Wie neue Materialien den Flugzeugbau transformieren
Der Flugzeugbau steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Klimaziele, neue Werkstoffe und veränderte Fertigungsverfahren verändern Konstruktion und Produktion von Flugzeugen grundlegend.
Dirk MasurDirkMasurDirk MasurIndustry Driver Aerospace bei der Walter AG
Prof. Dr.-Ing. Jan Hendrik DegeProf. Dr.-Ing. Jan HendrikDegeProf. Dr.-Ing. Jan Hendrik DegeLeiter des Institut für Produktionsmanagement und -technik der Technischen Universität Hamburg
Neue Materialien und angepasste Bearbeitungsverfahren sind zentrale Hebel für die Weiterentwicklung der Luftfahrt.Walter AG
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Summary:
Die Luftfahrtindustrie muss wachsende Nachfrage mit Klimazielen vereinen. Neue
Materialien wie CFK und Titan sowie endkonturnahe Halbzeuge verändern Fertigung
und Zerspanung. Werkzeughersteller wie Walter entwickeln dafür spezialisierte
Lösungen für die Bearbeitung anspruchsvoller Werkstoffe.
Der Luftverkehr zählt zu
den emissionsintensivsten Formen der Mobilität. Gleichzeitig ist das Flugzeug
für viele Menschen und zahlreiche wirtschaftliche Prozesse unverzichtbar,
insbesondere auf langen Distanzen. Appelle an individuelles Verhalten allein werden
daher nicht ausreichen, um die ambitionierten europäischen Klimaziele bis 2050
zu erreichen. Die Luftfahrtindustrie arbeitet daher
intensiv an technischen Lösungen: Dabei werden in der Branche auch neue
Materialien sowie angepasste Fertigungsverfahren für die Flugzeuge eingesetzt.
Mit innovativen Werkzeuglösungen gestalten Zerspanungsexperten wie Walter den
Wandel aktiv mit. Welche
Herausforderungen auf Hersteller und Zulieferer zukommen, zeigen Prof. Dr.-Ing.
Jan Hendrik Dege, Leiter des Instituts für Produktionsmanagement und -technik
(IPMT) an der Technischen Universität Hamburg und Dirk Masur, Industry Driver
Aerospace bei der Walter AG.
Der Anteil des Luftverkehrs am jährlichen
Ausstoß von klimaschädlichem CO2 in die Atmosphäre liegt aktuell bei
zirka 3 Prozent. Neben den eigentlichen CO₂-Emissionen hat die
aktuelle Form des Fliegens aber noch eine Vielzahl weiterer klimaschädlicher
Effekte. Betrachtet man alle diese Auswirkungen auf das Klima liegt dieser Anteil
bei rund 5 Prozent. Die Dekarbonisierung des Flugverkehrs spielt deswegen für
die Verlangsamung des Klimawandels eine wichtige Rolle. Die Flugzeugindustrie
steckt dabei in einem Dilemma: Wachsenden Anforderungen im Bereich Klimaschutz
steht eine ebenso wachsende Nachfrage nach Flugzeugen gegenüber. So gehen
Flugzeughersteller wie Airbus davon aus, dass der Bedarf für neue Flugzeuge pro
Jahr um ca. 3,6 Prozent wachsen wird: In absoluten Zahlen sind das um die 42.000
neue Flugzeuge bis 2043, die man sowohl als Ersatz für bestehende Flugzeuge als
auch zur Deckung des steigenden Bedarfs benötigt.
Titanlegierungen ermöglichen leichte und hochfeste Flugzeugbauteile, stellen jedoch hohe Anforderungen an Herstellung und Zerspanung.Walter AG
Die großen Flugzeughersteller haben sich,
gemäß der Vorgaben aus internationalen Klimaabkommen, ambitionierte Ziele in
der Dekarbonisierung gesetzt. So will der aktuell größte Flugzeugbauer
weltweit, Airbus, bis 2050 emissionsfrei fliegen. Das europäische Unternehmen
fokussiert aktuell die Forschung und Entwicklung von innovativen,
emissionsarmen Kraftstoffen sowie neuen Triebwerks- und Flugzeugtechnologien,
wie Antriebe mit Open-Fan-Rotoren oder hochgestreckte Flügel. Durch die
Fortschritte bei alternativen Antriebssystemen, zum Beispiel grünem
Wasserstoff, kommt nun auch ein Aspekt des Fliegens in den Blick, der bisher
nur sehr eingeschränkt unter dem Gesichtspunkt der CO2-Reduktion
betrachtet worden ist: die Flugzeuge bzw. die Materialien, aus denen sie
gefertigt werden, sowie deren Fertigungsprozesse.
