Arbeiter, die die Herstellung eines Metallzylinders überwachen

Auch der Fertigungsbranche steht ein Wandel bevor. - Bild: Kzenon - stock.adobe.com

Überholt China Europa in der Fertigungsindustrie? Kann Deutschland noch dagegenhalten? Auf jeden Fall! „Europa und Deutschland sind in vielen Bereichen weiter führend und das wird in Zukunft auch so bleiben“, sagt Wolfgang Krenz, Partner der globalen Automotive und Manufacturing Industries Practice bei der Unternehmensberatung Oliver Wyman, im Gespräch mit PRODUKTION. Die Bundesrepublik sei in vielen Maschinenbausegmenten der eindeutige Weltmarktführer. Doch es gibt auch Ausnahmen: Solarpanels habe man nach China verloren, so der Experte. Er sieht vor allem die neuen Technologien wie grüner Wasserstoff als Chancen für die deutsche Industrie.

Derzeit ist natürlich auch die Coronakrise noch ein großes Thema. Im Sommer haben rund 54 Prozent der Unternehmen aus der produzierenden Industrie gesagt, die Krise habe einen teils oder sehr negativen Einfluss auf ihr Geschäft. Das ging aus einer Umfrage des IloT-Unternehmens Relayr hervor. Mehr über die Ergebnisse lesen Sie hier.

Die Unternehmen in der Fertigung haben sich in der Pandemie sehr unterschiedlich geschlagen, berichtet Krenz. Derzeit stabilisiere sich die Industrie und es gebe einen leichten Aufwärtstrend. Der zweite Lockdown habe dabei nicht die Auswirkungen wie der erste. Es sei aber klar, dass es noch dauern werde, bis das Vor-Corona-Niveau erreicht werde. Das könne noch ein paar Jahre dauern, so der Experte.

Das Lieferketten-Dilemma in der Fertigung

Doch welche Trends werden die Fertigungsindustrie im nächsten Jahrzehnt prägen? Die Unternehmensberatung hat zwölf Hypothesen erstellt und mit 20 CEOs von Fertigungsunternehmen in Deutschland und der Schweiz diskutiert und validiert. Rund 88 Prozent stimmen den Thesen durchschnittlich ganz oder teilweise zu.

Eine der Thesen dreht sich um das Lieferketten-Dilemma. „Handelsbarrieren, politische Instabilität, Epidemien und Naturkatastrophen zwingen Unternehmen zur Quadratur des Kreises, zum aktiven Risikomanagement – und dazu, flexibel zu bleiben“, heißt es.

Doch hier gibt es durchaus Unterschiede, erklärt Krenz im Gespräch: Der Maschinen- und Anlagenbau sei typischerweise nicht ganz so global wie die Automobilindustrie. Viele haben ihre Lieferanten daher in Deutschland oder Europa. „Insofern sind sie nicht so getroffen worden, weil sie kein so komplexes Lieferkettensystem haben“, so Krenz. Seine Gesprächspartner hätten ihm deshalb gesagt, es gebe keinen grundsätzlichen Bedarf, etwas zu umzubauen.

Was der VDMA, VDA, ZVEI und die Unternehmen ZF und Ceratizit zum Thema Lieferketten sagen, lesen Sie in unseren Industrietrends.

Dennoch habe bei der Lieferkettengestaltung das Thema Zuverlässigkeit mehr Relevanz gewonnen. Krenz sieht auch einen klaren Trend, dass versucht wird, bei Lieferketten mit single sourcing zu dual sourcing überzugehen, um das Risiko zu minimieren. Eine weitere Überlegung: Die Lieferketten so umzustellen, dass die Produkte aus nähergelegenen Niedrigkosten-Ländern aus Osteuropa kommen.

„Die größten Probleme waren in vielen Fällen nicht Teile, die aus China gekommen sind, sondern Teile, die aus Italien bezogen wurden“, sagt Wolfgang Krenz zum Lieferketten-Problem im ersten Lockdown. Krenz ist Partner der globalen Automotive und Manufacturing Industries Practice bei der Unternehmensberatung Oliver Wyman.

