Strukturkrise in der deutschen Automobilindustrie – Restrukturierung wird zur Überlebensfrage
Die deutsche Automobilindustrie steckt mitten in einer strukturellen Krise – Liquiditätsengpässe, steigende Insolvenzen und hoher Wettbewerbsdruck zwingen zu harten Restrukturierungen. Managementstärke und strategische Neuausrichtung sind jetzt entscheidend.
Laut einer aktuellen Studie von EIP, Porsche Consulting und dem Ifus-Institut befindet sich mehr als die Hälfte der Unternehmen im Automotive-Bereich in einer strukturellen Krise.OpticalDesign - stock.adobe.com)
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Die deutsche Automobilindustrie steht am Scheideweg. Eine neue Studie mit dem Titel „Automobilindustrie 2026: Restrukturierung als Überlebensprinzip“ von Executive Interim Partners (EIP), Porsche Consulting und dem Ifus-Institut der SRH University Heidelberg zeichnet ein beunruhigendes Bild: Mehr als die Hälfte der Unternehmen befindet sich bereits in einer strukturellen Krise, viele stehen unter erheblichem Liquiditätsdruck oder nahe einer Insolvenz.
Alarmierende Lage: Krise ist bereits sichtbar
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Laut der Studie zeigen die Befragungen von mehr als 500 Führungskräften und Branchenexperten aus dem Zeitraum Frühjahr bis Herbst 2025, dass die wirtschaftliche Stabilität, die die Branche lange ausgezeichnet hat, in vielen Bereichen verloren gegangen ist. Die Krise betrifft nicht nur die OEMs (Original Equipment Manufacturers) sondern erstreckt sich über wesentliche Teile der industriellen Wertschöpfungskette.
Hauptursachen hierfür sind ein zunehmender Wettbewerbsdruck, vor allem aus China, massive Überkapazitäten, volatile Abrufe von Kunden sowie eine politisch und regulatorisch unsichere Gesamtlage. Diese Gemengelage entzieht vielen Geschäftsmodellen die Planungsgrundlage und beschleunigt den Strukturbruch in der Branche.
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Restrukturierung als Antwort
Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass härtere Restrukturierungsmaßnahmen von der Branche selbst als nahezu unvermeidlich gesehen werden: Etwa 90 % der Befragten halten tiefgreifende Anpassungen, darunter auch Werksschließungen und Verlagerungen ins Ausland, für notwendig. Klassische Effizienzprogramme reichen nach Einschätzung der Experten nicht mehr aus.
Als entscheidender Hebel zur Bewältigung der Krise gilt die Stärkung des Managements. 88 % der Befragten sehen gezielte Kompetenzentwicklung – insbesondere in den Bereichen Restrukturierung und Internationalität – als Voraussetzung, um den Wandel erfolgreich zu gestalten.
Parallel zu den Studienergebnissen veröffentlichte der Verband der Automobilindustrie (VDA) seine Marktprognose für 2026. Demnach wird der deutsche Pkw-Markt im kommenden Jahr voraussichtlich nur ein moderates Wachstum von etwa 2 % auf rund 2,90 Millionen Neuzulassungen verzeichnen – ein Niveau, das weiterhin etwa ein Fünftel unter dem des Jahres 2019 liegt.
Für Elektrofahrzeuge (BEV) erwartet der Verband ein deutliches Plus: Die Zahl der Neuzulassungen könnte auf rund 693 000 reine Elektroautos steigen, ein Wachstum von etwa 30 % im Vergleich zu 2025 – vorausgesetzt, die angekündigte staatliche Förderung tritt planmäßig in Kraft.
Standortbedingungen und politische Forderungen
Der VDA betont, dass Wettbewerbsfähigkeit und Standortattraktivität in Berlin und Brüssel höchste Priorität haben müssen, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Industrie zu erhalten. Die Bedeutung politischer Rahmenbedingungen wird auch durch aktuelle politische Initiativen unterstrichen: So hat die Bundesregierung ein €3 Milliarden-Förderprogramm für Elektrofahrzeuge gestartet, das auch internationalen Herstellern offensteht. Der VDA unterstützt diese Maßnahme, fordert aber zugleich strukturelle Verbesserungen bei Ladeinfrastruktur und Energiekosten.
Die aktuelle Lage der deutschen Automobilindustrie ist geprägt von strukturellen Herausforderungen, die über zyklische Schwankungen hinausgehen und tief in die Wettbewerbsfähigkeit und Produktionsstrukturen eingreifen. Während Branchenstudien die Notwendigkeit einer weitreichenden Restrukturierung betonen, zeichnet die VDA-Prognose ein Bild einer Branche, die zwar stabil bleibt, aber nur langsam aus der Krise herauswächst. Entscheidend wird nach Einschätzung von Experten und Verbandsseite sein, Managementqualität, Flexibilität und politische Unterstützung in Einklang zu bringen, um langfristig zukunftsfähig zu bleiben.
mit Material von Executive Interim Partners (EIP), Porsche Consulting, Ifus-Institut der SRH University Heidelberg, VDA
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Die Lage der Branche im Überblick
Was zeigt die aktuelle Branchenstudie zur Lage der Automobilindustrie?
Die Studie „Automobilindustrie 2026: Restrukturierung als Überlebensprinzip“ von EIP, Porsche Consulting und IfUS belegt: Mehr als die Hälfte der Unternehmen befindet sich bereits in der Krise, viele leiden unter Liquiditätsnot oder stehen nahe der Insolvenz.
Was sind die Hauptursachen der Krise?
Neben struktureller Unterauslastung und volatilen Abrufen erhöht der zunehmende Wettbewerbsdruck, besonders aus China, den Druck auf OEMs und Zulieferer. Geopolitische Unsicherheiten und regulatorische Komplexität verschärfen die Lage weiter.
Wie beurteilt der VDA die Marktentwicklung für 2026?
Der Verband der Automobilindustrie (VDA) erwartet für 2026 nur ein moderates Wachstum der Pkw-Neuzulassungen um rund 2 % auf etwa 2,9 Mio. Fahrzeuge – weiter deutlich unter dem Niveau von 2019. Die Elektromobilität bleibt dabei Wachstumstreiber.
Welche Antworten sieht die Branche selbst als notwendig an?
Rund 90 % der Studienteilnehmer halten tiefgreifende Restrukturierungsmaßnahmen für unvermeidlich, einschließlich Standortanpassungen und Produktionsverlagerungen ins Ausland. Die Mehrheit glaubt nicht mehr an rein schrittweise Effizienzprogramme.
Welche politischen Rahmenbedingungen fordert der VDA zusätzlich?
Der VDA gemeinsam mit der IG Metall fordert von Politik und EU klare Rahmenbedingungen zur Stärkung der Nachfrage, Flexibilisierung der CO₂-Regulierung und schnellere Elektromobilitätsförderung, um Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung zu sichern.