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Je höher der Anteil an
emissionsfreien Kraftstoffen beim Fliegen ist (Operations), desto stärker
schlagen die bei der Produktion (Manufacturing) erzeugten klimaschädlichen
Emissionen in der anteiligen Gesamtklimabilanz eines Flugzeugs und der
Fluggesellschaften zu Buche. Während beim Betrieb mit Kerosin die Emissionen
fast vollständig in der Operations-Phase anfallen (98 Prozent), wird bei 100
Prozent grünem Wasserstoff der Manufacturing-Anteil an den Emissionen des
gesamten Lebenszyklus auf annähernd 100 Prozent geschätzt. Daher richtet sich
zukünftig der Fokus deutlich stärker auf CO2-Einsparungen in der
Flugzeugproduktion.
Materialwahl unter Klimaschutz-Aspekten:
Leichtbau bleibt, CO2-Bilanz rückt in den Fokus
Groov·te GD Stechsystem von Walter mit patentierter, doppelt verzahnter Wendeschneidplatten-Klemmung für präzise und stabile Bearbeitungsprozesse.Andreas Koch
Natürlich spielen bisherige
Kriterien wie der Energieverbrauch eines Flugzeugs für dessen Konstruktion und
die Materialwahl eine wichtige Rolle, und damit mehr oder weniger direkt die
Reduktion klimaschädlicher Emissionen im Betrieb. Fokussiert wird sich unter
anderem auf das Gewicht des Flugzeugs. Denn je weniger Gewicht in und durch die
Luft bewegt werden müssen, desto größer ist die Nutzlast, womit der darauf
bezogene Treibstoffverbrauch sinkt. Für die Praxis der Flugzeugkonstruktion und
-produktion heißt das aktuell noch: Für die strukturell wesentlichen Teile
eines Flugzeugs werden Materialien eingesetzt, die hohe Steifigkeit mit relativ
niedrigem spezifischem Gewicht erreichen. Bislang dominieren zwar immer noch
Aluminiumlegierungen den Flugzeugbau, aber der Anteil an Strukturbauteilen aus
kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff (CFK/CFRP) oder aus Titanlegierungen
steigt an. So liegt der Anteil von CFK-Bauteilen beim Airbus A350, der seit
2014 in der Serienproduktion ist, bei ca. 53 Prozent. Damit ist der Airbus A350
noch immer eines der zivilen Flugzeugtypen mit dem höchsten Anteil an CFK,
darunter der komplette Rumpf und die Tragflächen. Es wird erwartet, dass der
Airbus A320 Nachfolger, eAction genannt, einen ähnlich hohen Anteil CFK in der
Primärstruktur aufweisen wird.
Kohlenstofffaserverstärkte
Kunststoffe zeichnen sich durch eine hohe spezifische Festigkeit aus und
ermöglichen somit Bauteile von höchster Festigkeit und Steifigkeit bei
gleichzeitig niedrigem Gewicht. An Knotenpunkten kommen oft metallische
Verbinder aus Titan zum Einsatz, da diese neben Ihrer hohen Festigkeit in
Verbindung mit CFK deutlich weniger korrosionsanfällig als solche aus Aluminium
sind.
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Aber gerade in der
Herstellung und Verarbeitung haben faserverstärkte Kunststoffe genauso wie
Titanlegierungen hinsichtlich Klimaschutz und Dekarbonisierung gegenüber
Aluminiumlegierungen keine Vorteile: Die Herstellung von CFK ist ein enorm
energieintensiver Prozess. Die Herstellung von 1 kg CFK verursacht ein deutlich
höheres CO2-Äquivalent als die Herstellung von 1 kg Aluminium.
Ähnlich sieht es in Bezug auf die CO2-Bilanz von Titanlegierungen
relativ zu Aluminium aus. Hier ist nicht nur der Herstellungsprozess pro
Kilogramm deutlich energieintensiver als der von Aluminium. Auch die hohe
Buy-to-fly-Ratio, also das Gewichtsverhältnis von Halbzeug zu Fertigbauteil, treibt
die CO2-Emissionen nach oben: Um aus einem geschmiedeten Titan-Halbzeug
ein Bauteil zu fertigen, müssen teilweise bis zu 95 Prozent des Materials
zerspant werden, wobei die Produktivität in der Zerspanung im Vergleich zu
Aluminium deutlich geringer ausfällt.