Bild: Oliver Wyman

Krenz erklärt aber auch: „Die größten Probleme waren in vielen Fällen nicht Teile, die aus China gekommen sind, sondern Teile, die aus Italien bezogen wurden.“ Die Devise „näher heißt sicherer“ sei deshalb teilweise auch ein Trugschluss. Änderungen in der Zollpolitik könnten das Thema Lieferketten zudem noch einmal verändern, so der Experte.

Über die schwindende Bedeutung der Produktion

Eine weitere Annahme der Experten: Die schwindende Bedeutung der Produktion – „Die traditionelle Fokussierung des Managements auf CAPEX und Produktion ist nicht länger gerechtfertigt – eine Verlagerung des Ressourcenfokus und Veräußerungen werden nicht nur das Gesicht der Hersteller verändern, sondern auch neue Tier-n-Zulieferer schaffen.“

Das sei tatsächlich eine der umstrittensten Hypothesen gewesen und habe bei den Herstellern einen Abwehrreflex hervorgerufen, erinnert sich Krenz. Die These gelte natürlich nicht für Komponentenherstellern. Bei dem Punkt gehe es um die Fragen: „Wie wichtig ist es in Zukunft, dass wir die Maschinen und ihre Bestandteile im jetzigen Umfang selbst herstellen? Entsteht da wirklich ein Mehrwert?“ Denn eigentlich seien die Stärke der Unternehmen in diesem Fall ja Engineering und Kundenprobleme zu lösen.

„Wir sehen in einigen Bereichen im Maschinenbau auch, dass große Unternehmen sich von Fertigungsstandorten trennen und sehen da dann die Möglichkeit, dass sich neue Zulieferer entwickeln“, sagt Krenz. Dadurch können die Firmen stärker und kundennäher an Lösungen und Innovationen arbeiten, so der Experte.

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Diese Investoren haben immer mehr Einfluss

Ein weiterer Punkt ist der wachsende Einfluss nicht-traditioneller Investoren: „Vier Arten von Investoren (Chinesen, Private-Equity-Investoren, Aktivisten und Fonds für Sondersituationen) werden ihre Anteile erhöhen und die Unternehmensdynamik von Produktionsfirmen verändern – jeder auf seine eigene Art“, sind sich die Experten sicher.

Beim Thema Investoren sagen laut Krenz viele Familienunternehmer: „Das interessiert uns gar nicht.“ Doch auch für sie haben nicht-traditionelle Investoren einen Einfluss. Denn wenn Investoren ins Spiel kommen, verändere sich die Wettbewerbslandschaft. „Diese neuen Investoren bringen neue Prioritäten ein. Private Equity Investoren setzen zum Beispiel häufig auf eine Verbesserung der Kostenposition. Dadurch verändert sich die Wettbewerbssituation. Firmen, die nicht so handeln, sind dann im Nachteil“, erklärt Krenz.

Er ist sich auch sicher, dass Investoren aus China weiter in der westlichen Welt investieren werden – wie beispielsweise bei Kion und Kuka –, auch wenn es politisch schwieriger geworden sei.

Auch folgende Entwicklungen müssen Unternehmen im Auge haben:

  • Private-Equitity-Investoren wollen Krenz zufolge nicht nur in Familienunternehmen investieren, die keinen Nachfolger finden. Sie schauen vielmehr auch, ob die börsennotierte Firmen privatisieren und von der Börse nehmen
  • Kapitalgeber profitieren davon, dass Unternehmen Geld brauchen, das sie von den Banken nicht bekommen
  • Aktivistische Gruppen, die stark auf das Thema Aufspaltung drängen, kaufen sich Minderheiten, um so mit einer Minderheitsbeteiligung Druck ausüben zu können.

