Leoni Kabel

Leoni hat seine Werke in der Ukraine wieder in Betrieb. (Bild: Leoni AG)

Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten in Ihrer Fabrik und plötzlich geht der Fliegeralarm los. Sie laufen so schnell wie möglich in den Luftschutzbunker und warten, bis die Gefahr vorbei ist. Anschließend geht es zurück zur Arbeit. Dieses Szenario ist momentan Realität für die Leoni-Mitarbeitenden in der Westukraine. Nachdem die beiden Werke in Stryi (rund 80 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt) und Kolomyia (circa 100 Kilometer von der rumänischen Grenze entfernt) in den ersten Tagen des Krieges die Produktion eingestellt hatten, laufen beide nun trotz der Kampfhandlungen in eingeschränktem Betrieb und unter strengen Sicherheitsbestimmungen.

Das sei auch auf Wunsch der Belegschaft geschehen, erklärte Leoni-Chef Aldo Kamper heute (23.3.) auf der Bilanzpressekonferenz des Zulieferers. Die Beschäftigten seien sehr motiviert und wollten zeigen, dass die Ukraine weiter ein verlässlicher Partner sei, berichtet er. Außerdem befinde sich die Wiederaufnahme des Betriebs „im Einklang mit dem erklärten Willen der ukrainischen Regierung“.

Kamper sagte, für ihn und das Unternehmen habe die Sicherheit und die Leben der Mitarbeitenden „absolute Priorität“. Die gesamte Belegschaft von Leoni habe „mit großem Entsetzen und auch Fassungslosigkeit verfolgt, wie Russland mit dem Überfall auf die Ukraine den Krieg zurück mitten nach Europa gebracht hat“.

Es sei bewegend und beeindruckend, in den Videocalls mit Kollegen in der Ukraine zu sehen, wie entschlossen die Mitarbeitenden seien und sich nicht unterkriegen lassen, so Kamper.

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Flaggen von der Ukraine und Russland
(Bild: jd-photodesign - stock.adobe.com)

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Lieferungen in die Ukraine sind wieder möglich

Inzwischen sei es auch wieder möglich, Vor- und Endprodukte mit den Werken in der Ukraine auszutauschen, sagte Kamper.

Zu Beginn hat das Unternehmen lediglich die Tagesschicht langsam wieder in Betrieb genommen und lag bei einer Auslastung von rund 40 Prozent. Seit Anfang dieser Woche arbeiten die ukrainischen Beschäftigten wieder im Zwei-Schicht-Betrieb – also auch in der Nachschicht. Diese habe wegen der Ausgangsbeschränkung erst vorbereitet werden müssen, sagte der Leoni-Chef. Teilweise kommen die Mitarbeitenden jedoch aufgrund der Fliegeralarme mit wenig Schlaf zur Arbeit.

Die Schichten werden deswegen laut Kamper gegebenenfalls verkürzt. Die Auslastung der Werke liege nun bei 60 bis 70 Prozent. Die fehlenden Kapazitäten sollen an anderen Standorten in Osteuropa und Afrika aufgefangen werden.

In der Ukraine sind zehn ausländische Bordnetzhersteller aktiv, eines davon ist Leoni. In den beiden lokalen Werken fertigt Leoni rund zehn Prozent seiner Bordnetze für den europäischen Markt, der für rund 70 Prozent des Umsatzes steht. In den vergangenen Wochen musste unter anderem BMW und VW ihre Produktion unterbrechen, weil Kabelbäume fehlten.

Aldo Kamper
Aldo Kamper ist CEO von Leoni. (Bild: Leoni AG)

Raketenangriffe in der Nähe der Leoni-Werke

Trotz Krieg arbeiten rund 5.000 der 7.000 Mitarbeitenden derzeit in den beiden ukrainischen Werken, berichtete Kamper. Er betonte, die Beschäftigten können selbst entscheiden, ob sie zur Arbeit kommen oder nicht. Das Gehalt werde in beiden Fällen gezahlt.

Zwei Drittel der Beschäftigten seien Frauen. Ein paar hundert von ihnen seien aus dem Land geflohen – unter anderem nach Rumänien. Dort helfen ihnen Mitarbeitende aus den rumänischen Werken und die Geflüchteten arbeiten in der dortigen Fertigung, sagte Kamper.

Von den männlichen Beschäftigten seien einige Reservisten der ukrainischen Armee, sie wurden aber noch nicht eingezogen. Einige Hundert haben sich jedoch freiwillig für den Dienst gemeldet, berichtete Kamper.

Er habe eine „wahnsinnig hohe Achtung“ vor den Mitarbeitenden, so der CEO. Die Leoni-Standorte seien zwar nicht direkt vom Krieg betroffen, es habe aber Raketenangriffe nicht weit entfernt gegeben. Wenn es Luftalarm gebe, wisse man nie, wo die Raketen einschlagen. Die Mitarbeitenden wollten jedoch zeigen, dass sie sich nicht unterkriegen lassen. Auch Leoni selbst und die OEMs wollen weiter an den ukrainischen Standorten festhalten, soweit es die Lage zulässt.

So verlief das Geschäftsjahr 2021

Neben den Geschehnissen in der Ukraine muss sich der Zulieferer aber natürlich auch um seine weiteren Standorte und die wirtschaftliche Situation kümmern. „Die letzten Jahre waren eine wilde Fahrt mit ständig wechselnden Straßenverhältnissen“, beschrieb Kamper das Geschehen der jüngeren Vergangenheit. Leoni kämpfte wegen der Strukturkrise in der Autobranche und den Auswirkungen der Corona-Pandemie mit großen Herausforderungen und musste staatliche Kredithilfen in Anspruch nehmen. In den vergangenen drei Jahren habe ein Restrukturierungsprogramm Einsparungen in Höhe von jährlich 800 Millionen Euro gebracht, sagte Kamper.

Insgesamt hat Leoni mit weltweit mehr als 101.000 Mitarbeitenden im vergangenen Jahr 5,1 Milliarden Euro umgesetzt (2020: 4,1 Milliarden Euro) - bei einem Verlust von 48 Millionen. Da Teile der Industriesparte verkauft wurden, fiel der Verlust geringer aus als im Jahr zuvor. Leoni will sich künftig auf seine Bordnetze spezialisieren, weshalb für dieses Jahr ein weiterer Teilverkauf geplant ist.

2022 sollte der ursprünglichen Prognose zufolge der Umsatz leicht über fünf Milliarden Euro und damit ähnlich hoch wie 2021 ausfallen. Angesichts des Krieges in der Ukraine sei die Prognosefähigkeit des Unternehmens aber erheblich eingeschränkt, so Kamper. Man gehe von niedrigeren Umsätzen und einem schlechteren Ergebnis als ursprünglich geplant aus. „Wir erwarten nicht, dass 2022 ein weniger forderndes Jahr wird als 2021.“

Den für dieses Jahr prognostizierten Umsatz der Ukraine-Werke hatte Leoni ursprünglich mit knapp 300 Millionen Euro angegeben. Hinzu kämen rund 100 Millionen Euro im Russland-Geschäft. Auch diese Ziele werden wegen des Ukraine-Krieges und seinen Folgen wohl nicht erreicht werden.

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