Künstliche Intelligenz

Künstliche Intelligenz kann immer mehr, wird immer schlauer. Bestimmen bald Maschinen über Menschen? - Bild: Pixabay

Die Vorteile des Einsatzes cleverer Algorithmen liegen auf der Hand: effizienteres Arbeiten, Kosteneinsparung, geringere Häufigkeit von Fehlern und Vieles mehr. Doch Kritiker warnen: Wenn Bots den Ton angeben, gerät der Mensch ins Hintertreffen. Experten befürchten, dass der durchschnittliche Lebensstandard in den kommenden Jahren zwar enorm steigen wird, jedoch nicht bei einer Mehrzahl von Menschen. Die Folge: Der Einsatz neuer Technologien bringt nicht nur Profit, sondern auch Verantwortung.

Technologischer Fortschritt steigert die Produktivität, was den durchschnittlichen Lebensstandard erhöht. Wenn mehr Arbeit von Maschinen erledigt wird, könnte dies mehr Freizeit und Selbstverwirklichung für viele Menschen bedeuten.

Ist Künstliche Intelligenz ein Jobkiller?

Jedoch, eine der großen Gefahren, die der Einsatz von selbstlernenden Systemen in der Industrie mit sich bringt, sind hohe Arbeitslosenzahlen: „Wenn einfache Aufgaben in Zukunft automatisiert von intelligenten Systemen übernommen werden, ist es möglicherweise viel wahrscheinlicher, dass Jobs wegfallen, als dass viele neue Arbeitsplätze entstehen“, konstatiert Thomas Metzinger. Er ist promovierter Philosoph und Mitglied einer Expertengruppe, die in Brüssel Ethik-Richtlinien und Investitionsempfehlungen erstellt hat.

Manche Studien sagen, dass 47 Prozent der nordamerikanischen Arbeitsplätze bis 2030 aufgrund von Automatisierungsmaßnahmen wegfallen könnten. Weitere negative Veränderungen für Jobinhaber, deren Jobs leicht von Maschinen zu übernehmen sind, sieht der Professor an der Johannes Gutenberg Universität in Mainz ebenfalls. „Ich denke da beispielsweise an Lohndumping und eine weitere Öffnung der Einkommensschere.“

So würde eine Verbesserung des durchschnittlichen Lebensstandards nicht notwendigerweise mit einem Anstieg der Lebensqualität der meisten zusammenfallen. Experten wie der MIT-Wirtschaftsprofessor Erik Brynjolfsson befürchten sogar, dass der technologische Fortschritt die Situation für eine Mehrheit der Menschen verschlechtern könnte. So könnte das Einkommen vieler Menschen unter das Existenzminimum sinken.

Digitalisierung im deutschen Maschinenbau

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Das sieht Stefan Wess, Geschäftsführer der Empolis GmbH und Aufsichtsratsmitglied des Deutschen Forschungszentrums für KI (DFKI) ganz anders: Von Massenarbeitslosigkeit könne keine Rede sein. „Die Industrie bekommt ja jetzt schon keine Fachkräfte, die die Arbeiten in der Werkshalle übernehmen. Elektroingenieure und Programmierer sind so gut bezahlt wie nie. In den nächsten Jahren gehen auch die geburtenstarken Jahrgänge in Rente, sodass es bald viel weniger Menschen gibt, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen.“ Autonome Systeme, die lernen und menschliche Aufgaben übernehmen, seien hier eine große Erleichterung für die deutsche Wirtschaft und verdrängen menschliche Arbeiter in viel geringerem Maße, als angenommen.

Brechen dem Staat durch Künstliche Intelligenz Steuereinnahmen weg?

Ein sowohl mit Arbeitslosigkeit als auch mit der Demographie einhergehendes Problem: Algorithmen und Roboter übernehmen zwar Aufgaben in der Fertigung, zahlen aber keine Einkommenssteuer wie der klassische Werker.

Damit fehlen dem Staat langfristig Einnahmen, die er aber dafür bräuchte, um Arbeitslose zu finanzieren und gegebenenfalls umzuschulen. „Kann man aus Lastwagenfahrern Programmierer machen? Meine Befürchtung ist, dass vor allem ältere Arbeitnehmer, die sich nicht mehr so gut anpassen können, durchs Raster fallen“, sagt der Philosoph. Dieses Problem könne man mit einer bereits in der Diskussion befindlichen Maschinensteuer lösen, glaubt Wess.

Der Professor für theoretische Philosophie Metzinger hat zwar großes Verständnis für den internationalen Wettbewerbsdruck, in dem Maschinenbauer hierzulande jetzt und auch in Zukunft stehen, er übt aber auch Kritik am „Ethics washing“ der Industrie. Zwar beteiligen sich die Vertreter der Verbände und Unternehmen am Findungsprozess für Ethik-Richtlinien, verbindliche Regeln festlegen, wolle aber keiner. Der Wille zur echten Selbstregulierung sei teils bloß vorgetäuscht.

