Gas-Pipeline mit den Flaggen von Deutschland und Russland darauf

Russland hat die Gaslieferungen nach Deutschland gedrosselt. (Bild: PX Media - stock.adobe.com)

Nachdem Russland die Gaslieferungen nach Europa gedrosselt hat, ist auch in Deutschland die Lage angespannt. Im Winter könnte es eng werden. Entscheidend sei, dass die Gasspeicher zum Winter hin zu 90 Prozent gefüllt sind, , sagte deshalb Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck am Wochenende. Derzeit seien es 57 Prozent.

Der russische Staatskonzern Gazprom hatte den Gasfluss durch die Ostseepipeline Nord Stream in den vergangenen Tagen deutlich verringert. Begründet wurde dies mit Verzögerungen bei der Reparatur von Verdichterturbinen durch Siemens Energy.

Die angespannte Situation und die hohen Preise sind laut Habeck aber eine unmittelbare Folge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine auf Geheiß von Präsident Wladimir Putin. „Es ist offenkundig die Strategie von Putin, uns zu verunsichern, die Preise in die Höhe zu treiben und uns zu spalten. Das lassen wir nicht zu.“

PRODUKTION beantwortet die wichtigsten Fragen zur aktuellen Situation:

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Hinweis: Der Artikel wird laufend aktualisiert.

Im Fokus: Industrie & Politik

Industrie und Energie: So ist die aktuelle Lage

Gas ist nicht nur fürs Heizen von Wohnungen wichtig, sondern auch in der Industrie – sowohl als Rohstoff für die Produktion, als auch für die Energieerzeugung. Durch den Ukraine-Krieg und den damit verbundenen steigenden Energiepreisen kämpfen die Unternehmen nun mit den noch höheren Belastungen. Eine Konjunkturumfrage der DIHK zeigt, dass schon vor Kriegsbeginn 85 Prozent der befragten Industrieunternehmen die Energie- und Rohstoffpreise als großes Geschäftsrisiko ansahen. Diese Zahl dürfte nun noch einmal gestiegen sein.

Die Industrie ist außerdem besonders von den gedrosselten Gaslieferungen betroffen. Ein Blick auf den Erdgasabsatz zeigt: Von den 999 Terrawattstunden, die 2021 an Erdgas verbraucht wurden, entfielen etwa 37 Prozent auf die Industrie und etwa 31 Prozent auf Haushalte. Derzeit fließen nur rund 40 Prozent der maximalen Kapazität an Gas von Russland nach Deutschland.

Produktionsausfälle durch zu wenig Gas dürften dramatische Folgen haben. Schließlich sind die Branchen oft voneinander abhängig und es dürfte zu einer Kettenreaktion kommen. Ein Beispiel: Ohne Gas könnte die Stahlindustrie zum großen Teil nicht mehr produzieren. Davon betroffen wären dann alle anderen Branchen, die Stahl benötigen – zum Beispiel die Autobranche.

Wie viel Energie braucht die Industrie?

Die deutsche Industrie hat 2020 3.747 Petajouel Energie verbraucht. Das waren 1,9 Prozent weniger als 2019. Wie das Statistische Bundesamt weiter erklärt, wurde mit 88 Prozent der Großteil davon energetisch eingesetzt, also zum Beispiel für die Strom- und Wärmeerzeugung. Die übrigen zwölf Prozent der Energieträger dienten dazu, zum Beispiel chemische Produkte, Düngemittel oder Kunststoffe herzustellen.

Zum Vergleich: Im Jahr 2018 betrug der Primärenergieverbrauch in Deutschland rund 13.129 Petajoule. Das entspricht in etwa dem Primärenergieverbrauch von Frankreich, Belgien und Luxemburg zusammen.

Welche Energiequellen nutzt die Industrie?

Die wichtigsten Energieträger der Industrie waren dabei:

Die Grafik zeigt, das derzeit knappe Erdgas war mit 31 Prozent der wichtigste Energieträger. Aber auch Strom (21 Prozent), Ölprodukte (16 Prozent) und Kohle (16 Prozent) haben einen hohen Anteil.

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Frau hält ein Tablet in der Hand und wählt auf dem Display Beiträge aus, die außerhalb des Tablets virtuell angezeigt werden
(Bild: mi connect)

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Gaslieferungen: Das ist Habecks Plan

Um die Gasversorgung trotz gedrosselter Lieferungen aus Russland garantieren zu können, hat Bundeswirtschaftsminister Habeck unterschiedliche Maßnahmen verkündet, um den Gasverbrauch in Deutschland zu senken.