Wandel in der Fertigung: Effizienz durch endkonturnahe
Halbzeuge
Hohe Leistungsfähigkeit und Prozesssicherheit für die Titanzerspanung: der Walter BLAXX Igelfräser M325.Walter AG
Wer klimaschädliche
Emissionen in der Produktion von Flugzeugteilen reduzieren will, muss an vielen
Stellschrauben gleichzeitig arbeiten, aber das Prinzip bleibt das Gleiche: Die
Bearbeitungsprozesse müssen im Ganzen effizienter sein, vor allem der Energie-
und Materialverbrauch. Ein Ansatzpunkt ist die Reduzierung des Halbzeuggewichts,
also eine Verringerung der Buy-to-Fly-Ratio. Hierdurch werden die Dauer und der
Umfang der zerspanenden Bearbeitung, bis ein Bauteil seine finale Form erreicht
hat, deutlich reduziert. Ein wichtiger Ansatzpunkt ist die Umstellung von
Plattenhalbzeugen auf endkonturnahe Halbzeuge, die über Verfahren wie Gesenkschmieden
oder Additive Fertigung, z. B. durch Powder Bed Fusion Laser Beam Metal (PBF
LB/M) oder Direct Energy Deposition (DED) hergestellt werden.
Bei endkonturnahen
Halbzeugen kann man die Form des finalen Bauteils bereits erkennen. Dadurch
verändert sich auch der Bearbeitungsprozess grundlegend, ganz gleich in welchem
Material. Bei einer Buy-to-Fly-Ratio von bis zu 22:1, wie sie bei vielen Flugzeugstrukturbauteilen
heute üblich ist, macht die Schruppbearbeitung den größten Anteil aus. Bei endkonturnahen
Werkstücken wird viel weniger Material abgetragen, der Anteil der
Schlichtbearbeitung im Zerspanungsprozess steigt. Dadurch ändern sich viele
Parameter, mit denen man die Effizienz des kompletten Herstellungsprozesses
bestimmt oder die in die Stückkosten einfließen. Für zerspanende Unternehmen,
nicht nur in der Aerospace-Industrie, heißt das, sie müssen ihren gesamten
Bearbeitungsprozess analysieren, nicht nur einzelne Aspekte wie beispielsweise
das Werkzeug. Denn ein wirklich effizienter Prozess entsteht nur im optimalen
Zusammenspiel von Werkzeugmaschine, Werkzeug und Bearbeitungsstrategie.
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In der Praxis kann die Umstellung auf endkonturnahe
Werkstücke und ggf. geänderte Werkstoffe ganz unterschiedliche Auswirkungen
haben: Der Bedarf an klassischen Schruppwerkzeugen für hohe Zeitspanvolumina sinkt.
Die Folge ist eine steigende Nachfrage nach hochpräzisen und effizienten
Semi-Schlicht- und Schlichtwerkzeugen. Bei den Maschinen verlagert sich der
Fokus von Maschinen mit hoher Leistungsaufnahme und hohem Drehmoment hin zu
Maschinen mit geringerer Leistung aber deutlich höherer Dynamik, die präzise
und schnelle Bewegungen für die finale Konturbearbeitung ausführen können.
Üblicherweise müssen hier nur geringe Aufmaße (3 – 7 mm bei DED, <1 mm bei
PBF LB/M) abgetragen werden. Die funktionsintegrierte, belastungsangepasste
Konstruktion von Bauteilen, die in Additive Manufacturing-Verfahren hergestellt
werden, führt zu deutlich mehr Freiformflächen und nachgiebigen Strukturen. Das
macht die Bauteilspanntechnik deutlich anspruchsvoller.
