Roboter-KI vor China-Flagge

KI, Elektronik, digitale Autos und Chips - alles Dinge, die China mit der neuen Innovationsstrategie und hohen Forschungsinvestitionen vorantreiben möchte. Wie genau erklärt PRODUKTION China-Experte Thomas Kiefer im Artikel. - Bild: boscorelli - stock.adobe.com

Serie: Chinas Innovationsstrategie - Chancen und Risiken für den Westen

In unserer Serie beleuchten wir verschiedene Aspekte der aktuellen Forschungs- und Entwicklungsstrategie der Volksrepublik China. Bisher erschienen:

  1. So will China zum Hightech-Standort werden | China setzt im neuen Fünfjahresplan auf die Entwicklung von Hochtechnologie. Wie die Strategie aussieht und warum die Erfolgschancen hoch sind.
  2. Elektromobilität: China lockt deutsche Autoindustrie an | Die einheimischen Firmen dominieren bei Elektromobilität und autonomem Fahren, aber auch deutsche Konzerne zieht es nach China. Wie sie dort F&E vorantreiben.

Elektroantriebe, Supercomputer, 5G, Hochgeschwindigkeitszüge oder Weltraummissionen: Chinas Forschungspolitik setzt auf Hightech und Zukunftstechnologien. Dafür vervielfachten staatliche Stellen und Unternehmen innerhalb kurzer Zeit ihre Forschungsetats.

Nicht nur Spitzenforschung steht im Fokus. Das Land versucht auch durch eine optimale Forschungs-Infrastruktur unzählige kleine Innovationen hervorzubringen. Doch zunehmend geraten die Konzerne in China durch US-Lieferverbote für Hightech und Marktzugangsbeschränkungen für Elektronik unter Druck.

Steigender Forschungsetat soll anhaltendes Wirtschaftswachstum bringen

Unternehmen seien die wichtigste Kraft bei der Schaffung von Innovationen, sagte Ministerpräsident Li Keqiang nach der Verabschiedung des neuen Fünfjahresplans im März. Die entsprechenden Staatsausgaben sollen jährlich um sieben Prozent steigen. Die technologische Innovation soll dadurch zu einer treibenden Kraft des Landes werden.

Das Land arbeitet an einem neuen Entwicklungsparadigma, das der chinesischen Wirtschaft eine anhaltende Wachstumsdynamik bieten soll. Auch ausländische Unternehmen sollen dadurch größere Chancen erhalten. China habe beschlossen, den Steuerabzug auf die Ausgaben für Forschung und Entwicklung von Produktionsunternehmen zu erhöhen, so Li.

Der massive Ausbau von digitaler Infrastruktur, E-Mobilität, und anderen entscheidenden Zukunftstechnologien stehen im Zentrum der Entwicklungsanstrengungen. Der neue Fünfjahresplan für die Jahre bis 2025 sieht milliardenschwere Investitionen in künstliche Intelligenz, Quanten-Informationstechnologie, Medizin, Gen- und Biotechnologie sowie klinische Medizin und Gesundheit vor.

Dieser Artikel beleuchtet umfassend die Inhalte des aktuellen Fünfjahresplans der Volksrepublik China, mithilfe dessen das Land besonders bei Hochtechnologie stark werden möchte. Das sind die wesentlichen Aspekte, die näher beleuchtet werden:

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Das sind die Folgen für die EU und die USA

Kritische Stimmen warnen davor, dass China damit eine technologische Vorherrschaft anstrebe und mit der vom Ausland übernommenen Technologie den Weltmarkt überrollen könnte. Ähnliche Warnungen gab es bereits in den 1980er Jahren, als Volkswagen sein erstes Produktionswerk in China errichtete. VW erschloss sich jedoch damit einen Zukunftsmarkt, aus dem viele Jahre die Hälfe des gesamten Konzerngewinns kam. Die Spielregeln dafür wurden nicht nur von der chinesischen Zentralregierung, sondern auch von VW und Shanghai zusammen in der Region aufgestellt.