Dazu zählen:

Übergangsweise will die Bundesregierung verstärkt auf Kohlekraftwerke setzen. Kohlekraftwerke, die momentan nur eingeschränkt verfügbar sind, demnächst stillgelegt würden oder sich in Reserve befinden, sollen die Stromerzeugung in mit Erdgas befeuerten Kraftwerken soweit wie möglich ersetzen.

Der Chef der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, sagte dazu im ‚Tagesspiegel‘: Die Entscheidung sei klimapolitisch keine leichte, sei aber nötig um den Gasverbrauch bei der Stromerzeugung zu reduzieren. Das Gesetz soll am 8. Juli vom Bundesrat beschlossen werden.

Die Gasspeicher sollen schneller befüllt werden. Um die Einspeicherung von Gas zu sichern, stellt die Bundesregierung nach DPA-Informationen bald eine zusätzliche Kreditlinie durch die Staatsbank KfW zur Verfügung. Die Höhe: 15 Milliarden Euro. Die Kreditlinie soll bis Ende 2025 befristet sein. Angesichts steigender Gaspreise soll mit dem Kredit die sogenannte Marktgebietsverantwortliche Trading Hub Europe THE die nötige Liquidität bekommen, um Gas einzukaufen und die Befüllung der Speicher voranzutreiben.

Der Gasverbrauch soll gesenkt werden. Der Einsatz von Gas für die Stromerzeugung und die Industrie sollen laut Habeck gesenkt werden.

Gas soll über Auktionen verteilt werden. Das Gasauktion-Modell soll industriellen Gasverbrauchern Anreize bieten, Gas einzusparen. Konkret heißt das: Industriekunden, die auf Gas verzichten können, sollen ihren Verbrauch gegen Entgelt verringern, das über den Markt finanziert wird - und das Gas zur Verfügung stellen, damit es eingespeichert werden kann. „Alles, was wir weniger verbrauchen, hilft“, so Habeck. Die Industrie sei dazu ein Schlüsselfaktor.

Schon seit Beginn des russischen Angriffskriegs hat die Bundesregierung immer wieder Maßnahmen zur Energieversorgung beschlossen. Dazu zählen unter anderem:

  • Gas wurde eingekauft: Das Bundeswirtschaftsministerium hat bereits im März über den Marktgebietsverantwortlichen THE Gas beschaffen lassen. Das Ankaufprogramm ist inzwischen abgeschlossen. Insgesamt konnten laut Ministerium rund 950 Millionen Kubikmeter Erdgas erworben werden, die bis Ende Mai in die Speicher eingebracht wurden.
  • Gasspeichergesetz: Das Gasspeichergesetz regelt erstmals, dass Gasspeicher zu Beginn der Heizperiode fast vollständig gefüllt sein müssen, um sicher durch den Winter zu kommen. Dafür werden konkrete Füllstände vorgegeben: Zum 1. Oktober müssen die Speicher zu 80 Prozent gefüllt sein, zum 1. November zu 90 Prozent und am 1. Februar immer noch zu 40 Prozent.
  • Ausbau der LNG-Infrastruktur: Deutschland hat bislang keinen Hafen, an dem Flüssiggas angelandet werden kann. Das ist aber nötig, um die Gasversorgung aus nicht-russischen Quellen zu stärken und so unabhängig von russischen Importen zu werden. Deshalb steht auch die Errichtung von schwimmenden LNG-Terminals auf der To-Do-Liste der Politik. Sie hat vier Spezialschiffe, sogenannte FSRU, gesichert, auf denen Flüssiggas wieder in Gas umgewandelt werden. Mit dem LNG-Beschleunigungsgesetz wurden die Voraussetzungen geschaffen, um den Bau der nötigen Anbindungen an Land zu beschleunigen. Dadurch sollen ab Winter zwei der vier FSRU-Schiffe in Betrieb gehen.

Alles Wissenswerte zum Thema CO2-neutrale Industrie

Sie wollen alles wissen zum Thema CO2-neutrale Industrie? Dann sind Sie hier richtig. Alles über den aktuellen Stand bei der klimaneutralen Industrie, welche technischen Innovationen es gibt, wie der Maschinenbau reagiert und wie die Rechtslage ist erfahren Sie in dem Beitrag "Der große Überblick zur CO2-neutralen Industrie".

Um die klimaneutrale Industrie auch  real werden zu lassen, benötigt es regenerative Energien. Welche Erneuerbaren Energien es gibt und wie deren Nutzen in der Industrie am höchsten ist, lesen Sie hier.

Oder interessieren Sie sich mehr für das Thema Wasserstoff? Viele Infos dazu gibt es hier.

