Branche unter Druck

Stellenabbau: Autoindustrie verliert 42.300 Jobs

Der Stellenabbau in der Autoindustrie beschleunigt sich. Mitte 2026 waren nur noch 691.500 Menschen in der Branche beschäftigt. Hersteller und Zulieferer planen weitere Kürzungen.

Eine menschenleere Autofabrik: In der deutschen Autoindustrie schwinden die Arbeitsplätze derzeit schneller als in jeder anderen Industriebranche.
Eine menschenleere Autofabrik: In der deutschen Autoindustrie schwinden die Arbeitsplätze derzeit schneller als in jeder anderen Industriebranche.

Summary: In der deutschen Autoindustrie sank die Beschäftigung zum Ende des ersten Halbjahres 2026 binnen eines Jahres um 42.300 Stellen auf 691.500 Jobs. Besonders betroffen sind Zulieferer, während Hersteller und Konzerne weitere Kürzungen planen. Verbände, Gewerkschaften und Experten nennen unterschiedliche Ursachen und Gegenmaßnahmen.

Wie stark ist der Stellenabbau in der Autoindustrie?

In keiner anderen deutschen Industriebranche schwinden die Arbeitsplätze derzeit schneller als in der Autoindustrie. Zum Ende des ersten Halbjahres 2026 waren dort noch 691.500 Menschen beschäftigt. Das ist der niedrigste Wert seit Beginn der vergleichbaren Statistikreihe im Jahr 2005, wie das Statistische Bundesamt berichtet.

Binnen eines Jahres sank die Zahl der Beschäftigten um 42.300 beziehungsweise 5,8 %. Auch im gesamten verarbeitenden Gewerbe gingen Arbeitsplätze verloren, allerdings langsamer. Dort verschwanden innerhalb eines Jahres 144.000 Jobs. Die Beschäftigtenzahl sank um 2,7 % auf 5,29 Millionen.

Noch deutlicher wird die Entwicklung im längerfristigen Vergleich. Seit dem Vor-Corona-Jahr 2019 sind in der Autoindustrie 142.400 Arbeitsplätze und damit 16 % der Stellen weggefallen, wie die Beratungsgesellschaft EY in ihrem Industriebarometer feststellt.

EY-Experte Jan Brorhilker erwartet weitere Stellenverluste: "Viele Unternehmen haben ihren Restrukturierungskurs noch lange nicht abgeschlossen. Angesichts hoher Arbeitskosten, einer schwachen Produktivitätsentwicklung und zunehmenden internationalen Wettbewerbs planen viele Unternehmen, den Stellenabbau in Deutschland sogar weiter zu verschärfen."

Zulieferer besonders stark vom Jobabbau betroffen

Trotz des Stellenabbaus bleibt die Automobilbranche mit 691.500 Beschäftigten hinter dem Maschinenbau mit 905.900 Beschäftigten der zweitgrößte Industriezweig Deutschlands.

Besonders deutlich ist der Rückgang bei den Zulieferern von Teilen und Zubehör für Kraftwagen. Dort sank die Beschäftigung um 7,6 %. Bei den Fahrzeugherstellern selbst gingen 6,1 % der Arbeitsplätze verloren.

In den aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes sind die jüngsten Stellenabbaupläne großer deutscher Autohersteller noch nicht berücksichtigt. BMW hat den Abbau von rund 8.000 Jobs weltweit angekündigt. Im Volkswagen-Konzern, zu dem auch Porsche und Audi gehören, wird grob gerechnet um eine Verdoppelung der bereits laufenden Kürzung um 50.000 Stellen gerungen.

Bosch will weltweit bis zu 22.000 Stellen im Zuliefererbereich streichen. Bei ZF geht es um 14.000 Arbeitsplätze in Deutschland. Mercedes-Benz hat ebenfalls bereits tausende Jobs abgebaut.

Warum könnte sich der Stellenabbau weiter verschärfen?

Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer erwartet einen weitreichenden Beschäftigungsabbau. "2030 wird die deutsche Automobilindustrie auf 500.000 Arbeitsplätze oder weniger geschrumpft sein", sagt er.

Dudenhöffer sieht erhebliche Kostennachteile am Standort Deutschland. Unter den bestehenden Kostenstrukturen werde hierzulande nicht mehr in neue Produktionskapazitäten investiert. Diese entstünden beispielsweise in Ungarn, Rumänien oder Spanien. Dort seien neben den Arbeitskosten auch die steuerlichen Belastungen geringer und Energie günstiger.

Auch die Türkei steht als Produktionsstandort hoch im Kurs. Der koreanische Konzern Hyundai hat zuletzt 250 Mio. EUR investiert, um im Werk Izmit das neue Elektroauto "Ioniq 3" zu bauen.

