Produktionsleiter: So hat sich der Beruf gewandelt
Der Produktionsleiter steht unter neuen Vorzeichen: Daten, Systeme und vernetzte Prozesse verändern Aufgaben, Entscheidungen und Führung in der Produktion. Die Praxis bei Rittal und SGL Carbon zeigt, wie unterschiedlich dieser Wandel ausgeprägt sein kann und welche Herausforderungen sich daraus ergeben.
Judith BornemannJudithBornemann
Der Produktionsleiter steht stärker denn je zwischen Daten, Technik und Führung. Digitalisierung und Automatisierung verändern Aufgaben, Entscheidungen und Verantwortung.KI-generiert
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Summary: Bei Rittal in Haiger und SGL Carbon in Meitingen zeigt sich, wie sich die Rolle des Produktionsleiters unter dem Einfluss von Digitalisierung, Automatisierung und Wettbewerbsdruck verändert. Produktionsleiter steuern heute weniger operativ, sondern koordinieren komplexe Prozesse, bewerten Daten und binden Mitarbeitende enger ein. Dadurch wächst der Gestaltungsspielraum, zugleich steigen die Anforderungen an Führung, Kommunikation und Fachkompetenz.
Digitalisierung, Automatisierung und steigender
Wettbewerbsdruck haben das Aufgabenprofil des Produktionsleiters in den
vergangenen Jahren deutlich verändert. Während früher operative Steuerung,
Erfahrung und individuelle Entscheidungen im Vordergrund standen, prägen heute
Daten, Systeme und komplexe Entscheidungsstrukturen den Alltag. Gleichzeitig
sind Erfahrung und Wissen weiterhin notwendig.
Ein Blick in die Praxis – etwa bei der Rittal GmbH im
hessischen Haiger, einem Anbieter von Systemlösungen für den Schaltanlagenbau,
und bei SGL Carbon am Standort Meitingen, spezialisiert auf kohlenstoffbasierte
Materialien für industrielle Anwendungen – zeigt, wie unterschiedlich dieser
Wandel ausgeprägt sein kann und welche Herausforderungen sich daraus ergeben.
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Vom Erfahrungswissen zur datenbasierten Steuerung
Eine der sichtbarsten Veränderungen betrifft den Umgang mit
Informationen. Denn Produktionsprozesse werden heute durchgängig digital
erfasst und in Echtzeit ausgewertet. „Früher musste man sich Informationen
mühsam zusammensuchen. Heute sehe ich auf einen Blick, welche Anlage wie
performt“, beschreibt Jürgen Kromer, Werksleiter bei Rittal, die Entwicklung.
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Das Werk in Haiger wurde im März als „Fabrik des Jahres
2025“ ausgezeichnet und steht exemplarisch für eine hochgradig vernetzte
Produktion. Kromer verantwortet dort die gesamte Fertigung eines der modernsten
Werke des Unternehmens. Am Standort werden industrielle Schaltschranksysteme
und Gehäuselösungen in großen Stückzahlen und mit hochautomatisierten Prozessen
gefertigt. Als Werksleiter koordiniert er die Produktionsabläufe über alle
Bereiche hinweg – von der Blechbearbeitung über die Montage bis hin zur
Logistik – und stellt Effizienz, Qualität und Termintreue sicher.
Jürgen Kromer, Werkleiter bei Rittal.Rittal
Dabei greift er zunehmend auf digitale Systeme zurück:
Planung, Materialfluss und Auslastung der Anlagen werden systemgestützt
gesteuert. Die Produktionsleitung agiert damit weniger als direkter Eingreifer
in einzelne Prozesse, sondern als übergeordneter Koordinator, der Abweichungen
erkennt, bewertet und gemeinsam mit den Teams Lösungen entwickelt.
Die Grundlage von Entscheidungen verschiebt sich damit
deutlich. Erfahrungswerte spielen weiterhin eine Rolle, werden jedoch durch
belastbare Kennzahlen ergänzt. Abweichungen lassen sich schneller erkennen,
Maßnahmen gezielter einleiten. Diskussionen über Zahlen treten in den
Hintergrund. Die Datenlage ist transparent und für alle nachvollziehbar.
Gleichzeitig entsteht eine neue Herausforderung: Die
Verfügbarkeit großer Datenmengen bedeutet nicht automatisch bessere
Entscheidungen. Vielmehr liegt eine zentrale Aufgabe der Produktionsleitung
darin, relevante Informationen zu identifizieren und sinnvoll zu
interpretieren. Daten müssen eingeordnet, priorisiert und in konkrete Maßnahmen
übersetzt werden – etwa indem Abweichungen in der Anlagenperformance erkannt,
Ursachen analysiert und daraus Anpassungen im Produktionsablauf abgeleitet
werden. Bei Rittal ist datengetriebene Steuerung fester Bestandteil des
Alltags.