Chinas Aufstieg als globale Technologiemacht stellt die Vormachtstellung der USA infrage. Amerika reagiert darauf mit Abschottung und Sanktionen. Auch unter der Regierung von Joe Biden ist nicht mit einem grundsätzlichen Kurswechsel zu rechen. Eine einseitige Positionierung der EU in diesem geopolitischen Machtkampf ist für europäische Unternehmen mit hohen Kosten verbunden. Dagegen hilft die Forderung nach multilateraler, regelbasierter technologischer Kooperation. Zudem sollte die EU selbst nach technologischer Souveränität streben und eigene Standards setzen, so das Fazit der Studie Giga Focus Asien der Chinaexpertinnen Margot Schüller und Yun Schüler-Zhou vom Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien (Giga).

Das sind die wichtigsten Faktoren für Chinas technologischen Aufstieg

Der rasche Anstieg der technologischen Stärke Chinas hängt mit einer Reihe von Faktoren zusammen, so die Chinaexpertinnen des Giga:

  1. Die Umstrukturierung des Wissenschafts- und Technologiesystems (W&T) seit 2012 hat die institutionelle Effizienz durch die Lösung von Koordinierungsproblemen auf horizontaler Governance-Ebene erhöht;
  2. der starke Anstieg der Ausgaben von Regierung und Wirtschaft für Forschung und Entwicklung (F&E) und für die Verbesserung der wichtigsten öffentlichen Forschungsinfrastruktur hat neue Anreize für Wissenschaftler, Wissenschaftsverwalter und Unternehmen geschaffen;
  3. die internationale Zusammenarbeit im Bereich W&T hat den Aufholprozess unterstützt und Chinas Innovationskapazitäten gestärkt;
  4. die Industriepolitik hat einheimische Technologieunternehmen in vielen Bereichen geschützt, insbesondere in den Bereichen Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT).

Fokus auf autonome und digitale Fahrzeuge

Anschaulich ist Chinas Entwicklungsplan im Bereich der Automobilindustrie zu sehen. Die langfristig angelegten staatlichen Vorgaben zwangen Chinas Autobauer bereits frühzeitig zu neuen Strategien, die nicht nur neuartige Antriebe, sondern auch neue Konzerne hervorbrachten, die bereits bei der Gründung global ausgerichtet sind. In China plant beispielsweise Nio mit der Stadtregierung von Hefei Anhui einen neuen Industriepark für Fahrzeuge mit alternativen Antrieben. In den USA besteht ein Entwicklungszentrum, und in München ist die Europazentrale angesiedelt

Dabei geht der Trend nicht nur in Richtung elektrisch angetriebener, autonom fahrender Fahrzeuge. „Software spielt für uns eine zentrale Rolle, wenn man eine einzigartige User-Experience bieten will. Um dies zu gewährleisten, haben wir unsere Autos unter anderem mit der Technologie ‚Firmware-over-the-Air‘ (FOTA) ausgerüstet, welche nun garantiert, dass das Auto immer auf der aktuellen Firmware läuft, ohne dass der User dafür irgendetwas selbst tun muss“, erklärt Europachef Hui Zhang. Deutsche Autobauer waren vor Kurzem noch stolz darauf „Benzin im Blut zu haben“, Tesla steht unter Strom, und Nio versteht sich digital.

Lücken im Elektronik-Bereich sollen geschlossen werden

Für Elektronik wurde insbesondere Südchina die Fabrik der Welt. In einigen Bereichen, wie Onlinegeschäfte oder digitale Verkehrsführung, ist China in der praktischen Anwendung weltweit führend. Doch bestehen im Bereich der Elektronik noch einige große Lücken, welche sich durch Boykottmaßnahmen der USA besonders nachteilig auswirken.

„Chinas Unternehmen kämpfen derzeit noch mit erheblichen Abhängigkeiten von ausländischen Hightech-Komponenten, vor allem wenn es um Software und Hardware wie Halbleiter geht. Mit zusätzlicher staatlicher Unterstützung für Forschung und Entwicklung will China in den kommenden fünf Jahren Durchbrüche in strategischen Technologien erzielen“, sagt Caroline Meinhardt, Expertin für Industriepolitik und neue Technologien am Forschungsinstitut Mercis.

China will bei Chips unabhängig werden

Chips spielen in dem Technologiewettlauf eine herausragende Rolle. China ist weltweit der größte Abnehmer von Halbleitern. Etwa 35 Prozent des Halbleiterumsatzes wurden 2019 in China erwirtschaftet. Auf chinesische Halbleiterhersteller entfallen jedoch nur fünf Prozent; 2001 lag dieser Wert lediglich bei einem Prozent. Seitdem flossen Milliardeninvestitionen in die Entwicklung einer eigenen Halbleiterindustrie

Ende 2020 leitete der Nationale Entwicklungsfonds die zweite Phase seiner Programme mit einem Umfang von 30 Milliarden US-Dollar ein. Ein Hauptziel ist es, bei der Fertigung von 28-nm-CMOS-Prozessoren von ausländischen Lieferungen unabhängig zu werden. Ob China dieses Ziel wie angepeilt innerhalb von zwei Jahren erreichen wird, darüber sind sich Branchenexperten uneinig.

