Virus unter dem Mikroskop

Deutsche Unternehmen reagieren auf die Ausbreitung des Coronavirus: Dienstreisen werden gestrichen, Werke in China geschlossen gehalten. Noch ist das unproblematisch, denn im Zuge des chinesischen Neujahrsfests ruht in der Volksrepublik in vielen Betrieben die Arbeit. - Bild: Pixabay

| von Gerd Mischler und Julia Dusold

Hätte Webasto schneller gehandelt, hätte es so weit wohl nicht kommen müssen. Doch der Automobilzulieferer verbot seinen Mitarbeitern Reisen von und nach China erst, als andere Unternehmen solche Maßnahmen bereits ergriffen hatten. Deshalb steckte sich ein 33-jähriger Mitarbeiter des Unternehmens aus Stockdorf südlich von München mit größter Wahrscheinlichkeit bei einer chinesischen Kollegin mit dem Coronavirus an.

Die bei Webasto in Shanghai beschäftigte Frau leitete in der bayerischen Firmenzentrale eine Fortbildung. Dazu war sie nach Deutschland gereist, kurz nachdem sie in China Besuch von ihren aus der Region Wuhan stammenden Eltern gehabt hatte. Das berichtete am Dienstagvormittag der Präsident des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, Andreas Zapf, auf einer Pressekonferenz.

Am Dienstagabend wurde bekannt, dass auch drei weitere Mitarbeiter von Webasto mit dem Virus infiziert sind. Die Maßnahmen zum Schutz der Belegschaft wurden aufgrund der neueren Entwicklungen ausgeweitet: Der Standort Stockdorf wird bis Sonntag geschlossen und die komplette Reisetätigkeit der Mitarbeiter eingestellt. Außerdem startet das systematische Testen von Kontakten der betroffenen Personen durch ein Ärzte-Team des Gesundheitsamts.

Video: Das ist der erste deutsche Corona-Fall

Zahl der Infizierten steigt sprunghaft an

In Wuhan infizierte sich am 31. Dezember 2019 erstmals ein Mensch mit dem Lungenvirus. Die Elf-Millionen-Einwohnermetropole ist Hauptstadt der zentralchinesischen Provinz Hubei. Dort starben bislang mehr als 100 Menschen an durch den Virus ausgelösten Lungenbeschwerden. Insgesamt haben sich in Hubei wenigstens 2567 Menschen mit dem Erreger infiziert, melden die Gesundheitsbehörden der Provinz. In ganz China stieg die Zahl der betroffenen Patienten allein von Montag auf Dienstag um gut 1700 auf nun wenigstens 4543 Personen. Innerhalb eines Tages bis Mittwoch kletterte sie dort um weitere 1459 bekannte Fälle. Damit sind weltweit mehr als 6000 Patienten registriert. Die Gesamtzahl der Todesfälle in China stieg um 26 auf 132.

Welche Auswirkungen hat das Virus auf die Industrie?

Die deutsche Industrie ist in Wuhan zwar nicht so präsent wie in den Hafenstädten an der chinesischen Küste. Dennoch unterhalten rund 50 deutsche Unternehmen dort Produktionsstätten – darunter die Automobilzulieferer Brose, Mahle und Bosch. Auch Siemens, SAP, die Telekom und der Spezialist für Medizintechnik Fresenius haben sich dort angesiedelt. Webasto produziert in Wuhan mit 500 Mitarbeitern Cabriodächer und Ladestationen für Elektrofahrzeuge.

Schaeffler betreibt in der Provinzhauptstadt einen Logistikstandort. Der Automobilzulieferer aus Herzogenaurach verbietet seinen Mitarbeitern bereits seit dem 23. Januar nach China zu reisen oder von dort aus Dienstreisen zu unternehmen. Das Verbot soll wenigstens bis zum 15. Februar gelten.

Ähnlich haben der Hersteller von Ventilatoren für die Klima- und Lüftungstechnik. Ziehl-Abegg und der Spezialist für Industrieklebstoffe Delo auf die bedrohliche Gesundheitslage in der Volksrepublik reagiert. Obwohl Delo in Wuhan weder ein Werk noch eine Niederlassung unterhält, dürfen Mitarbeiter des Familienbetriebs aus dem oberbayerischen Windach bis Ende Februar nicht in die Volksrepublik reisen. "Dann überprüfen wir, ob wir das Reiseverbot verlängern", sagt ein Unternehmenssprecher.