Tobias Meyer, Produktionsleiter bei SGL Carbon in Meitingen.Judith Bornemann
Bei SGL Carbon in Meitingen werden Materialien und
Komponenten aus kohlenstoffbasierten Werkstoffen gefertigt – darunter
Spezialgraphit, Carbonfasern und Verbundmaterialien, die in unterschiedlichen
Industrien zum Einsatz kommen, etwa in der Automobilindustrie, Energietechnik
oder im Maschinenbau. Dort spielt die Datenbasis ebenfalls eine immer größere
Rolle – allerdings mit einem differenzierteren Blick. Tobias Meyr, 37 Jahre alt
und seit fünf Jahren Produktionsleiter am bayerisch-schwäbischen Standort, verantwortet
einen Fertigungsbereich mit rund 50 Mitarbeitenden.
Neben der Produktion
gehören auch Instandhaltung und Prozesstechnik zu seinem Verantwortungsbereich.
Meyrs Aufgabe besteht darin, neue Technologien zu bewerten, deren Nutzen für
den eigenen Bereich einzuordnen und gemeinsam mit seinem Führungsteam
umzusetzen. Daten dienen dabei als wichtige Entscheidungsgrundlage – etwa zur
Bewertung von Prozessen oder zur Identifikation von Optimierungspotenzialen.
Nicht jede verfügbare Information ist automatisch relevant.
Entscheidend ist, welche Daten und Technologien tatsächlich einen konkreten
Mehrwert für den eigenen Produktionsbereich liefern. Ein zentraler Bestandteil
seiner Arbeit ist die enge Abstimmung im Team. Tobias Meyr arbeitet intensiv
mit Teamleitern, Prozesstechnikern und Instandhaltungsverantwortlichen
zusammen, die Veränderungen in die Produktion überführen. Neue Themen werden
dabei nicht einfach vorgegeben, sondern gemeinsam erarbeitet und über das
Führungsteam in die Organisation hinein vermittelt.
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Das Ziel ist klar: Mitarbeitende frühzeitig einbinden und
den Nutzen von Veränderungen verständlich machen. Gerade in komplexen
Produktionsumgebungen bleibt dabei die Erfahrung ein entscheidender Faktor.
Daten liefern Orientierung – die Verantwortung für Entscheidungen bleibt beim
Menschen.
Technologie als Treiber des Wandels
Daten und Technologien sind eng miteinander verknüpft. Durch
digitale Systeme werden viele Informationen verfügbar und nutzbar.
Software-Systeme, wie Manufacturing Execution Systeme (MES) und
Enterprise-Resource-Planning-Systeme (ERP) sowie Anwendungen rund um künstliche
Intelligenz, Predictive Maintenance oder digitalen Zwillingen, verändern die
Produktionssteuerung grundlegend.
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Bei Rittal sind diese Technologien tief in die Prozesse
integriert. Die Industrie 4.0 – die Digitalisierung der Fertigung und
die Realisierung einer „Smart Factory“ – hat man am Standort in Haiger
umgesetzt. Für die vernetzte Produktion von Schaltschränken und Gehäusen werden
Produktionsabläufe systemgestützt geplant und Materialflüsse automatisiert
gesteuert. Transportprozesse erfolgen nicht mehr durch individuelle
Entscheidungen, sondern entlang klar definierter, systembasierter Abläufe. Einzelne
Bereiche können nicht mehr isoliert optimieren – entscheidend ist das
Zusammenspiel der gesamten Produktion. Jürgen Kromer beschreibt die
Entwicklung: "Früher hat jeder Bereich für sich gearbeitet. Heute
funktioniert es nur noch gemeinsam."
Bei SGL Carbon zeigt sich der Wandel stärker als
fortlaufender Anpassungsprozess. Für Produktionsleiter Tobias Meyr ist die
Entwicklung eine permanente Auseinandersetzung mit neuen Technologien. Impulse
kommen dabei häufig aus dem Umfeld – etwa durch Hochschulen, Studierende oder
junge Mitarbeitende, die Themen wie Datenanalyse oder künstliche Intelligenz
stärker einbringen. Die Produktionsprozesse in seinem Verantwortungsbereich
sind eng aufeinander abgestimmt. Veränderungen wirken sich daher häufig direkt
auf mehrere Prozessstufen aus. Meyr setzt auf eine genaue Abstimmung innerhalb
des Teams: "Die Herausforderung liegt darin, zu erkennen, was wirklich
relevant ist und welchen konkreten Nutzen es für das eigene Unternehmen
bringt."
Vom Steuern zum Koordinieren
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Diese technologischen Entwicklungen wirken sich unmittelbar
auf den Arbeitsalltag aus. Früher lag der Schwerpunkt auf der direkten
Steuerung der Produktion: Abläufe wurden vorgegeben, Informationen manuell
gesammelt und Entscheidungen häufig vor Ort getroffen. Heute übernehmen Systeme
weite Teile der Planung und Priorisierung. Aufträge werden automatisiert
gesteuert, Prozesse sind in Echtzeit transparent und eng miteinander verknüpft.
Der Produktionsleiter greift vor allem dann ein, wenn Abweichungen auftreten
oder Entscheidungen erforderlich sind.