Gasversorgung: Industrie unterstützt Pläne des Wirtschaftsministers

„Wir müssen den Verbrauch von Gas so stark wie möglich reduzieren, jede Kilowattstunde zählt“, sagte Industriepräsident Siegfried Russwurm gegenüber der DPA. Priorität müsse sein, die Gasspeicher für den nächsten Winter zu füllen. Russwurm sagte, Deutschland müsse möglichst viele andere Quellen auftun. Wo möglich, sollen Unternehmen auf Öl umstellen. Er sagte aber auch, eine Reihe industrieller Prozesse funktioniere nur mit Gas. Ein Gasmangel könne deshalb zum Produktionsstillstand führen.

Die Gasverstromung müsse gestoppt und es müssten sofort Kohlekraftwerke aus der Reserve geholt werden, so Russwurm. Erneuerbare Energien müssten deutlich beschleunigt werden. Politik und Verwaltung müssten schleunigst den Turbo einschalten für die Ausweisung neuer Flächen für Windkraft- und Solarkraftanlagen.

Für den Maschinenbau erklärte VDMA-Präsident Karl Haeusgen, die Branche unterstütze vor allem das Vorhaben, einen reduzierten Gasverbrauch in der Industrie durch Ausschreibungen zu erreichen. „Dies steuert die Reduzierung dorthin, wo der geringste Schaden entsteht.“ Wirkungsvoll, aber sehr sensibel sei dagegen der mögliche Eingriff in die Stromerzeugung. „Kurzfristig kann mehr Kohlestrom aus Reservekraftwerken zwar helfen, dabei dürfen aber die Klima-Transformationsziele nicht aus den Augen verloren werden“, so Haeusgen.

Der Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Chemischen Industrie, Wolfgang Große Entrup, sagte, „Deutschland muss jetzt zügig und pragmatisch alle Möglichkeiten nutzen, Gas da einzusparen, wo es ersetzbar ist“. Vor allem beim Umstieg der Stromgewinnung von Gas auf Kohle müssten umgehend alle Kapazitäten unterschiedslos genutzt werden können. Das von Habeck angekündigte Gasauktionsmodell zur Einsparung von Industriegas begrüßte Große Entrup als marktwirtschaftliches Instrument.

Kritisch sieht der Mittelstand die Pläne. „Angesichts der reduzierten russischen Gaslieferungen macht sich im Mittelstand zunehmend die Sorge breit, bei der Energieversorgung zwischen den warmen Wohnzimmern von Privatverbrauchern und dem Rohstoffbedarf der Großindustrie den Kürzeren zu ziehen“, sagte Markus Jerger, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Mittelständischen Wirtschaft, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Habecks Vorhaben, Gas über Auktionen zu verteilen, könne bedeuten, dass kleine und mittlere Unternehmen beim Bieten nicht mehr mithalten.

Podcast: ZVEI-Präsident über die Lage der Elektroindustrie

Energieverwendung in der Industrie: Das sind die größten Energieverbraucher

Größter Energieverbraucher in der Industrie war 2020 die Chemische Industrie mit einem Anteil von 29 Prozent, gefolgt von der Metallerzeugung und -bearbeitung (22 Prozent) und der Kokerei und Mineralölverarbeitung mit zehn Prozent.

Die weiteren Energieverbraucher sehen Sie in der Grafik:

Wichtig dabei: In der Chemischen Industrie wurden mehr als ein Drittel der Energieträger als Ausgangsstoffe für chemische Produkte und damit nicht energetisch eingesetzt. Ausschließlich auf die energetische Verwendung bezogen hatte die Metallerzeugung und -bearbeitung mit 24 Prozent den höchsten Anteil, gefolgt von der Chemischen Industrie mit 22 Prozent sowie der Kokerei und Mineralölverarbeitung mit zehn Prozent.

Der rein energetische Verbrauch in der Industrie war im Jahr 2020 um 8,5 Prozent niedriger als 2011. Schaut man sich den Verbrauch genauer an, gibt es Lob und Verbesserung: Denn während die energetische Nutzung in vielen Branchen abnahm – zum Beispiel im Maschinenbau (-13,3 Prozent) – gab es bei der Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenteilen einen Anstieg um 15 Prozent.

Was hat es mit dem Notfallplan Gas auf sich und welche Auswirkungen hat das auf die Industrie?

Alles Wichtige zum dazu erfahren Sie in diesem Artikel: "Notfallplan Gas: Die Folgen für die Industrie"

Ukraine-Krieg: Alle wichtigen Informationen für die Industrie

Flaggen von der Ukraine und Russland
(Bild: jd-photodesign - stock.adobe.com)

Der Ukraine-Krieg hat die Welt verändert und hat auch Auswirkungen auf die deutsche Industrie und Wirtschaft. Hier finden Sie weitere Informationen:

 

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