Neben den drei genannten Thesen haben die Experten noch folgende Annahmen aufgestellt:

Weitere Trends für die Fertigungsindustrie

  • Die Industrie wird grün: Dass Hersteller von Industriegütern klimaneutral werden müssen, ist klar. Das eigentliche Milliardenpotenzial für die Unternehmen liegt jedoch darin, anderen Marktteilnehmern dabei zu helfen, CO2-neutral zu werden.
  • Die ganze Welt als Beobachter: Der Druck der sozialen Medien und der öffentlichen Meinung nimmt zu. CEOs werden sich zunehmend für schlechtes Umwelt- und Sozialverhalten von Unternehmen rechtfertigen müssen.
  • Die Neudefinition der B2B-Kundenbeziehung: Die B2B-Kundenerwartungen orientieren sich zunehmend an den Standards, die im Consumer-Bereich gesetzt werden. Kundenbeziehungen entwickeln sich von transaktionalen zu dauerhaften Beziehungen. Beide Trends fußen auf digitalen Technologien.
  • Der wahre Wert der Digitalisierung: Der Zusatzumsatz aus neuen, datengetriebenen Geschäftsmodellen wird sich für die meisten Fertigungsunternehmen als marginal erweisen. Der wahre Wert der Anwendung digitaler Technologien zur Neuerfindung interner Prozesse wird sich jedoch erschließen, wenn Unternehmenslenker einen ganzheitlichen Ansatz verfolgen.
  • Der Wertanteil wird kleiner: Krisen wie Covid-19 werden den Trend zu Softwarelösungen und Datenplattformen weiter beschleunigen. Der Marktanteil von Technologieakteuren und digitalen Angreifern ist in der Vergangenheit sprunghaft angestiegen und wird noch weiter wachsen – auf (relative) Kosten traditioneller Geschäftsmodelle wie denen klassischer Fertigungsunternehmen.
  • Der sich wandelnde Charakter von M&A: Nach der gegenwärtigen Welle von Unternehmensveräußerungen wird in vielen Sektoren ein „Endspiel der Konsolidierung“ stattfinden – gefolgt von einem Comeback der Diversifizierung auf der Suche nach neuen Wachstumsmöglichkeiten.
  • Die Verbreitung von Cyber-Risiken: Cybersicherheit wird einen größeren Stellenwert auf der Unternehmensagenda einnehmen. Das treibt die Kosten in die Höhe und verlangsamt die Einführung innovativer datengesteuerter Geschäftsmodelle.
  • Der Kampf um Talente 2.0: Nie zuvor musste sich die Belegschaft innerhalb von nur zehn Jahren so drastisch und in so vielen Dimensionen verändern. Die Fähigkeit der Industrieunternehmen, die Arbeitskräfte der Zukunft aufzubauen und zu halten, wird zu einem wichtigen Erfolgsfaktor.
  • Die Neuerfindung von Unternehmensorganisationen: Neue Denkweisen und die Notwendigkeit von Agilität werden zu großen Veränderungen in der Organisation von Produktionsunternehmen führen. Dynamischere Organisationsstrukturen und Managementmodelle rund um Autonomie, Selbstverwirklichung und Virtualisierung werden den Wandel anführen.

Experte gibt Tipps für Unternehmen

Doch was heißt das nun konkret für die Industrieunternehmen? Wolfgang Krenz hat zwei Tipps:

  • „Die Unternehmen sollten ihre spezifische Situation durchdenken und schauen, in welche Form sind die Hypothesen für uns zutreffend. Was können wir tun, um Chancen und Risiken, die aus diesen Entwicklungen entstehen, zu bewältigen?“
  • Viele Unternehmen fahren derzeit auf Sicht, weil sie nicht viel gestalten können. Man dürfe aber natürlich nicht vergessen, langfristig eine gute Perspektive haben zu müssen. Hier sieht Krenz die Geschäftsführer in der Pflicht, die die Zukunft immer im Blick haben müssen, um auch in zehn Jahren noch wettbewerbsfähig sein zu können.

Und wie geht es mit der Branche nun weiter? Dass sie bestehen wird, daran hat Krenz keine Zweifel. Jemand müsse schließlich die Dinge herstellen, die die Menschen nutzen. Was sich ändern werde, sei die Geschwindigkeit. Außerdem werde es größere Transformationen geben. Dadurch werde auch die Notwendigkeit von Unternehmen, sich anzupassen, größer, erklärt Krenz. Nichts zu tun sei vielleicht vor 30 Jahren kein Problem gewesen. Doch jetzt müssten Unternehmen reagieren.

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