Öl- und Gas-Raffinerie-Anlage im Hintergrund und Silhouette von Engineering-Team, daneben Symbole verschiedener Dienstleistungen

Vom Angebot über den Verkauf bis zur Rechnungsstellung: Immer mehr Hersteller bieten ihre Produkte auf digitalen Plattformen an. - Bild: JT Jeeraphun - stock.adobe.com

| von Anja Ringel

Die Suche nach den passenden Lieferanten und Herstellern war in der Vergangenheit noch mühsamer: Schließlich mussten sie per Telefon, Mail oder Fax gesucht werden. Digitale Plattformen wollen das ändern. Denn dort sollen Unternehmen zig Angebote und Lieferanten finden. Sie sind aber nicht nur ein Vertriebskanal, sondern ändern laut Bitkom die Wirtschaft grundlegend.

Der Verband hat in einer Studie herausgefunden, wie die deutschen Unternehmen zu digitalen Plattformen stehen.

Eines der Ergebnisse: 45 Prozent der befragten Unternehmen bieten ihre Produkte und Dienstleistungen auf einer Plattform an (Stand: 2019). 44 Prozent kaufen bereits Produkte und Dienstleistungen über Plattformen. Aber: Fast ein Drittel (30 Prozent) sagte auch, dass digitale Plattformen derzeit nicht relevant seien. Neun Prozent erklärten, sie hätten die Relevanz von Plattformen erkannt, nutzen aber keine.

Vor der Coronakrise erklärten 36 Prozent der befragten Industrieunternehmen außerdem, dass sie die Investitionen in digitale Plattformen erhöhen wollen.

Das sind die Vor- und Nachteile von digitalen Plattformen

Auch Wirtschaftswissenschaftler Robert Henzel hat festgestellt, dass digitale Marktplätze im Handel schon längst üblich sind, die Industrie sich jedoch damit noch schwertut. „Dabei könnte das verarbeitende Gewerbe riesige Vorteile aus der Entwicklung ziehen“, sagt er einer Pressemitteilung zufolge.

Aus Sicht der befragten Unternehmen gibt es Vor- aber auch Nachteile bei der Nutzung von digitalen Plattformen. So sehen zum Beispiel mehr als 70 Prozent in der Bitkom-Studie sowohl ein breiteres Angebot als auch die Gewinnung neuer Kunden als klare Pluspunkte. Der einfache Marktzutritt für neue Wettbewerber (65 Prozent) und der erhöhte Preisdruck (55 Prozent) werden dagegen als Nachteil gesehen.

Henzel sieht Vorteile auf beiden Seiten: Zum einen können sich Hersteller durch die Nutzung der digitalen Plattformen komplett auf die Herstellung von Produkten konzentrieren. Denn Dinge wie Auftragsannahme und Rechnungsstellung finden automatisiert digital statt. Die beteiligten Firmen dagegen können Leerlauf ihrer Maschinen vermeiden und so effizient und kostengünstig arbeiten. Dadurch, dass eine Order mit wenigen Klicks angenommen werden kann, seien auch geringe Losgrößen wirtschaftlich, so Henzel.

Xometry baut seine Plattform auch in Europa weiter aus

Digitale Produktplattformen gibt es inzwischen für fast alle Bereiche – und das Angebot wächst. So hat sich zum Beispiel das amerikanische Unternehmen Xometry Anfang 2020 vergrößert, als es die deutsche Plattform Shift übernommen hat. Die Datenbank von Xometry Europe umfasst inzwischen mehr als 2.500 Lieferanten – von Herstellungsmethoden in der CNC-Bearbeitung bis additive Verfahren.

Einer dieser Lieferanten ist Mikrotek, ein Metall verarbeitender Mittelständler aus Polen. Das Unternehmen holt sich seine Aufträge unter anderem von Xometry. Geschäftsführer Jakub Dluzen erklärt in einer Mitteilung: „Neue Aufträge erscheinen am Bildschirm, ich wähle sie aus und es ist nicht nötig, mit jemandem zu verhandeln.“ Er sehe sofort, ob es Sinn mache, die Order auszuführen oder nicht. Vor ein paar Jahren habe die Auswahl der Aufträge viel Zeit in Anspruch genommen, er habe Ankündigungen veröffentlicht und für Werbung bezahlt. Durch die digitale Produktionsplattform sei das nun einfacher.

Wichtiger neuer Kunde für Metalshub

Auch im Stahlbereich tut sich einiges. Das Start-up Metalshub konnte kürzlich die Stahl-Holding-Saar-Gruppe (SHS) als Neukunden für seine digitale B2B-Plattform gewinnen. Seit dem Start der Plattform im Jahr 2017 haben sich mehr als 1.000 Unternehmen registriert. Metalshub unterstützt unter anderem den Verhandlungsprozess zwischen Rohstofflieferanten und Abnehmern und kümmert sich auch um die Qualifizierung neuer Lieferanten.

SHS nutzt Metalshub künftig für den Einkauf seiner Stahlwerksrohstoffe, teilte das Start-up mit. Die Gruppe könne dadurch seinen Einkauf effizienter gestalten und auch Compliance-Vorgaben komfortabel umsetzen, weshalb die Nutzung der Plattform innerhalb des Unternehmens nun auf breiter Front ausgerollt werden solle.

