Produktionshallen ohne Menschen, gesteuert durch autonome Systeme, sollen zum Rückgrat einer neuen Industriekultur werden. Eine Expertin zeigt auf, wie.
Fabriken ohne Menschen, sondern ausschließlich mit Robotern – das prognostiziert Planet Industrial Excellence CEO Jane Enny van Lambalgen.IM Imagery - stock.adobe.com - KI-generiert)
Jane Enny van Lambalgen ist Founding Partner und Geschäftsführerin der Firma Planet Industrial Excellence sowie Mitglied bei United Interim, der führenden Community für Interim Manager im deutschsprachigen Raum, und im Diplomatic Council, einer globalen Denkfabrik mit Beraterstatus bei den Vereinten Nationen (UNO).
Die Zukunft der Fertigung soll zunehmend ohne menschliche Präsenz auskommen. Davon ist Jane Enny van Lambalgen überzeugt. Die CEO der Beratungs- und Managementfirma Planet Industrial Excellence geht davon aus, dass „menschenleere Fabrikhallen, in denen die Produktion allein durch Roboter auf Hochtouren läuft, in den nächsten 15 Jahren zur Normalität werden“. Diese sogenannten „Dark Factories“ würden mit den heutigen Produktionsanlagen „so viel gemeinsam haben wie ein modernes Automobil mit einer Pferdekutsche“.
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Die vollautomatisierten Produktionsstätten – auch bekannt als Smart Factories – sollen Betriebskosten um bis zu 25 Prozent senken, die Produktivität um bis zu 30 Prozent steigern und die Fehlerquoten um bis zu 40 Prozent reduzieren. Ein zentraler Vorteil dieser Anlagen liegt in der Geschwindigkeit: „Wenn in einer Fertigungshalle ausschließlich Roboter am Werk sind, können diese zwei- bis fünfmal schneller arbeiten als es aus Sicherheitsgründen bei Menschen im Raum geboten und erlaubt ist.“
Der Begriff „Dark Factory“ beschreibt dabei mehr als nur den Grad der Automatisierung. Er verweist auf eine Umgebung, in der Roboter bei der Arbeit kein Licht benötigen. Die Einsatzgebiete dieser Systeme werden zunächst auf die Massenfertigung beschränkt bleiben. Für Einzelfertigung und Sondermaschinenbau erwartet van Lambalgen mittelfristig keine breitere Anwendung.
Technologische Grundlagen der neuen Fabriktypen
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Kerntechnologie für den Betrieb dieser Systeme sind die sogenannten „Autonomous Production Twins“ (APT). Diese digitalen Zwillinge verknüpfen Echtzeitinformationen aus der Fertigung mit Künstlicher Intelligenz. So entsteht ein virtuelles Abbild der realen Produktionsumgebung, das eigenständig Entscheidungen trifft und Prozesse anpasst.
Van Lambalgen erläutert: „Ein autonomer Produktionszwilling ist in der Lage, Produktionsprozesse aktiv zu steuern und auf unvorhergesehene Ereignisse wie beispielsweise Engpässe in der Lieferkette durch automatische Umplanungen zu reagieren.“
Automatisierung als Alternative zur Produktionsverlagerung
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Neben den technologischen Vorteilen sieht van Lambalgen auch einen strategischen Nutzen für den Standort Deutschland. „Der Aufwand zur Verlagerung von Fertigungskapazitäten ins Ausland ist hoch. Die schrittweise Automatisierung der Produktion im Inland mit der Langfristperspektive Dark Factory stellt in vielen Fällen eine betriebs- und volkswirtschaftlich sinnvolle Alternative dar.“
Diese Entwicklung könne helfen, die Deindustrialisierung Deutschlands zu verlangsamen oder sogar aufzuhalten. Allerdings warnt van Lambalgen vor einem gesellschaftlichen Konflikt, der sich aus dem Personalabbau ergeben könnte. Die Diskussion „Arbeiter gegen Roboter“ dürfe nicht zum Totschlagargument werden.
In vollautomatisierten Fertigungsstätten werde deutlich weniger Personal benötigt – etwa nur zehn Prozent im Vergleich zu herkömmlichen Verfahren. Dennoch blieben Aufgaben wie Planung, Implementierung, Überwachung und Wartung bestehen, wenngleich auf einem höheren Qualifikationsniveau. „Es entstehen weniger, aber dafür höher qualifizierte Arbeitsplätze“, so van Lambalgen.
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Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels sei dies sogar eine positive Entwicklung. Die Expertin verweist darauf, dass bereits heute zahlreiche Unternehmen angesichts des Fachkräftemangels personalfreie Nachtschichten eingeführt haben.
„Dark Factories stellen eine technologische Herausforderung dar und werden sich daher in den nächsten Jahren erst allmählich durchsetzen“, stellt van Lambalgen klar. Aus ihrer Sicht sei diese Übergangszeit ein wichtiger Hebel, um Deutschland auf eine neue industrielle Realität vorzubereiten – mit Beteiligung von Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften.
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Der Fokus müsse dabei auf Bildung und Qualifikation liegen, nicht auf dem Erhalt klassischer Arbeitsplätze. „Der Umgang mit KI-Systemen, die letztlich die Grundlage für Smart Factories bilden, muss für Beschäftigte künftig so selbstverständlich sein wie die Nutzung eines Smartphones.“
Hemmnisse durch Regulierung und Steuerpläne
Risiken für den Aufbau dieser Fertigungsform sieht van Lambalgen insbesondere in der politischen Diskussion um neue EU-Regularien und die mögliche Einführung einer Robotersteuer. Diese könnten dazu führen, dass autonome Fabriken in Deutschland gar nicht erst gebaut werden.
