In einem Blumentopf stecken die Fahnen von Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Deutschland, Österreich und Schweiz haben unterschiedliche Maßnahmen gegen die Coronakrise getroffen. - Bild: Adobe Stock/M.Doerr-und-M.Frommherz

| von Anja Ringel

Fast 194.000 Fälle in Deutschland, mehr als 31.000 in der Schweiz und knapp 18.000 in Österreich: Die DACH-Länder haben alle mit der Corona-Pandemie zu kämpfen – es gab Ausgangsbeschränkungen, Geschäfte und Schulen wurden geschlossen.

Wie die Wirtschaft jetzt wieder angekurbelt werden soll, darüber haben Experten auf einem Online-Forum der Konjunkturforschungsstelle des ETH Zürich diskutiert. Dabei zeigt sich: Es gibt Parallelen, aber jedes Land hat auch unterschiedliche Maßnahmen auf den Weg gebracht.

Großes Konjunkturpaket in Deutschland

In Deutschland hat die Bundesregierung ein großes Konjunkturpaket beschlossen. Dieses beläuft sich laut Clemens Fuest, Präsident des Ifo Instituts, auf 1.307 Milliarden Euro, darunter sind 820 Milliarden Euro an Garantien und Krediten. Zusammen mit dem deutschen Anteil an den EU-Hilfen belaufe sich das Gesamtvolumen Deutschlands auf rund 43 Prozent des BIP, so Fuest. „Das hört sich völlig verrückt an“, sagte er. Man müsse jedoch bedenken, dass ein großer Teil Kredite und Garantien sind und da hoffe man, dass das Geld wieder zurückkomme.

Es sei außerdem nicht klar, ob das Kreditvolumen komplett genutzt wird. „Davon sind wir momentan weit entfernt“, erklärte der Präsident des Ifo Instituts. Ein weiterer Faktor sei, wie sich die Krise weiterentwickle und wie die Politik darauf reagiere. Außerdem würden sich die Maßnahmen auf mehrere Jahre erstrecken. Ohne Kredite und Garantien beläuft sich das Gesamtvolumen auf 18 Prozent des BIP.

Zum jüngsten 130-Milliarden-Euro-Konjunkturpaket der Bundesregierung gehören unter anderem die Mehrwertsteuer und ein Kinderbonus für Familien. Fuest erklärte, dass das Paket anders als die Corona-Sofortmaßnahmen nicht mehr nur helfen soll, die Krise zu überstehen, sondern die Wirtschaft wieder ankurbeln soll. Wichtigstes Instrument sei dabei die Senkung der Mehrwertsteuer.

Noch keine Erholungsphase in der deutschen Wirtschaft

Wie die Maßnahmen wirken sei schwierig abzuschätzen. Denn: Mit Krisen dieser Art habe man noch keine Erfahrung. Das Ifo Institut geht momentan davon aus, dass dieses Jahr 88 Milliarden Euro des Konjunkturpakets ausgegeben werden, 2021 dann knapp 44 Milliarden Euro.

Der wichtigste Konjunkturindikator ist für Fuest der Ifo-Geschäftsklimaindex, für den 9.000 Unternehmen befragt werden. Der aktuelle Index zeige, dass die Firmen nicht erwarten, dass es eine schnelle Erholung geben wird.

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Man könne deshalb noch nicht von einer Erholungsphase sprechen – sondern eher von einer Stabilisierungsphase, sagte Fuest. Die Unternehmen erwarten für 2020 einen Umsatzeinbruch von 20 Prozent. Im Mai waren dabei mehr als sieben Millionen Menschen in Kurzarbeit. Vor allem wirtschaftsstarke Bundesländer wie Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen seien am stärksten davon betroffen, erklärte der Ifo-Präsident.