Neue Werkzeuglösungen: Wie Walter den
Wandel unterstützt
Die WSM01 Schlichtsorte mit innovativer PVD-HIPIMS-Beschichtung erzielt überragende Standzeiten und makellose Oberflächen beim Drehen für Inconel.Walter AG
Aber jede Werkzeugmaschine
ist nur so gut wie die Werkzeuge, mit denen sie eingesetzt wird. Die
Zerspanungsexperten von Walter arbeiten bereits seit Jahren intensiv mit
wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen und Flugzeugherstellern zusammen, um
die Herausforderungen in der Produktion optimal zu gestalten. Als Anbieter mit
über 100-jähriger Expertise und Erfahrung in der Metallbearbeitung fokussiert
sich Walter weiterhin auf das Zerspanen von Aluminiumlegierungen (ISO N) und
von ISO S-Werkstoffen (z. B. Titanlegierungen). Das geschätzte weltweite Marktpotenzial
allein für Titanlegierungen und warmfesten Superlegierungen (HRSA) liegt bei
rund einer Milliarde Euro pro Jahr. Vor allem im Bereich von Struktur- und
Triebwerksbauteilen wächst der Anteil kontinuierlich. ISO S-Werkstoffe wie
Inconel und Waspaloy finden sich vorwiegend in der "Heißseite" der Turbine
eines Strahltriebwerks, im Gegensatz zu Titan, das eher auf der
"Kaltseite" im Verdichter zu finden ist. ISO-S-Werkstoffe wie Titan
harmonieren aufgrund ihrer thermischen Ausdehnungskoeffizienten gut mit
Kohlenstofffaser-Verbundwerkstoffen (CFK) und werden oft in Kombination
verbaut.
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Für viele
Unternehmen, die Titanwerkstücke zerspanen, gehört der Walter BLAXX Igelfräser
M3255 wegen seiner Leistungsfähigkeit und Prozesssicherheit zur
Grundausstattung. Für die anspruchsvolle Titanzerspanung bietet Walter
spezialisierte VHM-Fräser wie den MD377 Supreme und den MC377 Advance an. Beide
eignen sich sowohl zum Schruppen als auch zum Schlichten und zeichnen sich
durch hohe Schneidstabilität aus. Für die anspruchsvolle Bearbeitung von
Triebwerkskomponenten wie Blisks bietet Walter spezialisierte Systeme an: Das 2025
vorgestellte Groov·tec™ GD Stechsystem bietet gerade bei der Bearbeitung von
extrem komplexen und hochwertigen Bauteilen maximale Präzision und
Prozesssicherheit. Ausschlaggebend dafür ist die innovative
Wendeschneidplatten-Klemmung, die von Walter auch zum Patent angemeldet ist:
Die Schneideinsätze sind sowohl von oben als auch von unten doppelt verzahnt.
Dadurch werden die Wendeschneidplatten sicher im Plattensitz fixiert und sind
gegen das seitliche Herausdrücken geschützt. Für die
Schlichtbearbeitung von Triebwerkbauteilen setzen renommierte Hersteller auf
die von Walter eigens dafür entwickelte Schlichtsorte WSM01. Diese neue PVD-HIPIMS-Beschichtung
gibt es in speziellen ISO-S-Geometrien, die mit extrem scharfen Schneiden und
höchster Verschleißfestigkeit auf Inconel 718 eigens auf die Anforderungen von
Triebwerksbauteilen abgestimmt sind.
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Die Expertise, die sich
Walter in der Titanbearbeitung bereits erarbeitet hat, nutzt das Unternehmen,
um das Portfolio für die Titan-Feinbearbeitung massiv auszubauen. Dabei erhält
die Produktfamilie der Xill·tec VHM-Fräser bereits 2026 eine umfassende
Erweiterung um dedizierte Fräser für die Schlichtbearbeitung von ISO-S und ISO-M-Werkstoffen. 2027 kommt ein zusätzliches
umfangreiches VHM-Fräser-Programm für HRSA-Werkstoffe auf den Markt.
Globale Vernetzung als strategischer
Erfolgsfaktor
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Die Dekarbonisierung der Luftfahrt führt zu
einer tiefgreifenden Transformation der Zerspanungstechnik: Von der massiven Platte
zur präzisen Fertigbearbeitung endkonturnaher, anspruchsvoller Werkstoffe.
Technologische Innovation ist jedoch nur ein Teil der Lösung. Walter setzt seine
Expertise im Aerospace-Bereich dabei umfassend ein. Das globale Aerospace Core
Team ist verantwortlich für die frühzeitige Erkennung und strategische Einordnung relevanter Trends.
Darüber hinaus unterstützen Spezialisten für NC-Programmierung und Werkzeuge
die Kunden gezielt bei der Optimierung ihrer Fertigungsprozesse. Durch die
Kompetenz in der Zerspanung, insbesondere mit CAM-Tools wie Dassault CATIA und Siemens
NX, gewährleistet Walter die nahtlose Integration in digitale Prozessketten.
Die ganzheitliche Beratung umfasst dabei die umfassende Unterstützung von der
Gestaltung effizienter Prozesse bis hin zum detaillierten Werkzeugmanagement.
Damit positioniert sich das Unternehmen als strategischer Partner für
Hersteller, die ihre Produktionsprozesse auf eine klimafreundliche Zukunft
ausrichten.