Der Wasserstoffmarkt rückt stärker in die industrielle Praxis. Dr. Geert Tjarks, Geschäftsführer EWE Hydrogen, zeigt, warum Kosten, Infrastruktur und Regulierung über den Hochlauf entscheiden.
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Dr. Geert Tjarks erklärt Kosten, Infrastruktur, Regulierung und industrielle Nachfrage im Wasserstoffmarkt.Patrick Helmholz - stock.adobe.com
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Summary: Dr. Geert Tjarks, Geschäftsführer EWE Hydrogen, ordnet im Umfeld der Hydrogen Mobility Tech Conference den Wasserstoffmarkt ein. Im Fokus stehen Industrie, Schwerlastverkehr, Elektrolyse, Speicher, H₂-Backbone und Wirtschaftlichkeit. Entscheidend für den Markthochlauf ist das Zusammenspiel aus Erzeugung, Transport, Speicherung, Regulierung und Nachfrage.
Für produzierende Unternehmen ist Wasserstoff längst kein reines Zukunftsthema mehr. In energieintensiven Prozessen, in Raffinerien, der Stahlindustrie oder perspektivisch im Schwerlastverkehr stellt sich zunehmend die Frage, unter welchen Bedingungen Wasserstoff wirtschaftlich eingesetzt werden kann.
Genau hier setzt der Expertendialog Hydrogen Mobility Technology an. Im Mittelpunkt stehen politische Rahmenbedingungen, industrielle Anwendungen, moderne Elektrolyse, Infrastruktur, H₂-Backbone und Wirtschaftlichkeit im Nutzfahrzeugbereich. Wie aus dem Umfeld der Hydrogen Mobility Tech Conference hervorgeht, geht es dabei weniger um eine einzelne Technologie als um den Aufbau eines funktionierenden Systems. Geert Tjarks, Geschäftsführer EWE Hydrogen und einer der Impulsgeber der Hydrogen Mobility Tech Conference, sieht den entscheidenden Engpass nicht in der technischen Machbarkeit. Vielmehr gehe es um Kosten, Investitionssicherheit, Speicher- und Verteilinfrastruktur sowie die koordinierte Entwicklung der gesamten Wertschöpfungskette.
Aus Sicht von Tjarks liegt die zentrale Herausforderung zunächst in den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Er erklärt: „Der fehlende Markthochlauf liegt derzeit weniger an der Technologie als an den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Entscheidend ist zunächst eine konsequente regulatorische Anpassung, um die Kosten der Wasserstofferzeugung zu senken. Hier spielen insbesondere die Strombezugskriterien eine zentrale Rolle, aber auch die Systematik der Netzentgelte sowie Fragen der Strompreiskompensation. In Summe muss es gelingen, die Produktionskosten deutlich wettbewerbsfähiger zu machen.“
Die Frage rückt in den Vordergrund, wie grüner Wasserstoff gegenüber fossilen Alternativen wirtschaftlich anschlussfähig werden kann. Selbst bei optimierten Erzeugungskosten bleibt nach Einschätzung von Tjarks auf der Nachfrageseite eine Finanzierungslücke bestehen. Tjarks erläutert: „Gleichzeitig bleibt auf der Nachfrageseite eine Finanzierungslücke bestehen. Selbst bei optimierten Erzeugungskosten ist grüner Wasserstoff heute vielfach noch teurer als fossile Alternativen. Diese Differenz muss gezielt über geeignete Instrumente adressiert werden – etwa durch Differenzverträge, Leitmärkte oder Quotenmodelle, die direkt beim Abnehmer ansetzen und Investitionssicherheit schaffen.“
Infrastruktur wird zum Prüfstein für den Wasserstoffmarkt
Mit dem Wasserstoff-Kernnetz ist für die Transportinfrastruktur bereits ein wichtiger Rahmen geschaffen. Aus Sicht von Tjarks reicht das jedoch nicht aus, wenn Wasserstoff verlässlich in industrielle Anwendungen kommen soll. Tjarks betont: „Mit dem Aufbau des Wasserstoff-Kernnetzes wurde für die Transportinfrastruktur bereits ein wichtiger Rahmen geschaffen. Vergleichbare Ansätze fehlen jedoch bislang für Speicher und die Verteilinfrastruktur. Gerade diese Elemente sind aber essenziell, um Versorgungssicherheit zu gewährleisten und den Markt insgesamt effizient zu entwickeln.“
