Spielfiguren in rot, gelb und grün stehen auf einem Wahlschein

Die nächste Bundesregierung wird wahrscheinlich eine Koalition aus SPD, Grünen und FDP sein. - Bild: Stockfotos-MG - stock.adobe.com

Jetzt haben wir am Abend der Bundestagswahl auf die Wahlergebnisse geschaut und festgestellt, dass es keine eindeutigen Mehrheiten mehr gibt. Die Verteilung der Stimmen auf die einzelnen politischen Parteien spiegelt die differenzierte Stimmungslage in der Bevölkerung wider.

Es gibt keine Partei mehr, die unter dem Label „Volkspartei“ als politischer Vollsortimenter in seinen Regalen alle Antworten auf die Fragen der Bürger vorrätig hat.

Die Zeiten sind vorbei, wo absolute Mehrheiten und das Durchregieren (was für ein furchtbares Wort) das erstrebte Ziel waren und Koalitionen als notwendiges Übel angesehen worden sind, weil es zu einer absoluten Mehrheit halt nicht gereicht hat. Welche Ironie: genau die Partei, die nach eigenem Anspruch ein solcher politischer Vollsortimenter ist, hat es nicht geschafft, dies den Kunden, also Wählern zu erklären, ja es nicht einmal versucht. Für diese Arroganz den Kunden gegenüber trägt sie nun die Konsequenz in Form von verlorenen Marktanteilen.

Also müssen auf bestimmte Fragestellungen spezialisierte politische Parteien kooperieren. Kommt Ihnen das nicht bekannt vor? Nennen wir in so etwas in der Wirtschaft nicht Wertschöpfungsnetzwerk?

Wertschöpfungsnetzwerk statt Verdrängungswettbewerb

Ja warum denn nicht? Wir sehen möglicherweise die Bildung eines auf Kooperation angelegten, politischen Wertschöpfungsnetzwerks, statt eines Verdrängungswettbewerbs im stagnierenden Markt der Wählerstimmen, der nicht nur während Wahlen geführt, sondern auch am Kabinettstisch mit anderen Mitteln fortgesetzt wird – mit klaren Nachteilen für die Qualität der politischen Entscheidungen. Aber eines nach dem anderen.

Was braucht das Land? Meiner Überzeugung nach ist es die Nachhaltigkeit in unserer Art zu wirtschaften, zu arbeiten und zu leben.

Und da sind die politischen Inhalte - also Kernkompetenzen - derjenigen, die derzeit die Regierungsbildung ausloten genau richtig. Denn Nachhaltigkeit heißt ja nicht nur ökologisch, sondern ökonomisch und sozial - ihr Schriftzug hat die Farben der Ampel.

Erhöhung des Mindestlohns ist überfällig

Was würde eine solche Regierung nun aus der Perspektive der Industrie bedeuten? Aus meiner Sicht sehr viel Gutes.

Nehmen wir zunächst den roten Teil der Ampel. Dass ein Großteil des Vermögenszuwachses der jüngeren Vergangenheit durch Verzinsung von Kapitalvermögen und nicht durch Erwerbsarbeit erzielt wurde, ist ungerecht.

Denn es sind die Mitarbeiter, die auf dem Shop Floor den Produktivitätsfortschritt und die Unternehmensgewinne erwirtschaften. Sie sind es, die Prozesse permanent überdenken und verbessern, wenn man sie denn lässt.

Diese Menschen am Produktivitätsfortschritt teilhaben zu lassen, ist längst überfällig, besonders die Menschen am unteren Ende der Einkommensskala. Überfällig ist deshalb auch die Erhöhung des Mindestlohns. Und wenn wir schon einmal dabei sind: Ebenfalls überfällig ist es, dass die Unternehmen Leiharbeiter wieder integrieren.

In den Unternehmen gibt es oftmals eine für mich schwer zu ertragende Zweiklassengesellschaft. Unter dem gleichen Fabrikdach arbeiten vergleichsweise ordentlich bezahlte Festangestellte und zweifelsfrei miserabel bezahlte Leiharbeiter.

Lohnzurückhaltung und Leiharbeit geschieht, um Gewinne zu maximieren. Das ist legitim. Aber ebenso legitim ist es, die Unternehmer an den Artikel des Grundgesetzes zu erinnern, in dem steht, dass Eigentum verpflichtet und sein Gebrauch dem Wohl der Allgemeinheit dienen soll.

Was der VDMA von der Ampel-Koalition fordert, erfahren Sie im Podcast mit VDMA-Präsident Karl Haeusgen:

Dekarbonisierung der Industrie ist existentiell

Außerdem darf unsere Wirtschaft darf nicht länger auf Basis der Verbrennung abgestorbener Pflanzen beruhen. Die Dekarbonisierung der Industrie ist existentiell.

