Stromausfall Blackout

Schreckensszenario Stromausfall - wie gut ist die deutsche Fertigungsindustrie auf einen Blackout vorbereitet? (Bild: gguy - stock.adobe.com)

Am 8. Januar 2021 ist es in weiten Teilen Europa zu einem Beinahe-Blackout gekommen, als in Kroatien die automatische Abschaltung eines 400-kV-Sammelschienenkupplers in der kroatischen Umspannanlage Ernestinovo zu einer europaweiten Netzstörung führte. Laut einer Einschätzung der ‚Österreichischen Gesellschaft’ für Krisenvorsorge’ von damals hätte  man mit einem europaweiten Netzausfall bereits in den kommenden Jahren rechnen müssen. Das Österreichische Bundesheer war seinerzeit sogar der Ansicht, dass der Eintritt eines solchen Katastrophenfalls bis 2025 sehr wahrscheinlich sei.

Vor dem Hintergrund der aktuell sehr angespannten Lage im europaweiten Energieversorgungsnetz und der Angriffe auf die sogenannte ‚Kritische Infrastruktur’ scheint dieses Szenario also keinesfalls abwegig. "Die Sabotageakte an den Ostsee-Pipelines und der Bahn-Infrastruktur haben gezeigt, dass der Schutz ‚Kritischer Infrastrukturen’ höchste Priorität haben muss", so Bundesinnenministerin Nancy Faeser Mitte Oktober in einer Meldung. Die Lage ist also ernst, und dennoch stellt sich die Frage: Wie groß ist tatsächliche Gefahr eines Blackouts und wie ist die Industrie dafür gewappnet?

FAQ: Droht Deutschland der Blackout?

Blackout FAQ
Die Grafik zeigt ein FAQ zu schweren Stromausfällen in Deutschland. (Bild: Statista)

Schwarzfall: „Großflächiger Blackout mit gravierenden Auswirkungen“

Laut Bundesnetzagentur (BnetzA) ist ein Blackout ein unkontrolliertes und unvorhergesehenes Versagen von Netzelementen. Das führt dazu, dass größere Teile des europäischen Verbundnetzes oder das gesamte Netz ausfallen – der sogenannte Schwarzfall. Ein solches Ereignis könnte nach Angaben der BnetzA beispielsweise auftreten, wenn in einer angespannten Last- und Erzeugungssituation zusätzlich schwere Fehler an neuralgischen Stellen des Übertragungsnetzes auftreten. Ein Blackout ist also grundsätzlich kein durch eine Unterversorgung mit Energie ausgelöstes Ereignis, sondern bedingt durch Störungen im Netzbetrieb.

Fiete Wulff, Leiter Presse und Öffentlichkeitsarbeit der BnetzA gibt zu bedenken: „Ein großflächiger Blackout hätte sicherlich gravierende Auswirkungen, ist aber weiterhin äußerst unwahrscheinlich.“ Das elektrische Energieversorgungssystem sei mehrfach redundant ausgelegt und verfügt über zahlreiche Sicherungsmechanismen, die selbst bei größeren Störungsereignissen einen völligen Zusammenbruch des Übertragungsnetzes verhindern sollten. „Die Sicherungsmechanismen werden kontinuierlich auf ihre Eignung geprüft und bei Bedarf angepasst. Die Ereignisse im Januar 2021 zeigen, dass diese Mechanismen greifen“, so Wulff weiter.

Situation im Stromsystem angespannt

Auch Professor Dr. Dominik Möst, Technische Universität Dresden, Fakultät Wirtschaftswissenschaften, Professur für Energiewirtschaft, sieht momentan keine Gefahr eines Blackouts: „Die Wahrscheinlichkeit für einen Blackout über mehrere Stunden und überregional halte ich auch für diesen Winter weiterhin für sehr gering.“ Ursache für Blackouts seien in der Regel unvorhergesehene Ereignisse, die einen Kaskadeneffekt - also den Ausfall weiterer Komponenten - nach sich ziehen würden und sich deshalb nicht prognostizieren ließen. „Die aktuell häufig angeführte Diskussion über knappe Kapazitäten im Strommarkt ist in der Regel kein unmittelbarer Grund für einen großflächigen Blackout“, so Möst.

