Interview mit Wilma Kauke, Global HR Direktorin bei Lapp
Flexible Benefits und Co: Wie Lapp HR neu aufstellt
Flexible Benefits, neue HR-Tools und mehr Fokus auf Kultur: Lapp richtet seine Personalstrategie neu aus. HR-Chefin Wilma Kauke erklärt, wie individuelle Angebote, Digitalisierung und KI helfen sollen, Talente zu gewinnen und langfristig zu binden.
Dr. Wilma Kauke ist Global HR Direktorin & CPO LA Emea bei Lapp.Lapp
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Summary:
Flexible Benefits, neue HR-Tools und eine stärkere Kulturarbeit: Lapp richtet seine Personalstrategie neu aus. HR-Chefin Wilma Kauke erklärt, wie Digitalisierung, KI und individuelle Angebote helfen sollen, Mitarbeitende zu gewinnen, zu halten und Organisationen zukunftsfähig zu machen.
Es waren gerade die Olympische Spiele. Sie selbst sind
Steuerfrau eines Ruder-Achters. Sehen Sie Parallelen zwischen Sport und
Unternehmenswelt? Kann man etwas aus dem Sport übernehmen?
Wilma Kauke: Unbedingt, zum Beispiel bei der Performance- oder der Hochleistungskultur.
Im Rahmen unserer Kulturinitiative hatten wir unter anderem Mikko Riipinen, den
Basketball-Trainer der MHP Riesen Ludwigsburg, zu Gast. Er hat uns gezeigt, wie
man ein Team motiviert und zu Höchstleistungen bringt.
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Zudem haben wir in der Schweiz eine Kooperation mit einem
Leistungssportzentrum. Die Sportler absolvieren eine Ausbildung bei Lapp, wobei
wir uns an deren Wettkampfkalender anpassen. Im Gegenzug gewinnen wir Talente,
die nach ihrer sportlichen Karriere eine Einstiegsmöglichkeit suchen. Wer
Leistungssport betreibt, bringt oft eine hohe Leistungsbereitschaft, Motivation
und Organisationsfähigkeit mit und ist in der Regel ein Teamplayer.
Ich bin, wie gesagt, Steuerfrau im Ruderachter. Oft verbindet
man mit einer Steuerfrau eine laute Person im Wettkampf, doch diese Rolle hat
mich enorm viel über Führung gelehrt. Während die Ruderer mit dem Rücken zur
Fahrtrichtung sitzen, hat die Steuerfrau in Fahrtrichtung schauend das Steuer
in der Hand, sieht Hindernisse voraus und kennt die strategische Richtung.
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Sie spürt, ob das Boot „läuft“, trainiert die einzelnen
Personen und formt aus acht Sportlern ein Team. An Land übernimmt sie zudem
Aufgaben des Servant Leadership: Sie sorgt dafür, dass die Rollsitze geölt
sind, das Material vollständig ist und die Positionen richtig besetzt sind. All
das sind Themen, mit denen sich auch eine Führungskraft auseinandersetzt:
Stellenbesetzung, Budgetverwaltung und das Beseitigen von Hindernissen.
Der Kapitän des deutschen Curling-Teams bei Olympia, Marc
Muskatewitz, ist zum Beispiel Maschinenbauingenieur.
Kauke: Das Beispiel von Marc Muskatewitz zeigt sehr schön, wie nah
Leistungssport und Maschinenbau eigentlich beieinanderliegen. Curling ist
Präzisionssport: Winkel, Reibung, Energieübertragung – im Grunde angewandte
Physik in Echtzeit. Gleichzeitig braucht es mentale Stabilität,
Teamkommunikation und strategische Klarheit. Maschinenbau liefert das
technische Denken, Curling trainiert die menschliche Performance.
Der HR-Bereich befindet sich derzeit im Wandel. Gibt es
Themen, die früher stiefmütterlich behandelt wurden, aber heute wichtiger sind
oder umgekehrt?
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Kauke: Früher lag der Fokus stärker auf der reinen Ordnungsfunktion
- quasi wie ein Polizist - und auf der rein administrativen Abwicklung. Man
kümmerte sich um den einzelnen Mitarbeitenden. Heute liegt der größere Hebel in
der Organisations- und Kulturentwicklung. Es geht darum, das Ökosystem zu
gestalten. Kultur, Organisation und Führung für das Unternehmen so
auszurichten, dass jeder weiß, was zu tun ist, und es auch bestmöglich tun kann.
Führungskräfte befinden sich oft in einer Sandwich-Position:
Sie sind selbst von der VUKA-Welt betroffen, sollen aber zuversichtlich führen.
