Ladesstation Elektroauto China

China ist stark, wenn es um die Elektromobilität geht. Deswegen setzen auch deutsche Autobauer auf Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten in der Volksrepublik. - Bild: wittayayut - stock.adobe.com

Hunderttausende Messebesucher, glänzende Geschäftsabschlüsse, technologiebegeisterte Kunden. Auf der Auto Shanghai zeigte sich, wie die Welt nach Corona aussehen könnte. Dort feierten die Autokonzerne in erster Linie die Elektromobilität und smartes Fahren. Doch ist auf dem weltgrößten Automarkt unter den Top-Ten der 2020 verkauften E-Modellen keine deutsche Marke zu finden. Die großen deutschen Autobauer, für die China der wichtigste Markt und Gewinnbringer ist, kündigten jedoch eine Elektro-Offensive an. Dazu nutzen sie verstärkt Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen in China.

Deutsche Namen haben in China für viele immer noch einen guten Klang, und so steht die Marke Weltmeister auf Platz zehn der im vergangenen Jahr in China verkauften Elektrofahrzeuge. Das 2016 gegründete Unternehmen ist jedoch von sieben chinesischen Kommunalverwaltungen, Investmentbanken und Internetunternehmen wie Baidu und Tencent finanziert.

Platz eins belegt der erst seit vergangenem Sommer in größerer Stückzahl ausgelieferte Wuling Hongguang mit 138.000 Einheiten, allein im März 2021 wurden etwa 40.000 Stück abgesetzt. Der kleine viersitzige Stadtflitzer lockt Kunden über den Preis, der umgerechnet unter 5.000 Euro liegt. Tesla, die einzige ausländische Marke unter den Top-Ten-Modellen fiel auf der weltgrößten Automesse hauptsächlich durch eine Kundin auf, die auf dem Dach eines Tesla-Ausstellungswagens herumhüpfte und Teile des Standes demolierte, um gegen angebliche Mängel an ihrem Tesla-Bremssystem zu demonstrieren. Der Tanz entwickelte sich in China zum Quotenhit im Internet.

Diese Elektroautos wurden 2020 in China am häufigsten verkauft

Tabelle mit den meistverkauften E-Auto-Modellen in China 2020
Unter den Top 10 der meistverkauften Elektroauto-Modellen 2020 in China ist kein Fahrzeug von deutschen Herstellern zu finden. - Grafik: Produktion; Quelle: China Auto News

Laut McKinsey haben chinesische E-Fahrzeuge ein bis zu doppelt so gutes Preis-Reichweite-Verhältnis wie ausländische Anbieter. Der Generalsekretär der Personenwagenvereinigung, Cui Dongshu, sieht jedoch die deutschen Autobauer im Kommen. Gegenüber japanischen, südkoreanischen und amerikanischen Joint Ventures oder internationalen Autobauern seien sie angriffslustiger. Die deutschen Autohersteller könnten sich dem Trend besser anpassen, meint Cui.

Milliardeninvestition von VW in Anhui

"Volkswagen hat die gute Tradition, teilweise etwas später, aber umso heftiger zu kommen", erklärt Stephan Wöllenstein, CEO von Volkswagen China. Die Provinz Anhui soll zu einem neuen Kompetenzzentrum und E-Mobilitäts-Hub des Volkswagen-Konzerns ausgebaut werden. Das Joint Venture JAC Volkswagen wurde in Volkswagen (Anhui) Automotive Company Limited umbenannt. Mit einem Anteil von 75 Prozent hat Volkswagen die Managementkontrolle übernommen, was durch die Lockerung der Investitionsbestimmungen in China jetzt möglich ist.

Geplant ist ein schrittweiser Ausbau der lokalen Forschungs- und Entwicklungskompetenzen sowie die Nutzung globaler Synergien innerhalb des Volkswagen-Konzerns. Zusätzlich strebt VW neben dem E-Mobilitäts-Hub auch die Einrichtung eines digitalen Hubs in Anhui an. Er soll die Aktivitäten von VW bei den Themen Konnektivität und digitale Dienste unterstützen.