Die Kooperation zwischen den beiden Unternehmen ist dabei langfristig ausgelegt. Das heißt, die SHS-Gruppe, wickelt seit Januar eine Vielzahl ihrer Ausschreibungen für Stahlwerksrohstoffe über die digitale Plattform ab. „Aufgrund der Pandemie haben wir 2020 verstärkt aus dem Homeoffice gearbeitet. Damit einhergehend wollten wir unsere E-Procurement-Strategie weiter forcieren. Mit Metalshub haben wir einen passenden Partner gefunden, um unsere Prozesse weiter zu digitalisieren,“ erklärt Manon Schmitt-Clanché, Leiterin Einkauf und Lager bei SHS.

Laserhub setzt in der Krise auf verschiedene Lieferketten

Ein weiteres aufstrebendes Start-up ist Laserhub. Die digitale Beschaffungsplattform für Laser- und Blechteile hat Mitte 2020 eine bedeutende Finanzierungsrunde (Series A) abgeschlossen und wollte das frische Kapital nutzen, um neue Märkte in Europa zu erschließen, berichtet ‚Stahleisen‘.

Warum einer der Laserhub-Gründer die oben angesprochene Übernahme von Shift durch Xometry kritisch sieht, lesen Sie auf unserem Schwesterportal Technik+Einkauf:

In einer gemeinsamen Presseerklärung haben die beiden Start-ups Ende Januar nun erklärt, dass sowohl metallverarbeitende Industrie als auch die Stahlhersteller zunehmend Lieferschwierigkeiten und steigende Kosten durch teilweise stark anziehende Rohstoffpreise vermelden.

„Aufgrund von einer steigenden Nachfrage und einem Angebot, das nicht hinterherkommt, zieht der Rohstoffpreis für einige Legierungen aktuell stark an“, erklärt Dr. Sebastian Kreft, Vorstand bei Metalshub. Vielerorts sei zu Beginn der Coronakrise die Produktion gedrosselt beziehungsweise Kapazitäten heruntergefahren worden. Nun sei die Nachfrage überraschend schnell gestiegen. „Hinzu kommt, dass es Engpässe gibt an leere Container zu kommen und dass die Frachtraten stark angezogen haben“, sagt er. „Wenn man sich dann klarmacht, dass bei den europäischen Stahlwerken über 60 Prozent der Produktionskosten in den Rohstoffen stecken, werden die Konsequenzen schnell klar.“

Auch Laserhub hat diese Entwicklung festgestellt. Beide Start-ups vermelden nach eigenen Aussagen stark zunehmende Nutzerzahlen. „Jetzt spielt unser Geschäftsmodell mit seinem Produktionsnetzwerk seine Stärken aus. Statt auf einen einzelnen Produzenten mit einem Materiallager greifen unsere Kunden über einen Kanal auf dutzende Lager und unterschiedlichste Lieferketten zu“, erklärt Laserhub. Indem man auf mehrere Lieferketten zugreife, könne die Plattform realistische Preise bieten, die dem aktuellen Marktgeschehen entsprechen, ist sich das Unternehmen sicher.

Wissenswertes rund um die Lasertechnik

Eine Anwendung für Industrielaser ist das Laserschneiden. - Bild: I-Viewfinder - stock.adobe.com

Sie interessiert, welche Themen die Lasertechnik-Branche momentan beschäftigen? Dann kann Ihnen unser praktischer Überblick helfen. Darin erfahren Sie, was die Industrielaser in Zukunft leisten werden. Und dabei geht es nicht nur um pure Leistung, sondern zum Beispiel auch um sehr spezifische Laserquellen und die steigende Relevanz der Prozessperipherie. Hier zum Beitrag "Das sind die Trends in der industriellen Lasertechnik".

Wer sich über bestimmte Lasertypen informieren möchte, der ist übrigens hier gut aufgehoben:

Fundamentale Veränderungen durch Digitalplattformen

Die steigende Nachfrage an allen Fronten beschäftigt die beiden B2B-Plattformanbieter und treibt deren Weiterentwicklung voran. „Natürlich freuen wir uns über die aktuell hohe Nachfrage nach Metallteilen“, sagt Adrian Raidt, Co-Gründer und Geschäftsführer bei Laserhub. „Aber selbst wenn darauf ein Abschwung folgt, haben die Unternehmen weiterhin Bedürfnisse, die durch eine digitale Plattform besser bedient werden können als durch Prozesse, die auf Telefon und manuelle E-Mails setzen.“

Diese Einschätzung teilt Kreft: „Die Bedeutung transparenter und flexibler Lieferketten kann kaum hoch genug eingeschätzt werden. Viele klassische Industriebranchen stehen hier noch ganz am Anfang und ich erwarte in den kommenden Monaten noch eine sehr große Dynamik.“

Auch Henzel ist sich sicher, dass die Branche mit dem weiteren Wachstum der Plattformen eine fundamentale Veränderung durchmachen wird. Der Trend werde die Effizienz in der Produktion deutlich steigern. Dass sich digitale Produktplattformen noch nicht durchgesetzt haben, liegt laut dem Wissenschaftler vor allem daran, dass viele Unternehmer den Mehrwert der Plattformen noch nicht erkannt haben. 

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