Wir nutzen das Modell „Leading
my business, leading others, leading myself“. Denn wer sich nicht selbst
führen kann, kann auch keine anderen führen. Zeit für Führung, also für die
Mitarbeitenden, ist genauso wichtig, wie Fachaufgabe als Führungskraft gut zu
erledigen.
Zudem begleitet HR heute Transformationen – sei es bei
Restrukturierungen oder bei der Neugestaltung des Vertriebs. Wir setzen auch
verstärkt auf Individualität, etwa mit unserem „Cafeteria-Modell“. Hier haben
Mitarbeitende ein Budget von beispielsweise 100 Euro pro Monat und können je
nach Lebensphase wählen: Zuschuss zum Kitaplatz, ein ÖPNV-Ticket oder
Altersvorsorge. Es gibt nicht mehr das eine Modell für alle.
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Ist dieses Modell bereits in Kraft oder noch in Planung?
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Kauke: In Deutschland ist es bereits in Kraft. Da ich eine globale
Rolle habe, schauen wir, wie wir das international umsetzen können. Die Idee
ist übertragbar, aber die Inhalte der „Cafeteria” variieren je nach Land. In
Italien sind beispielsweise Einkaufs- oder Urlaubsgutscheine gefragt, in Indien
hingegen eher Bildungsgutscheine für Kinder. Fahrräder – und damit ein
Job-Rad-Zuschuss – sind in Deutschland beliebt, aber andernorts vielleicht
nicht so sinnvoll.
Welchen Einfluss hat die aktuelle wirtschaftliche
Herausforderung auf Ihre Strategie? Halten Sie Projekte zurück?
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Kauke: Gerade jetzt muss ich schauen, wie ich die Talente halte,
die wir brauchen. Als Familienunternehmen handeln wir wertebasiert. So haben
wir beispielsweise eine globale Mitarbeiterbefragung eingeführt, um Feedback zu
erhalten. In schwierigen Zeiten ist das besonders wichtig.
Auch die Kulturarbeit und ein globales HR IT Tool werden
weiter vorangetrieben. Das spart langfristig Kosten und Zeit. Ein Beispiel: Früher
mussten Mitarbeitende im Werk, die heirateten und ihre Namen änderten, diese
Information ihrer Führungskraft mitteilen. Die Führungskraft wiederum gab die
Information an die Personalabteilung weiter, die das dann hoffentlich richtig
ins System eingepflegt hat. Künftig können diese Änderungen selbst im System vorgenommen
werden, wobei alle relevanten Daten, wie Adresse oder Bankverbindung direkt mit
abgefragt werden. Die Führungskraft kann sich somit wieder auf die Führungsaufgaben
konzentrieren.
Natürlich kann man nicht alles gleichzeitig umsetzen, aber
solche Effizienzthemen stellt man nicht zurück.
Kauke: Ein großes Projekt ist die Einführung eines globalen HR
IT-Systems. Das hilft uns vor allem für Analytics. Damit müssen wir nicht mehr
mühsam Daten aus verschiedenen Ländern abfragen, gewinnen mehr Zeit für andere
Aufgaben und erhalten bessere Daten.
Ein weiteres Thema ist „Lapp Go“, eine Smartphone-Lösung vor
allem für Werk- und Logistikmitarbeitende, zum Beispiel für Kommunikation und
Schulungsinhalte. In Asien, beispielsweise bei unseren Kollegen in Malaysia,
ist das Lernen auf dem Smartphone im Bus völlig selbstverständlich. Das möchte
ich auch für Deutschland und andere Standorte erreichen, damit Mitarbeitende
ebenfalls flexibel auf Informationen und Schulungen zugreifen können.
Wie nutzen Sie Künstliche Intelligenz im Personalbereich?
Kauke: KI hilft beispielsweise bei der weltweiten
Mitarbeitendenbefragung mit 6.000 Freitextfeldern, indem sie Übersetzungen und
Zusammenführungen erleichtert. Auch beim Erstellen von Dashboards oder bei der
Suche nach Profilen auf Portalen ist sie eine große Hilfe. Die eigentliche
Auswahl treffen jedoch weiterhin Menschen, da es auch menschlich ins Team passen
muss.
Die Personalabteilung hat hier auch die Aufgabe, Ängste vor
KI zu nehmen und eine „Spielwiese“ für deren Nutzung zu schaffen. Für mich ist
KI ein ergänzendes Tool, kein Ersatz.
Sie erwähnten Best Practices aus anderen Ländern. Gibt es
auch Beispiele aus Deutschland, die Sie exportiert haben?
Kauke: Das Cafeteria-Modell ist ein solches Exportgut. Ich halte
allerdings wenig von einem reinen „Roll-out“ aus der Zentrale, sondern mehr von
einem „Roll-in“. Wir schauen, welche Experten und Expertinnen vor Ort bereits
gute Lösungen haben.
