Zwei von drei in China tätigen deutschen Unternehmen kämpfen dort einer Umfrage zufolge mit unfairem Wettbewerb.

Zwei von drei in China tätigen deutschen Unternehmen kämpfen dort einer Umfrage zufolge mit unfairem Wettbewerb. (Bild: studio v-zwoelf - stock.adobe.com)

Wer hätte das gedacht? Zwei von drei in China tätigen deutschen Unternehmen kämpfen dort mit unfairem Wettbewerb. Das ergab eine im April veröffentlichte Umfrage der Deutschen Auslandshandelskammern (AHK) in der Volksrepublik. Vier von zehn Betrieben erleben danach, dass chinesische Unternehmen leichteren Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten, staatlichen Zuschüssen oder Steuerbegünstigungen haben und bei öffentlichen Ausschreibungen bevorzugt werden. Jedes zweite Unternehmen klagt, dass es beim Zugang zu Standardisierungsgremien und Forschungseinrichtungen benachteiligt wird.

Weitere 58 Prozent der deutschen Firmen haben es schwerer als chinesische Wettbewerber, Zugang zu Behörden zu finden. „Viele Aspekte des China-Geschäfts sind aber Verhandlungssache – von Steuererleichterungen bis zu Genehmigungsverfahren. Deshalb sind Netzwerke zur Regierung und lokalen Behörden von überragender Bedeutung“, erklärt Matthias Butek, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der AHK in Shanghai. Durch die Ungleichbehandlung verlieren acht von zehn Befragten Gewinne, 70 Prozent auch Marktanteile.

China: Deutsche Unternehmen wollen mehr investieren

Ändern wollen sie an ihrem China-Geschäft aber offensichtlich nichts. In der jährlich erstellten Umfrage der AHKn zum Geschäftsklima in den deutschen Betrieben gaben sieben von zehn Großunternehmen 2023 an, künftig mehr in der Volksrepublik investieren zu wollen. Das haben auch 60 Prozent der Mittelständler und jedes zweite kleinere Unternehmen vor.

Nur so könnten sie in China wettbewerbsfähig bleiben, gaben acht von zehn AHK-Mitgliedern als Erklärung an. Addiert ebenso viele Betriebe begründen ihre zunehmende Lokalisierung in China damit, dass Kunden dort das von ihnen erwarten, sie Risiken, die sich aus dem Konflikt mit den USA ergeben, nur in der Volksrepublik ausgleichen können, oder sie nur durch Investitionen dort auf Chinas auf möglichst weitgehende Selbstversorgung ausgerichtete Wirtschaftspolitik reagieren könnten.

Deutsche Unternehmen in der Volksrepublik erkennen, dass diese mit ihrer Industrie- und Technologiepolitik auf Spannungen mit dem Westen reagiert, aber scheinbar nicht, dass auch der von ihnen beklagte unfaire Wettbewerb großteils Ergebnis der geopolitischen Lage ist.

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China will unabhängig werden

„Wirtschaftliche Liberalisierung um ihrer selbst willen ist in Peking passé“, versichert Dr. Max Zenglein, Chefvolkswirt des Mercator Institutes für China Studien (Merics). „Sie wird als unvereinbar mit dem politischen System angesehen.“ Dieses hat, so will es Staats- und Parteichef Xi Jinping, der „nationalen Erneuerung“ – dem Aufstieg Chinas zur global führenden Wirtschafts- und Technologiemacht – zu dienen.

Seit Beginn des Handelskrieges mit den USA 2018 fürchtet Peking eine Eskalation des Konflikts mit den Vereinigten Staaten und sieht die dann zu erwartenden Sanktionen als Gefahr für seine nationalen Pläne. Die Kommunistische Partei (KP) versucht China daher wirtschaftlich und technologisch so unabhängig von den USA und Europa zu machen wie möglich.

Deshalb verlangt es von Unternehmen, ihre Lieferketten in der Volksrepublik zu lokalisieren. Auch ausländische Unternehmen sollen sowohl ihre Wertschöpfung wie ihre Forschung und Entwicklung in China ansiedeln, damit Peking ihre Technologie unter seine Rechtshoheit bekommt, fasst Max Zenglein zusammen.

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Der Vorteil Chinas steht im Mittelpunkt

In der durch die Geopolitik geprägten globalen Wirtschaft sei technologische Autarkie das zentrale Anliegen in Xis wirtschaftlicher Agenda, betont Max Zenglein. Diese Unabhängigkeit zu schaffen, liegt in der Verantwortung der „gesamten chinesischen Nation“. Der Staat unterstützt diese dabei, indem er Unternehmen subventioniert, über seine Banken günstig finanziert, Industrieparks baut und betreibt sowie Wissenschaftler an Universitäten und Instituten danach bewertet, wie viel sie zum Transfer ihrer Forschungsergebnisse in die kommerzielle Anwendung beitragen.

