Industrie im Südwesten vor dem Umbruch
Die Wirtschaftskraft Baden-Württembergs fußt seit Jahrzehnten auf einer starken Industrie – geprägt von Automobilbau, Maschinenbau und technologischer Innovationskraft. Doch die aktuelle Lage zeigt ein zunehmend anderes Bild. Große Industrieunternehmen setzen auf umfassende Sparprogramme. Der Druck zur Effizienzsteigerung ist hoch, die Anpassung an neue Rahmenbedingungen zwingend. Überkapazitäten, Marktverwerfungen, geopolitische Unsicherheiten und strukturelle Veränderungen lassen tiefgreifende Einschnitte unausweichlich erscheinen.
Besonders auffällig: Fast alle relevanten Industriezweige im Südwesten sind betroffen – vom Premium-Autobauer bis zum traditionsreichen Maschinenbauer.
Mercedes-Benz: Milliarden-Einsparungen mit ungewissem Ausgang
Beim Autobauer Mercedes-Benz machen sich die Auswirkungen der globalen Absatzprobleme deutlich bemerkbar. Rückgänge in China und den USA sowie belastende US-Zölle haben die Geschäftslage erheblich verschlechtert. Um gegenzusteuern, kündigte das Management unter Vorstandschef Ola Källenius im Februar ein weitreichendes Sparprogramm an.
Eine Sprecherin erklärte, das Unternehmen wolle „in den kommenden Jahren über alle Kostenarten hinweg mehrere Milliarden Euro jährlich einsparen“. Ziel sei es, Mercedes „wetterfester“ zu machen – also widerstandsfähiger gegenüber volatilen Märkten.
Ein Schwerpunkt liegt dabei auf dem Personal. Gemeinsam mit dem Gesamtbetriebsrat wurde ein Maßnahmenpaket vereinbart, das unter anderem ein Abfindungsprogramm für Beschäftigte in den indirekten Bereichen – insbesondere in der Verwaltung – umfasst.
Das Programm hat ein Einsparvolumen von rund fünf Milliarden Euro im Vergleich zu bisherigen Planungen. Wie viele Beschäftigte in Deutschland das Unternehmen bereits verlassen haben, wurde nicht beziffert.
Zahlen aus dem dritten Quartal 2025 liefern jedoch Hinweise: Das bereinigte Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) sank von 2,5 Milliarden Euro im Vorjahreszeitraum auf rund zwei Milliarden Euro. Von diesem Ergebnis wurden Sondereffekte in Höhe von 1,34 Milliarden Euro bereinigt – allein 876 Millionen Euro entfielen auf den Personalabbau in Deutschland und auf Sparmaßnahmen im Ausland.
Laut der Unternehmenssprecherin gehe es „nicht darum, an einem Wettbewerb teilzunehmen, wer die meisten Beschäftigten abbaut“, sondern um die Erreichung finanzieller Zielvorgaben.
Porsche: Strategiewechsel mit sozialem Risiko
Beim Sportwagenbauer Porsche belastet eine Kombination aus sinkendem Absatz und strategischer Neuausrichtung die Unternehmensbilanz erheblich. Insbesondere die Entscheidung, wieder verstärkt auf Verbrennungsmotoren zu setzen, bringt hohe Kosten mit sich. Diese Entwicklung hat den Gewinn des Unternehmens laut eigenen Angaben „fast komplett aufgezehrt“.
Bereits im Februar 2025 wurde ein erstes Sparpaket verabschiedet. Bis 2029 sollen demnach 1.900 Stellen in der Region Stuttgart wegfallen. Die Maßnahme soll sozialverträglich erfolgen, auch im Rahmen einer bestehenden Beschäftigungssicherung.
Zudem laufen die Verträge von rund 2.000 befristet Angestellten aus. Diese Entwicklungen bedeuten für das Unternehmen einen tiefen Einschnitt, der sich auch auf die langfristige Beschäftigungsstruktur auswirken könnte.
Betriebsratschef Ibrahim Aslan warnte in den laufenden Verhandlungen vor gravierenden Folgen für die deutschen Standorte: „Jeder vierte Arbeitsplatz in der Porsche AG steht auf dem Spiel.“ Die Aussage bezieht sich auf das Stammwerk in Stuttgart-Zuffenhausen, das Entwicklungszentrum in Weissach sowie mehrere kleinere Standorte mit zusammen rund 23.000 Beschäftigten. Rechnerisch könnten somit bis zu 5.500 Arbeitsplätze betroffen sein.