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Warum der Wasserstoffmarkt Infrastruktur braucht
Der Wasserstoffmarkt benötigt nicht nur Erzeugungskapazitäten, sondern auch passende Speicher-, Transport- und Verteilstrukturen. Erst wenn diese Bausteine ineinandergreifen, können aus Einzelprojekten belastbare industrielle Geschäftsmodelle entstehen. Tjarks fasst zusammen: „Insgesamt geht es jetzt darum, die regulatorischen, infrastrukturellen und marktseitigen Bausteine konsequent aufeinander abzustimmen, damit aus einzelnen Projekten ein funktionierender und wirtschaftlich tragfähiger Markt entstehen kann.“
Wo Wasserstoff industriell den größten Hebel hat
Hydrogen Mobility Tech Conference 2026
Wann? - 10. Juni 2026, ab 16:30 Uhr
Wo? - SZ-Hochhaus, Panoramalounge
Hultschiner Straße 8
81677 München
Für wen? - Die Konferenz richtet sich an Entscheiderinnen und Entscheider aus Wasserstoffwirtschaft, Mobilitäts- und Transportsektor, Industrie, Energie, Infrastruktur, Politik, Wissenschaft sowie an Start-ups, Investoren und Unternehmen entlang der Wasserstoff-Wertschöpfungskette. Im Mittelpunkt stehen Regulierung, Business Cases, industrielle Anwendungen, Infrastruktur und Wasserstoffmobilität.
Besonders relevant wird Wasserstoff dort, wo große Energiemengen benötigt werden und batterieelektrische Lösungen an Grenzen stoßen. Das betrifft vor allem energieintensive industrielle Prozesse. Tjarks verdeutlicht: „Der größte realistische Hebel für Wasserstoff liegt aktuell klar in industriellen Anwendungen mit hohem und kontinuierlichem Energiebedarf. Besonders in Raffinerien sehen wir kurzfristig Potenzial, unter anderem getrieben durch regulatorische Vorgaben wie die THG-Quote. Auch in der Stahlindustrie bestehen erhebliche Chancen, da Wasserstoff hier eine zentrale Rolle bei der Dekarbonisierung spielen kann – wenngleich die Transformation noch zusätzlicher wirtschaftlicher Absicherungsinstrumente bedarf, um international wettbewerbsfähig zu bleiben.“ Wasserstoff dürfte sich vor allem dort durchsetzen, wo es kaum wirtschaftlich sinnvolle Alternativen gibt. Für die Industrie bedeutet das eine stärkere Fokussierung auf Anwendungen mit hohem und kontinuierlichem Energiebedarf.
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Wo der Einsatz von Wasserstoff überschätzt wird
Nicht in jedem Sektor sieht Tjarks gleichermaßen große Chancen für Wasserstoff. Im Wärmemarkt und im Personenverkehr bewertet er die Perspektiven zurückhaltender. Er skizziert: „Demgegenüber gibt es Bereiche, in denen Wasserstoff aus heutiger Sicht eher weniger durchsetzen wird. Im Wärmemarkt stellt insbesondere die Kostenstruktur ein zentrales Hindernis dar, hinzu kommt eine hohe Komplexität beim Umbau bestehender Systeme. Ähnliches gilt für den Personenverkehr: Hier hat sich die batterieelektrische Technologie bereits stark etabliert und entwickelt sich dynamisch weiter, sodass Wasserstoff auf absehbare Zeit eher eine Nischenrolle einnehmen wird.“
Wasserstoff ist keine Universallösung
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Für die industrielle Bewertung ist diese Einordnung zentral. Wasserstoff ist keine Universallösung für alle Energieanwendungen, sondern ein Instrument für spezifische Bereiche mit besonders schwierigen Dekarbonisierungsanforderungen. Tjarks formuliert es so: „Insgesamt wird sich der Einsatz von Wasserstoff vor allem dort durchsetzen, wo es kaum wirtschaftlich sinnvolle Alternativen gibt – insbesondere in energieintensiven industriellen Prozessen.“
Warum der Wasserstoffmarkt systemisch gedacht werden muss