„Zweifellos hat China auch vom Diebstahl geistigen Eigentums profitiert“, ergänzt Dr. Tim Rühlig, Senior Research Fellow am Zentrum für Geopolitik, Geoökonomie und Technologie der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. „Die Wahl der Mittel ist oft nicht zimperlich, der eigene Vorteil steht im Mittelpunkt“, erklärt Stefan Gätzner. Er leitet das Büro des Bundesverbandes der deutschen Industrie (BDI) in Peking.

So will China den Rückgang der Erwerbsbevölkerung ausgleichen

Der Eigennutz besteht auch darin, „neue Produktivkräfte“ zu entfesseln. Das heißt, die Produktivität aller in der chinesischen Wirtschaft eingesetzten Faktoren durch Vernetzung, Robotik und Künstliche Intelligenz so zu steigern, dass das nachlassende Wirtschaftswachstum, steigende Lohnkosten, die sinkende Produktivität und der demographisch bedingte Rückgang der Erwerbsbevölkerung ausgeglichen werden.

Dadurch sollen sowohl High-Tech-Fabriken entstehen, die massenhaft beispielsweise Elektrofahrzeuge, Batterien dafür und Solarpaneele fertigen. Zugleich soll Chinas Anteil von 30 Prozent an der weltweiten Industrieproduktion auch bei der Herstellung von Gütern mit geringer Wertschöpfungstiefe wie Spielzeug oder Textilien er- und Unternehmen davon abgehalten werden, Fabriken in Länder mit günstigeren Lohnkosten zu verlegen.

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(Bild: mi-connect)

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China baut Hidden Champions auf

Das britische Wirtschaftsmagazin Economist geht davon aus, dass in China 2023 rund 1,6 Billionen US-Dollar in moderne Produktionstechnologien investiert wurden – doppelt so viel wie noch 2019. Bis 2030 könnten die Kapazitäten chinesischer Fabriken um 75 Prozent anwachsen. Schon heute stehen in ihnen sechs von zehn weltweit installierten Robotern. Pro 10.000 Arbeitnehmern sind in China 322 Anlagen in Betrieb – mehr als in den USA und fast so viele wie in Deutschland. Dort sind es 371 Roboter pro 10.000 Arbeitskräften.

Zur Entfesselung der neuen Produktivkräfte soll auch der chinesische Mittelstand beitragen. Mit der „Little Giants“-Initiative fördert Peking Mittelständler, wenn sie in einer in der Industriestrategie „Made in China 2025“ genannten Branche tätig sind und High-Tech-Produkte herstellen, mit denen sich Importe ersetzen lassen. „Kleine Riesen“, die wie der Hersteller von Lasern für die Halbleiterproduktion, BWT Beijing, oder der Spezialist für harmonische Reduzierer für die Robotik, Leaderdrive, diese Anforderungen erfüllen, fördert Peking mit speziell für sie reservierten Krediten, eigens für sie geschaffenen Handelssegmenten an den Börsen in Peking, Shanghai und Shenzhen und der gezielten Integration in das Innovationssystem der Volksrepublik.

Die stellt Patente lizenzfrei in einem eigens geschaffenen „Webshop“ zur Verfügung. In Prozessen um die Rechte an geistigem Eigentum können geförderte Mittelständler darauf setzen, dass Richter tendenziell zu ihren Gunsten entscheiden. Auch Wissenschaftler beurteilt Peking danach, wie erfolgreich sie „kleine Riesen“ unterstützen. In die Leistungsbeurteilung von Staatsbetrieben fließt ebenfalls ein, ob sie High-Tech-Mittelständler finanzieren oder Forschungsprojekte mit ihnen durchführen. Die Begünstigten der Vorzugsbehandlung müssen im Gegenzug dafür alle drei Jahre nachweisen, dass sie die Kriterien des „Little-Giants“-Programms noch erfüllen.

China wird einheimische Unternehmen immer bevorzugen

Letztlich will Peking so Hidden Champions aufbauen, wie es sie vor allem in Deutschland gibt. Die bislang 82.000 chinesischen Betriebe, die sich für das Programm qualifiziert haben, haben durch die staatliche Protektion und Förderung auf ihrem riesigen Heimatmarkt einen gewaltigen Vorteil gegenüber Wettbewerbern aus dem Ausland. Diese müssen aufpassen, dass ihnen die „kleinen Riesen“ nicht nur in China, sondern auch auf Drittmärkten das Geschäft streitig machen, warnt Merics in einer Studie zum Thema.

„Allerdings rollt Peking auch ausländischen Unternehmen den roten Teppich aus, wenn es deren Technologie braucht“, räumt Jürgen Matthes ein. „Noch!“, betont der Leiter des Bereichs Internationale Märkte am Institut der deutschen Wirtschaft (IW).

"Denn sobald chinesische Wettbewerber in einer strategisch wichtigen Technologie aufholen und Lücken schließen, tut Peking alles, um diese Unternehmen zu fördern", erklärt Jacob Gunter, Senior Analyst Economy bei MERICS. Wenn es sich um eine Technologie handelt, die für China strategisch wichtig ist, habe der Konkurrent aus dem Westen ein Problem. "Denn die chinesische Regierung wird ein einheimisches Unternehmen immer bevorzugen. Ausländischen Wettbewerbern bleibt dann oft nur, den chinesischen Markt zu verlassen oder sich mit dem zufrieden zu geben, was davon für sie übrig bleibt", so Gunter.

