Mensch der mit Roboterhänden arbeitet

Frank Riemensperger erklärt im Interview, was nach der intelligenten Produktion kommt. - Bild: Blue Planet Studio - stock.adobe.com

| von Anja Ringel

Herr Riemensperger, Sie haben auf der Ergebniskonferenz des HighTech-Forum gesagt, dass vor allem die deutsche Industrie überraschend gut durch die Krise gekommen sei. Warum ist das so?

Frank Riemensperger: Wir erleben gerade, dass Gaststätten dichtmachen, Flüge und Reisen ausfallen und dadurch knapp 20 Prozent des BIP richtig gebeutelt sind. Die anderen 80 Prozent sind produktionsnahe Leistungen in unseren Leitindustrien. Wenn man die im europäischen Wettbewerb vergleicht, dann sehen wir, dass die deutsche Industrie einen deutlich kleineren Einbruch hatte, diesen auch schneller überwinden konnte und zurück zur Wachstumsstärke gefunden hat. Die deutsche Autoindustrie etwa erzielt derzeit Rekorde in China.

Es gab ja die Sorge, dass hunderte Betriebe insolvent gehen. Das ist nicht passiert. Stattdessen wachsen die Unternehmen. Vor allem alles, was mit Elektronik und Life Sciences zu tun hat, erlebt gerade einen Aufschwung. Medizingeräte genauso. Die Chemieindustrie, die durch Corona stärker beeinträchtigt war, hat sich auch ein Stück weit erholt. Das belegt, wie sehr die Leistungsfähigkeit der deutschen Industrie, in ihrem Volumen zu steuern, ausgeprägt ist. Die Unternehmen fahren schnell runter, genauso schnell aber auch wieder hoch.

Und es zeigt sich außerdem, dass durch die Krise weniger beeinträchtigte Märkte, auf denen Deutschland aktiv ist, gerade in Asien, letztendlich überproportionales Wachstum gebracht haben.

Es gibt zwei Länder, die genauso stark sind wie Deutschland oder stärker. Das ist zum einen China. Die Asiaten sind der absolute Gewinner und haben sogar Marktanteile dazugewonnen. Deutschland hat zumindest keine eingebüßt. Und die Amerikaner haben ihre Marktmacht durch den Stimulus der Binnenwirtschaft behauptet.

Aber in Europa ist Deutschland sehr, sehr stark durch die Krise gekommen. Was vielleicht auch daran liegt, dass unsere Unterstützungsleistungen mit zu den größten auf dem alten Kontinent gehören.

Das ist Frank Riemensperger

Bild: Accenture

Frank Riemensperger ist Geschäftsführer von Accenture Deutschland. Er hat Informatik in Deutschland und den USA studiert. Als Experte für Digitalisierung ist er bei Accenture unter anderem für die Weiterentwicklung nachhaltiger Marktstrategien verantwortlich.

Riemensperger ist außerdem Präsidiumsmitglied der American Chamber of Commerce in Germany und sitzt im Präsidium von Bitcom sowie im Senat der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften. Er ist auch Mitglied des Hightech-Forums und des Aufsichtsrates des Deutschen Instituts für Künstliche Intelligenz.

Ist die wachsende Digitalisierung auch ein Grund dafür? Denn viele Unternehmen brüsten sich derzeit mit ihren digitalen Neuerungen.

Riemensperger: Was wurde denn am meisten verkauft? Es ist nicht die Digitalisierung der Produktion. Die war ja teilweise schon vorher da. Was den Unternehmen aus den Händen gerissen wurde, ist die Digitalisierung der Kundenschnittstelle. Der E-Commerce ist im Prinzip explodiert. Das ist das eine Thema. Wir haben hier eine richtige Beschleunigung der Cloud-Welle gesehen.

Und das zweite ist das Thema Kollaboration, also virtuelles Arbeiten über Tools wie Zoom und Teams. Was natürlich den Schritt in die Cloud beinhaltet – und den haben viele Unternehmen nur sehr zögerlich gemacht.

Aber vor allen Dingen haben Unternehmen ihre digitale Kundenanbindung, wenn sie es nicht bereits war, sehr schnell auf Vordermann gebracht. Was in unserer Branche einen richtigen Boom ausgelöst hat.

Ich habe ein spannendes Zitat von Ihnen gefunden: „Der Wettbewerb verändert sich: Von ‚Made in Germany‘ zu ‚Operated by Germany‘“. Können Sie das noch genauer erklären?