Der Fokus verschiebt sich damit – weg von operativer
Detailsteuerung hin zu Koordination, Analyse und Bewertung. Gleichzeitig steigt
die Komplexität: Entscheidungen wirken sich nicht mehr nur auf einzelne
Bereiche aus, sondern auf gesamte Prozessketten. Produktionsleiter müssen daher
stärker vernetzt denken und die Auswirkungen ihres Handelns umfassend
einschätzen.
Führung im Wandel
Trotz aller technologischen Veränderungen bleibt die Führung
von Mitarbeitenden eine zentrale Aufgabe – und gewinnt sogar an Bedeutung. „Der
Schlüssel sind die Menschen – sie müssen die Veränderung mittragen“, beschreibt
Jürgen Kromer. Gleichzeitig hat sich die Art der Führung verändert. „Früher hat
man gesagt: So machen wir das. Heute entwickelt man gemeinsam Ziele.“ Die Rolle
verschiebt sich damit vom Anweisen hin zum Moderieren, Einbinden und
Ermöglichen. Mitarbeitende übernehmen mehr Verantwortung und werden stärker in
Entscheidungsprozesse einbezogen.
Achim Peltz, CEO Business Unit Motion Control bei Siemens, spricht mit Anja Ringel über die digitale Transformation.
Auch Meyr betont diese Entwicklung. In der Praxis bedeutet
das vor allem: Kommunikation, Einbindung und kontinuierliche Motivation.
Veränderungen gelängen insbesondere dann, wenn Mitarbeitende frühzeitig
einbezogen würden und ihren Beitrag zum Gesamtprozess verstünden. Gleichzeitig
verändern sich auch die Rahmenbedingungen der Kommunikation. In international
aufgestellten Unternehmen treffen zunehmend unterschiedliche kulturelle
Hintergründe und Sprachkompetenzen aufeinander. Nicht alle Mitarbeitenden sprechen
Deutsch als Muttersprache – Verständlichkeit und klare Kommunikation gewinnen
damit zusätzlich an Bedeutung. Für Produktionsleiter bedeutet das, Inhalte noch
stärker zu strukturieren, einfacher zu vermitteln und sicherzustellen, dass
alle Beteiligten die gleichen Informationen und Zielbilder teilen. Gerade in
vernetzten Produktionsumgebungen, in denen viele Bereiche ineinandergreifen,
wird Kommunikation damit zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor.
Neben technologischen Entwicklungen verschärft der
Fachkräftemangel die Situation in der Produktion. Während einfache Tätigkeiten
zunehmend automatisiert werden, steigt gleichzeitig der Bedarf an
qualifizierten Fachkräften und Spezialisten. „Wir suchen spezielle
Qualifikationen – das ist die Herausforderung“, beschreibt Jürgen Kromer die
Situation. In der Praxis zeigt sich zudem, dass klassische Produktionsberufe
für viele junge Menschen an Attraktivität verlieren – insbesondere in
Schichtmodellen. „Viele gehen weg, wenn sie einen Job finden, wo sie nicht mehr
Schicht arbeiten müssen“, sagt Jürgen Kromer. Automatisierung kann dabei
entlasten, ersetzt jedoch nicht die Notwendigkeit, geeignete Fachkräfte zu
gewinnen und langfristig zu binden.
Eine Rolle im Spannungsfeld
Mit dem Wandel verändern sich die Anforderungen an die
Produktionsleitung. Neben technischem Verständnis und Datenkompetenz gewinnt
vor allem die Fähigkeit an Bedeutung, Orientierung zu geben und komplexe
Zusammenhänge einzuordnen.
Der Produktionsleiter wird damit zunehmend zur Schnittstelle
zwischen Technik, Daten und Organisation. Die Entwicklung hin zu
datengetriebenen und vernetzten Produktionssystemen wird sich fortsetzen.
Gleichzeitig bleibt die Verantwortung beim Menschen.
Die Produktionsleitung bewegt sich heute stärker denn je im
Spannungsfeld zwischen Technologie, Daten und Führung. Die Rolle ist komplexer
geworden und bietet gleichzeitig mehr Gestaltungsspielraum als je zuvor.
FAQ: Produktionsleiter im Wandel
• Wie verändert sich der Produktionsleiter durch Digitalisierung? – Der Produktionsleiter steuert weniger direkt im Detail und übernimmt stärker Koordination, Analyse und Bewertung.
• Welche Rolle spielen Daten für den Produktionsleiter? – Daten schaffen Transparenz, helfen bei der Bewertung von Prozessen und unterstützen Entscheidungen im Produktionsalltag.
• Warum bleibt Erfahrung für den Produktionsleiter wichtig? – Daten liefern Orientierung, doch die Verantwortung für Einordnung und Entscheidungen bleibt beim Menschen.
• Welche Technologien prägen den Produktionsleiter heute? – MES, ERP, künstliche Intelligenz, Predictive Maintenance und digitale Zwillinge verändern die Produktionssteuerung.
• Vor welchen zusätzlichen Herausforderungen steht der Produktionsleiter? – Neben technologischen Veränderungen belasten Fachkräftemangel, Kommunikation und die Einbindung von Mitarbeitenden die Rolle zusätzlich.