KI und Ethik: Wer bindende Regeln verhindern will

„Die Lobby ist stark und verzögert bewusst jede Festlegung auf bindende Regeln. Feststehende Regeln, wie KI zu handhaben ist, würde womöglich die Margen schmälern und den Wettbewerb mit China und USA erschweren“, hat Metzinger bei seinen Aufenthalten in Brüssel und in Fachgremien beobachtet.

Hier wiederum hat Stefan Wess eine ganz andere Meinung: „Zahlreiche Konzerne haben sich bereits eigene Ethik-Richtlinien auferlegt, Microsoft beispielsweise ist Vorreiter für ein Verbot der automatischen Gesichtserkennung. Die Wirtschaft will den Menschen schützen. Das ist kein Marketing, die meinen es ernst.“

Weitere Beispiele für Selbstregulierung in Sachen Künstliche Intelligenz sieht Wess beim amerikanischen Unternehmer Elon Musk, der seit Jahren im Bereich KI eine stärkere staatliche Einmischung fordert und in der Weigerung der Non-Profit-Organisation Open AI, die Software nicht veröffentlicht, die sie in den falschen Händen für zu gefährlich hält.

Die Zukunft des deutschen Maschinenbaus

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Warum Künstliche Intelligenz verbindliche Regeln benötigt 

Einig sind sich beide Experten, dass es verbindlicher Regelungen bedarf. „Es muss ethische Richtlinien geben, die Programmierer und Anwender einhalten müssen – und genau das könnte der entscheidende europäische Wettbewerbsvorteil sein. Wenn wir keinen gesellschaftlichen Moral-Konsens haben und uns nicht an unsere eigenen Werte halten, dann wird es schwierig sein, Maschinen solche zu lehren“, glaubt Metzinger.

Dem Geschäftsführer der Empolis Information Management GmbH ist unter anderem das Haftungsthema wichtig: „Wer zahlt bei Schäden? Wer muss die Verantwortung übernehmen, wenn Roboter und Maschinen Fehler machen?“ Allerdings, und das betont Wess, könne man sich nicht vor jedem Schaden schützen. „Das Leben an sich ist ein Risiko und absolute Sicherheit eine Illusion. Wir können nicht von Maschinen verlangen, dass sie perfekter sind, als wir selbst.“ Wess glaubt, dass die Industrie zwei Möglichkeiten hat, mit selbstlernenden Systemen umzugehen: entweder die Gesellschaft nutzt sie und lebt dann mit den möglichen Fehlern oder sie verzichtet darauf, sie einzusetzen.

Zwar möchte der CEO nicht auf eine breite gesellschaftliche Diskussion über den Schutz des Einzelnen verzichten. Und als Konsequenz darauf auch nicht auf gesetzliche Regelungen. Allerdings hätte es solche Debatten seit den 70er Jahren zum Thema Rasterfahndung bereits mehrfach gegeben. „Und meist haben Wünsche in der Bevölkerung am Ende auch eine entsprechende Regulierung bewirkt, aber den technologischen Fortschritt nicht aufgehalten.“

Künstliche Intelligenz im Einsatz beim Militär: Eine Gefahr für die Menschheit?

Eine große Gefahr für die Menschheit durch Künstliche Intelligenz sieht Professor Metzinger im KI-Wettrüsten im militärischen Bereich. „Eine Branche, an der insbesondere der deutsche Maschinenbau wahrscheinlich gut verdienen könnte“, beobachtet der Ethiker. Wenn Tötungsentscheidungen von Programmen autonom gefällt werden und man den Erstschlag ausführen kann, ohne eigene Soldaten in Gefahr zu bringen, sinke die Schwelle für Staatsmänner, einen Krieg zu beginnen.

„Da kommen historisch neue Risiken auf uns zu, die das Wettrüsten auf der Ebene von Nuklearwaffen im kalten Krieg möglicherweise um ein Vielfaches überschreiten“, glaubt Metzinger. Die meisten europäischen Staaten haben sich bereits öffentlich gegen ein solches militärisches Wettrüsten ausgesprochen. Deutschland allerdings zögert noch sich zu bekennen, wohl, um den Wachstumsmarkt der Rüstungsindustrie offen zu halten.

Ethik und Künstliche Intelligenz: Warum sich Unis damit beschäftigen müssen

Metzinger hat in Brüssel die europaweite Einrichtung von 720 Professuren für die angewandte Ethik der KI gefordert. „Wir brauchen Lehrstühle an den Universitäten, die junge Leute darin lehren, verantwortungsvoll mit neuen Technologien umzugehen. Die Probleme gehen nicht weg, sie werden eher mehr. Sowohl den staatlichen Institutionen als auch den großen Unternehmen fehlen gut ausgebildete Ethikexperten – wir müssen sie schleunigst ausbilden. Europa hat im Moment die geistige Führerschaft in der KI-Ethikdebatte übernommen und sollte sie nicht leichtfertig wieder abgeben. Genau das ist auch im Interesse der Industrie.“

Mobilität der Zukunft und der deutsche Maschinenbau

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