Riemensperger: Hinter dieser Aussage steckt eine bestimmte Überlegung: Was kommt eigentlich nach der Industrie 4.0? Das erste Paper zur Industrie 4.0 wurde 2011 von den Herren Kagermann, Wahlster und Lukas herausgegeben. Professor Kagermann hat mich und einige andere dann gebeten, den Anschlussbericht zu moderieren. Die Frage lautete: Wenn wir die Industrie 4.0 meistern – und da sind wir noch mitten drin – was kommt dann danach? Und die Antwort lautet: die „Smart Service Welt“.

Was Sie gerade zitiert haben, ist die Vision, die auf die Industrie 4.0 aufsetzt. Es ist nicht nur so, dass Digitalisierung die Produktion verbessert. Sondern wir sind jetzt an einem Punkt, an dem die Produkte selbst deutlich intelligenter gemacht werden.

Das beste Beispiel ist die Automobilbranche: In Fahrzeugen steckte seit jeher eine ganze Menge Elektronik, aber es war nie ein Betriebssystem drin. Und Tesla hat es dann vorgemacht: Wie beim IPhone regelmäßig ein Update einzuspielen, und auf einmal kann das Auto etwas, was vorher nicht möglich war.  

Eines der ganz großen Wachstumsthemen für die deutsche Industrie ist dieser Dreiklang: Wir machen die Produkte intelligent. wenn die ein Betriebssystem haben, dann kann man diese Produkte auch im Betrieb ansprechen und kann sie mit Services veredeln.

Industrie- wie Endkunden sind bereit dafür zu bezahlen, wenn es ein Leistungsversprechen gibt. Also: Ich baue einen Zug und verkaufe den Zug. Aber ich gebe das Leistungsversprechen, dass der Zug immer pünktlich ankommt. Diesen Fall gibt es zum Beispiel auf der Strecke Barcelona-Madrid. Das hat Siemens mit Renfe gemacht. Und siehe da: Die haben ihren Marktanteil auf der Strecke verdoppelt.

Daher kommt dann auch die neue Formulierung: „Made in Germany“ sind die intelligenten Produkte, aber Siemens betreibt darüber hinaus den Zug – „Operated in Germany“ – gegen ein Leistungsversprechen: Der Zug ist immer pünktlich. Das schaffen die auch. Und wenn das Leistungsversprechen erfüllt wird, dann gibt es mehr Geld.

Jetzt kann man diese Formel „smart products – smart services – outcomes“ auf fast jedes Produkt, das in Deutschland hergestellt wird, anwenden. Darin sehen wir die Zukunft der deutschen Industrie. Nach der intelligenten Produktion, die wir gut beherrschen, werden wir die intelligenten Produkte entwickeln, die im Betrieb ein Ergebnis erzeugen, das die Menschen überzeugt.

Wie weit ist die deutsche Industrie da schon in ihrer Entwicklung?

Riemensperger: Verstanden haben es fast alle. Wenn Sie zum Beispiel schauen, was Herbert Diess bei VW macht: Er stellt den Konzern auf einen neuen Antriebsstrang – Elektro – und auf ein intelligentes Fahrzeug um, das als Serviceträger neue Chancen bietet.

Die Botschaft ist angekommen. Zunächst vielleicht durch die Regulierungen erzeugt und nicht durch das Aufzeigen von Wachstumschancen. Die Regulierung treibt Europa stark vor sich her. Das ist nicht immer gut. Manchmal wünsche ich mir ein bisschen mehr Geschwindigkeit bei den Unternehmen. Egal wie, es geht voran.

Ihr Unternehmen sagt mit seiner neuen Strategie „New Digital Core“, dass eine Technologie alleine nicht mehr ausreichen wird, um im globalen Wettbewerb konkurrenzfähig zu bleiben. Warum glauben Sie das? Und ist das noch Zukunftsmusik oder schon Realität?

Riemensperger: Es ist eine Zukunft, die sich während wir sprechen realisiert. Nicht länger eine Vision. Was passiert denn gerade? Die Cloud kommt mit großer Geschwindigkeit. Viele versuchen das immer technologisch zu erklären, aber das ist zu kurz gedacht. Die gesamte deutsche Industrie ist dabei, alle ihre Anwendungen, Unternehmensprozesse und Daten in drei große Räume zu verlegen: Amazon, Google und Microsoft und dann gibt es noch den starken Player SAP.

