Hafensicherheit rückt an Nord- und Ostsee in den Fokus. Drohnen, Sabotage und Cyberattacken treffen maritime Infrastruktur – und damit auch zentrale Knotenpunkte der Industrie.
Häfen sind zentrale Schnittstellen für Industrie, Logistik und Sicherheit. Angesichts von Drohnenüberflügen, Sabotage und Cyberangriffen rückt die Resilienz maritimer Infrastruktur stärker in den Fokus.Symbolbild - KI-generiert
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Summary: Bei der 14. Nationalen Maritimen Konferenz in Emden steht die Hafensicherheit an Nord- und Ostsee im Mittelpunkt. Marine, Hafenbetreiber und maritime Industrie reagieren mit Schutzmaßnahmen, Logistikprojekten und Kapazitätsausbau auf hybride Bedrohungen. Für Industrie, Bündnislogistik und Produktion werden Seehäfen damit noch stärker zu kritischen Drehscheiben.
Warum Hafensicherheit jetzt zum Kernthema wird
Drohnenüberflüge in Häfen, Sabotagen an Marineschiffen, Cyberattacken auf kritische Systeme: Die maritime Sicherheitslage an Nord- und Ostsee hat sich spürbar verändert. Wie die dpa berichtet, steht die Sicherheit maritimer Infrastruktur deshalb im Zentrum der 14. Nationalen Maritimen Konferenz im ostfriesischen Emden.
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Die Bedeutung reicht weit über Marine und Hafenbetrieb hinaus. Seehäfen sind Umschlagpunkte, Logistikzentren und Schnittstellen industrieller Wertschöpfung. Werden Häfen, Seekabel oder Hafenlogistik angegriffen, betrifft das nicht nur staatliche Sicherheit, sondern auch die Leistungsfähigkeit der maritimen Industrie, des Schiffbaus und angeschlossener Zulieferketten.
Henrik Schilling, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel, beschreibt die veränderte Lage so: «Seit dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine hat sich die Sicherheitslage auf unterschiedlichen Ebenen verschärft.» Deutschland und Europa hätten lange in einem gewissen Frieden gelebt; Nord- und Ostsee seien deshalb nicht als Konfliktraum betrachtet worden.
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Auch die Deutsche Marine registriert eine neue Realität im Seegebiet. Sie setzt nach eigenen Angaben im Nordatlantik und in der Ostsee U-Boote, Seefernaufklärer und Fregatten ein, um Seeverbindungen zu sichern und russische U-Boote zu überwachen. «In der Ostsee treffen wir fast täglich auf russische Einheiten und stellen fest, dass sie sich breiter aufstellen und zunehmend aggressiver gegenüber Nato-Schiffen auftreten», sagt ein Sprecher des Marinekommandos in Rostock.
Wie hybride Angriffe Häfen und Infrastruktur treffen
Im Zentrum der Debatte stehen sogenannte hybride Angriffe. Schilling erklärt: «Hybride Angriffe sind staatlich motivierte Aktionen, die unterhalb der Schwelle eines bewaffneten Konfliktes laufen und versuchen, Grenzen auszutesten». Dazu gehörten Drohnenüberflüge, physische Angriffe auf kritische Infrastruktur, Cyberangriffe, Spionage und Sabotage.
«Das können Drohnenüberflüge sein, aber auch physische Angriffe auf kritische Infrastrukturen oder Cyberangriffe.» In den meisten Fällen stecke Russland dahinter, sagt Schilling. «Die Gründe sind verschieden, vor allem aber geht es darum, Druck auf Europa auszuüben, auch um Entscheidungen für die Ukraine zu unterbinden.»
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Zum genauen Ausmaß solcher Angriffe auf deutsche Seehäfen gibt es kaum öffentliche Informationen. Klar ist jedoch: Die Verwundbarkeit liegt nicht nur an Kaikanten, Werften oder Zufahrten. Sie liegt ebenso im digitalen Raum. «Wir sehen einen deutlichen Zuwachs gerade an Cyberangriffen. Es geht da um Hunderte Angriffe pro Tag. Die meisten werden abgewehrt.»