Auf Würfeln wird gezeigt, um wie viel Prozent die Mehrwertsteuer sinkt.
In Deutschland wird als eine Maßnahme des Konjunkturpakets die Mehrwertsteuer gesenkt. - Bild: Adobe Stock/studio v-zwoelf

Im Vergleich zur Finanzkrise sei der Arbeitsmarkt in der Coronakrise zehn Mal so stark betroffen. Das Ifo-Institut rechnet damit, dass die Wirtschaft zwischen sechs und sieben Prozent schrumpft. Das hänge aber davon ab, wie die Pandemie weitergeht, so Fuest. Eine zweite Welle sei bei dem Szenario zudem nicht eingerechnet. Diese würden den Wohlstand noch stärker treffen.

Vorkrisenniveau in Österreich wird erst in zwei Jahren wieder erreicht

Österreich hat als eines der ersten Länder einen Lockdown beschlossen. Das hat auch Auswirkungen auf die Konjunkturprognose, erklärte Margit Schratzenstaller vom Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo). Mit einem BIP von minus sieben Prozent werde die Stärkste Rezession der Nachkriegszeit erwartet, so die Forscherin. Das Wifo rechnet damit, dass die Erholung der Wirtschaft im dritten Quartal 2021 beginnt. Das Vorkrisen-Niveau werde jedoch nicht vor 2022 erreicht.

Das Ausmaß der Pandemie ist auch bei den Arbeitslosenzahlen sichtbar: Diese stieg im Mai auf mehr als 500.000. Auch das sei ein historischer Höchststand. Die Arbeitslosigkeit werde auch mittelfristig hoch bleiben, sagte Schratzenstaller. Ihr Institut rechnet für 2020 mit einer Quote von knapp zehn Prozent. 2019 waren es noch 7,4 Prozent.

Rund 1,3 Millionen Menschen sind außerdem in Kurzarbeit. Rund 40 Prozent der Unternehmen haben ihre Investitionen verschoben, 20 Prozent haben sie sogar ganz gestrichen. Um der Wirtschaft aus der Krise zu helfen, hat auch die österreichische Regierung Maßnahmen beschlossen. Dabei gebe es zwei Säulen, sagte Schratzenstaller:

  • Eine Coronasoforthilfe, um Masseninsolvenzen zu vermeiden. Dabei habe auch die Kurzarbeit eine große Rolle gespielt. Weitere Maßnahmen waren unter anderem Steuerstundungen, ein Härtefallfonds und ein ermäßigter Mehrwertsteuersatz für Gastronomie, Kunst und Kultur sowie dem Verlagswesen.
  • Konjunkturstabilisierende Maßnahmen: Dieses hat ein Gesamtvolumen von 38,6 Milliarden Euro, was 9,7 Prozent des BIP entspricht. Dazu zählt unter anderem ein Gemeindeinvestitionspaket sowie ein Kredit-Moratorium, aber auch die Ausweitung der Kurzarbeit.

Notfalls werden noch mehr finanzielle Mittel bereitgestellt

Das Gesamtvolumen könnte dabei laut der Wirtschaftsexpertin noch steigen. Denn die Regierung habe bereits angekündigt, dass die verschiedenen Töpfe aufgestockt werden, sollte das Geld nicht ausreichen.

Im Gegensatz zur Kurzarbeit in Deutschland, bekommen die Arbeitnehmer in Österreich immer zwischen 80 bis 90 Prozent Lohnersatz – egal ob sie nur zehn oder 90 Prozent normal arbeiten. Deshalb werde derzeit über mögliche negative Anreizeffekte der Kurzarbeit diskutiert. Das heißt, Unternehmen stocken die Arbeit absichtlich nicht auf 100 Prozent auf, um weiter vom Lohnausgleich zu profitieren.  Das Kurzarbeitergeld kann erst einmal nur für drei Monate in Anspruch genommen werden und dann nochmal um drei Monate verlängert werden.

Obwohl das Rettungspaket groß sei, seien bisher nur geringe Zahlungen geflossen, sagte Schratzenstaller. Die Fixkostenzuschüsse beginnen zum Beispiel erst jetzt, die Kurzarbeit muss erst von den Unternehmen vorfinanziert werden.