Allerdings werde die Situation im Stromsystem dadurch natürlich angespannter, weil damit redundante Kapazitäten fehlten. Der Professur für Energiewirtschaft ist sich sicher: „Grundsätzlich steht, wie in den Jahren zuvor, ausreichend Kapazität im Strommarkt in Deutschland zur Verfügung. Und für einen sicheren Netzbetrieb ist ausreichende Kapazität nur ein Einflussfaktor.“ Doch sollte es zu einem Blackout kommen, sind die Folgen für Fertigungsbetriebe „je nach Vulnarabilität der Branche stark unterschiedlich. In Bereichen, die auf eine sichere Stromversorgung angewiesen sind, stehen in der Regel Notstromaggregate zur Verfügung: hier greifen also die Absicherungssysteme“ (Möst).

Nancy Faeser
(Bild: Peter Jülich)

"Wir nehmen die aktuellen Gefährdungslagen sehr ernst - und erhöhen den Schutz. Unser System des Schutzes ‚Kritischer Infrastrukturen’ betten wir eng in den europäischen Rahmen ein, um insgesamt die Versorgungssicherheit zu stärken.“ - Bundesinnenministerin Nancy Faeser.

„Im Falle von Störungen greifen umfangreiche Schutzmaßnahmen“

Auch in Teilen der deutschen Fertigungsindustrie sieht man die Situation derzeit gelassen, wie etwa bei Trumpf in Ditzingen: „Wir halten einen größeren Stromausfall derzeit für unwahrscheinlich, zumal die Laufzeitverlängerung der beiden Kernkraftwerke im Süden für mehr Netzstabilität sorgen dürfte. Wir sind aber unabhängig von der gegenwärtigen Situation auf alle Havariefälle vorbereitet und setzen bereits heute an unserem Standort in Ditzingen auf zwei voneinander unabhängige Versorgungsnetze. Für besonders kritische Bereiche haben wir Notstromaggregate“, sagt Dr. Manuel Thomä, Group Communications Trumpf SE.

Nach einer aktuellen Einschätzung der ‚Deutschen Energie-Agentur’ (Dena) ist ein großflächiger und lang andauernder Ausfall der Stromversorgung in Deutschland und Europa sehr unwahrscheinlich, denn das Stromversorgungssystem ist demnach so geplant, dass auch der Ausfall von einzelnen Betriebsmitteln nicht zu einer Überlastung des Netzes führt. „Außerdem greifen im Falle von Störungen umfangreiche Schutzmaßnahmen, die in einem Systemschutzplan festgelegt sind“, berichtet Frank Aischmann, Teamleiter Presse dena. Diese würden einen flächendeckenden Ausfall des Stromsystems im Falle von Störungen verhindern.

Die Sicherheit unseres Stromsystems zeigt sich für Aischmann auch in der Statistik: „Der System Average Interruption Duration Index (SAIDI-Index), der die durchschnittliche Versorgungsunterbrechung pro Netzverbraucher angibt, lag laut BNetzA in 2020 bei rund 11 Minuten – ein sehr niedriger Wert, der noch deutlich unter den sehr guten Werten der Vorjahre liegt.“ Die erfassten Versorgungsunterbrechungen in 2020 seien außerdem lokal sehr begrenzt und innerhalb kurzer Zeit behoben worden. Die Auswirkungen eines Blackouts auf die Industrie hängen laut Dena stark von der Art der Fertigung und der Möglichkeit zum schnellen Wiederaufbau der Versorgung ab. In vielen Fällen beschränkten sich die Auswirkungen auf einen Ausfall der Produktion, in anderen Fällen könnten aber auch Anlagen Schaden nehmen.