Auch bei der Marine wurden zuletzt Schiffe mehrfach Ziel mutmaßlicher Sabotageaktionen. Genannt werden durchtrennte Kabelbäume, Metallspäne in einem Antrieb und Öleintrag im Trinkwassersystem. Der Marinesprecher fasst die Lage zusammen: «Es gibt Sabotageversuche an unseren Schiffen im Hafen und in der Werft, wir sehen Überflüge mit Drohnen, Eindringversuche in unsere Stützpunkte und die berühmten Ankerverluste, die dann wichtige Leitungen und Kabel beschädigen oder gar zerstören».
Für die Industrie sind Häfen weit mehr als Umschlagflächen. Sie verbinden Hafenlogistik, Werften, maritime Zulieferer, militärische Transporte und technische Infrastruktur. Schon heute sind Seehäfen wie Emden und Bremerhaven wichtige Umschlagsorte der Bundeswehr, der US-Armee und der Nato für Militärgüter.
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Damit wird Hafensicherheit auch zu einer Frage industrieller Handlungsfähigkeit. Wenn Häfen als Knotenpunkte ausfallen oder gestört werden, geraten nicht nur militärische Transporte unter Druck. Auch die maritime Industrie, der Schiffbau und die zugehörigen Produktions- und Servicekapazitäten stehen stärker im Fokus.
Der Zentralverband deutscher Seehafenbetriebe verweist zudem auf wachsende Anforderungen an die Häfen, etwa beim Thema Militär. Aus Sicht der Häfen passt das aktuelle Finanzierungsmodell von Bund und Ländern nicht mehr zu diesen Aufgaben. Nach ZDS-Angaben beträgt der über Jahrzehnte aufgelaufene Investitionstau in den deutschen Seehäfen rund 15 Milliarden EUR.
Wie Betreiber und Marine die Resilienz erhöhen
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Norddeutsche Hafenbetreiber betonen, dass der Schutz systemrelevanter Hafeninfrastrukturen einen hohen Stellenwert habe. Die niedersächsische Hafeninfrastrukturgesellschaft NPorts erklärt: «Die zuständigen Sicherheitsbehörden bewerten die Gefährdungslagen, und wir setzen die daraus abgeleiteten Maßnahmen konsequent um». Dazu gehörten gemeinsame Risikoanalysen und Übungen für unterschiedliche Szenarien.
Auch in Bremerhaven wird die Widerstandsfähigkeit der Infrastruktur laufend überprüft und verbessert, teilt Bremenports mit. Im Fokus stehen unter anderem Zugangskontrollen, Überwachung und Cyber-Sicherheitssysteme.
Sicherheitsexperte Schilling sieht ebenfalls Bewegung bei den Betreibern kritischer Infrastruktur. «Da tut sich gerade sehr viel», sagt er. «Was etwa Cyberangriffe angeht, stellen sich viele Betreiber von kritischer Infrastruktur zunehmend besser auf.»
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Die Marine hat für ihre Militärhäfen nach eigenen Angaben kurzfristig ein «wirkvolles Maßnahmenpaket» umgesetzt. Dazu zählen Drohnenabwehranlagen, eine stärkere Präsenz kleiner Einheiten auf und vor den Häfen sowie unbemannte Systeme über und unter Wasser. «Wir machen unsere Stützpunkte widerstandsfähiger», sagt der Marinesprecher.
Deployment Hubs: Häfen als Drehscheiben im Konfliktfall
Im Konfliktfall käme den Häfen an Nord- und Ostsee eine zentrale militärische Rolle zu. Schilling verweist auf teils geheime Pläne der Bundeswehr und der Nato. Deutschland würde demnach zur logistischen Drehscheibe für den Umschlag von Militärfahrzeugen, Truppen und Material.
Die Marine bestätigt diese Funktion: «An Seehäfen könnten sogenannte Deployment Hubs entstehen, die die Verladung, den Umschlag- und die Hafenlogistik, speziell für militärische Bedarfe, durchführen».
Für die Industrie bedeutet das: Hafeninfrastruktur wird nicht nur als Verkehrs- und Umschlagsanlage betrachtet, sondern als strategische Plattform. Hafenlogistik, technische Dienstleister, Werften und maritime Ausrüster rücken damit enger an sicherheits- und verteidigungspolitische Anforderungen heran.