VDA sieht Standort Deutschland unter Druck

Die Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie, Hildegard Müller, sieht ebenfalls wirtschaftliche Gründe dafür, dass sich Unternehmen zunehmend gegen den Standort Deutschland entscheiden. Investitionen und Arbeitsplätze wanderten ab.

Als Investitionshemmnisse nennt die VDA-Präsidentin hohe Kosten für Arbeit und Energie, langwierige Verfahren, Bürokratie und eine marode Infrastruktur. Daraus müssten politische Konsequenzen gezogen werden: "Alles, was den Standort stärkt, Wachstum schafft und hilft, Beschäftigung zu erhalten, muss in Berlin und auch in Brüssel ganz oben auf der Agenda stehen."

Welche Gegenmaßnahmen werden für die Autoindustrie gefordert?

Sebastian Dullien vom gewerkschaftlichen Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) hält Lohnkürzungen oder Einschnitte bei Sozialleistungen dagegen nicht für eine geeignete Antwort auf die Wettbewerbsprobleme.

"Wenn die Regierung in Peking beschlossen hat, dass möglichst keine Autos westlicher Hersteller mehr in China verkauft werden sollen oder dass das Energiesystem Chinas ohne ausländische Technologie auskommen soll, dann helfen ein paar Prozent niedrigere Lohnkosten in Deutschland wenig."

Dullien fordert stattdessen konsequente Local-Content-Klauseln, selektive Schutzzölle für Schlüsselbranchen und eine gezielte Förderung von Zukunftstechnologien.

Die IG Metall sieht die Verantwortung für die Situation beim Management. Dieses sei über Jahrzehnte plan- und ideenlos vorgegangen. "Die Branche braucht keine endlosen Sparprogramme, sondern Investitionen in Innovation, Forschung, Softwarekompetenz, Qualifizierung und moderne Produktionsanlagen", verlangt die Gewerkschaft.

Die Beschäftigten seien nicht länger bereit, dem schleichenden Sterben ihrer Branche zuzusehen. Für den 21. September ist ein bundesweiter Aktionstag geplant.

Stellenabbau trifft weitere Industriebranchen

Die Folgen der Entwicklung reichen über die Fahrzeugindustrie hinaus. "Wenn diese Branche schwächelt, trifft das nicht nur die Hersteller, sondern auch zahlreiche Zulieferer und viele weitere Industriebranchen. Die anhaltend schwache Entwicklung der Autoindustrie kann sich daher wie ein Bremsklotz für die gesamte deutsche Industrie auswirken", sagt EY-Berater Brorhilker.

Unter anderem sind Chemie, Maschinenbau und Metallerzeugung auf Aufträge aus der Autoindustrie angewiesen.

Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall sieht niedrigere Kosten als Voraussetzung für neue Investitionen. "Erst wenn die Kosten sinken, werden Investitionen für die Unternehmen wieder attraktiver und somit Arbeitsplätze gesichert", heißt es vom Verband.

Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Oliver Zander bezeichnet den Beschäftigungsrückgang in der Metall- und Elektro-Industrie seit 2019 als dramatisch. "Der Wegfall von 340.000 Arbeitsplätzen bedeutet einen Verlust von rund 40 Milliarden Euro Wertschöpfung für unser Land. Jeder verlorene Arbeitsplatz heißt auch weniger Steuereinnahmen und Sozialbeiträge."

Mit Material der dpa

FAQ: Stellenabbau in der Autoindustrie

• Wie stark ist der Stellenabbau in der Autoindustrie? – Zum Ende des ersten Halbjahres 2026 waren 691.500 Menschen beschäftigt, 42.300 beziehungsweise 5,8 % weniger als ein Jahr zuvor.

• Wo ist der Stellenabbau in der Autoindustrie besonders stark? – Bei Zulieferern von Teilen und Zubehör für Kraftwagen sank die Beschäftigung um 7,6 %, bei den Herstellern um 6,1 %.

• Warum verschärft sich der Stellenabbau in der Autoindustrie? – Genannt werden unter anderem hohe Arbeits- und Energiekosten, schwache Produktivitätsentwicklung, internationaler Wettbewerb und Investitionshemmnisse.

• Welche Unternehmen planen weiteren Stellenabbau in der Autoindustrie? – In der Vorlage werden unter anderem BMW, Volkswagen, Bosch und ZF mit weiteren Stellenabbauplänen genannt.

• Was fordert die IG Metall beim Stellenabbau in der Autoindustrie? – Die Gewerkschaft fordert Investitionen in Innovation, Forschung, Softwarekompetenz, Qualifizierung und moderne Produktionsanlagen.