 

"In den nächsten drei Jahren können wir mit einer hochmodernen MEB-Produktion, einem neuen, vollelektrischen Fahrzeugportfolio sowie Hightech-Lösungen des Forschungs- und Entwicklungszentrums in Anhui rechnen. Die diesjährige Investition von rund einer Milliarde Euro beschleunigt den Fortschritt des Joint Ventures. Volkswagen Anhui wird Chinas Rolle bei der Elektrifizierung und Digitalisierung des Volkswagen-Konzerns stärken", sagte Dr. Herbert Diess, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG.

Insgesamt beabsichtigt VW, bis 2024 etwa 15 Milliarden Euro in die Elektromobilität in China zu investieren. Die Bereiche für selbstfahrende Fahrzeuge, für fliegende Autos oder Fahrzeug-Entertainment von VW nutzen ebenfalls Entwicklungsleistungen aus China. Zu den vielen Beteiligungen von Volkswagen China gehörte der Kauf eines 26-prozentigen Anteils am Batteriehersteller Gotion High-Tech für 1,1 Milliarden Euro.

Volkswagen Forschungs- und Entwicklungszentrum für Elektromobilität Anhui
Das Volkswagen Forschungs- und Entwicklungszentrum für Elektromobilität in Anhui soll Chinas Rolle bei der Elektrifizierung und Digitalisierung des Volkswagen-Konzerns stärken. - Bild: Volkswagen AG

Daimler errichtet zweites Entwicklungszentrum in Peking

In dem jüngsten Geschäftsbericht von Daimler heißt es: "China ist nicht nur der größte Automarkt der Welt, sondern auch ein bedeutender Markt für neue Technologien und ein wichtiger Einkaufsmarkt." Geplant sind Gesamtinvestition von über 145 Millionen Euro in ein neues F&E-Technologiezentrum China.

Prof. Dr. Hans Georg Engel, Leiter Mercedes-Benz Forschung & Entwicklung China erklärt: „Daimler baut hier seit über einem Jahrzehnt seine Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten kontinuierlich aus. Das China-Team spielt zunehmend eine treibende Rolle in Bereichen wie automatisiertes Fahren, Konnektivität und elektrisches Fahren und ist zu einem wichtigen Akteur in unserem globalen F&E-Netzwerk geworden.“

Bereits 2009 eröffnete Mercedes-Benz als erster deutscher Premium-Automobilhersteller ein Advanced Design Studio in China. 2014 wurde in Peking das erste China-Zentrum für Forschung und Entwicklung von Mercedes-Benz eröffnet. In den lokalen Joint Ventures von Daimler wurden zusätzliche Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen eingerichtet.

Leitmarkt für Elektromobilität und Digitalisierung für BMW

China spielt als Leitmarkt für Elektromobilität und Digitalisierung eine zentrale Rolle in der Forschung und Entwicklung der BMW Group. Das Land stellt mittlerweile die größte Entwicklungskapazität der BMW Group außerhalb Deutschlands.

"Die chinesische Infrastruktur ist Weltklasse, China hat zahlreiche Talente, und auch die Regierung ist ein großer unterstützender Faktor. Für das BMW F&E-Netzwerk in China ist Shanghai zur Speerspitze geworden und fungiert zugleich als Inkubator für Zukunftstechnologien", erklärte Jochen Goller, Präsident & CEO der BMW Group Region China bei der Einweihung des neuen Shanghaier Entwicklungszentrum.

Das Forschungs- und Entwicklungs-Center in Shanghai hat auch ein Labor für vernetztes und automatisiertes Fahren. Als erster ausländischer Hersteller darf die BMW Group auf Schanghais Straßen Level 2+ Systeme dauerhaft testen. Auch der Fachbereich für Digitale Produkte & Services sitzt im Forschungs- und Entwicklungs-Center in Schanghai.

Dort werden BMW Connected- und weitere digitale Services entwickelt, um ein umfassendes Mobilitäts-Ökosystem zu entwerfen. Das Designworks Shanghai Studio ist ein globales, zukunftsorientiertes und kreatives Studio für Design. Die vierte Abteilung ist das Technologie Office China. Dieses fokussiert sich auf drei Hauptaufgaben: Megacity Mobilität in China, Innovationen und Datenanalyse chinesischer Kundenfahrzeuge.