US-Sanktionen beschleunigen die Modernisierung

Die US-Sanktionen haben die Entwicklung einer eigenen Fertigung zwar verlangsamt, jedoch nicht verhindert. Vor drei Jahren kam das Equipment noch zu 100 Prozent von ausländischen Anbietern, inzwischen kommen 80 Prozent der Systeme von heimischen Anbietern. Hier wirkt sich die amerikanische Technologie-Boykottpolitik eher als Beschleuniger der Modernisierung aus.

Daher ist der Aufbau einer eigenen leistungsfähigen Chipfertigung für China unumgänglich. Die Umsatzerlöse der chinesischen Industrie für integrierte Schaltkreise erreichten im Jahr 2020 bereits 137 Milliarden US-Dollar mit einer jährlichen Wachstumsrate von 20 Prozent, dreimal so viel wie die globale durchschnittliche Wachstumsrate der Branche, meldet China Daily.

Mit enormen Summen sind jedoch nicht nur glänzende Erfolge schnell möglich, sie können sich auch als Milliardengrab erweisen. Wuhan Hongxin Semiconductor Manufacturing Company (HSMC) warb Hunderte von Experten zu überzogenen Gehältern bei der Konkurrenz ab, engagierte den Chip-Experten Chiang Shang-yi vom taiwanesischen Marktführer TSMC und kaufte überteuerte Produktionsmaschinen bei ASML. Vergangenes Jahr ging der Konzern in Konkurs; von kriminellen Machenschaften ist die Rede.

Künstliche Intelligenz profitiert von Datenmasse

Weiter ist China dagegen bei der Entwicklung künstlicher Intelligenz, da dem Land mit seinen mehr als einer Milliarde Smartphone-Nutzern ein einmaliger Datenschatz zur Verfügung steht. Mit künstlicher Intelligenz entstehen aus immer mehr Daten und Bildern neue Möglichkeiten und Informationen.

Bei der Kritik an einem chinesischen Überwachungsstaat sollte jedoch gesehen werden, dass auch in Südkorea oder Japan eine hohe Kameradichte besteht und dies von der Bevölkerung in Ostasien weitgehend akzeptiert wird.

Darum ist China stark bei KI-Technologien

  1. Der Zugang zu einem riesigen Binnenmarkt. Chinas Bevölkerung von 1,4 Milliarden Verbrauchern ist der größte Binnenmarkt der Welt. Es gibt eine Vielzahl potenzieller KI-Anwendungen für diesen Markt, sodass China ein fruchtbarer Boden für KI-Unternehmen ist, um zu gedeihen.
  2. KI hat für die Führung oberste Priorität. Die chinesische Regierung hat eine klare, ehrgeizige Mission zur künstlichen Intelligenz formuliert. Die Regierung und der Unternehmenssektor in China wissen, dass KI praktisch alle Aspekte des Verbraucherlebens revolutioniert, und sie nehmen die neue Technologie von ganzem Herzen an und bieten innovativen KI-Technologieunternehmen starke strategische Leitlinien.
  3. China schützt seinen Binnenmarkt aufs Schärfste. Die Volksrepublik blockiert wichtige US-amerikanische KI-Spieler wie Facebook und Google. Dies eliminiert praktisch die Konkurrenz westlicher Unternehmen, sodass inländische technische Innovationen in China florieren können. In jüngerer Zeit hat China auch Beschränkungen für den Export einiger innovativer KI-Technologien auferlegt, um die nationale wirtschaftliche Sicherheit zu gewährleisten.

Voraussetzungen für Neugründungen in China sind einzigartig

Ein weit verbreitetes Missverständnis dürfte sein, dass zentral von Peking die Vorgaben diktiert werden und die Unternehmen und Bürger diese buchstabengetreu umsetzen. Technologische Entwicklung braucht Freiheit und Unternehmensgeist, dies ist auch der chinesischen Regierung bewusst.