Aslan fordert eine Verlängerung der Beschäftigungssicherung bis mindestens 2035 – die aktuelle Vereinbarung gilt lediglich bis Mitte 2030. Danach wären auch betriebsbedingte Kündigungen wieder möglich.
Nach Angaben des Betriebsrats wird in den Gesprächen unter anderem auch über die Auslagerung ganzer Betriebsteile und Modellreihen diskutiert. Ein Sprecher von Porsche betonte: „Die Automobilindustrie steht vor immensen Herausforderungen und unsere Wettbewerbsfähigkeit entscheidet über die Zukunft von Porsche.“
Zu den vom Betriebsrat genannten Zahlen äußerte sich das Unternehmen nicht. Ebenso blieb offen, wie viele Stellen im vergangenen Jahr aufgebaut oder abgebaut wurden – und welche Entwicklungen für 2026 zu erwarten sind.
Bosch: Kostenlücke in Milliardenhöhe
Der Automobilzulieferer Bosch sieht sich weltweit mit einer Kostenlücke von 2,5 Milliarden Euro pro Jahr konfrontiert. Besonders betroffen ist der Bereich Mobility, der Kern des Automobilgeschäfts.
Um diese Lücke zu schließen, kündigte der Konzern im September 2025 an, weltweit rund 13.000 weitere Stellen abzubauen. Schwerpunkt der Maßnahmen sind erneut die deutschen Standorte.
Die Gesamtsumme aller seit Ende 2023 angekündigten Stellenstreichungen beträgt laut Unternehmensangaben rund 29.000.
Die Umstrukturierungen erfolgen unter der Prämisse der Sozialverträglichkeit. Für die Beschäftigten der Mobility-Sparte gilt bis Ende 2027 eine Beschäftigungssicherung, in einigen Teilbereichen sogar darüber hinaus. Betriebsbedingte Kündigungen sind in dieser Zeit ausgeschlossen.
Die wirtschaftliche Lage zwingt Bosch jedoch auch in anderen Bereichen zu Einsparungen – etwa bei Heizungen, Haushaltsgeräten oder Elektrowerkzeugen.
Wie viele Stellen 2025 konkret abgebaut wurden, ließ das Unternehmen bislang offen. Eine Sprecherin verwies auf die bevorstehende Vorlage der vorläufigen Bilanz Ende Januar. Die Gespräche mit Arbeitnehmervertretern verlaufen nach Unternehmensangaben konstruktiv: „Wir kommen voran“, so die Sprecherin. Es sei absehbar, dass bald konkrete Vereinbarungen kommuniziert werden könnten.
ZF Friedrichshafen: Schulden und Strukturprobleme
Der Automobilzulieferer ZF Friedrichshafen steht vor tiefgreifenden Einschnitten. Bis 2028 sollen bis zu 14.000 Stellen in Deutschland wegfallen. Bereits bis Ende September 2025 wurden weltweit 5.387 Stellen abgebaut – davon 1.964 in Deutschland.
Nicht berücksichtigt sind in diesen Zahlen zusätzliche Effekte durch Arbeitszeitabsenkungen. Zudem laufen Freiwilligenprogramme, mit denen weitere Stellen reduziert werden sollen.
ZF leidet unter einer gedämpften Fahrzeugproduktion und einem zögerlichen Wandel zur Elektromobilität. Das Unternehmen verzeichnete zuletzt Millionenverluste.
Zusätzlich drücken hohe Schulden: Für die Übernahmen des Bremsenspezialisten Wabco und des Zulieferers TRW wurden Kredite aufgenommen. Ende September 2025 lag die Verschuldung bei über 10,6 Milliarden Euro. Der Schuldendienst verschlingt jährlich Hunderte Millionen Euro – Mittel, die für Investitionen oder Beschäftigung fehlen.
ZF-Chef Mathias Miedreich verfolgt das Ziel, den Schuldenberg so schnell wie möglich zu reduzieren.
Mahle: Weniger Verwaltung, geringere Kosten
Der Stuttgarter Zulieferer Mahle plant, weltweit rund 1.000 Stellen in der Verwaltung zu streichen – etwa die Hälfte davon in Deutschland.
Konzernchef Arnd Franz sprach in Interviews von einer „notwendigen Maßnahme“. Die Planungen des Unternehmens seien angepasst worden.
„Wir müssen unsere Kapazitäten in den indirekten Bereichen, also in der Verwaltung, aber auch in Forschung und Entwicklung, reduzieren“, sagte Franz gegenüber der „Stuttgarter Zeitung“ und den „Stuttgarter Nachrichten“.