Maximilian Butek von der AHK in Shanghai belegt das am Beispiel des Mobilfunkkonzerns Huawei. „Zu Beginn des über Halbleitertechnologie mit den USA geführten Handelskonfliktes, hat China massiv um Investitionen ausländischer Chip-Hersteller geworben“, so Butek. „Nun, da Huawei selbst einschlägige Technologien entwickelt und patentiert hat, und China in der Lage ist modernste Chips herzustellen, hat Peking ein Gesetz erlassen, das es Staatsunternehmen verbietet, Halbleiter aus dem Ausland zu verbauen.“

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Chinesische Unternehmen werden auch in Europa zur Konkurrenz

„Wer heute noch in China willkommen ist, beobachtet das und kann sich ausrechnen, wie es ihm in fünf oder zehn Jahren ergehen könnte“, meint Jürgen Matthes vom IW. Die aktuelle Umfrage der AHKn bestätigt das: 46 Prozent der befragten deutschen Unternehmen in China erwarten, dass chinesische Wettbewerber spätestens in fünf Jahren Innovationsführer sein werden. In der Automobilindustrie tun dies sogar sechs von zehn Befragten. Dort sieht jedes zehnte Kammermitglied chinesische Anbieter heute schon als Innovationsführer.

Diese machen deutschen Unternehmen nicht mehr nur in der Volksrepublik Konkurrenz, sondern zunehmend auch in Europa. Chinas Investitionen dort sanken 2022 zwar auf den niedrigsten Stand in zehn Jahren – 7,9 Milliarden Euro. Die jedoch haben es in sich. Denn statt europäische Firmen und ihr Know-how zu übernehmen, bauen Chinas Autokonzerne wie BYD und Batteriehersteller wie CATL, Envision und SVOLT nun Fabriken in Frankreich, Ungarn, Großbritannien und Deutschland.

Auch Volvo, 100-prozentige Tochter des chinesischen Autobauers Geely, errichtet in der Slowakei eine Fabrik, in der ausschließlich Elektroautos vom Band laufen sollen. Es ist das erste neue Werk der Schweden seit 60 Jahren.

In Ungarn stellt BYD zudem bereits Elektrobusse her.

Podcast: Trumpf CEO Werkzeugmaschinen über China

Auch im Export machen BYD und chinesische Maschinenbauer deutschen Anbietern Konkurrenz. So legte in Bremerhaven Ende Februar erstmals der konzerneigene Autofrachter „BYD Explorer 1“ mit 4.500 Elektrofahrzeugen an Bord an. Insgesamt exportierte China 2022 über ein Drittel mehr Fahrzeuge nach Deutschland als im Vorjahr, berichtet Germany Trade and Invest. Die deutschen Autoexporte in die Volksrepublik sanken dagegen um 18,2 Prozent.

Chinesische Maschinenbauer verdoppelten ihre Ausfuhren in die EU zwischen 2010 und 2023 nahezu auf 11,4 Prozent aller in die 27 Mitgliedsstaaten eingeführten Maschinen. Deutschlands Anteil sank dagegen um zehn Prozent auf ein Fünftel.

Chinesische Firmen suchen nach Märkten in Übersee

„Von Kapitalgüterexporten nach China geht für Deutschland heute kein Wachstumsimpulsmehr aus“, betont Handelsexperte Dr. Vincent Stamer vom Kiel Institut für Weltwirtschaft. „Deutschlands komparativer Vorteil in der Produktion von Maschinen entspricht nicht mehr dem Bedarf Chinas.“

Im Maschinenbau könnte das 90.000 Arbeitsplätze gefährden, im gesamten verarbeitenden Gewerbe sogar 405.000 Jobs, hat das IW in einer Studie errechnet. Einen guten Grund, sich um diese zu sorgen, sieht auch der Geschäftsführer der AHK in Peking, Jens Hildebrandt. „Da der chinesische Markt aktuell nicht mehr so rund läuft wie lange Zeit und es Anzeichen für Überkapazitäten in der Produktion gibt, suchen chinesische Unternehmen noch intensiver nach Märkten in Übersee, in die sie exportieren können“, erklärt Hildebrandt.

Dabei lassen sie sich weder von der „Charmeoffensive“ bremsen, mit der Peking derzeit um Investoren aus dem Westen wirbt, noch von den Appellen von Bundeskanzler Olaf Scholz an die Führung der Volksrepublik während seiner China-Reise Mitte April.

Im Gegenteil: Die seit Januar zunehmende Zensur von Wirtschaftsjournalisten, die die KP kritisieren, sowie zunehmende Vorgaben dazu, was die Partei als korrektes Verhalten von Unternehmen erwartet, deuten darauf hin, dass sie ihre Kontrolle über die Wirtschaft verschärft und diese noch mehr in den Dienst der „nationalen Erneuerung“ stellt.

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