Video: Schutz vor Sabotage

Strom, Internet, Wasser: Ist die kritische Infrastruktur vor Sabotage geschützt? - Inhalt: ZDF/Berlin direkt

VW ist auf Blackout vorbereitet

Auf einen Blackout vorbereitet ist beispielsweise auch der Wolfsburger Autobauer VW, wie Nicolai Laude, Director Litigation Communications, Issue & Incident Communications, Volkswagen Group Communications, erläutert: „Selbstverständlich verfügt der Volkswagen Konzern über Krisen- und Notfallpläne, um im Eintrittsfall auf entsprechende Katastrophen-Szenarien vorbereitet zu sein. In diesem Rahmen gehört im Bedarfsfall auch die Einberufung von bereichsübergreifenden Krisenstäben zu den entsprechenden Maßnahmen.“ Bei Stiebel Eltron im niedersächsischen Holzminden gibt man sich zwar entspannt, ist aber gerüstet, dazu Katharina Witte, Unternehmenskommunikation Stiebel Eltron: „Wir halten die Gefahr eines möglichen Blackouts für wenig wahrscheinlich. Selbstverständlich sind wir unabhängig von der aktuellen Situation auf verschiedenste Krisenszenarien soweit möglich vorbereitet.“

ZVEI: „Das Land ist hier gut vorbereitet“

Beim ZVEI sieht man Deutschland im Energiesektor bestens aufgestellt und verweist auf den bereits weiter oben erwähnten SAIDI-Index der Bundesnetzagentur: Danach betrug im Jahr 2021 die durchschnittliche ‚Ausfallzeit’ pro Endverbraucher 12,7 Minuten. „Das beweist erneut die Zuverlässigkeit der Stromversorgung in Deutschland“, sagt ZVEI-Pressereferentin Sabrina Pfeifer. „Das Land ist hier gut vorbereitet – und da das Stromnetz zur kritischen Infrastruktur zählt, gelten hier besonderen Bedingungen an die Sicherheit.“

Erstens greife im deutschen Stromnetz die ‚n-1’-Regel: Für jede Verbindung im Netz gebe es Ausweichmöglichkeiten und Alternativen für den Notfall. Zweitens sei das Stromnetz mehrfach unterteilt. So könnten sich Schwierigkeiten in lokalen Netzbereichen nicht auf das Gesamtnetz auswirken. Mit Blick auf einen Ausfall aufgrund hoher gleichzeitiger Stromnachfrage, ist das Stromnetz nach Aussage des ZVEI im Großen und Ganzen in der Lage diese zu stemmen, ohne dass es zu einem großflächigen Ausfall kommt.

„Die Netzbetreiber arbeiten dabei aktiv mit den Erzeugern und der Regierung zusammen, um zu jeder Zeit die Balance zwischen Stromverbrauch und Stromerzeugung herzustellen“, so Pfeifer. Drittens würden die – bereits sehr strengen – Anforderungen an die Cybersicherheit im Stromnetz kontinuierlich wachsen, um auch hier gegen etwaige Angriffe gewappnet zu sein. Das sieht Innenministerin Nancy Faeser ähnlich: „Auch in der Cybersicherheit hat die Bundesregierung ihre Schutzmaßnahmen hochgefahren. Sicherheit gibt es nicht zum Nulltarif", so die Ministerin. "In den nächsten zehn Jahren müssen wir 20 Milliarden Euro in die Cybersicherheit investieren."

Im Fokus: Gasversorgung in der Industrie

Gaspipeline und Hilfsgeräte in der Gaspumpstation.
(Bild: 63ru78 - stock.adobe.com)

Was passiert, wenn Putin wirklich den Gashahn ganz zudreht? Wie soll die Industrie ohne russisches Gas über den Winter kommen? Welche Maßnahmen werden ergriffen? PRODUKTION hält Sie über alles Wichtige rund um die Gasversorgung auf dem Laufenden. Wir empfehlen Ihnen diese Artikel:

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