Raffinerie bei Nacht

Für den Großanlagenbau war 2021 ein gutes Jahr. (Bild: industrieblick - stock.adobe.com)

Ein Umsatz von 6,3 Milliarden Euro im vergangenen Jahr und 1,6 Milliarden Euro im ersten Corona-Jahr 2020: Russland ist der wichtigste Auslandsmarkt für den deutschen Großanlagenbau. Ein Drittel des Auslandsumsatzes von 18 Milliarden Euro wurde 2021 dort erwirtschaftet. Doch nach dem Einmarsch in die Ukraine sieht das ganz anders aus, wie Jürgen Nowicki, Sprecher der VDMA-Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau und CEO von Linde Engineering heute (21.3.) auf einer Pressekonferenz erklärte.

Der Krieg beschränke die Tätigkeiten der Branche in Russland, Belarus und der Ukraine erheblich, sagte er. Die Folgen der Invasion seien aber noch nicht abzusehen. Das wichtigste sei derzeit nicht der Großanlagenbau, sondern dass die Waffen schweigen. Danach werde man weitersehen.

Während der Großanlagenbau in der Ukraine nur gering vertreten ist, stellt Russland einen wichtigeren Standort für die Branche dar. Unternehmen, die hier tätig sind, prüfen laut Nowicki derzeit, ob und wie die laufenden Projekte fortgeführt werden können. Dabei geht es aus wirtschaftlicher Sicht um zwei Dinge: Sanktionen und Lieferbeschränkungen.

Ukraine-Krieg: Alle wichtigen Informationen für die Industrie

Flaggen von der Ukraine und Russland
(Bild: jd-photodesign - stock.adobe.com)

Der Ukraine-Krieg hat die Welt verändert und hat auch Auswirkungen auf die deutsche Industrie und Wirtschaft. Hier finden Sie weitere Informationen:

 

Sanktionen gegen Russland: Firmen überprüfen Projekte

Von den Sanktionen des Auslands sind sowohl einzelne Personen als auch Industrien betroffen. Steht ein Geschäftsmann auf der Sanktionsliste, dessen Unternehmen das Projekt in Auftrag gegeben hat, müssen die Verbindungen sofort gekappt werden, so Nowicki.

Welche Oligarchen mit Industriebezug auf den internationalen Sanktionslisten stehen, erfahren Sie hier. Einen Überblick über die Sanktionen finden Sie im Übrigen hier und hier.

Geht es um Sanktionen gegen bestimmte Industriezweige ist die Situation etwas komplizierter. Denn hier müsse genau geprüft werden, ob das jeweilige Projekt darunterfällt, so Nowicki. Denn beendet ein Unternehmen ein Projekt in Russland nicht, obwohl es von Sanktionen betroffen ist, verstößt es gegen die Sanktionsregeln. Wenn ein Unternehmen aber sein Projekt beendet, obwohl es nicht auf der Sanktionsliste steht, erfüllt es seine Verträge nicht und kann ebenfalls in Schwierigkeiten geraten.

Die Großanlagenbauer überprüfen deshalb sehr genau, welche Projekte in Russland noch weitergehen können.

Ob Unternehmen Projekte weiter durchführen, die nicht von Sanktionen betroffen sind, hängt auch von der Materialverfügbarkeit ab. Die Ressourcenknappheit habe sich durch den Ukraine-Krieg noch einmal verschärft, erklärte Nowicki. Das hängt auch damit zusammen, dass Transportunternehmen derzeit vorsichtig seien und selbst noch überprüfen, welche Waren sie derzeit nach Russland liefern dürfen – und welche nicht. Auch die Zahlungen seien derzeit schwierig, sagte Nowicki.

Folgen des Krieges sind spürbar

Momentan berichten rund drei Viertel aller Großanlagenbauer von Unterbrechungen bei laufenden Projekten in Russland und der Ukraine sowie vom Ausfall wichtiger Lieferanten aus der Region sowie aus Drittstaaten.

Der Großanlagenbau beobachtet auch, dass der Ukraine-Krieg das Geschäft weltweit beeinträchtige, erklärte Nowicki. Zwei Beispiele: Es gibt Lieferanten, die ihre Angebote zurückziehen und wieder andere die ihre Preise zwischen 30 und 50 Prozent anheben. Fast 53 Prozent der Mitglieder des VDMA Großanlagenbau gaben in einer Umfrage an, dass der Ukraine-Krieg die Erwartungen in Bezug auf den Gesamt-Auftragseingang bis 2023 verschlechtert hat.

Als Folgen des Krieges spüren die Unternehmen vor allem die steigenden Energie- und Rohstoffpreise sowie die höheren Logistikkosten und längeren Lieferzeiten.

Auslands-Aufträge wachsen kräftig

Dabei war der Großanalagenbau nach einem „guten und wichtigen Jahr 2021“ – so Nowicki – zuversichtlich für das laufende Jahr. 2020 kämpfte die Branche noch mit einem Auftragsrückgang um 35 Prozent. Der Auftragseingang im Exportgeschäft sank auf 8,7 Milliarden Euro und damit das Niveau von 1989.

2021 sah es dagegen ganz anders aus: Der Gesamt-Auftragseingang stieg um 78 Prozent auf 21,2 Milliarden Euro (2020: 11,9 Milliarden Euro) und übertraf damit das Vor-Corona-Niveau. Die Auslands-Auftragseingänge legten sogar um 108 Prozent zu. Das ist für die Branche das stärkste jemals gemeldete Wachstum innerhalb eines Jahres.

Im Inland lag die Nachfrage dagegen wie im Vorjahr bei 3,2 Milliarden Euro. Diese Stagnation ist aber laut Nowicki nicht neu.

Nachhaltigkeit als Chance für den Großanlagenbau

Chancen sieht der Verband in der nachhaltigen Energieerzeugung und Industrieproduktion. Die Branche könne innovative Anlagen und Verfahren auf den Markt bringen, sagte Nowicki. Zum Beispiel Anlagen für eine CO2-freie Energieerzeugung oder zum Recycling von Wertstoffen. Auch in Anlagen zur Erzeugung von grünem Wasserstoff sieht Nowicki Potenzial für die Branche.

Bei allen Themen rund um Nachhaltigkeit sei vieles aber noch nicht entschieden, weil den Unternehmen die Finanzierung fehle. Die VDMA-Arbeitsgruppe geht aber davon aus, dass die Nachfrage in den kommenden Jahren exponentiell ansteigen und zunehmend den Auftragseingang dominieren wird. Derzeit müssten jedoch die jeweiligen Staaten noch helfen, um die Entwicklungen ins Rollen zu bringen, sagte Nowicki.

Auf einem guten Weg sieht er seine Branche im Bereich Digitalisierung. Hier habe die Corona-Pandemie vieles beschleunigt. Dinge wie VR-Brillen, Drohnen und Roboter werden inzwischen selbstverständlich als technische Hilfsmittel eingesetzt, um Anlagen auch remote in Betrieb nehmen zu können.

Die Anfragen nach nachhaltigen Technologien und Projekte für die Energiesicherheit Europas machen der Branche Hoffnung für das laufende Jahr. Die Erwartungen sind jedoch aufgrund der aktuellen Lage eher gedämpft. Wie es vor allem im Bezug auf das Russland-Geschäft weitergeht, sei derzeit schwer zu sagen, meinte Nowicki.

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