Bei der Mitarbeitendenbefragung hatten viele Länder eigene
Anbieter. Wir haben dann die Personalverantwortlichen aus den Ländern mit dem
Headquarter an einen Tisch gebracht, um gemeinsam einen globalen Anbieter und
einen Fragenkatalog auszuwählen. Das Ergebnis ist ein System, das nur noch ein
Viertel dessen kostet, was wir vorher insgesamt bezahlt haben, und gleichzeitig eine bessere
Vergleichbarkeit weltweit ermöglicht.
Auch beim Employer Branding bieten wir eine sehr
professionell gestaltete Toolbox an, die lokal und in der Landessprache
angepasst werden kann – von Postern in Tschechien bis zu Buttons in Finnland.
Skandinavien gilt oft als Vorbild für Work-Life-Balance.
Orientieren Sie sich auch daran?
Kauke: Ich denke, wir sind generell auf einem guten Level – zum
Beispiel beim Thema Homeoffice. Es gibt unterschiedliche gesetzliche Regelungen:
In Italien ist Homeoffice teilweise vorgeschrieben, in Asien ist es hingegen weniger
üblich. Wir geben Rahmenbedingungen vor, die je nach Funktion und lokalen
Notwendigkeiten Freiheiten lassen. In Deutschland haben wir vier „Worktypes”
definiert – vom Präsenzmitarbeitenden bis zum „Nomaden” im Vertrieb oder der
IT. Uns sind gezielte Teamtage, an denen alle im Büro sind, um Strategien zu
besprechen oder Abteilungsrunden abzuhalten, wichtiger als starre Regeln.
In den kommenden Jahren werden immer mehr Fachkräfte in
Rente gehen und weniger nachkommen. Spüren Sie den Fachkräftemangel bei sich
auch? Haben Sie eine bestimmte Strategie entwickelt?
Kauke: Ja, der Mangel wird uns – insbesondere in Deutschland - noch
lange beschäftigen. Wir setzen auf drei Säulen:
Weiterbildung der vorhandenen Belegschaft, die Lapp und die Produkte bereits kennt.
Ausbildung und duale Studiengänge mit einer sehr hohen Übernahmequote.
Ansprache besonderer Zielgruppen, wie Leistungssportler oder Menschen mit besonderen Herausforderungen. Zudem nutzen wir einen internationalen Bewerberpool, zum Beispiel aus Indien.
Apropos Ausbildung: Was muss die Branche tun, um für die
nächste Generation attraktiv zu bleiben? Haben Sie bestimmte Maßnahmen?
Kauke: Wir müssen uns anstrengen. Bisher konnten wir bei Lapp fast
alle Plätze besetzen. Unsere Ausbildungsabteilung steht in engem Kontakt mit
der Geschäftsführung. Matthias Lapp und mir ist es außerdem ein Anliegen, die
Auszubildenden bei ihrem Start persönlich zu begrüßen. Es ist wichtig, sie als
Team zusammenzuschweißen und sie auch menschlich zu fördern.
Wir punkten mit Internationalität und bieten die Möglichkeit,
in viele Bereiche hineinzuschnuppern und frühzeitig Verantwortung zu übernehmen. Wer sich bei uns wohlfühlt, bleibt oft sehr lange.
Hilft KI auch beim Thema Recruiting?
Kauke: Ja. Wie bereits erwähnt, kann KI beim Sourcing auf LinkedIn
oder beim ersten Check der Unterlagen helfen. Da Bewerber KI jedoch auch zum
Schreiben von Bewerbungen nutzen, sagt das nichts über die menschliche Passung
aus. Das Gespräch muss von Mensch zu Mensch stattfinden.
Zudem ist KI oft voreingenommen, da sie auf Daten aus der
Vergangenheit trainiert wurde. Sie ist ein Hilfsmittel, das mit Menschenverstand
kontrolliert werden muss.
FAQ: HR bei Lapp im Wandel
Warum verändert sich die Rolle von HR?
Der Fokus verschiebt sich von administrativen Aufgaben hin zur Gestaltung von Organisation, Kultur und Transformation im Unternehmen.
Welche Rolle spielt KI im Personalbereich?
KI unterstützt beispielsweise bei Datenanalysen, Übersetzungen oder Recruiting-Recherchen, ersetzt jedoch keine menschlichen Entscheidungen.
Was ist das Cafeteria-Modell bei Lapp?
Mitarbeitende erhalten ein monatliches Budget und können selbst wählen, welche Benefits – etwa Kinderbetreuung, ÖPNV oder Altersvorsorge – sie nutzen möchten.
Wie reagiert Lapp auf den Fachkräftemangel?
Das Unternehmen setzt auf Weiterbildung, Ausbildung mit hoher Übernahmequote sowie internationale Talentpools.