Produktionsleiter im Wandel

Produktionsleiter: So hat sich der Beruf gewandelt

Der Produktionsleiter steht unter neuen Vorzeichen: Daten, Systeme und vernetzte Prozesse verändern Aufgaben, Entscheidungen und Führung in der Produktion. Die Praxis bei Rittal und SGL Carbon zeigt, wie unterschiedlich dieser Wandel ausgeprägt sein kann und welche Herausforderungen sich daraus ergeben.

Der Produktionsleiter steht stärker denn je zwischen Daten, Technik und Führung. Digitalisierung und Automatisierung verändern Aufgaben, Entscheidungen und Verantwortung.
Der Produktionsleiter steht stärker denn je zwischen Daten, Technik und Führung. Digitalisierung und Automatisierung verändern Aufgaben, Entscheidungen und Verantwortung.

Summary: Bei Rittal in Haiger und SGL Carbon in Meitingen zeigt sich, wie sich die Rolle des Produktionsleiters unter dem Einfluss von Digitalisierung, Automatisierung und Wettbewerbsdruck verändert. Produktionsleiter steuern heute weniger operativ, sondern koordinieren komplexe Prozesse, bewerten Daten und binden Mitarbeitende enger ein. Dadurch wächst der Gestaltungsspielraum, zugleich steigen die Anforderungen an Führung, Kommunikation und Fachkompetenz.

Digitalisierung, Automatisierung und steigender Wettbewerbsdruck haben das Aufgabenprofil des Produktionsleiters in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Während früher operative Steuerung, Erfahrung und individuelle Entscheidungen im Vordergrund standen, prägen heute Daten, Systeme und komplexe Entscheidungsstrukturen den Alltag. Gleichzeitig sind Erfahrung und Wissen weiterhin notwendig.

Ein Blick in die Praxis – etwa bei der Rittal GmbH im hessischen Haiger, einem Anbieter von Systemlösungen für den Schaltanlagenbau, und bei SGL Carbon am Standort Meitingen, spezialisiert auf kohlenstoffbasierte Materialien für industrielle Anwendungen – zeigt, wie unterschiedlich dieser Wandel ausgeprägt sein kann und welche Herausforderungen sich daraus ergeben.

Vom Erfahrungswissen zur datenbasierten Steuerung

Eine der sichtbarsten Veränderungen betrifft den Umgang mit Informationen. Denn Produktionsprozesse werden heute durchgängig digital erfasst und in Echtzeit ausgewertet. „Früher musste man sich Informationen mühsam zusammensuchen. Heute sehe ich auf einen Blick, welche Anlage wie performt“, beschreibt Jürgen Kromer, Werksleiter bei Rittal, die Entwicklung.

Das Werk in Haiger wurde im März als „Fabrik des Jahres 2025“ ausgezeichnet und steht exemplarisch für eine hochgradig vernetzte Produktion. Kromer verantwortet dort die gesamte Fertigung eines der modernsten Werke des Unternehmens. Am Standort werden industrielle Schaltschranksysteme und Gehäuselösungen in großen Stückzahlen und mit hochautomatisierten Prozessen gefertigt. Als Werksleiter koordiniert er die Produktionsabläufe über alle Bereiche hinweg – von der Blechbearbeitung über die Montage bis hin zur Logistik – und stellt Effizienz, Qualität und Termintreue sicher.

Jürgen Kromer, Werkleiter bei Rittal.
Jürgen Kromer, Werkleiter bei Rittal.

Dabei greift er zunehmend auf digitale Systeme zurück: Planung, Materialfluss und Auslastung der Anlagen werden systemgestützt gesteuert. Die Produktionsleitung agiert damit weniger als direkter Eingreifer in einzelne Prozesse, sondern als übergeordneter Koordinator, der Abweichungen erkennt, bewertet und gemeinsam mit den Teams Lösungen entwickelt.

Die Grundlage von Entscheidungen verschiebt sich damit deutlich. Erfahrungswerte spielen weiterhin eine Rolle, werden jedoch durch belastbare Kennzahlen ergänzt. Abweichungen lassen sich schneller erkennen, Maßnahmen gezielter einleiten. Diskussionen über Zahlen treten in den Hintergrund. Die Datenlage ist transparent und für alle nachvollziehbar.

Gleichzeitig entsteht eine neue Herausforderung: Die Verfügbarkeit großer Datenmengen bedeutet nicht automatisch bessere Entscheidungen. Vielmehr liegt eine zentrale Aufgabe der Produktionsleitung darin, relevante Informationen zu identifizieren und sinnvoll zu interpretieren. Daten müssen eingeordnet, priorisiert und in konkrete Maßnahmen übersetzt werden – etwa indem Abweichungen in der Anlagenperformance erkannt, Ursachen analysiert und daraus Anpassungen im Produktionsablauf abgeleitet werden. Bei Rittal ist datengetriebene Steuerung fester Bestandteil des Alltags.

Erfahren Sie mehr über die Fabrik des Jahres: Klicken Sie hier!