Zudem hat Österreich Mitte Juni Corona-Konjunkturmaßnahmen beschlossen. Dazu gehören beispielsweise Steuersenkungen, ein erhöhtes Arbeitslosengeld und – ähnlich wie in Deutschland – ein Kinderbonus. Die Maßnahmen seien eine Mischung aus Steuerentlastungen, Transferzahlungen und öffentlichen Investitionen, so die Expertin. Dabei werde kritisiert, dass die untersten Einkommen relativ wenig Hilfen bekommen.

Keine Konjunkturpakete in der Schweiz

Auch die Schweiz ist in der gleichen Situation, wenn es darum geht, die Pandemie zu verkraften und die Wirtschaft durch die Krise zu bekommen, sagte Jan-Egbert Sturm von der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich. Auch die Schweiz hat während des Lockdowns mit verschiedenen Maßnahmen versucht, die Wirtschaft zu erhalten.

Rund 20 Milliarden Schweizer Franken (CHF) sind dabei in die Kurzarbeit geflossen, weitere 15 Milliarden CHF wurden für die Liquiditätssicherung bereitgestellt. Knapp zwei Millionen Schweizer seien aufgrund der Corona-Pandemie in Kurzarbeit, sagte Sturm. Eine Umfrage hat ergeben, dass fast alle Branchen unter der Krise leiden.

Warum die Wirtschaftskrise in der Schweiz nicht so drastisch ist wie in anderen Ländern, begründet Sturm mit der Pharma- und Medizinbranche. Diese wirke als stabilisierender Faktor, da nur eine geringe Reduktion stattfinde und sorge dafür, dass es weiterhin eine gewisse Art der Wertschöpfung gibt.

Erst Geld verdienen, bevor man es ausgibt

Der Experte rechnet damit, dass das BIP 2020 um 3,6 Prozent zurückgehen wird, 2021 um drei Prozent. Das liege daran, dass die Steuerrückgänge erst 2021/22 im Nachgang berechnet werden und erst dann einen Einfluss haben werden, so Sturm.

Nach den Beschränkungen ging es dann – wie auch in Deutschland und Österreich – die Wirtschaft so schnell wie möglich wieder hochzufahren. Anders als in den beiden anderen DACH-Ländern hat die Schweiz jedoch keine nennenswerten Konjunkturpakete beschlossen. Deutschland sei eine große Volkswirtschaft, da gebe es mehr Anreize einen Spill-Over zu machen, sagte Fuest. Zudem würde die Anreize auch bei den Unternehmen im Land bleiben.

Sturm ergänzte, dass einer der Gründe sicherlich auch die Schweizer Kultur sei. Hier herrsche die Devise, dass man erst Geld verdienen muss, bevor man es ausgibt.

Wie geht es nach der Krise weiter?

Wie es in den drei Ländern weitergeht, sei schwer absehbar, sind sich die Experten einig. Auch, weil vieles von den weltweiten Entwicklungen abhängt. Deutschland unterscheide sich von den beiden anderen Ländern dadurch, dass der Tourismus eine etwas kleinere Rolle spiele, sagte Fuest.

Dafür stehe die Industrie mehr im Fokus. Vor allem die Autoindustrie sei auch von anderen Ländern abhängig. Die Schweizer Industrie hänge sehr stark an der deutschen Konjunktur, meinte Sturm. Wenn es der Autoindustrie in Deutschland schlecht gehe, werde das auch die Schweiz spüren.

Sie sei aufgrund der unterschiedlichen Herangehensweisen an die Krise gespannt, wie die Situation in den DACH-Ländern in fünf Jahren aussehe, sagte Schratzenstaller. Die Coronakrise sei auch „ein interessantes Realexperiment, dass in einigen Bereichen schmerzhaft ist“.

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