Bei Elektrolyse, Speicherung und Versorgungssicherheit sieht Tjarks die größte unterschätzte Herausforderung nicht in einem einzelnen Baustein. Entscheidend sei vielmehr, wie gut die Elemente des Systems zusammenwirken. Er analysiert: „Die größte unterschätzte Herausforderung liegt aus meiner Sicht weniger in einer einzelnen Wertschöpfungsstufe, sondern im Zusammenspiel aller Elemente des Wasserstoffsystems. Produktion, Infrastruktur, Speicherung und Nutzung werden häufig noch zu stark isoliert betrachtet, obwohl der Markthochlauf nur dann funktioniert, wenn diese Bereiche synchron entwickelt werden.“
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Warum Wasserstoffinvestitionen abgestimmt werden müssen
Für Investitionen in Elektrolysekapazitäten, Netze und Speicher bedeutet das: Timing, Wirtschaftlichkeit und Regulierung müssen zusammenpassen. Andernfalls drohen Ineffizienzen oder fehlende Geschäftsmodelle. Tjarks sagt dazu: „Dabei kommt es insbesondere auf eine enge Abstimmung zwischen regulatorischen Maßnahmen und gezielter Förderung an. Investitionen in Elektrolysekapazitäten, Netze oder Speicher müssen zeitlich und wirtschaftlich zusammenpassen – sonst entstehen Ineffizienzen oder es fehlen schlicht die Geschäftsmodelle. Zusätzlich erschwert die Tatsache, dass Verantwortung und Zuständigkeiten oft auf unterschiedliche Akteure verteilt sind, die notwendige Koordination entlang der Wertschöpfungskette.“
Welche Rolle Regulierung und Koordination spielen
Der Aufbau eines tragfähigen Wasserstoffmarkts hängt damit stark von konsistenten Rahmenbedingungen ab. Nationale und europäische Vorgaben müssen ineinandergreifen, damit Investitionen planbar werden und industrielle Abnehmer verlässlich kalkulieren können. Tjarks betont: „Eine zentrale Rolle spielt daher die Abstimmung zwischen nationaler und europäischer Ebene. Nur wenn Rahmenbedingungen konsistent gesetzt werden und ineinandergreifen, kann ein verlässlicher Markt entstehen. Der eigentliche Engpass ist damit weniger eine einzelne technologische oder wirtschaftliche Hürde, sondern die systemische Integration aller Bausteine.“
Warum Wasserstoff nur als Gesamtsystem funktioniert
Damit wird der Kern der Entwicklung deutlich: Wer Wasserstoffprojekte in die industrielle Praxis überführen will, muss Produktion, Transport, Speicherung und Abnahme gemeinsam denken. Der Wasserstoffmarkt entsteht nicht allein durch neue Elektrolysekapazitäten, sondern durch eine koordinierte Wertschöpfungskette mit belastbaren Geschäftsmodellen.
Quelle: EWE Hydrogen
FAQ zum Wasserstoffmarkt
1. Was bremst den Wasserstoffmarkt derzeit?
Der Wasserstoffmarkt wird vor allem durch hohe Kosten, fehlende Investitionssicherheit sowie Lücken bei Speicher- und Verteilinfrastruktur gebremst.
2. Wo hat der Wasserstoffmarkt aktuell den größten industriellen Hebel?
Der größte Hebel liegt in energieintensiven industriellen Anwendungen, etwa in Raffinerien und in der Stahlindustrie.
3. Welche Rolle spielt Infrastruktur für den Wasserstoffmarkt?
Infrastruktur ist entscheidend, weil Transport, Speicherung und Verteilung zusammen Versorgungssicherheit und Markteffizienz ermöglichen.
4. Warum ist Regulierung für den Wasserstoffmarkt wichtig?
Regulierung beeinflusst Erzeugungskosten, Netzentgelte, Strompreiskompensation und die wirtschaftliche Absicherung der Nachfrage.
5. Wird der Wasserstoffmarkt auch den Personenverkehr prägen?
Nach Einschätzung von Geert Tjarks dürfte Wasserstoff im Personenverkehr eher eine Nischenrolle einnehmen, da batterieelektrische Lösungen stark etabliert sind.
6. Warum braucht der Wasserstoffmarkt koordinierte Förderung?
Koordinierte Förderung ist nötig, damit Investitionen in Elektrolyse, Netze und Speicher wirtschaftlich und zeitlich zusammenpassen.
7. Welche Instrumente können den Wasserstoffmarkt absichern?
Differenzverträge, Leitmärkte oder Quotenmodelle können die Finanzierungslücke beim Abnehmer adressieren und Investitionssicherheit schaffen.