Wenn die Industrie ihre Daten in diese drei großen Räume überführt, die alle miteinander verbunden sind, dann ergeben sich komplett neue Optimierungsmöglichkeiten. Und deshalb werden wir große Transformationen sehen. Trägertechnologie ist die Cloud. Hinzu kommen dann weitere Bausteine wie Data Analytics, mehr Automation und neue Formen des Kunden-Engagements.

Wie sieht es beim Mittelstand aus? Sehen die die Digitalisierung schon als Chance, um neue Geschäftsfelder zu etablieren?

Riemensperger: Oh ja. Das ganze Thema Produkte intelligenter zu machen, davon lebt die deutsche Industrie ja seit jeher. Wenn man sich zum Beispiel anschaut, was die Industrie an Sensorik produziert, um die Produkte zu veredeln. Die Bausteine der Digitalisierung zu liefern ist ein riesen Wachstumstreiber unserer Industrie.

Jetzt kommt das Nächste: Mit „Operated by Germany“ können wir nicht nur die Bausteine „Made in Germany“ liefern, sondern die verbauten Bausteine auch betreiben, sodass ein Effekt entsteht, der zu neuen Umsätzen führt. Noch nicht jede Industrie ist soweit. Die Automobilindustrie ist derzeit in einer rasanten Aufholjagd gegen Tesla – auch in der Unternehmensbewertung. Bei den Medizingeräten wird auch noch viel mehr an entsprechender Umstellung erfolgen. Da gibt es einige Branchen, die zeigen: Die Transformation hat begonnen.

Sie haben Regulierungen schon angesprochen. Was muss denn von politischer Seite noch getan werden, damit Unternehmen in der Transformation unterstützt werden können?

Riemensperger: Wir müssen mehr für Transfer und Skalierung tun. Wenn man die Regulierungen in den unterschiedlichen Ländern vergleicht, dann sieht man, dass in Deutschland und Europa viel mit „Verboten durch Regulierung“ gearbeitet wird. In anderen Ländern, in China, aber auch in den USA, setzt man stattdessen mehr auf „Incentives durch Regulierung“.

In China werden hunderttausende von Firmen mit Zulagen motiviert, ihre Rechenzentren in die Cloud umzuziehen. Man bekommt auch als kleine mittelständische Firma einen Zuschuss, wenn man in die Cloud geht. China hat die digitale Infrastruktur also als Wettbewerbsfaktor verstanden. Sie verbieten nicht die alten Rechenleistungen, aber sie incentivieren die Nutzung der neuen Technologien massiv mit Geldern.

Das gibt es bei uns nicht so. In Deutschland nicht und in Europa nicht. Wir arbeiten über Verbote – das beherrschen wir. Ein bisschen mehr Transfer und Skalierung der neuen digitalen Achsen in die gesamte Industrie, aber auch in die gesamte Gesellschaft, täte uns gut.

Sie sind auch Vice President der deutsch-amerikanischen Handelskammer AmCham. Können Sie abschließend noch eine kurze Einschätzung geben: Wie sind denn die deutsch-amerikanischen Wirtschaftsbeziehungen momentan? Hat sich unter dem neuen Präsidenten Biden schon etwas verändert?

Riemensperger: Die Wirtschaftsbeziehungen haben sich unter Trump nie verschlechtert. Wenn man von dem ganzen Kanonendonner absieht, sind die Handelsbilanzüberschüsse, die Deutschland mit den USA erzielt hat, in den vergangenen fünf Jahren kräftig gewachsen. Die Wirtschaft hat sich sozusagen nicht abhalten lassen, miteinander Geschäfte zu machen. Das hat sich sehr gut entwickelt.

Aber die Tonlage und auch der Respekt – da hat schon einiges gefehlt. Das normalisiert sich zum Glück wieder. Die deutsche Wirtschaft ist auf die transatlantische Achse angewiesen. Das ist aber eine Achse in beide Richtungen, und wenn die Wirtschaftsbeziehungen jetzt inhaltlich wieder mit dem richtigen Ton stattfinden, dann ist das ein Vorteil für beide Seiten.

Von den Amerikanern kann man außerdem lernen: Wie Veränderung nicht nur durch Regulierungen funktioniert, sondern auch durch Stimulus und Förderung neuer Technologien. Da dürften wir schon nochmal genauer hinschauen. 

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