Ab 2026 sollen dadurch jährlich 150 Millionen Euro zusätzlich eingespart werden. Die Gründe für die Einschnitte liegen laut Franz in der schwachen Marktlage, den US-Zöllen und dem zunehmenden Wettbewerb mit China.
Ende November 2025 beschäftigte Mahle noch knapp 65.000 Menschen – rund 2.700 weniger als ein Jahr zuvor.
Daimler Truck: Europageschäft unter Druck
Beim Nutzfahrzeughersteller Daimler Truck ziehen die Geschäfte in Europa nach einem Konjunkturtief langsam wieder an. Dennoch werden tiefgreifende Kostensenkungen umgesetzt.
Das Ziel des Managements unter Vorstandschefin Karin Radström: Die seit Jahren renditeschwache Sparte in Europa soll profitabler werden.
Bis 2030 sollen die laufenden Kosten auf dem Heimatkontinent um mehr als eine Milliarde Euro gesenkt werden. Im Zuge dessen ist der Abbau von rund 5.000 Stellen in Deutschland vorgesehen.
Auch in Nordamerika, wo die Geschäfte bislang nicht stabil laufen, werden die Produktionskapazitäten gesenkt – betroffen sind dort über 2.000 Arbeitsplätze.
Die Umsetzung des Programms läuft, weitere Details sollen im März 2026 folgen.
Voith: Jeder zehnte Arbeitsplatz wackelt
Der Technologiekonzern Voith mit Sitz in Heidenheim plant, weltweit bis zu 2.500 Arbeitsplätze zu streichen. Damit wäre rund jeder zehnte Arbeitsplatz im Unternehmen betroffen.
Voith ist in den Bereichen Wasserkraft, Papiermaschinen und Antriebstechnik aktiv.
Welche Standorte konkret betroffen sind, ist bislang nicht bekannt. Die Gespräche zwischen Unternehmen und Gewerkschaft sollen in den kommenden Wochen beginnen.
Für den Hauptsitz gilt eine Beschäftigungssicherung bis März 2028 – betriebsbedingte Kündigungen sind dort bis dahin ausgeschlossen.
Im Geschäftsjahr 2023/24 verzeichnete der Konzern ein negatives Ergebnis von minus 247 Millionen Euro – die Konjunkturschwäche zeigt auch hier deutliche Spuren.
Trumpf: Stabilität durch konservative Planung
Der Maschinenbauer und Laserspezialist Trumpf kündigte bereits im Frühjahr 2025 den Abbau von 1.000 Stellen weltweit an. Mehr als 400 davon entfallen auf den Stammsitz in Ditzingen.
Bis Ende Juni 2025 beschäftigte das Unternehmen 18.303 Menschen – rund 700 weniger als im Vorjahr. In Deutschland sank die Zahl der Beschäftigten um 1,8 Prozent auf 9.337.
Laut Geschäftsführerin Nicola Leibinger-Kammüller wird der Stellenabbau erst im laufenden Geschäftsjahr vollständig wirksam.
Ein weiterer Abbau sei jedoch derzeit nicht geplant: „Wenn wir unsere Planung – die ja konservativ ist – einhalten können, und danach sieht es derzeit aus, werden wir keinen weiteren Stellenabbau benötigen.“
Mit Material der dpa
FAQ – Häufige Fragen zur Entwicklung im Südwesten
Welche Unternehmen streichen besonders viele Stellen? – Mercedes-Benz, Bosch, ZF Friedrichshafen, Porsche und Daimler Truck gehören zu den größten Akteuren mit umfangreichen Abbauprogrammen.
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Warum bauen so viele Industriebetriebe Stellen ab? – Gründe sind unter anderem globale Absatzprobleme, hohe Schulden, strategische Umbrüche sowie Effizienz- und Kostendruck.
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Wie sozialverträglich verlaufen die Programme? – In vielen Fällen gibt es Beschäftigungssicherungen, Freiwilligenprogramme oder Abfindungen. Betriebsbedingte Kündigungen sollen oft vermieden werden.
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Wie viele Jobs sind insgesamt betroffen? – Allein die in den Texten genannten Programme betreffen mehrere zehntausend Stellen – ein großer Teil davon in Baden-Württemberg.
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Welche Zukunftsaussichten bestehen für den Standort? – Viele Unternehmen arbeiten an langfristigen Strategien zur Sicherung ihrer Wettbewerbsfähigkeit – dabei sind Stellenkürzungen nur ein Baustein.