BMW Group Shanghai F&E Center China
Das Forschungs- und Entwicklungs-Center von BMW in Shanghai fungiert unter anderem als Inkubator für Zukunftstechnologien. - Bild: BMW Group

"China eignet sich besonders für die Entwicklung des autonomen Fahrens", so Goller. Die chinesische Regierung gebe einen klaren Kurs vor. Es sei unglaublich, wie viel Geld investiert werde - mehr als im Silicon Valley in den USA. "Andere Länder reden über 5G, China baut es", sagte Goller über den dafür nötigen, superschnellen neuen Mobilfunkstandard.

BMW eröffnete mit Brilliance Auto auch ein neues Batteriezentrum, das mit Zellen des chinesischen Batterieriesen CATL versorgt wird. Mit dem neuen Batteriezentrum wird die bereits 2017 eröffnete Batteriefabrik, das sogenannte High-Voltage Battery Center, ergänzt.

Automobilzulieferer folgen

Auch für die großen deutschen Automobilzulieferer entwickelte sich China nicht nur zum größten Markt, sondern auch zu einem bedeutenden Innovationsstandort. Zum einen muss vor Ort entwickelt werden, um den sich schnell ändernden Ansprüche an die Komponenten zu genügen. Zum andern nutzen die Zulieferer auch die einmaligen Möglichkeiten zur Digitalisierung und zur Veränderung ihrer Produktpalette in Richtung Elektromobilität und smartes Fahren.

ZF entwickelt Spezialcomputer

ZF hat auf der Auto China in Shanghai die neueste Generation seines Spezialcomputers für autonomes Fahren sowie ein nach eigener Aussage weltweit neuartiges System für automatisiertes Parken präsentiert. Der neue Supercomputer ZF ProAI baut auf seinen Vorgängern auf, hat aber laut ZF deutlich mehr Rechenleistung bei 70 Prozent weniger Energieverbrauch und einer geringeren Größe. Die künstliche Intelligenz des Computers sei für Deep Learning optimiert, was unter anderem für mehr Sicherheit sorge.

"Konzipiert für die Anforderungen Software-definierter Fahrzeuge und deren neue Elektrik-/Elektronik-Architekturen, kann dieser KI-fähige Hochleistungsrechner als Domänen-, Zonen- oder Zentralcontroller dienen", teilte ZF mit. Der neue Rechner sei der flexibelste, skalierbarste und leistungsstärkste Auto-Supercomputer der Welt.

"Das gesamte System wird in China entwickelt und kommt Ende 2022 erstmals bei einem chinesischen Automobilhersteller zum Einsatz", sagt Renee Wang, Präsidentin von ZF China. "Wir glauben, dass dieses infrastrukturunabhängige System zum automatisierten Parken eine kosteneffiziente Lösung für viele globale Automobilhersteller sein wird."

11. Deutscher Maschinenbau-Gipfel

Der Fixpunkt für den Maschinen- und Anlagenbau in diesem Jahr: Am 26. und 27. Oktober 2021 findet der 11. Deutsche Maschinenbau-Gipfel in Berlin statt. Es gibt viel zu besprechen: Welche Folgen hat die Corona-Pandemie für die gesamte Branche? Welche Rolle kommt dem Maschinenbau beim Klimawandel zu? Wie muss Europas Handelspolitik beschaffen sein, damit unsere Export-Unternehmen im Kräftemessen zwischen China und den USA nicht den Kürzeren ziehen? Mit welchen Themen muss sich Deutschlands innovativste Branche jetzt beschäftigen, um Morgen weiter erfolgreich zu sein?

Prominente Vertreter aus Top-Unternehmen der großen Branchen Maschinenbau, Automobilindustrie und Chemieindustrie geben Einblicke in ihre Strategien und Umsetzung und diskutieren mit Ihnen über die Zukunft der Industrie in Deutschland. Vertreter der Europa- und Bundespolitik ergänzen die Teilnehmer am Maschinenbau-Diskurs.