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Dies hätte laut der Expertin spürbare Folgen: „Selbst wenn in Deutschland auf absehbare Zeit keine ‚Geister-Fabriken‘ entstünden, würde deren Inbetriebnahme in Ländern außerhalb der EU einen enormen Kostendruck auf die Produktion made in Germany ausüben.“
Fallbeispiel aus China zeigt die Dimensionen
Als Beispiel für eine bereits umgesetzte Dark Factory nennt van Lambalgen die Produktionsanlage des chinesischen Technologiekonzerns Xiaomi. Nördlich von Peking betreibt das Unternehmen eine vollautomatisierte Fertigung, die ohne Produktionsmitarbeiter im Dauerbetrieb ein Smartphone pro Sekunde herstellen kann.
„Für rund 330 Millionen Dollar Entwicklungskosten hat Xiaomi einen Blick in die Zukunft der industriellen Fertigung geschaffen“, ordnet van Lambalgen ein. Rund ein Drittel der Investitionen entfiel auf Sensorik, Software und Infrastruktur. Bereits nach einem Jahr hätten sich die Ausgaben durch niedrigere Lohnkosten amortisiert.
Weitere Vorteile dieser Struktur sieht die Expertin in der höheren Flexibilität gegenüber Marktschwankungen und dem gesteigerten Qualitätsniveau, das wiederum die Kosten für Nachbesserungen senke und die Kundenzufriedenheit erhöhe.
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Van Lambalgen geht davon aus, dass ein vergleichbarer Automatisierungsgrad in Deutschland in naher Zukunft nur punktuell möglich sein wird. Besonders in der Einzelfertigung und im Sondermaschinenbau werde die Vollautomatisierung auf Jahre hinweg die Ausnahme bleiben.
Trotzdem erwartet sie auch hierzulande eine zunehmende Einführung menschenfreier Produktionszonen. In fünf Jahren könnten bereits bis zu 50 Prozent der Fertigungsfläche automatisiert und somit potenziell „dunkel“ betrieben werden.
Industrie benötigt klare politische Weichenstellung
Für die dauerhafte Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands als Industriestandort hält van Lambalgen die breite Einführung von Smart Factories für unerlässlich. Entscheidend sei, dass dies innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre geschehe – verbunden mit einer Anpassung des Arbeitsrechts.
Sie fordert Mut und Vision von Industrie und Politik. Denn die neuen Strukturen wirkten sich massiv auf das Renten- und Sozialsystem aus, das auf der Besteuerung menschlicher Arbeitskraft basiert. „Aufgrund des demografischen Faktors stoßen diese Systeme allerdings ohnehin an ihre Grenzen und müssen dringend reformiert werden“, so die Expertin.
Dark Factories könnten hier eine zentrale Rolle einnehmen. „In der Sicherung des Produktionsstandorts Deutschland durch die Förderung vollautomatisierter Fertigung hierzulande steckt daher auch ein wichtiger Baustein für den Umbau der Renten- und Sozialsysteme mit einem enormen Wertschöpfungspotenzial.“
Für die erfolgreiche Umsetzung sei jedoch mehr erforderlich als Regulierung oder Steuerkonzepte: „Das wird allerdings nur gelingen, wenn die Politik den Mut zu Konzepten findet, die über den bloßen Ruf nach mehr Regulatorik oder einer Robotersteuer hinausgehen.“
Mit Material von Planet Industrial Excellence
FAQ – Häufig gestellte Fragen zur Entwicklung der Dark Factories
Welche Vorteile bieten Dark Factories? - Laut Jane Enny van Lambalgen können Betriebskosten um bis zu 25 Prozent gesenkt, die Produktivität um bis zu 30 Prozent gesteigert und die Fehlerquote um bis zu 40 Prozent reduziert werden.
Welche Technologie steckt hinter Dark Factories? - Grundlage sind sogenannte „Autonomous Production Twins“ (APT), digitale Zwillinge, die mit Echtzeitdaten und Künstlicher Intelligenz Produktionsprozesse autonom steuern.
Welche Auswirkungen hat die Einführung auf den Arbeitsmarkt? - Die Zahl der klassischen Produktionsarbeitsplätze sinkt, gleichzeitig entstehen höher qualifizierte Stellen im Bereich Planung, Wartung und Steuerung.
Wo gibt es bereits funktionierende Dark Factories? - Xiaomi betreibt in China eine Dark Factory, die ohne Fertigungsmitarbeiter pro Sekunde ein Smartphone produziert. Die Anlage arbeitet rund um die Uhr.
Wie realistisch ist die Einführung in Deutschland? - In der Breite bleibt die Vollautomatisierung laut van Lambalgen in Deutschland zunächst die Ausnahme. Eine schrittweise Einführung ist jedoch bereits im Gange.
Was sind Dark Factories? - Dark Factories sind vollständig automatisierte Produktionsstätten, in denen ohne menschliche Anwesenheit produziert wird. Der Begriff leitet sich davon ab, dass Roboter kein Licht benötigen.
Welche politischen Maßnahmen sind notwendig? - Anpassungen im Arbeitsrecht, Reformen der Sozialsysteme und politische Initiativen zur Förderung der Automatisierung sind laut der Expertin erforderlich