Schilling nennt insbesondere die deutschen Nordseehäfen als mögliche Anlaufpunkte für Nachschub aus den USA. Hamburg würde eine große Rolle spielen. «Über den Landweg würden die Güter dann weitertransportiert – etwa Richtung Baltikum. Auch die Ostseehäfen, wie etwa Kiel, wären wichtig, da von dort aus die neuen Nato-Partner Schweden und Finnland über die See versorgt werden müssten.»
Welche Investitionen und Kapazitäten geplant sind
Besonders konkret sind die Pläne in Bremerhaven. Dort soll ein maritimer Logistik-Hub entstehen, um den wachsenden Anforderungen der Nato gerecht zu werden. Der Bund investiert rund 1,35 Milliarden EUR.
Aus Sicht der Seehafenbetriebe reichen solche Einzelprojekte jedoch nicht aus. Der ZDS fordert einen grundsätzlichen Neustart bei der Finanzierung der Häfen. Die Anforderungen an Hafenanlagen wachsen nicht nur durch klassische Logistikaufgaben, sondern auch durch Sicherheits-, Militär- und Resilienzthemen.
Parallel gewinnt auch die maritime Industrie an strategischer Bedeutung. Reinhard Lüken, Hauptgeschäftsführer des Verbands für Schiffbau und Meerestechnik, sagt, angesichts geopolitischer Spannungen werde der Schiffbau stärker als «systemkritische Fähigkeit» erkannt. Die Fähigkeit, komplexe Schiffe und maritime Anlagen zu entwickeln und zu bauen, sei ein unverzichtbarer Bestandteil technischer Souveränität.
Die Auftragsbücher vieler Werften sind gut gefüllt. Besonders der Marineschiffbau profitiert von der gestiegenen internationalen Nachfrage. Marineunternehmen erhöhen bereits Produktionskapazitäten: Die Kieler U-Bootfirma TKMS baut ihre Werft in Wismar aus, Rheinmetall hat mit der Serienfertigung von Drohnenbooten in Hamburg begonnen.
Die Marine prüft derzeit, ob an der Nordseeküste ein weiterer Militärhafen eingerichtet werden soll. Als Favoriten gelten Emden oder Bremerhaven. Auch an der Ostsee gibt es Bewegung: In Kiel haben sich Stadt und Bund kürzlich über die Rückgabe von Teilen eines ehemaligen Marineflieger-Geländes an die Bundeswehr geeinigt.
Der Inspekteur der Marine, Vizeadmiral Jan Christian Kaack, ordnet den Ausbau sicherheitspolitisch ein. Er sagt, der Ausbau der Marine diene der Sicherheit des Landes und der Partner. «Er ist kein Selbstzweck, sondern die notwendige Antwort auf die veränderte Bedrohungslage.»
Für die Häfen bedeutet diese Entwicklung eine Doppelrolle: Sie bleiben industrielle und logistische Leistungsträger, werden aber zugleich stärker Teil einer sicherheitspolitischen Infrastruktur. Hafensicherheit wird damit zu einem Standortfaktor für Industrie, Marine und maritime Wertschöpfung an Nord- und Ostsee.
Mit Material der dpa
FAQ zur Hafensicherheit an Nord- und Ostsee
• Warum ist Hafensicherheit für die Industrie wichtig? – Häfen sind Umschlagpunkte, Logistikzentren und Schnittstellen für maritime Industrie, Werften, Zulieferer und militärische Transporte.
• Welche Bedrohungen prägen die Hafensicherheit aktuell? – Genannt werden Drohnenüberflüge, Sabotage, Cyberangriffe, Spionage und Angriffe auf kritische maritime Infrastruktur.
• Wie reagieren Betreiber auf die Anforderungen der Hafensicherheit? – Hafenbetreiber setzen auf Risikoanalysen, Übungen, Zugangskontrollen, Überwachung und Cyber-Sicherheitssysteme.
• Welche Rolle spielt Hafensicherheit im Konfliktfall? –Seehäfen könnten als Deployment Hubs dienen und Verladung, Umschlag sowie Hafenlogistik für militärische Bedarfe übernehmen.
• Was bedeutet Hafensicherheit für den Schiffbau? – Der Schiffbau wird angesichts geopolitischer Spannungen stärker als systemkritische Fähigkeit wahrgenommen; Unternehmen bauen Produktionskapazitäten aus.