case: A Demand-Driven Perspective for a Competitive and Resilient Microelectronics Ecosystem”. Der ZVEI stellt die Untersuchung heute im Rahmen seines eSummits vor, wie der Verband mitteilt.
Durchgeführt wurde die Studie von Strategy& als Berater im Auftrag eines deutsch-niederländischen öffentlich-privaten Konsortiums. Dazu gehören der ZVEI, der niederländische Unternehmerverband für die Technologieindustrie FME, das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie sowie das Wirtschaftsministerium der Niederlande (EZK).
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Die Botschaft der Studie ist eindeutig: Die Halbleiter-Nachfrage in Europa ist erheblich. Sie erstreckt sich über alle wichtigen Technologiebereiche und soll mittel- sowie langfristig stark bleiben. Europa steht damit vor der Aufgabe, diese Nachfrage in industrielle Stärke, Innovationsführerschaft und wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit zu übersetzen.
Welche Branchen den Halbleiterbedarf treiben
Das Wachstum kommt laut Studie aus europäischen Schlüsselsegmenten wie Automotive, Energie und Robotik. In diesen Bereichen entstehen zudem neue Hochwachstumsfelder. Genannt werden industrielle KI, autonome Systeme und intelligente Industrieanwendungen.
Damit rücken bestehende europäische Stärken stärker in den Fokus. Dazu zählen Sensorik, Leistungselektronik und Mikrocontroller. Diese Kompetenzen sollen nach Einschätzung der Studie gezielt skaliert und in neue Wachstumsmärkte übertragen werden.
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Tanjeff Schadt, Autor der Studie und Partner bei Strategy& Deutschland, betont: „Deshalb müssen bestehende Stärken rund um europäische Kernkompetenzen wie Sensorik, Leistungselektronik und Mikrocontroller jetzt gezielt skaliert und in diese neuen Wachstumsmärkte übertragen werden“.
Neben den Wachstumsfeldern in europäischen Schlüsselindustrien beschreibt die Studie auch Abhängigkeiten in stark wachsenden Bereichen. Dazu zählen KI-Chips, Logik und Speicherbausteine für Rechenzentren.
Der Aufbau europäischer Kompetenzen ist hier besonders anspruchsvoll. Das gilt insbesondere für kleinere Strukturgrößen. Dennoch sieht der ZVEI darin einen wichtigen Schritt für mehr technologische Souveränität.
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Wolfgang Weber, Vorsitzender der ZVEI-Geschäftsführung, sagt: „Der Aufbau europäischer Kompetenzen auch im Bereich kleiner Strukturgrößen ist anspruchsvoll, aber zur Stärkung unserer technologischen Souveränität geboten“.
Dafür brauche es einen strategischen und schrittweisen Ansatz. Zunächst sollten Chipdesign und Advanced Packaging gestärkt werden. Beide Bereiche gelten in der Studie als wertschöpfungsstark, eng an industrielle Anwendungen angebunden und im Vergleich weniger kapitalintensiv. Darauf aufbauend sollten langfristig und nachfragegetrieben Fertigungskapazitäten für kleinere Strukturgrößen geschaffen werden.
Mikroelektronik-Lieferketten für kritische Bereiche
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Die Studie empfiehlt, in eng definierten strategischen Bereichen stärker auf vertrauenswürdige und möglichst europäisch verankerte Mikroelektronik-Lieferketten zu setzen. Genannt werden insbesondere Verteidigung und kritische Infrastruktur.
Das soll nicht nur die Resilienz erhöhen, sondern auch gezielt Nachfrage nach Mikroelektronik mit hoher europäischer Wertschöpfung schaffen. Entscheidend ist dabei aus Sicht des ZVEI nicht allein der Chip selbst, sondern das gesamte industrielle Umfeld.
Wolfgang Weber unterstreicht: „Dabei muss es übrigens um das gesamte Mikroelektronikökosystem gehen – insbesondere auch vor- und nachgelagerte Segmente wie Leiterplatte und Elektronikfertigung“.
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Wie groß sind Europas Standortnachteile?
Eine zentrale Herausforderung bleiben die Kostennachteile. Die Front-End-Produktion ist in Deutschland im Schnitt 15–30 % teurer als an den kosteneffizientesten asiatischen Standorten.
Die Studie sieht diese Nachteile jedoch nicht als unveränderlich an. Mit niedrigeren Stromkosten, mehr Automatisierung sowie steuerlichen Anreizen und Förderung ließen sie sich um fünf bis zehn Prozentpunkte reduzieren.
Tanjeff Schadt erklärt: „Damit Investitionen schnell und in der breiten industriellen Masse wirken, braucht es eine evidenzbasierte Bewertung von Nachfrage, Kosten und Standortbedingungen.“
Warum Genehmigungen und Förderung zum Wettbewerbsfaktor werden
Aufholen muss Europa laut Studie auch bei Genehmigungs- und Förderprozessen. Die Time-to-Production liegt bei rund 34 Monaten. In Taiwan beträgt sie dagegen etwa 19 Monate.
Auch Förderentscheidungen dauern aus Sicht der Studie zu lange. Genannt wird eine Dauer von 12 bis 24 Monaten. Wolfgang Weber fordert hier deutlich schnellere Verfahren: „Ein Bescheid sollte in sechs bis neun Monaten vorliegen.“
Diese Zeitfaktoren sind für Investitionen in Mikroelektronik besonders relevant. Lange Verfahren können den Aufbau von Kapazitäten verzögern und damit die Wirkung industriepolitischer Maßnahmen abschwächen.
Welche Standortvorteile Europa nutzen kann
Trotz der genannten Nachteile kann Europa laut Studie bei wichtigen Standortfaktoren punkten. Dazu zählen Infrastruktur, politische Stabilität und starker IP-Schutz.
Diese Faktoren machen den Standort attraktiv. Sie bilden eine Grundlage, um industrielle Nachfrage, technologische Kompetenzen und resiliente Wertschöpfungsketten stärker miteinander zu verbinden.
Die Studie kommt damit zu einem klaren Befund: Europas Nachfrage nach Mikroelektronik wächst erheblich. Entscheidend ist nun, ob es gelingt, diese Nachfrage in Investitionen, industrielle Skalierung und technologische Souveränität zu übersetzen.
Quelle: ZVEI
FAQ zur Mikroelektronik in Europa
• Warum steigt der Bedarf an Mikroelektronik in Europa? – Der Bedarf wächst durch Schlüsselindustrien wie Automotive, Energie und Robotik sowie durch industrielle KI, autonome Systeme und intelligente Industrieanwendungen.
• Was zeigt die ZVEI-Studie zur Mikroelektronik? – Die Studie sieht bis 2040 eine Verdopplung des Halbleitereinsatzes in Europa und einen um den Faktor 2,4 steigenden Bedarf der hier produzierenden Industrie.
• Welche Mikroelektronik-Kompetenzen soll Europa ausbauen? – Genannt werden Sensorik, Leistungselektronik, Mikrocontroller, Chipdesign, Advanced Packaging und langfristig Fertigungskapazitäten für kleinere Strukturgrößen.
• Welche Nachteile hat Europa bei Mikroelektronik? – Die Front-End-Produktion ist in Deutschland im Schnitt 15–30 % teurer als an den kosteneffizientesten asiatischen Standorten.
• Welche Vorteile bietet Europa für Mikroelektronik? – Europa punktet laut Studie mit Infrastruktur, politischer Stabilität und starkem IP-Schutz.