Extrem angespannte Lage

VW-Krise: Volkswagen-Konzern ringt um Standorte und Jobs

Die VW-Krise verschärft den Druck auf Konzern und Belegschaft. Volkswagen will Kosten senken und Überkapazitäten abbauen. Im Fokus stehen Arbeitsplätze sowie die Zukunft mehrerer Standorte.

Der Volkswagen-Konzern hat im zweiten Quartal einen erneuten Gewinnrückgang verbucht.
Die VW-Führung will die Kosten senken und die Wettbewerbsfähigkeit verbessern. Belegschaft, Gewerkschaften und Politik bangen um Zehntausende Arbeitsplätze und die Standorte Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm.

• Volkswagen plant bis Ende August neun außerordentliche Betriebsversammlungen, beginnend am 25. August in Wolfsburg.

• Die VW-Krise trifft besonders Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm, für die derzeit keine wettbewerbsfähige Belegung für die 2030er-Jahre dargestellt werden kann.

• In Europa sollen Überkapazitäten von mehr als 500.000 Fahrzeugen pro Jahr abgebaut werden. Konkrete Werksschließungen sind laut Konzernchef Oliver Blume nicht beschlossen.

• Bis 2030 sollen bei Volkswagen, Audi, Porsche und Cariad rund 50.000 Stellen in Deutschland sozialverträglich und freiwillig abgebaut werden. Weitere Einsparungen gelten als notwendig.

Warum ist die VW-Krise so angespannt?

Volkswagen steht vor weitreichenden Entscheidungen über Kosten, Beschäftigung und die künftige Auslastung seiner Werke. Gleich neun außerordentliche Betriebsversammlungen stehen in den kommenden Tagen an. Dabei geht es um die Zukunft des Konzerns und seiner Standorte.

Die Konzernführung will die Kosten weiter senken und die Wettbewerbsfähigkeit verbessern. Gleichzeitig wächst bei Belegschaft, Gewerkschaften und Politik die Sorge um Zehntausende Arbeitsplätze und insbesondere um die Standorte Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm.

„Die Lage ist mehr als kritisch“, sagte VW-Konzernchef Oliver Blume jüngst in einem Interview, das im Intranet des Unternehmens veröffentlicht wurde und der dpa vorliegt. Volkswagen verdiene zu wenig, um damit die Zukunft finanzieren zu können. Die bisherigen Einsparungen reichten demnach nicht aus.

„Wir sind überdimensioniert. Das macht uns oft zu langsam und zu kompliziert“, beschrieb Blume das Problem.

Dabei sieht der Konzernchef die Schwierigkeiten nicht allein bei Volkswagen. „Es ist keine VW-Krise, sondern eine Krise der gesamten Automobilbranche.“

Als Herausforderungen nannte Blume US-Zölle, den Einbruch des chinesischen Marktes mit massivem Preisverfall, geopolitische Konflikte wie im Persischen Golf, den härter werdenden Wettbewerb in Europa sowie massive Regulierungen. Bereits im Frühjahr hatte Blume angekündigt, an einem neuen „Zielbild 2030“ für den Konzern zu arbeiten und den Sparkurs deutlich zu verschärfen.

Neun Betriebsversammlungen sollen Klarheit bringen

Dem Betriebsrat reichen die bisherigen „oberflächlichen Infos“ der Konzernleitung nicht aus. Deshalb hat die Arbeitnehmervertretung zu Betriebsversammlungen eingeladen, bei denen sich der Vorstand den Fragen der Beschäftigten stellen soll.

Bis Ende August sind neun Veranstaltungen geplant. Dazu gehören Versammlungen in Hannover, Braunschweig, Salzgitter, Dresden, Chemnitz und Kassel-Baunatal. Den Auftakt bildet am Dienstag, 25. August, eine Betriebsversammlung in Wolfsburg. Einen Tag später folgen Emden und Zwickau. Den Abschluss macht Hannover am 31. August.

In Wolfsburg sollen Blume und Markenchef Thomas Schäfer gemeinsam zur Belegschaft sprechen. Beide treten außerdem in Zwickau und Emden auf – zwei der vier Standorte, deren längerfristige Perspektive derzeit unsicher ist.

Am Montag soll zudem Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) das VW-Werk in Hannover besuchen.

Blume setzt angesichts der anstehenden Veränderungen auf den Zusammenhalt innerhalb des Unternehmens. „Alle müssen mitziehen“, sagte er der „Bild am Sonntag“. „Wir haben den größten Transformationsplan in der Geschichte des Volkswagen-Konzerns aufgesetzt.“

Die kommenden Jahre seien entscheidend, „wer im Rennen bleibt und wer an die Spitze fährt“.