Daten zwischen Orientierung und Erfahrung

Tobias Meyer, Produktionsleiter bei SGL Carbon in Meitingen.
Tobias Meyer, Produktionsleiter bei SGL Carbon in Meitingen.

Bei SGL Carbon in Meitingen werden Materialien und Komponenten aus kohlenstoffbasierten Werkstoffen gefertigt – darunter Spezialgraphit, Carbonfasern und Verbundmaterialien, die in unterschiedlichen Industrien zum Einsatz kommen, etwa in der Automobilindustrie, Energietechnik oder im Maschinenbau. Dort spielt die Datenbasis ebenfalls eine immer größere Rolle – allerdings mit einem differenzierteren Blick. Tobias Meyr, 37 Jahre alt und seit fünf Jahren Produktionsleiter am bayerisch-schwäbischen Standort, verantwortet einen Fertigungsbereich mit rund 50 Mitarbeitenden.

Neben der Produktion gehören auch Instandhaltung und Prozesstechnik zu seinem Verantwortungsbereich. Meyrs Aufgabe besteht darin, neue Technologien zu bewerten, deren Nutzen für den eigenen Bereich einzuordnen und gemeinsam mit seinem Führungsteam umzusetzen. Daten dienen dabei als wichtige Entscheidungsgrundlage – etwa zur Bewertung von Prozessen oder zur Identifikation von Optimierungspotenzialen.

Nicht jede verfügbare Information ist automatisch relevant. Entscheidend ist, welche Daten und Technologien tatsächlich einen konkreten Mehrwert für den eigenen Produktionsbereich liefern. Ein zentraler Bestandteil seiner Arbeit ist die enge Abstimmung im Team. Tobias Meyr arbeitet intensiv mit Teamleitern, Prozesstechnikern und Instandhaltungsverantwortlichen zusammen, die Veränderungen in die Produktion überführen. Neue Themen werden dabei nicht einfach vorgegeben, sondern gemeinsam erarbeitet und über das Führungsteam in die Organisation hinein vermittelt.

Das Ziel ist klar: Mitarbeitende frühzeitig einbinden und den Nutzen von Veränderungen verständlich machen. Gerade in komplexen Produktionsumgebungen bleibt dabei die Erfahrung ein entscheidender Faktor. Daten liefern Orientierung – die Verantwortung für Entscheidungen bleibt beim Menschen.

Technologie als Treiber des Wandels

Daten und Technologien sind eng miteinander verknüpft. Durch digitale Systeme werden viele Informationen verfügbar und nutzbar. Software-Systeme, wie Manufacturing Execution Systeme (MES) und Enterprise-Resource-Planning-Systeme (ERP) sowie Anwendungen rund um künstliche Intelligenz, Predictive Maintenance oder digitalen Zwillingen, verändern die Produktionssteuerung grundlegend.

Bei Rittal sind diese Technologien tief in die Prozesse integriert. Die Industrie 4.0 – die Digitalisierung der Fertigung und die Realisierung einer „Smart Factory“ – hat man am Standort in Haiger umgesetzt. Für die vernetzte Produktion von Schaltschränken und Gehäusen werden Produktionsabläufe systemgestützt geplant und Materialflüsse automatisiert gesteuert. Transportprozesse erfolgen nicht mehr durch individuelle Entscheidungen, sondern entlang klar definierter, systembasierter Abläufe. Einzelne Bereiche können nicht mehr isoliert optimieren – entscheidend ist das Zusammenspiel der gesamten Produktion. Jürgen Kromer beschreibt die Entwicklung: "Früher hat jeder Bereich für sich gearbeitet. Heute funktioniert es nur noch gemeinsam."

Bei SGL Carbon zeigt sich der Wandel stärker als fortlaufender Anpassungsprozess. Für Produktionsleiter Tobias Meyr ist die Entwicklung eine permanente Auseinandersetzung mit neuen Technologien. Impulse kommen dabei häufig aus dem Umfeld – etwa durch Hochschulen, Studierende oder junge Mitarbeitende, die Themen wie Datenanalyse oder künstliche Intelligenz stärker einbringen. Die Produktionsprozesse in seinem Verantwortungsbereich sind eng aufeinander abgestimmt. Veränderungen wirken sich daher häufig direkt auf mehrere Prozessstufen aus. Meyr setzt auf eine genaue Abstimmung innerhalb des Teams: "Die Herausforderung liegt darin, zu erkennen, was wirklich relevant ist und welchen konkreten Nutzen es für das eigene Unternehmen bringt."

Vom Steuern zum Koordinieren

Diese technologischen Entwicklungen wirken sich unmittelbar auf den Arbeitsalltag aus. Früher lag der Schwerpunkt auf der direkten Steuerung der Produktion: Abläufe wurden vorgegeben, Informationen manuell gesammelt und Entscheidungen häufig vor Ort getroffen. Heute übernehmen Systeme weite Teile der Planung und Priorisierung. Aufträge werden automatisiert gesteuert, Prozesse sind in Echtzeit transparent und eng miteinander verknüpft. Der Produktionsleiter greift vor allem dann ein, wenn Abweichungen auftreten oder Entscheidungen erforderlich sind.