Reiseeinschränkungen treffen Unternehmen hart

Der Verzicht trifft Delo hart: Denn die Volksrepublik ist für den Mittelständler der wichtigste Einzelmarkt. Delo betreibt zwar keine Fertigungsstätten in China, beschäftigt dort aber über 30 seiner 800 Mitarbeiter und erwirtschaftet mit 159 Millionen Euro knapp ein Drittel seines Umsatzes im Reich der Mitte.

Ähnlich hart trifft die aktuelle Entwicklung Bosch. Der Automobilzulieferer betreibt in Wuhan zwei Werke mit insgesamt rund 800 Mitarbeitern. Dennoch müssen Mitarbeiter des Automobilzulieferers Reisen nach Hubei derzeit absagen oder verschieben, erklärt eine Konzernsprecherin.

Autobauer BMW genehmigt Mitarbeitern im Moment noch Reisen von und nach China - doch nur, wenn diese 'zwingend notwendig' sind. Allerdings liegt das Werk der Bayern in Shenyang im Nordosten der Volksrepublik und damit weit entfernt von Wuhan.

Die Unternehmen reagieren mit ihren Reisevorschriften auf die Empfehlungen des Auswärtigen Amtes. Dieses rät auf seiner Webseite von Reisen in die Provinz Hubei ab und schreibt: "Verschieben Sie nach Möglichkeit nicht notwendige Reisen nach China."

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Das Glück: Zu Neujahr ruht der Betrieb in China vielerorts sowieso

Derzeit hoffen deutsche Unternehmen, die in Wuhan oder der Provinz Hubei fertigen, zudem dass sich die Situation dort wie in der gesamten Volksrepublik bis zum Ende des chinesischen Neujahrsfests beruhigt. Um Arbeitnehmern zu ermöglichen, zuhause zu bleiben, haben die chinesischen Behörden die Neujahrsferien am Montag um drei Tage bis kommenden Sonntag verlängert. In Shanghai dauert die amtlich verordnete Betriebsruhe sogar bis zum 9. Februar.

Das entlastet deutsche Unternehmen in Wuhan. "Wir haben dort ein kleines Büro mit sechs lokalen Mitarbeitern. Diese sind derzeit aufgrund des chinesischen Neujahrsfests nicht im Büro", erklärt ein Sprecher von Schaeffler. Auch in den Werken von Bosch ruht der Betrieb. Im Werk von Webasto steht die Produktion bis zum 10. Februar – drei Tage länger als ursprünglich geplant. Die Werksferien nutzen Bosch und Webasto, um die Lüftungsanlagen in ihren Werken zu überprüfen und Arbeitsplätze und –oberflächen sowie Shuttle Busse für ihre Mitarbeiter gründlich zu desinfizieren.

Auch Lasertechnik-Spezialisten Trumpf sieht die Auswirkungen des Coronaausbruchs auf das Tagesgeschäft gelassen. "Bei uns besteht dank der Betriebsferien im Zuge des chinesischen Neujahrsfestes derzeit kein großer Anlass nach China zu reisen", erklärt Unternehmenssprecher Rainer Berghausen. "Da wir unsere China-Niederlassung in der Region Shanghai haben, bewerten wir die Lage neu, sobald dort die amtlich verordnete Betriebsruhe am 9. Februar endet."

Ziehl-Abegg sagt Teilnahme an Messe in Wuhan ab

Zu einer drastischen Maßnahme griff dagegen Ventilatorenproduzent Ziehl-Abegg. Er stoppte den Transport eines mit Maschinen und Bauteilen gefüllten Containers nach China. Mit den Produkten wollte der Mittelständler aus dem Hohenloher Land seinen Stand auf der Messe 'China Refrigeration' bestücken. Diese findet Anfang April in Wuhan statt. Wie schön wäre es, wenn der Coronaausbruch bis dahin vorbei wäre und die Schwaben ihre Teilnehmer zu früh abgesagt hätten?

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