Warum stehen vier VW-Standorte besonders im Fokus?

Die Sorgen um Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm hängen unmittelbar mit deren langfristiger Auslastung zusammen. „Für Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm können wir heute keine wettbewerbsfähige Belegung für die 2030er-Jahre darstellen“, sagt Blume jüngst.

Hinzu kommt ein erheblicher Kapazitätsüberhang. „Zusätzlich müssen wir in Europa Überkapazitäten von mehr als 500.000 Fahrzeugen pro Jahr abbauen.“

Eine konkrete Entscheidung über das Ende einzelner Werke gibt es nach Angaben des Konzernchefs jedoch nicht. „Eine Entscheidung über konkrete Werksschließungen ist nicht getroffen“, betonte Blume in dem Interview aus dem VW-Intranet.

Auch die Reihenfolge möglicher Maßnahmen stellte er klar: „Werksschließungen sind immer die teuerste und letzte Lösung. Sollte sich trotz aller Anstrengungen zeigen, dass eine Nachfolgebelegung nicht möglich ist, dann geht es darum, neue Perspektiven zu schaffen.“

Stellenabbau soll Kosten bei Volkswagen senken

Neben der Werksauslastung steht die Beschäftigung im Zentrum des Sparkurses. Wie aus der Meldung der dpa hervorgeht, ist die genaue Größenordnung weiterer Einschnitte noch nicht geklärt.

Blume verwies auf die seit Ende 2024 bestehende Verständigung, bei Volkswagen, Audi, Porsche und Cariad bis 2030 rund 50.000 Stellen in Deutschland abzubauen. Der Stellenabbau soll sozialverträglich, freiwillig und vor allem über Altersteilzeit erfolgen.

Doch die bereits geplanten Einsparungen reichen nach Einschätzung des Konzerns nicht aus. „Die häufig genannte Zahl von rund 50.000 Stellen weltweit ist dabei keine fixe Zielgröße“, erklärte Blume. „Sie errechnet sich aus unserem Kostenziel im Vergleich zum Wettbewerb und gibt eine Orientierung, wie groß unser Handlungsbedarf ist.“

Wie reagieren Betriebsrat, Gewerkschaft und Politik?

Betriebsrat, IG Metall, die niedersächsische Landesregierung und Oberbürgermeister aus VW-Standorten verfolgen eine weitgehend einheitliche Linie. Sie fordern den Vorstand auf, möglichst schnell Klarheit zu schaffen. Drastische Maßnahmen wie Werksschließungen sollen vermieden werden.

Niedersachsens Ministerpräsident Lies fordert, dass Anteilseigner und Vorstand das Ziel verfolgen, Industriestandorte in Deutschland und Niedersachsen zu stabilisieren. Sollte die Automobilproduktion an einem Standort nicht fortgeführt werden können, erwartet er von Volkswagen die Beschäftigung mit möglichen anderen Wachstumsfeldern.

„Nichts anderes ist akzeptabel.“

Als mögliche Bereiche nannte Lies Rüstung, humanoide Roboter und Drohnen. Zudem könnten Automodelle, die in China entwickelt und gebaut werden, auch in Deutschland gefertigt werden.

Damit richtet sich der Blick bei Volkswagen nicht nur auf kurzfristige Einsparungen. Die anstehenden Betriebsversammlungen dürften vor allem zeigen, wie der Konzern seinen verschärften Sparkurs, die geplante Reduzierung von Überkapazitäten und die Zukunft der betroffenen Standorte konkretisieren will.

Mit Material der dpa

Was Sie zum Thema VW-Krise wissen müssen

• Warum befindet sich die VW-Krise im Fokus? – Volkswagen kämpft mit hohen Kosten, einem schwierigen Marktumfeld und Überkapazitäten. Die bisherigen Einsparungen reichen laut Konzernführung nicht aus.

• Welche Standorte betrifft die VW-Krise besonders? – Im Fokus stehen Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm. Für diese Werke kann Volkswagen derzeit keine wettbewerbsfähige Belegung für die 2030er-Jahre darstellen.

• Führt die VW-Krise zu Werksschließungen? – Konkrete Werksschließungen sind laut Konzernchef Oliver Blume bislang nicht beschlossen. Sie seien die teuerste und letzte Lösung.

• Wie viele Arbeitsplätze sind durch die VW-Krise betroffen? – Bis 2030 sollen bei Volkswagen, Audi, Porsche und Cariad rund 50.000 Stellen in Deutschland sozialverträglich und freiwillig abgebaut werden. Weitere Einsparungen gelten als notwendig.

• Wie reagiert die Politik auf die VW-Krise? – Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies fordert die Stabilisierung der Industriestandorte und bei Bedarf die Prüfung anderer Wachstumsfelder.