Der Fokus verschiebt sich damit – weg von operativer Detailsteuerung hin zu Koordination, Analyse und Bewertung. Gleichzeitig steigt die Komplexität: Entscheidungen wirken sich nicht mehr nur auf einzelne Bereiche aus, sondern auf gesamte Prozessketten. Produktionsleiter müssen daher stärker vernetzt denken und die Auswirkungen ihres Handelns umfassend einschätzen.

Führung im Wandel

Trotz aller technologischen Veränderungen bleibt die Führung von Mitarbeitenden eine zentrale Aufgabe – und gewinnt sogar an Bedeutung. „Der Schlüssel sind die Menschen – sie müssen die Veränderung mittragen“, beschreibt Jürgen Kromer. Gleichzeitig hat sich die Art der Führung verändert. „Früher hat man gesagt: So machen wir das. Heute entwickelt man gemeinsam Ziele.“ Die Rolle verschiebt sich damit vom Anweisen hin zum Moderieren, Einbinden und Ermöglichen. Mitarbeitende übernehmen mehr Verantwortung und werden stärker in Entscheidungsprozesse einbezogen.

Achim Peltz, CEO Business Unit Motion Control bei Siemens, spricht mit Anja Ringel über die digitale Transformation.

Auch Meyr betont diese Entwicklung. In der Praxis bedeutet das vor allem: Kommunikation, Einbindung und kontinuierliche Motivation. Veränderungen gelängen insbesondere dann, wenn Mitarbeitende frühzeitig einbezogen würden und ihren Beitrag zum Gesamtprozess verstünden. Gleichzeitig verändern sich auch die Rahmenbedingungen der Kommunikation. In international aufgestellten Unternehmen treffen zunehmend unterschiedliche kulturelle Hintergründe und Sprachkompetenzen aufeinander. Nicht alle Mitarbeitenden sprechen Deutsch als Muttersprache – Verständlichkeit und klare Kommunikation gewinnen damit zusätzlich an Bedeutung. Für Produktionsleiter bedeutet das, Inhalte noch stärker zu strukturieren, einfacher zu vermitteln und sicherzustellen, dass alle Beteiligten die gleichen Informationen und Zielbilder teilen. Gerade in vernetzten Produktionsumgebungen, in denen viele Bereiche ineinandergreifen, wird Kommunikation damit zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor.

Fachkräfte als zusätzliche Herausforderung

Neben technologischen Entwicklungen verschärft der Fachkräftemangel die Situation in der Produktion. Während einfache Tätigkeiten zunehmend automatisiert werden, steigt gleichzeitig der Bedarf an qualifizierten Fachkräften und Spezialisten. „Wir suchen spezielle Qualifikationen – das ist die Herausforderung“, beschreibt Jürgen Kromer die Situation. In der Praxis zeigt sich zudem, dass klassische Produktionsberufe für viele junge Menschen an Attraktivität verlieren – insbesondere in Schichtmodellen. „Viele gehen weg, wenn sie einen Job finden, wo sie nicht mehr Schicht arbeiten müssen“, sagt Jürgen Kromer. Automatisierung kann dabei entlasten, ersetzt jedoch nicht die Notwendigkeit, geeignete Fachkräfte zu gewinnen und langfristig zu binden.

Eine Rolle im Spannungsfeld

Mit dem Wandel verändern sich die Anforderungen an die Produktionsleitung. Neben technischem Verständnis und Datenkompetenz gewinnt vor allem die Fähigkeit an Bedeutung, Orientierung zu geben und komplexe Zusammenhänge einzuordnen.

Der Produktionsleiter wird damit zunehmend zur Schnittstelle zwischen Technik, Daten und Organisation. Die Entwicklung hin zu datengetriebenen und vernetzten Produktionssystemen wird sich fortsetzen. Gleichzeitig bleibt die Verantwortung beim Menschen.

Die Produktionsleitung bewegt sich heute stärker denn je im Spannungsfeld zwischen Technologie, Daten und Führung. Die Rolle ist komplexer geworden und bietet gleichzeitig mehr Gestaltungsspielraum als je zuvor.

FAQ: Produktionsleiter im Wandel

Wie verändert sich der Produktionsleiter durch Digitalisierung? – Der Produktionsleiter steuert weniger direkt im Detail und übernimmt stärker Koordination, Analyse und Bewertung.

Welche Rolle spielen Daten für den Produktionsleiter? – Daten schaffen Transparenz, helfen bei der Bewertung von Prozessen und unterstützen Entscheidungen im Produktionsalltag.

Warum bleibt Erfahrung für den Produktionsleiter wichtig? – Daten liefern Orientierung, doch die Verantwortung für Einordnung und Entscheidungen bleibt beim Menschen.

Welche Technologien prägen den Produktionsleiter heute? – MES, ERP, künstliche Intelligenz, Predictive Maintenance und digitale Zwillinge verändern die Produktionssteuerung.

Vor welchen zusätzlichen Herausforderungen steht der Produktionsleiter? – Neben technologischen Veränderungen belasten Fachkräftemangel, Kommunikation und die Einbindung von Mitarbeitenden die Rolle zusätzlich.