„Chinas staatlich geförderte Inkubatoren treiben die heimische E-Commerce-Start-up-Szene an und lassen Chinas digitale Gründer zunehmend zu echten Silicon-Valley-Konkurrenten werden“, berichtet das Gründer-Fachmagazin StartingUp. „Bislang war China vor allem als Heimat der Copy Cats, also der Ideenkopierer, verschrien, und das Land stand in der Kritik, bei der Entwicklung von Innovationen hintenanzustehen.

Dies hat sich in den vergangenen Jahren stark geändert, vor allem aufgrund eines ausgeprägten Unternehmertums und der staatlichen Förderung von Start-ups in China, die weltweit einzigartig sind“, so Patrick Boos, Managing Director von Accenture.

Der Staat und vor allem die Städte, die sich einen harten Wettbewerb um die klügsten und innovativsten Köpfe liefern, fördern die Existenzgründungen mit hohen Summen, aber auch mit einmaligen Arbeitsbedingungen und einer passenden Infrastruktur.

Staatlich geförderte Inkubatoren bringen Fortschritt

Ein Beispiel für die einzigartige Förderung von digitalen Innovationen und Geschäftsmodellen sind die staatlich gestützten Inkubatoren. Diese sind komplexe Einrichtungen, welche bei der Unternehmensgründung helfen. Neben der Nutzung von Büroräumen bieten diese Institutionen eine umfangreiche Infrastruktur mit fachlichen Beratungsmöglichkeiten, Förderungsmaßnahmen und Kultur- und Freizeitangeboten.

Dieser intensive interne Standortwettbewerb gibt nicht nur optimale Startbedingungen für neue Geschäftsideen. Die einmalige Größe des Marktes ist einer der wesentlichen Erfolgsfaktoren der chinesischen Start-up-Szene. China hat nach den USA den größten Verbrauchermarkt weltweit. Über 850 Millionen Menschen nutzen das Internet.

Welche Vorteile China gegenüber anderen Ländern hat

Es gibt auch keine Sprachbarrieren wie in Europa, eine Lösung kann von allen Kunden genutzt werden. Auch die enorme Dichte fördert die Innovationsgeschwindigkeit. Das Land hat mehrere Cluster, in denen innerhalb einer Stunde mit Hochgeschwindigkeitszügen jeweils mehr als 100 Millionen Menschen vernetzt sind.

Chengdu Future City aus der Vogelperspektive
Auf etwa 460 Hektar werden in der Chengdu Future City Forschungsinstitute, eine Universität, Büros, Handel und Wohnen nahe beieinander entstehen. - Bild: Atchain

Bastelt ein Start-up dort an einer technischen Innovation, kann es in wenigen Stunden zumeist alle notwendigen Teile und Komponenten geliefert bekommen. Der Weg von der Idee über einen Prototyp bis zum marktfähigen Produkt ist unglaublich kurz.

Hinzu kommt, dass die Chinesen als sehr aufgeschlossen gegenüber neuen Geschäftsmodellen und neuen Produktideen gelten. Laut einem Report der Unternehmensberatung Boston Consulting Group wachsen chinesische Start-ups auch deshalb wesentlich schneller zu Unicorns heran als ihre Konkurrenten in den USA.

Die enorme Innovationsgeschwindigkeit ist nur möglich, da Chinas Verwaltungen meist gut und effektiv funktionieren, was nicht nur bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie zu sehen war. Die Infrastruktur ist hervorragend. Mehr als die Hälfte der Hochgeschwindigkeitsstrecken weltweit befindet sich in China. Die Züge fahren mit 350 km/h und sind pünktlich. Eine Magnetbahn erreichte im Testbetrieb 620 km/h.

Englands technologischer Aufstieg basierte auf Dampfkraft, Deutschlands Industrie modernisierte sich mit Elektrotechnik, und Chinas Modernisierung ist digital. „In China gibt es für die daran mitwirkenden Unternehmen einmalige Einblicke in ein völlig neues Innovations-Ökosystem. Hier wird gelernt, wie nachhaltige Modelle für digitale Unternehmen entstehen. Die rasante Transformation Chinas zu einem Innovationsgiganten schafft plattformbasierte Fertigungslösungen, die es für die eigenen Unternehmen zu nutzen gilt“, so die AHK Greater China in ihrem Themenheft „Innovationsökosysteme & digitale Transformation“.

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