Mitarbeiter im Industrie 4.0-Team

Im perfekten I40-Team kommt es auf die Kombination unterschiedlicher Kompetenzen an. - Bild: ROI

Mehr als die Hälfte aller Industrie 4.0-Projekte scheitert, lange bevor diese überhaupt begonnen haben. Der Grund: Es fehlen die nötigen Experten zur Umsetzung. Wie aktuelle Studien zeigen, sehen über 50 Prozent der Unternehmen den Personalmangel als größtes Hindernis bei der Implementierung von Industrie 4.0-Projekten an.

Kein Wunder: Denn die Digitalisierung von Produktionsprozessen und Supply Chain Management erfordert ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Fähigkeiten in- und außerhalb der eigenen Organisation. Gleichzeitig steigt der Druck auf Unternehmen, die digitale Transformation möglichst schnell voranzutreiben.

Vor diesem Hintergrund wird die Zusammenstellung eines richtigen Industrie 4.0-Teams zum strategischen Erfolgsbaustein im Rahmen der digitalen Transformation. Höchste Zeit also, sich diesem Thema genauer anzunehmen. Die folgenden Punkte beschreiben, welche Aspekte dabei zu berücksichtigen sind:

Kompetenzmix: IT-Skills brauchen Lean Know-how

Grundsätzlich geht es bei den meisten Industrie 4.0-Projekten darum, Wertschöpfungsprozesse in der Fertigung bzw. den indirekten Bereichen mithilfe von digitalen Technologien zu unterstützen. Daraus ergeben sich zwei wesentliche personelle Anforderungen: Zum einen werden IT-Spezialisten gebraucht, die Prozesse digital abbilden und die Schnittstelle zwischen Operational Technology (OT) und Information Technology (IT) gestalten.

Zum anderen Prozess-Experten, die die Abläufe in Produktion und Supply Chain Management genau kennen und sicherstellen, dass sie als Basis für den Einsatz von digitalen Technologien geeignet sind. Denn nur wenn Prozesse nach den Prinzipien der schlanken Produktion optimiert sind, macht es Sinn, diese überhaupt zu digitalisieren – ansonsten bleibt deren Potenzial ungenutzt. Dazu braucht man Lean-Experten, die als interne Prozessberater fungieren und meist gleichzeitig die Projektleiter sind.

Was ist ein „Citizen Data Scientist“

Der sog. Citizen Data Scientist analysiert und bereitet größere Datenmengen auf, um daraus geschäftsrelevante Informationen abzuleiten. Er verfügt nicht zwingend über eine klassische IT-Ausbildung, sondern greift auf die immer größer werdende Zahl einfach zu bedienender Analysetools zurück. Damit ersetzt bzw. unterstützt er hochqualifizierte und teure BI-Experten, die oft nicht in dieser Anzahl verfügbar sind.

Fachexpertise: Für jedes Projekt den passenden IT-Spezialisten

Welche IT-Experten im Einzelnen Bestandteil des Industrie 4.0-Teams sein sollten, hängt von der Zielsetzung des Projekts ab. Hierbei lassen sich drei Kernelemente unterscheiden:

  • Geht es etwa um die vertikale und horizontale Integration der Produktionssysteme und Wertschöpfungsnetzwerke, steht die Anbindung von Maschinen an die Enterprise IT-Systeme sowie die Gestaltung der entsprechenden Schnittstellen im Vordergrund. Hierfür werden Fachleute im Bereich Systemintegration und Plattformarchitekturen benötigt.
  • Werden  hingegen Lösungen zur Verbesserung der Kommunikation zwischen Mensch,  Maschinen und Produkten betrachtet, sind eher Spezialisten aus dem Bereich der Software- und App-Entwicklung sowie User Experience (UX)-Experten zur Gestaltung von Interfaces und Benutzeroberflächen gefragt.

  • Geht es schließlich darum, eine digitale Durchgängigkeit in Form von Datenmodellen über verschiedene Wertschöpfungsstufen hinweg zu schaffen – etwa im Rahmen eines digitalen Prozess-Zwillings – dann erfordert dies den Einsatz von komplexen statistischen Methoden und weiterführenden Analysefähigkeiten, wie sie z.B. ein Data-Scientist mitbringt.

Das „Innolab“ der BMW Group in Regensburg

Ein Beispiel für die enge Einbindung der Mitarbeiter liefert das Innolab der BMW Group am Standort Regensburg. Der Sieger des Industrie 4.0 Award 2018 entwickelt Industrie 4.0-Anwendungen wie z.B. Smart Watches oder Exo-Skelette für seine Mitarbeiter in der Montage und bindet diese aktiv in den Entwicklungsprozess mit ein.