Weitere Informationen: www.maschinenbau-gipfel.de

Bosch und Qingling Motors entwickeln Brennstoffzellen

Bosch will den wachsenden chinesischen Markt für Brennstoffzellen erschließen. Dazu hat der Zulieferer ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem Nutzfahrzeughersteller Qingling Motors gegründet, meldete das Unternehmen im April 2021. Unter dem Namen Bosch Hydrogen Power bündeln Bosch und Qingling ihre Aktivitäten zur Brennstoffzelle. Laut Prognosen der China Society of Automotive Engineers, auf die sich Bosch beruft, ist der Wasserstoffmarkt in dem Land ein Riesengeschäft. Bereits 2030 könnten in China mehr als eine Million Fahrzeuge mit Brennstoffzellen-Antrieb zugelassen sein.

KS Kolbenschmidt baut Tech Center in Nanjing

KS Kolbenschmidt errichtet mit dem chinesischen Automobilzulieferer ZYNP Corporation, Mengzhou (China), und der Riken Corporation, Tokio (Japan) ein eigenes Tech Center in Nanjing. Das neue Tech Center sollen hochqualifizierter Spezialisten die Entwicklung von Power Cylinder Units (PCU), also Kolbengesamtsystemen, in China vorantreiben. KS Kolbenschmidt und seine Partner sehen dabei den Aufbau eines nationalen Teams für Entwicklung und Vertrieb vor. Ziel ist es, den lokalen Kundenservice zu verbessern und die Entwicklungsgeschwindigkeit zu erhöhen.

Hella – Autoschlüssel als App

Speziell für den chinesischen Markt hat Hella einen Software-Autoschlüssel entwickelt. Installiert auf einem mobilen Endgerät kann das Fahrzeug per Bluetooth-Schnittstelle geöffnet beziehungsweise verriegelt werden. Der Nutzer muss das Smartphone oder Tablet dafür nicht bedienen. Das Schließsystem wird angesteuert, sobald der Besitzer oder Kunde sich dem Auto nähert. Laut Hella können Betreiber von Firmenflotten und Carsharing-Diensten den Zugangsschlüssel über die App teilen.

Dies ist lediglich ein Ausschnitt aus den vielen Entwicklungsprojekten der deutschen Autobranche in China. Entwickeln in China heißt mit dem Technisierungswettlauf Schritt zu halten. Ferdinand Dudenhöffer, Direktor des Center Automotive Research (CAR), schätzt, dass Chinas Autobranche im Bereich Elektromobilität manche etablierte Hersteller bereits überholt hat.

Auch im Bereich der Software und Fahrzeugvernetzung seien chinesische Unternehmen teilweise führend. Die Zukunft der deutschen Autobauer entscheide sich daher in China. "Unsere Autobauer sind ohne China nicht mehr vorstellbar. Die Jobs in München, Stuttgart oder Wolfsburg hängen an China. Entweder Deutschland bleibt im Autogeschäft und dann mit China. Oder wir steigen in China aus - dann steigen wir auch aus der Autoindustrie aus", so Dudenhöffer gegenüber der DPA.

Dass so viele deutsche und auch internationale Unternehmen China nun auch als Forschungs- und Entwicklungsstandort nutzen, zeigt, dass die Innovationsstrategie der Volksrepublik einiges vorantreibt. Mehr zum Fünfjahresplan, mit dem China zum Hightech-Standort werden will, lesen Sie in Teil 1 der Serie.

Serie: Chinas Innovationsstrategie - Chancen und Risiken für den Westen

In unserer Serie beleuchten wir verschiedene Aspekte der aktuellen Forschungs- und Entwicklungsstrategie der Volksrepublik China. Bisher erschienen:

  1. So will China zum Hightech-Standort werden | China setzt im neuen Fünfjahresplan auf die Entwicklung von Hochtechnologie. Wie die Strategie aussieht und warum die Erfolgschancen hoch sind.
  2. Elektromobilität: China lockt deutsche Autoindustrie an | Die einheimischen Firmen dominieren bei Elektromobilität und autonomem Fahren, aber auch deutsche Konzerne zieht es nach China. Wie sie dort F&E vorantreiben.

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