Und hier gibt es Erfolge zu vermelden. Produktion von Batterien und Elektrofahrzeugen nehmen hierzulande Fahrt auf. Weniger klimaschädliche Verfahren der Stahlerzeugung sind erprobungsreif und Produzenten beteiligen sich an Off-Shore-Windparks, um von dort ihren Energiebedarf zu decken.

Na bitte, es geht doch. Und das Schönste: mittlerweile sind es große Teile der Industrie, die die Politik zu mehr Tempo drängen.

Diese Inhalte werden vom grünen Teil dieser möglichen Koalition vertreten. Und nein, dies führt uns nicht in die Steinzeit zurück und bedeutet nicht das Ende des Wohlstands, sondern exportfähige Technologien und mehr Lebensqualität.  

Nun greifen Grün und Rot leider gerne zum Mittel zur Umverteilung. Das heißt, man sammelt das Geld über Steuern und Abgaben ein, um es dann von zentraler Stelle aus großzügig zu verteilen. Das ist schön für die Verteiler, weil diese sich damit wunderbar inszenieren können, aber schlecht für die Mittel, weil ein Teil von ihnen dafür verwendet wird, um die Verteilungsmaschine aufzubauen und zu betreiben. Vor allem aber sind zentral getroffene Entscheidungen nicht immer die besten, mal vorsichtig formuliert.

Neuer Ansatz: Was ist gut für das Land?

Der gelbe Teil dieser möglichen Koalition könnte der zentralistischen Umverteilung von Rot und Grün mit klugen Instrumenten entgegentreten, wie Investitionsanreizen für klimaschonende Technologien oder Modellen zur Vermögensbildung der Arbeitnehmer.

Die Gelben würden in einer möglichen Zusammenarbeit mit den Roten und den Grünen dann hoffentlich auch lernen, dass Wirtschaftspolitik mehr ist, als nur zu fordern, flächendeckend zu digitalisieren, Unternehmenssteuern zu senken und ansonsten die Unternehmen in Ruhe zu lassen.

Rot, Gelb und Grün - das ist sozial, wirtschaftlich und ökologisch. Das ist nachhaltig, also richtig. Ich finde, eine solche Regierung hat ihre Chance verdient. Und sie sollte sie nutzen – nicht durch Rückzug auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, sondern durch kluge Kombination ihrer Kernkompetenzen.

Es könnte der Beginn einer neuen Art der Politik sein, in der politische Parteien eine Regierung nur dann bilden können, wenn sie sich zu Politnetzwerken verbinden. In denen diese Parteien ihre Stärken einbringen. In denen sie sich gegenseitig unterstützen und gleichzeitig korrigieren, geführt von derjenigen, die diesen Prozess am besten moderiert.

Nicht mehr länger lautet der Ansatz: wie kann ich möglichst viele meiner eigenen politischen Inhalte durchdrücken? Er lautet: was ist gut für das Land?

Dazu braucht es aber eine Antwort auf die Frage, wie wir eigentlich leben, arbeiten und wirtschaften wollen. Also nichts Geringeres als die Vision unserer Industriegesellschaft von morgen.

Ich finde, dies ist der beste Moment damit zu starten. Sind Sie dabei?

Über den Autor

Andreas Syska, Bild: Mareike Daennart
Bild: Mareike Daennart

Unseren Kolumnisten Prof. Dr. Andreas Syska hat die Faszination für Technologie und ihre Möglichkeiten für ein besseres Miteinander sein gesamtes Berufsleben begleitet. Nach seinem Maschinenbaustudium an der RWTH Aachen war er zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Aachener Forschungsinstitut für Rationalisierung tätig. Dort hat er sich mit Fragen des IT-Einsatzes in der Produktion beschäftigt und dabei auch eine Reihe von Industrieprojekten durchgeführt.

Nach seiner Promotion zum Dr.-Ing. ist er in die Industrie gewechselt - und zwar zur Robert Bosch GmbH nach Stuttgart. Dort war er zunächst Assistent in der Werkleitung und wurde Produktionsleiter bei einer Tochtergesellschaft des Konzerns. Danach ist er zurück in seine alte Heimat - das Rheinland - und hat sich dort als Berater für Fabrikorganisation selbständig gemacht.

Kurze Zeit später hat er einen Ruf an die Hochschule Niederrhein nach Mönchengladbach erhalten. Dort vertritt er seitdem das Lehr- und Forschungsgebiet Produktionsmanagement und versucht seinen Studenten sowie seinen Kooperationspartnern in der Industrie ein größtmögliches Stück dieser Faszination weiterzugeben.

Er ist außerdem Autor des Buches "Unsere Arbeit. Unsere Wirtschaft. Unser Leben: Ideen für das digitale Morgen". 

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