Mehr Infos unter: https://www.industrie40award.de/sonderpreis/

Fachkräfte-Rekrutierung: Kooperationen und Weiterbildung

Ob diese Experten in der eigenen Organisation in ausreichender Zahl vorhanden sind, hängt i.d.R. sehr stark von der Unternehmensgröße ab. Gerade für klein- und mittelständische Unternehmen sind daher Kooperationen mit Hochschulen oder anderen Einrichtungen, beispielsweise im Rahmen von Abschlussarbeiten oder Promotionsprogrammen, von enormer Bedeutung. Dabei helfen auch Technologie-Transfer Unternehmen, die gemeinsam mit Unternehmen mögliche

Forschungsprojekte identifizieren, Anträge zur staatlichen Förderung schreiben und sie mit den entsprechenden Hochschulen vernetzen. Darüber hinaus sollten Unternehmen versuchen, die entsprechenden Kompetenzen in der eigenen Organisation aufzubauen.

Hierzu eigenen sich v.a. Mitarbeiter, die im Rahmen ihrer bisherigen Tätigkeit bereits mit ähnlichen Aufgaben in Berührung gekommen sind oder besonderes Interesse am Thema Industrie 4.0 zeigen. Diese schlummernden Potenziale zu identifizieren und Fachkräfte gezielt weiterzubilden ist ein wesentlicher Schlüssel zum sukzessiven Aufbau von relevantem Know-how im Unternehmen. Ein Beispiel für eine solche intern aufgebaute Position bildet der sog. „Citizen Data Scientist“.

Kundenzentrierung: Fachabteilungen aktiv einbinden

Neben den genannten Experten-Rollen kommt den betroffenen Fachabteilungen eine zentrale Bedeutung zu. Sie sind zwar nicht unmittelbar Teil des Industrie 4.0-Teams, aber sollten zielgerichtet und laufend integriert werden. Als interner Kunde bzw. „Product Owner“ dienen sie dabei zum einen als Ideengeber für Produkte, die anschließend im Sinne des agilen, kundenzentrierten Vorgehens kurzzyklisch entwickelt, laufend verprobt und immer wieder angepasst werden.

Zum anderen erhöht sich die Akzeptanz für das Projekt bzw. die neue Lösung, wenn die davon betroffenen Mitarbeiter von Beginn an in die Entwicklung involviert sind. Auch wird dadurch sichergestellt, dass die entwickelten Lösungen tatsächlich die Mitarbeiter in ihrer Arbeit unterstützen.

Unterstützung von oben: Der Draht zur Geschäftsführung

Nicht nur der direkte Austausch mit den Fachabteilungen, auch der enge Draht zur Entscheider-Ebene ist für ein Industrie 4.0-Team absolut erfolgskritisch und unterscheidet erfolgreiche von nicht erfolgreichen Projekten. Denn, um die notwendigen Ressourcen zu sichern, ist es wichtig, dass ein starkes Commitment vom Top-Management für die Wichtigkeit und Dringlichkeit des Projektes vorliegt. Dabei hilft die Funktion eines Digitalisierungsmanagers, die beispielsweise als Stabsstelle direkt an die Geschäfts- oder Werksleitung berichtet und für die Zusammenstellung des Projektteams zuständig ist.

Projektportfolio-Management: Start Smart

Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen werden knappe Personalressourcen oft zum Showstopper für Industrie 4.0 Projekte. Um das zu verhindern, hilft ein systematisches Projektportfolio-Management zur Priorisierung der relevanten Industrie 4.0-Maßnahmen. Denn häufig rührt die Ressourcenknappheit daher, dass Unternehmen zu viele Teilprojekte gleichzeitig anstoßen und sich kurzfristig zu hohe Ziele setzen.

Dies führt oft zu Überlastungen der Projektteams oder zu personellen Engpässe bei besonders wichtigen Funktionen wie Cloud-Architekten oder Datenanalysten. Stattdessen kann mit dem Ansatz „Think big, start smart“ eine sinnvolle Projektabfolge zur effektiven Umsetzung der eigenen Industrie 4.0-Roadmap definiert werden, womit das Team und die einzelnen Mitarbeiter die Projektziele erreichen und gleichzeitig wertvolle Erkenntnisse gewinnen.

Autor: Tayfun Kaymakci

Leiter ROI Learning Campus, ROI Management Consulting AG

Kontakt: training@roi.de


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Best of Smart Factory

Beim Industrie 4.0 Award zeichnet die ROI Management Consulting AG jedes Jahr die besten Smart Factory Konzepte Deutschlands aus. 2018 ging der Preis an das Elektronikwerk Amberg der Siemens AG für ihre nahezu fehlerfreie Produktion.

Mehr Infos unter: https://www.industrie40award.de/smart-factory/